Die EU drängt Großbritannien zu höheren Zöllen auf chinesische Elektroautos, berichtet die Financial Times unter Berufung auf Beteiligte.[1] Im Gegenzug winkt britischen Autos und Zulieferteilen die Aufnahme in die geplanten „Made in Europe“-Regeln. Den Beitritt zur Zollunion, den Brüssel als beste Lösung empfiehlt, schließt die Regierung in London weiter aus.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenRund 16 Prozent aller Neuwagen in Großbritannien stammen 2026 laut Financial Times von chinesischen Marken. Europaweit lag ihr Anteil im Juli bei einem Rekordwert von 11,2 Prozent. Einen Teil des Abstands erklärt die Zollpolitik: Seit Oktober 2024 erhebt die EU auf E-Autos aus China Ausgleichszölle von 7,8 bis 35,3 Prozent zusätzlich zum regulären Einfuhrzoll von 10 Prozent.[2] Großbritannien verzichtete auf einen solchen Aufschlag.
Das Wichtigste in Kürze
- Laut Financial Times verlangt die EU von Großbritannien höhere Zölle auf chinesische E-Autos und eine engere Abstimmung in der Handelspolitik.
- In der EU zahlen Importeure auf E-Autos aus China bis zu 45,3 Prozent Zoll, in Großbritannien nur den Regelsatz von 10 Prozent.
- Hintergrund ist der geplante Industrial Accelerator Act, der Förderung und öffentliche Aufträge an eine Fertigung in der EU knüpft.
- Deutsche Fuhrparks und öffentliche Beschaffer trifft das EU-Gesetz stärker als der Zollstreit selbst.
Was verlangt Brüssel von London?

Nach dem Bericht der Financial Times soll Großbritannien seine Zölle auf chinesische Autos an das EU-Niveau angleichen und seine Handelspolitik enger an Brüssel ausrichten.[1] Die EU-Seite fürchtet, chinesische Hersteller könnten die EU-Zölle über das Vereinigte Königreich umgehen. Ein EU-Vertreter beschreibt die Lage so: „Die Sorge ist heute nicht mehr ein hyperkompetitives, globalisiertes Großbritannien vor Europas Haustür, sondern ein Großbritannien, das zur Hintertür für chinesische Waren in den europäischen Markt werden könnte.“
Premierminister Andy Burnham wirbt dafür, Großbritannien als vertrauenswürdigen Partner in die „Made in Europe“-Regeln aufzunehmen, und warnt vor Schäden für die britische Autoindustrie. Offiziell bestätigt hat die EU-Kommission die Forderung bislang nicht.
Warum reichen die Ursprungsregeln nicht aus?
Ein fertiges Auto aus China lässt sich schon heute nicht zollfrei über Dover in die EU bringen. Das Handelsabkommen zwischen EU und Vereinigtem Königreich befreit nur Waren mit Ursprung in einem der beiden Gebiete vom Zoll. Die Übergangsregeln für E-Autos laufen Ende 2026 aus, ab 2027 dürfen fremde Vorprodukte höchstens 45 Prozent des Werts ausmachen.[3]
Die eigentliche Sorge der EU gilt deshalb der Montage auf der Insel. Nissan prüft seit Juni, im Werk Sunderland ab dem Geschäftsjahr 2027 Autos des chinesischen Herstellers Chery zu bauen.[4] Chery-Modelle aus Sunderland rollen zollfrei in die EU, sobald sie die Ursprungsschwelle erreichen. Innerhalb der EU gehen chinesische Konzerne denselben Weg: GAC lässt in Graz montieren, Geely steigt bei Fords Werk in Valencia ein.
Hinzu kommt der Industrial Accelerator Act, den die EU-Kommission im März vorgelegt hat.[5] Der Entwurf knüpft öffentliche Aufträge, Förderprogramme und Vorgaben für Firmenflotten bei E-Autos an eine Endmontage in der EU. Ohne Akku gerechnet müssen zudem 70 Prozent der Bauteile aus der EU stammen. Ob Partnerländer wie Großbritannien gleichgestellt werden, lässt der Entwurf offen. Diesen Spielraum nutzt Brüssel jetzt als Druckmittel gegenüber London.
Europas Zollschutz reicht nur so weit wie seine schwächste Grenze, und die verläuft seit dem Brexit am Ärmelkanal. Für den Zugang zu „Made in Europe“ verlangt Brüssel deshalb von London dieselbe Härte gegenüber China.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Was bedeutet der Streit für Käufer und Fuhrparks in Deutschland?
Chinesische Hersteller nutzen die britische Zolllücke: BYD war im Frühjahr die meistverkaufte Elektroauto-Marke Großbritanniens; XPeng übernimmt den Vertrieb auf der Insel inzwischen selbst. Die britische Regierung bremst chinesische Modelle nicht per Zoll, sondern über die Förderung. Die staatliche Prämie erhalten nur Autos bis 37.000 Pfund (rund 43.000 Euro), deren Hersteller die Nachhaltigkeit der Fertigung belegen.[6] An dieser Hürde scheitern in China gebaute Modelle wegen des kohlelastigen Strommixes bislang meist.
Für deutsche Fuhrparks und öffentliche Beschaffer zählt der Industrial Accelerator Act mehr als der Zollstreit. Kommt der Entwurf durch, berücksichtigen Ausschreibungen und Flottenquoten nur noch E-Autos mit Endmontage in der EU. Modelle aus China fielen dann heraus, britische Modelle wie der in Sunderland gebaute Nissan Leaf ebenfalls, sofern die EU Großbritannien nicht gleichstellt.
Beschaffungsverantwortliche sollten deshalb bei Flottenverträgen mit Laufzeit über 2027 hinaus das Montageland jedes Modells dokumentieren und die Verhandlungen zum Gesetz in Parlament und Rat verfolgen. Welche Zuschüsse in Deutschland aktuell gelten, zeigt unser Überblick zur E-Auto-Förderung 2026.
Quellen
[1] Financial Times: „EU urges UK to raise tariffs on Chinese cars to avoid ‘made in Europe’ barriers“ (25. September 2026)
[2] Europäische Kommission: „EU imposes duties on unfairly subsidised electric vehicles from China while discussions on price undertakings continue“ (Pressemitteilung, 29. Oktober 2024)
[3] Europäisches Parlament, Wissenschaftlicher Dienst: „EU – UK rules of origin for electric vehicles and batteries“ (7. Februar 2024)
[4] Nissan: „Nissan and Chery International UK to study manufacturing Chery International UK passenger vehicles at Sunderland Plant“ (Pressemitteilung, 3. Juni 2026)
[5] Europäische Kommission: „Industrial Accelerator Act“ (COM(2026) 100, 4. März 2026)
[6] GOV.UK: „Apply for vehicle eligibility for the Electric Car Grant“
Mehr Newshunger?
- E-Auto-Neuzulassungen im August: Mehr Stromer als Benziner und Diesel zusammen
- GAC lässt seine Elektroautos in Österreich bauen und umgeht den EU-Zoll
- Geely übernimmt 34 Prozent von Fords Werk in Valencia
- XPeng übernimmt sein UK-Geschäft selbst, wo der EU-Zoll nicht greift
- Xiaomi bringt seine E-Autos 2027 nach Deutschland, trotz EU-Zoll
- Wie umgeht BYD die EU-Zölle? Mit einem Hybrid-Trick.