Eine Schweizer Firma hat ein Jahr lang Solarmodule zwischen aktiven Bahngleisen betrieben, und die Bilanz überrascht selbst Fachleute. Mehr als 11.000 Züge sind darübergerollt, ohne dass ein einziges Panel Schaden genommen hat. Für Bahnbetreiber und Energieplaner öffnet sich damit eine Fläche, die bisher niemand genutzt hat.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenSolarschienen sind keine Spielerei mehr, seit der Anbieter Sun-Ways in Buttes die weltweit erste Anlage zwischen zwei aktiven Gleisen in Betrieb genommen hat.[1] Auf 100 Metern liefern 48 Spezialmodule Strom, während direkt darüber der Regionalzug fährt. Der Versuch läuft noch bis 2028, doch die Zwischenbilanz reicht schon für ernsthafte Ausbaupläne.
Das Wichtigste in Kürze
- Sun-Ways betreibt seit April 2025 in Buttes im Kanton Neuenburg die erste Solaranlage der Welt zwischen aktiven Bahngleisen.
- In zwölf Monaten haben 48 Module rund 16.000 Kilowattstunden erzeugt, mehr als 11.000 Zugfahrten liefen ohne Schaden darüber hinweg.
- Frankreichs Solarstraße von 2016 ist an zerbrochenem Glas und schwachem Ertrag gescheitert, doch auf der Schiene trägt der Stahl die Last, nicht das Panel.
- Die Deutsche Bahn testet dasselbe Prinzip mit einem britischen Partner bereits auf einer eigenen Versuchsstrecke.
Was in Buttes tatsächlich passiert ist

Die Zwischenbilanz fällt deutlicher aus als erhofft. 48 eigens entwickelte Module mit zusammen 18 Kilowatt Spitzenleistung haben in zwölf Monaten rund 16.000 Kilowattstunden geliefert, so viel wie mehrere Haushalte im Jahr verbrauchen. Gründer Joseph Scuderi meldet, dass die Anlage nach über 11.000 Zugfahrten vollständig stabil und sicher geblieben ist.
Den Ertragspreis für die flache Lage zahlt die Anlage in Prozent. Weil die Module eben zwischen den Schienen liegen und sich nicht zur Sonne neigen lassen, verlieren sie rund zehn Prozent gegenüber einer geneigten Dachanlage. Den Effekt der Neigung kennt jeder, der schon einmal ein Balkonkraftwerk ausgerichtet hat.
Rechnet sich die Fläche zwischen den Gleisen?
Der Hebel liegt in der schieren Menge. Hochgerechnet auf das gesamte Schweizer Netz von 5.317 Kilometern kämen nach Angaben von Sun-Ways rund eine Terawattstunde Strom pro Jahr zusammen, etwa zwei Prozent des nationalen Verbrauchs. Kein zusätzlicher Quadratmeter Land wäre dafür nötig, anders als beim teuer erkauften Grünstrom großer Industriebetriebe, wie ihn sich etwa Thyssenkrupp langfristig sichert.
Die eigentliche Hürde war nie der Sonnenstrom, sondern der Bahnbetrieb. Blendung der Lokführer, Mikrorisse, Brandgefahr und die Frage, ob Gleisinspektionen weiter funktionieren, haben die Aufsicht lange zurückgehalten. Sun-Ways hat darauf mit widerstandsfähigeren Panels, Entspiegelungsfiltern, eingebauten Sensoren und Reinigungsbürsten an den Zügen geantwortet.
Ein Jahr Dauerbetrieb zwischen zwei aktiven Gleisen.
Solarstrasse gegen Solarschiene
1 Kilometer, 2.800 Module. Das Glas ist unter dem Schwerlastverkehr zerbrochen, Reifenabrieb hat die Zellen verdunkelt. Ende 2023 wurde die Strecke zurueckgebaut.
Die Last ruht auf dem Stahl, die Module liegen geschuetzt dazwischen. Der Versuch laeuft bis 2028, eine Dauerinstallation gilt als wahrscheinlich.
Hochgerechnet auf das gesamte Schweizer Netz von 5.317 Kilometern kaemen nach Angaben von Sun-Ways rund 1 Terawattstunde Strom pro Jahr zusammen, etwa 2 Prozent des nationalen Verbrauchs. Ohne einen zusaetzlichen Quadratmeter Land.
Warum die Solarstraße scheiterte und die Schiene nicht
Der Vergleich mit dem Straßenbau fällt lehrreich aus. Frankreich hat 2016 in der Normandie die erste Solarstraße der Welt eröffnet, einen Kilometer mit 2.800 Modulen. Das Spezialglas ist unter dem Schwerlastverkehr zerbrochen, Reifenabrieb hat die Zellen verdunkelt, der Lärm hat die Anwohner gestört, und der Ertrag ist weit unter dem Plan geblieben. Ende 2023 wurde die Strecke wieder asphaltiert.
Der Unterschied steckt in der Verteilung der Last. Auf der Straße rollt jedes Rad direkt über das Panel, auf der Schiene trägt der Stahl das Gewicht, und die Module liegen geschützt dazwischen. Genau deshalb übersteht die Anlage in Buttes, woran die Straße in der Normandie zerbrochen ist.
Die spannendste Energiefläche der nächsten Jahre liegt nicht auf dem Dach, sondern unter dem Zug. Entscheidend ist nicht der Rekord aus der Schweiz, sondern dass Deutschland dieselbe Technik längst auf dem Prüfstand hat.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Was der Test für die Deutsche Bahn bedeutet
Für Deutschland ist der Schweizer Beweis mehr als eine Randnotiz. Die Deutsche Bahn erprobt mit dem britischen Anbieter Bankset Energy genau dasselbe Prinzip auf einem Testfeld der Erzgebirgsbahn, während sie im Fernverkehr zugleich um mehr Wettbewerb ringt. Bei einem Netz von 38.400 Kilometern geht es um Flächen, für die kein Genehmigungsverfahren wie bei Freiflächen-Solar anfällt.
Für Betreiber und Kommunen lohnt der nüchterne Blick. Solarstrom von der Schiene bleibt teurer als vom Dach, taugt aber für den Eigenbedarf entlang der Strecke, ähnlich wie der erneuerbare Strom, den etwa K+S in seine Produktion holt. Vor eigenen Plänen empfiehlt sich, die Ergebnisse aus Buttes und von der Erzgebirgsbahn abzuwarten, bevor 2028 die ersten Dauerinstallationen genehmigt werden.
Quelle
[1] Sun-Ways: „Solar panels between the rails“ ↩
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