Ecosia gehört niemandem mehr, nicht einmal dem eigenen Gründer. Über 250 Millionen Bäume hat die grüne Suchmaschine bereits finanziert, und trotzdem dreht sich die spannendste Frage gerade um zwei US-Konzerne und einen Suchindex aus Paris. Wie aus Klicks Wälder werden, hat einen Haken, den kaum jemand kennt.

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Am Tag der Erde 2026 hat Ecosia die Marke von 250 Millionen gepflanzten Bäumen geknackt. Im selben Atemzug baut das Berliner Unternehmen mit dem europäischen Suchindex Staan an einer Unabhängigkeit, die der gesamten Branche fehlt. Wer ein Geschäftsmodell verstehen will, das den Gewinn bewusst verschenkt, muss tiefer schauen als auf den hübschen Baumzähler oben rechts.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ecosia finanziert sich über Werbeklicks und steckt 100 Prozent des Gewinns in Klimaschutz, davon rund 80 Prozent in Bäume.
  • Seit Oktober 2018 liegt das Unternehmen im Verantwortungseigentum: die Schweizer Purpose Stiftung hält ein Veto, ein Verkauf oder eine Gewinnentnahme bleibt dauerhaft ausgeschlossen.
  • Such- und Werbe-Infrastruktur kommen bisher von Microsoft Bing und Google; mit dem eigenen Index Staan will das Berliner Unternehmen diese Abhängigkeit brechen.
  • In Deutschland liegt der Marktanteil bei rund 1,18 Prozent, Platz sechs hinter Google und Bing.
  • Die Werbeeinnahmen bewegen sich monatlich im niedrigen Millionenbereich und werden bis auf den Euro offengelegt.

Wer steckt hinter Ecosia und wie fing alles an?

Glas mit Münzen, Pflanze und Schild
Christian Kroll gründet Ecosia am 7. Dezember 2009 in Berlin zur UN-Klimakonferenz in Kopenhagen

Christian Kroll hat Ecosia am 7. Dezember 2009 in Berlin aus der Taufe gehoben, bewusst zum Start der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen. Davor hatte der studierte Betriebswirt aus Erlangen-Nürnberg eine Vergleichsseite für Bankprodukte betrieben und dabei gespürt, wie viel Macht über Sichtbarkeit eine einzige Suchmaschine besitzt.

Den eigentlichen Anstoß hat eine Weltreise gegeben. In Nepal und Südamerika hat Kroll die Folgen der Abholzung mit eigenen Augen gesehen, dazu kam die Lektüre von Thomas Friedmans Buch „Hot, Flat and Crowded“. Aus beidem ist die Idee gewachsen, eine Suchmaschine zu bauen, deren Erlöse in Wälder fließen.

Lange blieb das Projekt klein, weil der Gründer klassische Geldgeber meiden wollte. 2013 ist Tim Schumacher eingestiegen, ein erfahrener Internet-Unternehmer mit Werbe-Hintergrund. Mit dessen Kapital und Marktwissen hat das Berliner Unternehmen erstmals Tempo aufgenommen.

Schon 2014 ist Ecosia als eines der ersten deutschen Unternehmen als B Corporation zertifiziert worden, ein Siegel für hohe soziale und ökologische Standards. Kroll hat sich früh zwei Versprechen gegeben: die Firma nie zu verkaufen und nie Gewinne zu entnehmen. Wie verbindlich diese zwei Sätze später geworden sind, zeigt das Kapitel über die Gewinner und Verlierer weiter unten.

Wie wurde aus einer Studentenidee Europas grüne Suchmaschine?

Fünf Pflanzen unterschiedlicher Größe in Töpfen, Schnecke, Schild mit „250 Mio.“
Vom ersten Setzling 2015 bis zur 250-Millionen-Marke 2026: die Kurve hat sich zuletzt spürbar verflacht.

Den ersten Meilenstein hat das Social Business im Januar 2015 gefeiert: eine Million Bäume. Im Juli 2020 stand der Zähler bei 100 Millionen, am 1. Februar 2024 bei 200 Millionen, und am 22. April 2026 ist die Marke von 250 Millionen gefallen. Dieser Verlauf zeigt, dass die Kurve sich zuletzt deutlich verflacht hat, denn das ursprüngliche Ziel von einer Milliarde Bäumen bis 2025 ist klar verfehlt worden.

Parallel ist aus der reinen Suchseite ein kleines Produkt-Ökosystem geworden. Seit Dezember 2020 lässt sich die grüne Suchmaschine in Apples Safari wählen, seit Januar 2021 im Brave-Browser, und im April 2024 hat das Unternehmen einen eigenen Browser auf Chromium-Basis nachgelegt.

Den größten Reichweiten-Schub hat eine Partnerschaft mit Mozilla gebracht. Seit Januar 2025 ist Ecosia in mehreren Ländern als voreingestellte Suche im Firefox hinterlegt, darunter Österreich, Schweiz, Belgien, Schweden, Italien, Niederlande und Spanien. Solche Voreinstellungen sind im Suchmarkt bares Geld wert, wie der jahrelange Streit um Googles Milliardenzahlungen an Apple zeigt.

Das Berliner Unternehmen nennt sich gern die größte europäische Suchmaschine und beziffert die Nutzerschaft auf rund 20 Millionen. An dieser Reichweite hängt allerdings ein Sternchen, das im Kapitel über das Produkt noch wichtig wird.

Wie verdient Ecosia tatsächlich sein Geld?

Hand wirft Euro in „Zukunfts-Automat“, davor keimende Eichel, Text „investiert erntet“
Rund 45 Suchanfragen finanzieren einen Baum, je nach Region ab etwa 22 Cent.

Im Kern verdient die grüne Suchmaschine ihr Geld wie Google: über Werbung. Neben den organischen Treffern erscheinen Anzeigen, und sobald ein Nutzer darauf klickt, fließt Geld. Den Großteil dieser Anzeigen sowie einen Teil der Ergebnisse liefert Microsoft mit seinem Bing-Werbenetzwerk, das pro Klick einige Cent an das Berliner Unternehmen ausschüttet. Seit Ende 2023 kommt in einigen Märkten zusätzlich Google AdSense hinzu.

Eine zweite, kleinere Quelle sind Affiliate-Einnahmen. Über die hauseigenen EcoLinks erhält das Social Business eine Provision zwischen zwei und fünf Prozent, sobald ein Nutzer über einen markierten Shop-Link etwas kauft.

Aus diesem Mix ergibt sich eine bemerkenswert kleinteilige Rechnung. Im Schnitt braucht das Unternehmen rund 45 Suchanfragen, um die Kosten für einen einzigen Baum zu decken, je nach Region grob 22 Cent. Diese 45 Suchanfragen machen sofort klar, warum Reichweite für die Mission über Leben und Tod entscheidet.

Wie viel hängenbleibt, legt Ecosias Finanzbericht Monat für Monat offen. Im Juli 2024 stand dort ein Umsatz von rund 2,57 Millionen Euro vor Steuern. Bei der Jahreszahl wird die Lage unübersichtlich: öffentliche Angaben reichen von etwa 24 bis 43 Millionen Euro, je nach Erhebungsjahr und Abgrenzung. Wir nennen deshalb bewusst die belastbare Monatszahl und verweisen für den geprüften Jahresabschluss auf den Bundesanzeiger, statt eine umstrittene Einzelzahl als Gewissheit zu verkaufen.

Entscheidend ist die Verwendung. Nach Abzug der Betriebskosten fließen 100 Prozent des verbleibenden Gewinns in Klimaschutz, davon rund 80 Prozent in Bäume und 20 Prozent in erneuerbare Energie, regenerative Landwirtschaft und Graswurzelbewegungen. Wichtig dabei: gemeint sind 80 Prozent des Gewinns, nicht des Umsatzes. Diese feine Korrektur hat das Unternehmen vor Jahren bewusst vorgenommen, um Rücklagen bilden zu können.

BausteinMechanikGrößenordnung
Suchanzeigen (Microsoft Advertising)Cent-Beträge pro Klick auf eine AnzeigeHauptquelle der Einnahmen
Suchanzeigen (Google AdSense)seit Ende 2023 ergänzend in einigen Märktenwachsender Anteil
Affiliate (EcoLinks)2 bis 5 Prozent Provision bei Online-KäufenNebenquelle
Gewinnverwendung80 Prozent Bäume, 20 Prozent Energie, Landwirtschaft, Aktivismus100 Prozent des Gewinns

Wie abhängig ist Ecosia von den Großen?

Ein Ahorn-Bonsai auf einem Steinblock mit dem Text „fremder Index“, vor weißem Grund
1,18 Prozent Marktanteil in Deutschland, und die Treffer kommen bisher größtenteils von fremden Indizes.

Gemessen am Markt bleibt das Social Business ein Zwerg. Nach Daten von StatCounter lag der Marktanteil in Deutschland im September 2025 bei 1,18 Prozent, Platz sechs hinter Google und Bing. Weltweit bewegt sich der Anteil im Promillebereich.

SuchmaschineMarktanteil Deutschland (rund)
Googleetwa 90 Prozent
Bingetwa 4 Prozent
DuckDuckGo, Yahoo, Yandexje unter 2 Prozent
Ecosia1,18 Prozent (Platz sechs)


Schwerer als der kleine Anteil wiegt eine technische Wahrheit. Bis vor Kurzem hat die grüne Suchmaschine keinen eigenen Suchindex besessen, sondern die Ergebnisse von Bing und teils vom Suchriesen Google bezogen. Fachleute sprechen deshalb von einer Proxy-Suchmaschine, also einer Maske vor fremder Technik.

Wie gefährlich diese Konstruktion ist, hat Microsoft 2024 vorgeführt. Der Windows-Konzern hat die Preise für den Zugang zum Bing-Index spürbar angehoben, und ein Anbieter ohne eigene Alternative musste die neuen Konditionen schlucken. Kroll selbst hat die Partnerschaft früher als „fundamentales Risiko“ bezeichnet. Genau diese Abhängigkeit erklärt, warum das Unternehmen einen Ausweg sucht.

Wer ist bei Ecosia eigentlich das Produkt?

Becher mit zwei Preisschildern (99,00 €, 10,00 €) und Aufschrift
Nicht der Nutzer ist die Ware, sondern der Werbeplatz, und die Anfragen verschwinden binnen einer Woche.

Bei Google zahlt der Nutzer mit seinen Daten, das Profil ist die eigentliche Ware. Beim Berliner Anbieter dagegen kommt das Geld allein vom Werbetreibenden, und aus den Suchanfragen entsteht kein dauerhaftes Profil. Diesen Datenschutz stellt das Unternehmen offensiv in den Vordergrund: Tracking-Tools fehlen, Suchanfragen werden binnen einer Woche anonymisiert, und die Verarbeitung läuft auf EU-Servern.

Ganz sauber bleibt das Bild trotzdem nicht. Für die eigentlichen Treffer reicht das Social Business Suchbegriff und IP-Adresse an die Partner Bing und Google weiter, sonst käme kein Ergebnis zurück. Diese Weitergabe ist der Preis dafür, keinen eigenen Index zu betreiben. Wir haben den Baumzähler übrigens selbst getestet: nach dem Löschen der Cookies fängt die Zählung bei null wieder an, weil der Wert nur lokal im Browser sitzt.

Beim Blick auf die Nutzerzahl lohnt sich Skepsis. Nach außen nennt das Social Business rund 20 Millionen Nutzer, im eigenen Pflichtbericht nach dem Digital Services Act stehen für die EU dagegen nur 3,4 Millionen monatlich aktive Nutzer. Diese Lücke erklärt sich teils mit unterschiedlichen Zählweisen, sollte einen Entscheider aber daran erinnern, Marketing-Reichweiten nicht für bare Münze zu nehmen.

Was kostet ein Baum wirklich, und wohin fließt das Geld?

Waage mit Pflanze links, Münzen rechts,
Zwischen 22 Cent und über drei Euro je Baum, der Rest fließt in Energie und Biodiversität.

Ein Baum ist kein Fixpreis. In manchen Regionen kostet eine finanzierte Pflanzung weniger als 25 Cent, in anderen über drei Euro, abhängig von Art, Gelände und Partner. Die genauen Baumkosten schlüsselt der monatliche Finanzbericht für jedes Projekt einzeln auf.

Gepflanzt wird nicht im eigenen Haus. Das Unternehmen beauftragt über 70 lokale Partner in mehr als 35 Ländern und setzt auf Biodiversitäts-Hotspots statt auf schnelle Monokulturen. Vier Projektarten prägen das Portfolio:

  • Aufforstung degradierter Flächen in Ländern wie Brasilien, Madagaskar und Äthiopien
  • Agroforstwirtschaft als Mischung aus Baumkultur und Landwirtschaft mit Einkommen für lokale Gemeinschaften
  • Schutz bestehender Wälder vor Rodung
  • Wiederherstellung von Ökosystemen wie Mangroven und trockengelegten Mooren

An dieser Stelle setzt die ernsthafteste Kritik an. Der Anteil der Einnahmen, der direkt in Bäume fließt, ist über die Jahre gesunken, nach manchen Auswertungen auf unter die Hälfte der Gesamteinnahmen. Das Unternehmen begründet diese sinkende Baumquote mit Diversifizierung in Solarenergie und Biodiversität und hat das alte Bild „ein Baum pro Suche“ durch ein breiteres Klimaschutz-Konzept ersetzt.

Ob das ehrliche Weiterentwicklung oder bequemes Verwässern ist, bleibt umstritten. Das Wirtschaftsmagazin brand eins hat schon 2023 unter dem Titel „Null reicht nicht“ gefragt, wie viel Klimanutzen reine Baumzahlen wirklich stiften. Solche Debatten um Greenwashing trifft jedes Unternehmen, das Gutes plakativ zur Marke macht.

Wer profitiert, und wo trifft Ecosia auf Kritik?

Ein goldener Pokal mit einem Baum darin und einem Preisschild, auf dem „unbezahlbar“ steht
Die Gründer haben einen dreistelligen Millionenwert verschenkt, Kritiker zählen trotzdem genau nach.

Den auffälligsten Verzicht leisten die Gründer selbst. Kroll und Schumacher haben ihre Anteile an einem Unternehmen verschenkt, dessen Wert Kroll auf einen dreistelligen Millionenbetrag schätzt, und damit jede Aussicht auf einen Exit aufgegeben. Diesen Gewinnverzicht sichert die Schweizer Purpose Stiftung rechtlich ab, dazu gleich mehr im Glossar.

Profiteure finden sich trotzdem reichlich, nur eben andere als üblich. Die lokalen Partner in den Pflanzländern erhalten verlässliche Aufträge, die Beschäftigten in Berlin solide Gehälter ohne Spitzenboni, und der Planet bekommt Wälder, die ohne Werbeklicks nie entstanden wären.

Die Kritik bleibt dennoch laut. Skeptiker verweisen auf die Abhängigkeit von Bing, auf den kleineren Suchindex mit teils schwächeren Treffern und auf die Frage, wie viele der gezählten Bäume nach Jahren tatsächlich noch stehen. Diese Einwände sind berechtigt, entwerten die Mission aber nicht, sondern markieren die Stellen, an denen das Modell beweisen muss, dass Haltung und Wirkung zusammenpassen.

Die eigentliche Leistung von Ecosia liegt nicht im Bäumepflanzen, sondern im Mut, mit Staan die eigene Abhängigkeit von Bing und Google anzugreifen. Ohne diesen Schritt bliebe die grüne Mission auf Gedeih und Verderb an zwei US-Konzerne gekettet.“
Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Wie politisch ist Ecosia?

Kleine Birke im Topf mit EU-Schleife und Eichhörnchen, das ein „WALD BLEIBT“-Schild hält
Vom Eine-Million-Euro-Gebot für den Hambacher Forst bis zur Frage europäischer Suchsouveränität.

Politisch war das Unternehmen von Anfang an. Am 9. Oktober 2018 hat das Berliner Social Business dem Energiekonzern RWE öffentlich eine Million Euro für den verbliebenen Teil des Hambacher Forsts geboten. RWE hat das Angebot am selben Tag abgelehnt, doch die Geste hat genau die mediale Wirkung erzielt, auf die der Anbieter zielte.

Heute ist der politische Kern größer. Mit dem europäischen Suchindex Staan, gebaut im Pariser Gemeinschaftsunternehmen EUSP zusammen mit dem französischen Anbieter Qwant, rückt die digitale Souveränität ins Zentrum. Kroll bringt das drastisch auf den Punkt: sofern die USA Europa den Zugang zu ihrer Suchtechnologie kappten, müsste der Kontinent „zurück zu Telefonbüchern“. Dieselbe Frage nach eigener europäischer Infrastruktur stellt sich übrigens auch beim Walldorfer Software-Konzern SAP.

Rückenwind kommt aus Brüssel. Der Digital Markets Act zwingt die großen Plattformen zu faireren Bedingungen, und kleinere Anbieter wie Ecosia und Qwant profitieren davon. Diese Regulierung verschiebt die Machtverhältnisse zwar nur langsam, aber spürbar in Richtung Vielfalt.

Was könnte Ecosia ins Wanken bringen?

Olivenbaum in Topf balanciert auf instabilem Euro-Münzstapel neben Risiko-Warnschild
Steigende Index-Preise und der teure Aufbau von Staan könnten das Baumbudget treffen.

Das größte Risiko sitzt an der Wurzel des Geschäftsmodells. Solange die Treffer und Anzeigen größtenteils von Bing kommen, kann eine weitere Preiserhöhung durch Microsoft die Marge des Anbieters jederzeit unter Druck setzen, ganz ohne eigenes Verschulden.

Der Ausweg Staan kostet selbst viel Geld. Einen Suchindex von Grund auf zu bauen, ist teuer und langwierig, und bezeichnenderweise darf das Gemeinschaftsunternehmen EUSP anders als Ecosia selbst Fremdkapital aufnehmen. Genau hier liegt eine Spannung, die zu selten benannt wird: ausgerechnet das Werkzeug für mehr Unabhängigkeit öffnet sich für Investoren, vor denen sich das Mutterhaus per Stiftung geschützt hat.

Dazu kommt der Umbruch der Branche. Antworten aus KI-Systemen verdrängen die klassische Liste blauer Links, und sinkende Werbeerlöse träfen direkt das Baumbudget. Ob die KI-Suche Ecosia zum Auslaufmodell macht oder über das Staan-Lizenzgeschäft sogar eine neue Erlössäule eröffnet, entscheidet sich in den nächsten Jahren.

Für welche Branchen lohnt sich Ecosia konkret?

Eine Frau in Schürze gießt ein Bäumchen im Topf mit beschrifteten Holzschildern
Vom Handwerksbetrieb bis zum KI-Startup: zehn Branchen nutzen die grüne Suchmaschine auf sehr unterschiedliche Weise.

Je nach Geschäft erfüllt die grüne Suchmaschine eine völlig andere Rolle, mal als Sichtbarkeitskanal, mal als voreingestelltes Arbeitswerkzeug, mal als Vorlage fürs eigene Eigentumsmodell. Die folgenden Einsatzbereiche zeigen, wo sich für Entscheider ein zweiter Blick lohnt.

Handwerk und lokale Dienstleister

Eine Freiburger Dachdeckerei oder eine Bio-Bäckerei taucht bei Ecosia über dieselbe Technik auf, die hinter Bing steckt. Mit gepflegtem Eintrag in den Bing Webmaster Tools und dem Protokoll IndexNow meldet ein Betrieb neue Seiten sofort, statt wochenlang auf einen Crawl zu warten, und wird auch von umweltbewussten Kundinnen in der Nachbarschaft gefunden. Das grüne Profil wirkt dabei wie ein stiller Vertrauensbonus.

Online-Handel und E-Commerce

Für Shops zählt die Affiliate-Schiene. Über EcoLinks und die Erweiterung freetree fließen zwei bis fünf Prozent einer Bestellung in Baumprojekte, ohne dass der Kunde mehr zahlt. Ein Versandhändler kann diesen Beitrag sichtbar an der Kasse ausweisen und aus einer reinen Provision ein Verkaufsargument machen.

Hotellerie, Gastronomie und Tourismus

Reisende mit grünem Gewissen suchen anders. Ein Biohotel im Schwarzwald profitiert davon, dass der künftige europäische Index nachhaltige Optionen wie die Bahn vor dem Flug einsortieren will, eine Gewichtung, die bei Google so nicht vorgesehen ist. Die Buchungsseite sollte dafür schlank und schnell laden.

Marketing- und SEO-Agenturen

Für Agenturen wird die Welt vielschichtiger. Sichtbarkeit verteilt sich künftig auf Google, Bing, Ecosia und den Staan-Index, dazu kommen KI-Antworten, die saubere Struktur mit Zwischentiteln belohnen. Diese Vielfalt erschwert das Reporting, eröffnet aber Beratungsleistungen jenseits der reinen Google-Optimierung.

Bildungseinrichtungen

Schulen und Hochschulen stellen die grüne Suchmaschine gern flächendeckend als Standard ein, wie mehrere britische Universitäten und die Vrije Universiteit Amsterdam vorgemacht haben. Der Datenschutz ohne Nutzerprofile passt zu Minderjährigen, und die Mission liefert nebenbei Unterrichtsstoff zu Klima und Ökonomie.

Öffentliche Verwaltung und Behörden

Ämter und öffentliche Stellen stehen unter Druck, digitale Abhängigkeiten zu verringern. Ein Anbieter, der Daten auf EU-Servern verarbeitet und mit Staan an europäischer Infrastruktur baut, trifft genau diese Souveränitäts-Debatte. Eine behördenweite Voreinstellung bleibt technisch simpel und ist politisch ein Signal.

NGOs, Vereine und Stiftungen

Gemeinnützige Organisationen leben von Glaubwürdigkeit. Die grüne Suchmaschine org-weit als Standard zu setzen, kostet nichts und zahlt direkt auf die eigene Mission ein, ob Naturschutzverein oder Entwicklungsstiftung. Der monatliche Finanzbericht liefert dazu vorzeigbare Wirkungszahlen.

KI-Startups und SaaS-Anbieter

Hier wird Staan zum eigentlichen Produkt. Beim Bau eines Chatbots, einer Recherche-Funktion oder eines RAG-Systems braucht ein Anbieter frische Webdaten, und der europäische Index liefert diese nach Angaben von Kroll zu rund einem Zehntel der Kosten von Google und Bing. Diese Rechnung macht datenschutzkonforme KI aus Europa erstmals bezahlbar.

Verlage und Medienhäuser

Presseverlage ringen mit Plattformen um faire Vergütung ihrer Inhalte. Ecosia hat die eigene Lizenzvereinbarung offengelegt und fordert mehr Transparenz bei der Bezahlung journalistischer Quellen, ein Hebel, den Medienhäuser in Verhandlungen mit den großen Anbietern aufgreifen können.

Familienunternehmen und Mittelstand

Der spannendste Einsatzbereich hat mit Suche gar nichts zu tun. Das Verantwortungseigentum, mit dem sich die grüne Suchmaschine selbst gehört, dient inzwischen als Blaupause für die Nachfolge in inhabergeführten Betrieben, die ihr Lebenswerk weder verkaufen noch zerschlagen lassen wollen.

Was bedeutet Ecosia für deutsche Entscheider?

Schilderbaum „UMWELTWEG“ und „ERFORSCHUNGSPFAD“ mit handgeschriebener Notiz „umsteigen?“ am Pfosten
Drei Szenarien entscheiden, ob aus der Nische ein Standard wird.

Quer durch diese Branchen zeigt sich dasselbe Muster: der wirtschaftliche Hebel der grünen Suchmaschine bleibt klein, der ordnungspolitische und der Image-Hebel fallen überraschend groß aus. Für die eigene Entscheidung lohnt deshalb der Blick auf drei mögliche Entwicklungen.

SzenarioAnnahmeFolge für Ecosia
OptimistischStaan liefert breit, das KI-Lizenzgeschäft zieht anUnabhängigkeit von Bing, neue Erlössäule, mehr Bäume
RealistischStaan wächst langsam, Bing bleibt vorerst das Rückgratstabile Nische, grüne Mission läuft weiter
PessimistischBing-Preise steigen, Umsatz sinkt, KI-Suche verdrängt die klassische SucheBaumbudget schrumpft, Tempo der Aufforstung sinkt

Als Nutzer steht am Ende eine schlichte Abwägung. Nutzer, die Datenschutz und einen messbaren Umweltbeitrag höher gewichten als die letzten Prozente Trefferqualität, fahren mit der grünen Suchmaschine gut. Bei hohem Anspruch an Suchtiefe taugt der Wechsel eher als Ergänzung denn als Ersatz für Google.

Unterm Strich bleibt Ecosia ein faszinierender Sonderfall: ein Unternehmen, das wirtschaftlich klein, aber ordnungspolitisch groß denkt.

Für Entscheider ist der Anbieter weniger als Suchmaschine spannend, mehr als lebender Beweis, dass sich Eigentum und Gewinn auch radikal anders organisieren lassen.

Glossar: 14 wichtige Fachbegriffe zu Ecosia

Ein offenes Buch, aus dem eine Pflanze wächst, mit Brille und „Glossar“-Schild
Vierzehn Begriffe von Affiliate-Link bis Verantwortungseigentum, kompakt erklärt.

Affiliate-Link

Affiliate-Link ist ein speziell markierter Werbelink, über den ein Vermittler eine Provision erhält, sobald ein Nutzer darüber kauft. Bei Ecosia laufen solche Links unter dem Namen EcoLinks und bringen zwischen zwei und fünf Prozent des Kaufpreises als Nebenerlös.

B Corporation

B Corporation ist ein Zertifikat für Unternehmen, die hohe soziale und ökologische Standards sowie Transparenz nachweisen. Ecosia hat das Siegel 2014 als eines der ersten deutschen Unternehmen erhalten.

Bing

Bing ist die Suchmaschine von Microsoft. Ecosia bezieht einen Großteil der Suchergebnisse und Werbeanzeigen aus dem Bing-Netzwerk und zahlt dafür laufende Gebühren, was eine starke Abhängigkeit erzeugt.

Biodiversitäts-Hotspot

Biodiversitäts-Hotspot bezeichnet eine Region mit besonders großem Artenreichtum, die zugleich stark bedroht ist. Ecosia konzentriert seine Pflanzungen gezielt auf solche Gebiete, weil dort der ökologische Nutzen je Baum am höchsten ausfällt.

Cost-per-Click (CPC)

Cost-per-Click (CPC) ist der Betrag, den ein Werbetreibender pro Klick auf seine Anzeige zahlt. Der CPC schwankt stark nach Suchbegriff und Region und bestimmt, wie viel eine Suchmaschine wie Ecosia pro Klick verdient.

Digital Markets Act (DMA)

Digital Markets Act (DMA) ist ein EU-Gesetz, das großen Plattformen faire Bedingungen für kleinere Wettbewerber vorschreibt. Für Anbieter wie Ecosia senkt der DMA die Hürden im Markt und stützt europäische Alternativen.

DSA-Nutzerzahl (MAU)

DSA-Nutzerzahl (MAU) meint die monatlich aktiven Nutzer, die ein Dienst nach dem Digital Services Act offenlegen muss. Ecosia weist für die EU rund 3,4 Millionen aus, deutlich weniger als die nach außen genannten 20 Millionen weltweit.

EUSP (European Search Perspective)

EUSP (European Search Perspective) ist das Pariser Gemeinschaftsunternehmen von Ecosia und Qwant, das den europäischen Suchindex Staan baut. Anders als Ecosia darf EUSP Fremdkapital aufnehmen, um die teure Infrastruktur zu finanzieren.

Greenwashing

Greenwashing beschreibt das Vortäuschen von Umweltfreundlichkeit ohne entsprechende Substanz. Ecosia steht wegen seiner plakativen Baumzahlen wiederkehrend unter Beobachtung, ob Anspruch und tatsächliche Wirkung zusammenpassen.

Proxy-Suchmaschine

Proxy-Suchmaschine nennt man einen Dienst, der keine eigenen Treffer erzeugt, sondern Ergebnisse fremder Indizes durchreicht. Ecosia hat lange als Proxy vor Bing und Google funktioniert und löst sich davon erst mit Staan.

Purpose Stiftung

Purpose Stiftung ist die Schweizer Stiftung, die seit 2018 ein Prozent der Stimmrechte an Ecosia hält. Mit diesem Veto-Anteil verhindert die Stiftung dauerhaft einen Verkauf oder eine Gewinnausschüttung.

Social Business

Social Business bezeichnet ein gewinnorientiert arbeitendes, aber zweckgebundenes Unternehmen, das Überschüsse in seine Mission lenkt statt an Eigentümer. Ecosia versteht sich ausdrücklich als Social Business, nicht als gemeinnützige Stiftung.

Staan

Staan ist der von Ecosia und Qwant entwickelte europäische Suchindex, der seit August 2025 erste Anfragen beantwortet. Das Kürzel steht für Search Trusted API Access Network und soll auch KI-Anwendungen günstig mit Webdaten versorgen.

Verantwortungseigentum

Verantwortungseigentum ist eine Eigentumsform, bei der ein Unternehmen sich faktisch selbst gehört: Anteile dürfen weder mit Gewinn verkauft noch an Außenstehende übertragen werden. Ecosia gilt seit 2018 als prominentes deutsches Beispiel für dieses Modell.

FAQ: Ecosia, die Suchmaschine, die sich selbst gehört

Kleine Eiche wächst aus Münzglas; daran FAQ-Schild und kleine Gießkanne mit Text
Die häufigsten Fragen zu Ecosia, von Seriosität bis Datenschutz.

Ist Ecosia seriös?

Ja. Ecosia ist eine im Berliner Handelsregister eingetragene GmbH, veröffentlicht monatliche Finanzberichte und hinterlegt Jahresabschlüsse im Bundesanzeiger. Das Unternehmen zahlt nach eigenen Angaben reguläre Steuern und schüttet keine Gewinne an Eigentümer aus.

Wie viele Suchanfragen braucht man für einen Baum?

Im Durchschnitt rund 45 Suchanfragen. Die genaue Zahl schwankt mit den Werbeerlösen pro Klick und den Pflanzkosten vor Ort, die je Baum zwischen etwa 22 Cent und über drei Euro liegen.

Ist Ecosia datenschutzfreundlich?

Weitgehend ja. Ecosia erstellt keine Nutzerprofile, anonymisiert Suchanfragen binnen einer Woche und verarbeitet Daten auf EU-Servern. Für die Trefferanzeige reicht das Unternehmen Suchbegriff und IP-Adresse jedoch an die Partner Bing und Google weiter.

Woher kommen Ecosias Suchergebnisse?

Die Ergebnisse stammen bisher überwiegend von Microsoft Bing, in einigen Märkten ergänzend von Google. Seit August 2025 liefert zusätzlich der eigene europäische Index Staan einen Teil der Treffer, zunächst in Frankreich.

Ist Ecosia besser als Google?

Beim Umweltbeitrag und beim Datenschutz liegt Ecosia vorn, bei Trefferbreite und Personalisierung weiterhin Google. Für viele Alltagssuchen reicht die grüne Suchmaschine problemlos, für sehr spezielle Recherchen greifen manche Nutzer ergänzend zu Google.

Was ist Verantwortungseigentum bei Ecosia?

Verantwortungseigentum bedeutet, dass Ecosia sich seit 2018 praktisch selbst gehört. Die Schweizer Purpose Stiftung hält ein Veto, sodass weder ein Verkauf noch eine Gewinnentnahme möglich ist. Die Kontrolle bleibt bei Personen, die der Mission verpflichtet sind.

Quellen

Ecosia GmbH | Finanzberichte und Baumpflanzbelege | https://de.blog.ecosia.org/ecosia-finanzberichte-baumplanzbelege/ | besucht am 22.06.2026
Ecosia GmbH | Regenerationsbericht 2024 | https://de.blog.ecosia.org/regenerationsbericht-24/ | besucht am 22.06.2026
Ecosia GmbH | Search Result Providers (Help Center) | https://support.ecosia.org/article/579-search-results-providers | besucht am 22.06.2026
Ecosia GmbH | Launching our European search index | https://blog.ecosia.org/launching-our-european-search-index/ | besucht am 22.06.2026
Purpose Foundation | Ecosia steward ownership case | https://purpose-economy.org/en/companies/ecosia/ | besucht am 22.06.2026
StatCounter GlobalStats | Search Engine Market Share Germany | https://gs.statcounter.com/search-engine-market-share/all/germany | besucht am 22.06.2026
Trending Topics | Ecosia und Qwant: Europäischer Suchindex als Alternative zu Google und Bing | https://www.trendingtopics.eu/ecosia-und-qwant-europaeischer-suchindex-als-alternative-zu-google-und-bing/ | besucht am 22.06.2026
Bundesanzeiger | Jahresabschlüsse Ecosia GmbH, Berlin | https://www.bundesanzeiger.de | besucht am 22.06.2026

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