Proxima Fusion sammelt 411 Millionen Euro ein, angeführt von Google und dem Energiekonzern RWE. Die Runde ist die größte private Fusions-Finanzierung, die es in Europa je gab. Hinter dem Geld steckt eine sehr handfeste Rechnung: der Stromhunger der KI-Rechenzentren.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenMit Proxima Fusion setzt erstmals ein US-Techkonzern Wagniskapital auf ein europäisches Fusions-Start-up. Google und RWE steigen bei dem Münchner Unternehmen ein, das aus dem Max-Planck-Institut für Plasmaphysik hervorgegangen ist. Der Zeitpunkt ist kein Zufall.
Das Wichtigste in Kürze
- 411 Millionen Euro Finanzierung bei einer Bewertung von 2,4 Milliarden Euro, angeführt von XTX Ventures und East X Ventures.
- Google investiert zum ersten Mal in ein europäisches Fusionsprojekt, RWE steuert 25 Millionen Euro bei.
- Treiber ist der wachsende Strombedarf von KI-Rechenzentren, für den Fusion grundlastfähige, CO2-freie Leistung verspricht.
- Das kommerzielle Kraftwerk soll am früheren Atomstandort Gundremmingen in Bayern entstehen.
Warum wettet ausgerechnet Google auf die Kernfusion?

Der eigentliche Grund liegt nicht in München, sondern in den Rechenzentren von Alphabet. Googles Stromverbrauch hat sich seit 2020 mehr als verdoppelt, getrieben vom Training und Betrieb großer KI-Modelle. Grundlast-Strom ohne CO2 wird damit zum knappen Gut, um das inzwischen ein ganzer Rechenzentrums-Bauboom ringt.
Für Google ist der Einstieg bei Proxima Fusion[1] die erste Fusions-Beteiligung in Europa. In den USA hält der Konzern seit 2021 Anteile an Commonwealth Fusion Systems und hat dort bereits 200 Megawatt Fusionsstrom vorab gekauft.
Damit reiht sich die Runde in ein größeres Muster ein. Microsoft, Amazon und OpenAI sichern sich seit Monaten langfristige Stromverträge, zuletzt etwa Anthropic mit einer 20-Jahre-Bindung an ein einzelnes Rechenzentrum.
Was macht den Stellarator zum Kraftwerks-Kandidaten?
Proxima setzt nicht auf den verbreiteten Tokamak, sondern auf einen Stellarator. Diese verdrehte Magnetkäfig-Bauform hält das Plasma ohne getakteten Strompuls im stabilen Dauerbetrieb, genau das, was ein Kraftwerk für die Grundlast braucht.
Möglich wird das durch zwei Zutaten: eine rechnerisch optimierte Magnetfeld-Geometrie und Hochtemperatur-Supraleiter, die deutlich kompaktere Anlagen erlauben. Das Konzept baut auf Wendelstein 7-X auf, dem Forschungs-Stellarator des Max-Planck-Instituts.
Mitgründer und CEO Francesco Sciortino ordnet die Runde als Etappe in einem geopolitischen Rennen ein: „Europa liefert sich mit den USA und China ein Rennen um das erste Fusionskraftwerk.“ Insgesamt hat Proxima nun mehr als 650 Millionen Euro eingesammelt, davon rund 95 Millionen aus öffentlichen Zuschüssen. Rund 200 Beschäftigte arbeiten an Standorten in München, Zürich und Oxford.
Google kauft sich nicht in Proxima ein, weil Fusion gut klingt, sondern weil der Stromhunger seiner KI-Rechenzentren jede andere Rechnung sprengt. Für Deutschland ist Gundremmingen die Chance, ein abgeschriebenes Atom-Erbe in einen Technologie-Vorsprung zu verwandeln.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was bedeutet der Milliarden-Einstieg für den Standort Deutschland?
Das erste kommerzielle Kraftwerk soll auf dem Atom-Erbe von Gundremmingen entstehen, dem 2021 abgeschalteten Kernkraftwerk. RWE führt dort den Rückbau fort und stellt die vorhandene Infrastruktur für die Fusion bereit[2]. RWE-Chef Markus Krebber sieht darin eine industrielle Chance: „Deutschland kann zu einem Schlüsselakteur der Kernfusion werden.“
Rechtlich betritt Deutschland Neuland. Fusionsanlagen fallen nach dem Aktionsplan der Bundesregierung[3] unter das Strahlenschutzgesetz, nicht unter das strengere Atomgesetz. Diese eigene Rechtsgrundlage soll bis Ende 2026 stehen.
Parallel stockt der Bund seine Fusionsförderung im Rahmen von Fusion 2040 auf bis zu 1,7 Milliarden Euro auf. Während Wind- und Solarparks wie der jüngste Nordex-Auftrag die schwankende Erzeugung liefern, soll Fusion die planbare Grundlast ergänzen.
Für Entscheider im Mittelstand lohnt sich der Blick auf die Lieferkette, nicht auf den Zeitplan des ersten Kraftwerks. Zulieferer in Hochtemperatur-Supraleitern, Vakuumtechnik oder Präzisionsmagneten sollten die Ausschreibungen rund um den geplanten Fusions-Hub früh beobachten.
Quellen
[1] Proxima Fusion: „Proxima Fusion raises €411 million to build Europe’s commercial fusion champion“ ↩
[2] RWE AG: „RWE invests 25 million euros in fusion technology start-up Proxima Fusion“ ↩
[3] Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: „Aktionsplan für das weltweit erste Fusionskraftwerk in Deutschland“ ↩
Mehr Newshunger?
- 16,5 Milliarden Euro: Anthropic bindet sich 20 Jahre an ein Rechenzentrum
- Rechenzentren statt Rohbau: Wie der Baukonzern Hochtief zum heimlichen Gewinner des KI-Booms wurde
- 700 Megawatt für UKA: Wie Nordex vom deutschen Windkraft-Boom profitiert
- Solarschienen könnten sich in Europa durchsetzen, nachdem der Schweizer Test überzeugt hat
- Wenn die KI mehr kostet als der Entwickler
- Hafnium: Der Rohstoff, bei dem Europa gewinnt?