Italien kehrt zur Atomkraft zurück, vorerst allerdings nur auf dem Papier: Der Senat in Rom verabschiedete am 23. September mit 81 zu 51 Stimmen das Gesetz zur „nachhaltigen Kernenergie“, das die Abgeordnetenkammer bereits im Juni gebilligt hatte.[1] Genehmigt ist damit noch kein einziger Reaktor.

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Fast vier Jahrzehnte nach dem Referendum von 1987, das im Schatten von Tschernobyl den Ausstieg einleitete, bekommt die Regierung von Giorgia Meloni zwölf Monate Zeit für die Ausführungsdekrete. 2011 hatten die Wähler nach Fukushima ein zweites Mal gegen neue Kernkraftwerke gestimmt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Das Gesetz ermächtigt die Regierung, binnen zwölf Monaten Dekrete zu Genehmigung, Standorten, Brennstoff und Endlagerung zu erlassen.
  • Geplant sind kleine modulare Reaktoren (SMR), später fortgeschrittene Modulreaktoren.
  • Mittel für den Bau enthält das Gesetz nicht, ein dauerhaftes Endlager fehlt bis heute.
  • Italien deckte 2025 gut 15 % seines Strombedarfs über Importe.

Was erlaubt das neue Gesetz?

Ein Kraftwerksmodell steht in einem geöffneten Karton mit dem Text „LIEFERUNG ca. 2033“
Delegationsgesetz schafft Rahmen für italienisches Atomprogramm: Regierung muss nationale Richtlinien für Kernspaltung und Fusion, Standortwahl, Rückbau alter Anlagen und Endlagerung erarbeiten

Das Delegationsgesetz setzt nur den Rahmen. Laut dem Ministerium für Umwelt und Energiesicherheit (MASE) muss die Regierung ein nationales Programm für Kernspaltung und Fusion erarbeiten und Regeln für Erprobung, Standortwahl, Bau und Betrieb neuer Anlagen festlegen.[1] Hinzu kommen der Rückbau der alten Kraftwerke, Brennstoff und Endlager sowie eine neu geordnete Atomaufsicht. Minister Gilberto Pichetto Fratin will die Dekrete bis Jahresende vorlegen, vom Genehmigungsverfahren bis zur Finanzierung.[2]

Technisch setzt Rom auf Modulreaktoren, die weitgehend in der Fabrik entstehen und am Standort montiert werden. Pichetto Fratin nannte diese Bauart im Juli die erste Stufe. Danach sollen fortgeschrittene Modulreaktoren folgen und nach 2050 die Fusion.[3] Mit den ersten Anlagen rechnet der Minister nach Angaben italienischer Medien für 2033 oder 2034.

Wer soll die Reaktoren bauen und bezahlen?

Industriell steht Nuclitalia bereit. Enel (51 %), Ansaldo Energia (39 %) und Leonardo (10 %) gründeten die Gesellschaft im Mai 2025, zunächst um wassergekühlte SMR-Konzepte zu bewerten.[4] Bauherr darf laut Pichetto Fratin ein öffentlicher ebenso wie ein privater Investor sein.[3]

Offen bleibt die Finanzierung, an der schon ein US-Vorzeigeprojekt scheiterte. NuScale und der Versorgerverbund UAMPS beendeten im November 2023 ihr Kraftwerksprojekt in Utah, weil sich zu wenige Stadtwerke als Abnehmer fanden.[5] Das Design von NuScale hatte die US-Atomaufsicht als erstes SMR-Konzept zertifiziert, der angepeilte Strompreis war aber von umgerechnet rund 50 auf 77 € je Megawattstunde gestiegen. Kanada, das bis zu zehn neue Reaktoren plant, geht einen anderen Weg: Dort baut der staatliche Provinzversorger Ontario Power Generation den ersten Modulreaktor.

Italien hat sich die Erlaubnis zum Planen gegeben, nicht den Strom. Bis der erste Modulreaktor liefert, entscheiden Solarausbau, Importe und Gaspreis über die Stromrechnung italienischer Werke.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Was bedeutet der Kurswechsel für Unternehmen im DACH-Raum?

Italien bleibt vorerst Stromimporteur: 2025 kamen laut Netzbetreiber Terna 15,1 % des Bedarfs aus dem Saldo mit dem Ausland.[6] Die Schweiz schlägt einen ähnlichen Kurs ein. Im Juni stimmte das Parlament dafür, das Neubauverbot für Kernkraftwerke aufzuheben. Das letzte Wort hat wegen des angekündigten Referendums das Volk.[7] In Deutschland bleibt der Ausstieg bestehen, EnBW baut am alten Atomstandort Philippsburg einen Batteriespeicher.

Firmen mit Werken in Italien sollten Energieverträge der nächsten zehn Jahre ohne Atomstrom kalkulieren und Standortentscheidungen nicht auf die SMR-Zusage stützen. Wie schnell ein einzelnes Kraftwerk zum Standortrisiko wird, zeigte im Sommer die Stromknappheit rund um Ungarns AKW Paks. Zulieferer aus dem deutschen Maschinen- und Anlagenbau sollten die Dekrete dagegen genau lesen, denn darin legt Rom Genehmigung und Finanzierung künftiger Projekte fest. Heimische Konkurrenz steht bereit: Italienische Firmen liefern laut Pichetto Fratin schon heute Kraftwerkskomponenten in viele Länder.[2]

Italiens Weg zurück zur Atomkraft
Vom Ausstiegsreferendum bis zum ersten Modulreaktor
81 : 51
Stimmen im Senat für das Gesetz, 7 Enthaltungen
12 Monate
hat die Regierung für die Ausführungsdekrete
15,1 %
des italienischen Strombedarfs kamen 2025 aus dem Ausland
51 / 39 / 10
Prozent halten Enel, Ansaldo Energia und Leonardo an Nuclitalia

Der Zeitstrahl

1987
Erstes Nein
Nach Tschernobyl leitet ein Referendum den Ausstieg ein.
2011
Zweites Nein
Nach Fukushima stimmen die Wähler erneut gegen neue Kernkraftwerke.
Sept. 2026
Gesetz beschlossen
Nach der Kammer im Juni billigt auch der Senat die Rückkehr.
Ende 2026
Dekrete geplant
Genehmigung, Finanzierung und Aufsicht sollen geregelt sein.
um 2033
Erste Anlagen
So lautet die Erwartung des zuständigen Ministers für kleine Modulreaktoren.

Quellen

[1] MASE: „Nucleare: Pichetto, ok a ddl delega passo verso il futuro, è tecnologia vincente per la sicurezza energetica“

[2] MASE: „Nucleare: Pichetto, con delega quadro d’azione, decreti entro fine anno“

[3] MASE: „Energia: Pichetto, solo con nucleare risposta ad aumento domanda e decarbonizzazione“

[4] Leonardo: „Nuclitalia has been created: Enel, Ansaldo Energia and Leonardo join forces on research on nuclear power“

[5] NuScale Power: „Utah Associated Municipal Power Systems (UAMPS) and NuScale Power Agree to Terminate the Carbon Free Power Project (CFPP)“

[6] Terna: „Nel 2025 fabbisogno elettrico pari a 311,3 TWh“

[7] Schweizer Parlament: „Parlament hebt AKW-Neubauverbot nach Marathondebatte auf“

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