Fünf IBM-Ingenieure gründeten 1972 in Mannheim einen Programmierdienst, weil ihr Arbeitgeber ihre Idee nicht haben wollte. Heute arbeitet die Mehrheit der DAX-Konzerne mit ihrer Software, und im Frühjahr 2025 war SAP für einige Wochen der wertvollste börsennotierte Konzern Europas.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenSAP hat im Geschäftsjahr 2025 einen Umsatz von 36,8 Milliarden Euro gemeldet, der Cloud-Umsatz stieg auf 21,0 Milliarden Euro, der operative Gewinn nach IFRS hat sich auf 9,6 Milliarden Euro mehr als verdoppelt. Im März 2025 löste das Walldorfer Unternehmen für einige Wochen Novo Nordisk an der Spitze der teuersten europäischen Konzerne ab, im Juni eroberte die dänische Pharmagruppe den Platz zurück. Hinter dieser Bewertungsachterbahn steht eine Geschichte, die das Geschäftsmodell der gesamten Branche definiert hat.
Das Wichtigste in Kürze
- SAP wurde am 1. April 1972 von fünf ehemaligen IBM-Mitarbeitern gegründet und setzte mit der Software R/3 ab 1992 den globalen Standard für betriebswirtschaftliche Anwendungen
- Im Geschäftsjahr 2025 erwirtschaftete der Konzern 36,8 Milliarden Euro Umsatz, davon 21,0 Milliarden Euro im Cloud-Geschäft; der gesamte Cloud-Auftragsbestand lag Ende 2025 bei 77,3 Milliarden Euro
- Die jährliche Wartungsgebühr von 22 Prozent auf den ursprünglichen Lizenzpreis war über drei Jahrzehnte hinweg eine der profitabelsten wiederkehrenden Erlösquellen der Softwarebranche
- 2024 verlor SAP nach Daten von Apps Run The World erstmals die globale Marktführerschaft im ERP-Segment an Oracle, mit 6,57 Prozent Marktanteil gegenüber 6,63 Prozent
- Die Pflichtmigration auf S/4HANA bis Ende 2027 zwingt Zehntausende Bestandskunden in einen neuen Vertrag und ist der größte Stresstest des Geschäftsmodells seit dem Börsengang 1988
Wer steckt hinter SAP und wie fing alles an?

1971 erteilte Xerox dem IT-Konzern IBM den Auftrag, seine Geschäftssoftware auf IBM-Hardware umzustellen. Fünf Ingenieure aus der Mannheimer IBM-Niederlassung begannen mit der Arbeit: Dietmar Hopp, Hasso Plattner, Klaus Tschira, Hans-Werner Hector und Claus Wellenreuther. Mitten im Projekt entschied die Konzernzentrale, das Mandat an eine andere Einheit zu übergeben.
Die fünf blieben mit einer Idee zurück, für die IBM keine Verwendung hatte: betriebswirtschaftliche Standardsoftware in Echtzeit, statt für jeden Kunden eine eigene Lösung zu programmieren.
Am 1. April 1972 gründeten sie in Weinheim die Systemanalyse und Programmentwicklung GbR. Erster Kunde wurde die deutsche Tochter von Imperial Chemical Industries, deren Rechenzentrum nur wenige Kilometer entfernt lag. Die Gründer programmierten tagsüber bei ICI, abends in der gemieteten Wohnung.
Das erste Produkt hieß RF, das R stand für Realtime, und genau diese Echtzeit-Fähigkeit war der Punkt, der den Unterschied machte. Plattner sagte später in einem Interview, er habe vor diesem Projekt nichts über Finanzbuchhaltung gewusst und alles direkt von den Kunden gelernt.
1979 folgte R/2 für Großrechner, ausgestattet mit Mehrwährungs- und Mehrsprachenfunktionen. Damit begann der Aufstieg in den europäischen Konzernzentralen. 1988 ging SAP an die Frankfurter Börse, die Belegschaft umfasste damals knapp 1.000 Personen.
Hasso Plattner prägte den Konzern in den folgenden Jahrzehnten stärker als jeder andere Gründer. Erst im Mai 2024 verließ er als Letzter der fünf den Aufsichtsrat.
Wie wurde aus einem Feierabendprojekt ein Weltkonzern?

Der Durchbruch kam am 6. Juli 1992 mit der Markteinführung von SAP R/3. Anders als die Vorgängergeneration setzte das System nicht mehr auf den Großrechner, sondern auf eine dreistufige Architektur aus Datenbank, Applikationsserver und Bedienoberfläche am PC. Damit löste sich SAP von der IBM-Welt und lief auf Unix, Windows und mehreren Datenbankprodukten.
Die Y2K-Welle der späten neunziger Jahre spülte die Großkunden in Scharen nach Walldorf: Wer ohnehin seine Altsysteme prüfen lassen musste, wechselte gleich auf einen modernen Standard. 1993 überschritt der Umsatz erstmals die Marke von 1,1 Milliarden D-Mark. Am 3. August 1998 nahm die New York Stock Exchange das Kürzel SAP in ihre Notierungen auf.
In den folgenden zwanzig Jahren kaufte sich der Konzern systematisch in jene Marktsegmente ein, in denen er aus eigener Kraft zu langsam war.
Business Objects (2007, Datenanalyse), Sybase (2010, mobile Datenbanken), SuccessFactors (2011, Personalsoftware in der Cloud), Ariba (2012, Beschaffung), Fieldglass und Concur (2014, externe Arbeitskräfte und Reisekosten), Qualtrics (2018, Marktforschung) für acht Milliarden US-Dollar.
Parallel stellte SAP 2010 die hauseigene Hauptspeicher-Datenbank HANA vor, auf deren Basis 2015 die heutige Flaggschiff-Suite S/4HANA entstand.
Heute beschäftigt SAP weltweit rund 109.000 Personen, hat mehr als 400.000 Kunden in über 180 Ländern und gehört zu den wertvollsten Unternehmen Europas. Die Marktkapitalisierung lag im Mai 2026 bei rund 212 Milliarden US-Dollar, klar unter dem Allzeithoch von März 2025, als der Börsenwert kurzzeitig 313 Milliarden Euro überschritt.
Wie verdient SAP tatsächlich sein Geld?

Wer das Erlösmodell von SAP verstehen will, muss zwei Wahrheiten zugleich akzeptieren. Erstens betrieb der Konzern über drei Jahrzehnte eines der profitabelsten Software-Geschäftsmodelle Europas, getragen von jährlichen Wartungsgebühren in Höhe von 22 Prozent des Lizenzpreises.
Zweitens wird genau dieses Modell gerade unter Hochdruck umgebaut, weil Aktionäre Cloud-Umsätze sehen wollen und die Kunden längst Abo-Verträge gewohnt sind.
Hauptumsatzquellen und ihre Anteile
Im Geschäftsjahr 2025 meldete SAP 36,8 Milliarden Euro Umsatz. Die Verteilung zeigt, wo der Konzern heute steht und wohin er sich bewegt.
| Segment | Umsatz 2025 (Mrd. €) | Anteil | Veränderung YoY |
|---|---|---|---|
| Cloud | 21,0 | 57 % | +23 % |
| Software-Support (Wartung) | 10,8 | 29 % | –2 % |
| Services | 4,3 | 12 % | –4 % |
| Software-Lizenzen | 0,7 | 2 % | –29 % |
| Gesamt | 36,8 | 100 % | +8 % |
Quelle: SAP Q4/FY2025 Earnings Release, eigene Aufstellung.
Das Cloud-Geschäft ist erstmals die mit Abstand größte Sparte. Innerhalb davon entfallen 17,1 Milliarden Euro auf die Cloud-ERP-Suite, also auf S/4HANA Cloud, SuccessFactors, Ariba, Concur und SAP Customer Experience.
Die einstige Cash-Cow, das klassische On-Premise-Wartungsgeschäft, schrumpft moderat: Bestandskunden zahlen weiter, neue Verträge enthalten kaum noch klassische Lizenzen. Der Lizenzumsatz brach im dritten Quartal 2025 sogar um 43 Prozent ein.
Ein Wert, der für sich genommen alarmierend klingt und in der Branche als Übergangsschmerz gewertet wird.
Versteckte Erlösströme
Die margenstärkste Position der vergangenen zwanzig Jahre hieß nicht Software, sondern Support. Wer bei SAP eine klassische Lizenz erwarb, zahlte fortan jährlich rund 22 Prozent des Listenpreises für das Programm „Enterprise Support“. Bei einer typischen Lizenzinvestition von einer Million Euro waren das 220.000 Euro pro Jahr, ohne dass eine zusätzliche Zeile Programmcode geliefert wurde.
Die US-amerikanische Verhandlungsberatung UpperEdge rechnete bereits 2019 vor, dass Support-Umsätze damals 45 Prozent des SAP-Halbjahresumsatzes ausmachten. Daraus finanzierte der Konzern jahrzehntelang Forschung, Zukäufe und Dividenden.
Daneben spielen drei weitere Quellen eine wachsende Rolle. Die Business Technology Platform bündelt Datenbank, Integration, Analytics und neuerdings KI-Dienste in einem Plattformangebot, das nach Modul und Verbrauch abgerechnet wird. *
Joule, der hauseigene KI-Assistent, wurde zum strategischen Aufpreis: Im vierten Quartal 2025 enthielt nach Angaben von CEO Christian Klein bereits die Hälfte aller Cloud-Verträge KI-Komponenten. Drittens verdient SAP an der sogenannten indirekten Nutzung: Wer aus einem Drittsystem auf SAP-Daten zugreift, braucht eine eigene Lizenz dafür. Diese stille Erlösquelle taucht im Geschäftsbericht selten prominent auf, gehört aber zu den wichtigsten Hebeln jeder Lizenzverhandlung.
Datenströme und KI als neue Erlösbasis
Anders als Meta oder Google verkauft SAP keine Werbung an Endverbraucher. Die wertvollen Datenströme entstehen innerbetrieblich, was sie nicht weniger lukrativ macht. Jeder S/4HANA-Mandant erzeugt hochstrukturierte Buchungs-, Lager- und Personaldaten in einer Qualität, die kein Hyperscaler aus eigener Kraft hat.
Genau diese Datenbasis erlaubt es SAP, die Joule-Agenten für Finanzbuchhaltung, Beschaffung oder Recruiting glaubwürdig zu vermarkten. Trainiert werden die Modelle auf Branchenstandards und kundeneigenen Daten, ohne dass die Daten den Mandanten verlassen.
Auf der Sapphire-Konferenz im Mai 2026 in Orlando stellte Klein die Vision des „Autonomous Enterprise“ vor: ein Geschäftsbetrieb, in dem Joule als zentrale Schnittstelle zwischen Mitarbeitern, Prozessen und Drittsystemen agiert.
Margen-Asymmetrien zwischen den Segmenten
Die Cloud-Bruttomarge lag 2025 bei 75 Prozent, der Cloud-Bruttogewinn stieg auf 15,8 Milliarden Euro. Das Wartungsgeschäft erreichte traditionell Bruttomargen jenseits der 90 Prozent. Wesentlich schwächer sieht es bei den Services aus, also bei den eigenen Beratungsleistungen rund um Implementierungen.
Diese Sparte überlässt SAP seit Jahren bewusst weitgehend den Partnern und konzentriert sich auf die Software. Eine strategische Entscheidung mit hohem Preis: Wer die Implementierung macht, kontrolliert die Kundenbeziehung.
Quersubventionierung und teure Wetten
In den frühen 2010er-Jahren brachte SAP Business ByDesign als Cloud-ERP für den Mittelstand auf den Markt und versenkte damit nach Brancheneinschätzung mehrere hundert Millionen Euro.
Das Produkt sollte den Mittelstandsmarkt aufrollen, erreichte aber nie die kritische Masse. Qualtrics wurde 2018 für acht Milliarden US-Dollar gekauft und 2023 für 12,5 Milliarden US-Dollar an die Finanzinvestoren Silver Lake und CPP Investments weiterverkauft.
Solche Manöver zeigen ein Walldorfer Muster: hohe Wetten, konsequente Korrekturen, auch wenn die öffentliche Wahrnehmung darunter leidet.
Skaleneffekte und der wichtigste Lock-in der Branche
Der härteste Lock-in heißt Customizing. Jeder mittelgroße SAP-Kunde hat über Jahre eigene Tabellen, ABAP-Erweiterungen und Schnittstellen entwickelt. Diese Spezialanpassungen gehören dem Kunden, laufen aber ausschließlich auf SAP. Ein Wechsel würde bedeuten, die eigenen Geschäftsprozesse vollständig neu abzubilden.
Hinzu kommt das Partnernetzwerk: Allein im DACH-Raum verdienen nach Schätzungen der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe DSAG über 50.000 Beraterinnen und Berater bei Systemhäusern wie NTT Data Business Solutions, Capgemini, T-Systems oder den großen vier Prüfungsgesellschaften ihr Geld mit SAP-Projekten.
Diese Branche fungiert zugleich als Vertriebskanal und als politische Lobby.
Wie sich das Modell in den letzten fünf Jahren verschoben hat
Die größte Veränderung ist der Bruch mit dem klassischen Lizenz-plus-Wartung-Modell. Bestandskunden auf der Vorgängergeneration ECC erhalten nur noch bis zum 31. Dezember 2027 den Mainstream-Support, danach läuft das System aus der regulären Pflege.
Wer weiter auf SAP setzen will, muss auf S/4HANA wechseln. Den Wechsel koppelt der Konzern an die Programme RISE with SAP für migrierende Bestandskunden und GROW with SAP für Neukunden, beide als Subscription.
Die Strategie ist klar: Aus 22 Prozent jährlicher Wartung wird ein Abo, das in Summe häufig teurer ausfällt, aber wiederkehrende Erlöse erzeugt. Aktienanalysten lieben das, viele Bestandskunden weniger.
Das Wartungsgeschäft war über Jahrzehnte das, was Aktionären den Schlaf gerettet hat. Wer es jetzt für einen Cloud-Vertrag aufgibt, wettet darauf, dass die nächste Generation von Software-Käufern Abo-Modelle akzeptiert, ohne nach der Gesamtrechnung über zehn Jahre zu fragen. Diese Wette ist alles andere als trivial.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Wie groß ist die Marktmacht von SAP?

Im globalen ERP-Markt war SAP zwei Jahrzehnte lang unangefochten. Die Analystengruppe Apps Run The World meldete im April 2025 erstmals eine Wende: Oracle überholte SAP 2024 mit 8,77 Milliarden US-Dollar ERP-Umsatz und einem Marktanteil von 6,63 Prozent, gegenüber 6,57 Prozent für SAP.
Der Vorsprung ist hauchdünn, das Signal aber laut. Im DACH-Raum bleibt SAP der dominante Anbieter, in Nordamerika hat Oracle Fusion Cloud deutlich aufgeholt.
Neben Oracle drücken Microsoft Dynamics 365 in den Mittelstand und Workday in das Personalmanagement. SuccessFactors hält zwar mit knapp 106.000 Kunden die größte installierte Basis im HR-Segment, im Neugeschäft aber wächst Workday schneller.
In Spezialfeldern positionieren sich Infor, IFS und Sage, der Mittelstand experimentiert zunehmend mit Open-Source-Alternativen wie Odoo.
Der eigentliche Schutzwall heißt nicht Preis, sondern Integrationstiefe. Wer Konzernkonsolidierung, Lager, Produktion, Personal und Beschaffung über zwanzig Jahre in einem System abgebildet hat, ist mit dem Anbieter faktisch verheiratet. Hier liegt die Marktmacht: nicht im neuen Vertrag, sondern in den abgeschriebenen Altinvestitionen.
Wer ist bei SAP eigentlich das Produkt?

Bei Meta sind die Nutzer das Produkt, bei SAP ist die Rollenverteilung anders gelagert. Der Kunde zahlt sichtbar, die Frage lautet, wer noch mitverdient. Antwort: das gesamte Implementierungs-Ökosystem. Eine S/4HANA-Migration in einem deutschen Mittelständler kostet typischerweise zwischen einer und fünf Millionen Euro an externen Beratungshonoraren, in Großkonzernen sind Projekte jenseits der 100 Millionen Euro keine Seltenheit.
Diese Honorare gehen nicht an SAP, sondern an die Implementierer. SAP verdient an der Software, das Beraternetzwerk verdient an der Übersetzung in den Kundenalltag.
Außerdem geraten die IT-Mitarbeiter der Kunden in eine ungewollte Doppelrolle. Wer fünfzehn Jahre lang als Inhouse-Berater SAP-Module konfiguriert hat, hat ein persönliches Interesse daran, dass das System bleibt. Ein Wechsel zu einem Konkurrenzprodukt entwertet die eigene Expertise.
Diese Konstellation aus internen Fachleuten und externen Implementierern macht den Wechsel selbst dort schwer, wo das Vorstandsgremium ihn rein wirtschaftlich erwägen würde.
Was kostet SAP wirklich, und wer trägt die Kosten?

Die Listenpreise gibt SAP nicht öffentlich heraus, der tatsächlich gezahlte Preis ergibt sich aus jeder einzelnen Verhandlung. Aus den Auswertungen spezialisierter Beratungen wie UpperEdge, Snow Software oder der DSAG lassen sich aber Größenordnungen ableiten.
| Kostenblock | Typische Größenordnung pro Jahr (Mittelstand, ca. 1.000 Mitarbeitende) |
|---|---|
| Lizenzkosten klassisch (initial) | 0,8–2,5 Mio. € einmalig |
| Wartungsgebühr (22 % auf Listenpreis) | 200.000–550.000 € |
| Implementierungspartner (laufender Betrieb) | 300.000–900.000 € |
| Infrastruktur (eigenes Rechenzentrum oder Hyperscaler) | 150.000–500.000 € |
| Inhouse-Personal (Stellen) | 5–15 Vollzeitäquivalente |
| RISE-with-SAP-Bundle (alternativ zur klassischen Lizenz) | 500.000–1.500.000 € |
Quellen: DSAG-Investitionsreport 2025, Snow Software State of SaaS Report 2025, eigene Recherche.
Die für viele Kunden überraschende Position bleibt die indirekte Nutzung. Wer ein eigenes Vertriebsportal oder ein Lieferantensystem entwickelt, das auf SAP-Daten zugreift, braucht eine zusätzliche Lizenz. Mehrere deutsche Konzerne haben in der Vergangenheit nach SAP-Audits hohe Nachzahlungen leisten müssen, AB InBev und Diageo wurden dazu öffentlich.
Der Konzern hat das Lizenzmodell 2018 mit dem sogenannten Digital-Access-Modell überarbeitet, die Diskussion in der Kundschaft hält bis heute an.
Wer am Ende zahlt, sind die Endkunden der SAP-Anwender. Eine Großbäckerei, deren Warenwirtschaft auf S/4HANA läuft, hat höhere IT-Kosten in jedem Brötchen einzupreisen.
Diese Verteilung ist nicht spektakulär, aber kumuliert macht sie SAP zu einer der unsichtbarsten Margen-Verstärker der deutschen Wirtschaft.
Wer profitiert und wer zahlt drauf?

Die Gewinnerseite ist klar verteilt. Aktionäre verbuchten zwischen März 2024 und März 2025 ein Plus von rund 40 Prozent. Top-Management und Schlüsselpersonal verdienen über Aktienprogramme zusätzlich.
Die großen Implementierungspartner Accenture, Capgemini, Deloitte, IBM Consulting und NTT Data wachsen mit jedem Migrationsprojekt.
Auch der Standort Walldorf profitiert: Die Gemeinde lebt seit Jahrzehnten von Gewerbesteuereinnahmen, die andere Kommunen ihrer Größe nur aus Lottoträumen kennen.
Auf der Verliererseite stehen drei Gruppen. Erstens die Mittelständler ohne eigene SAP-Kompetenz: Sie tragen die höchsten relativen Kosten der Migration und finden am Markt kaum noch günstige Beratung, weil die guten Köpfe in Großprojekten ausgelastet sind.
Zweitens kleinere ERP-Wettbewerber, denen das wachsende Cloud-Bundle aus RISE, GROW und BTP die Differenzierung erschwert.
Drittens jene SAP-Beschäftigten, deren Tätigkeitsfelder nicht in die KI-Roadmap passen: Seit der Restrukturierung von Januar 2024 haben rund 10.000 Stellen ihre Funktion verloren, etwa 3.000 Mitarbeitende verließen das Unternehmen im ersten Halbjahr 2025 freiwillig, der Rest wurde umgeschult oder versetzt.
Im Oktober 2025 kündigte SAP an, künftig dauerhaft 1 bis 2 Prozent der Belegschaft pro Jahr abzubauen.
Wie politisch ist SAP?

SAP gilt in Brüssel als einer der wenigen europäischen Akteure, die im Kräfteverhältnis mit Microsoft, Amazon und Google sichtbar bleiben. Im EU-Transparenzregister verzeichnet der Konzern für 2024 Lobbyausgaben zwischen 4,75 und 5,0 Millionen Euro, mit Zugang zu Kommissaren auf höchster Ebene.
Themen sind der Cyber Resilience Act, der AI Act und Initiativen zur sogenannten digitalen Souveränität Europas. SAP positioniert sich dabei als europäische Alternative zu US-Anbietern, ein Argument, das CEO Christian Klein in jedem zweiten Interview platziert.
Heikler war der Januar 2024. Das US-Justizministerium und die Börsenaufsicht SEC einigten sich mit SAP auf eine Zahlung von 220 Millionen US-Dollar, weil der Konzern zwischen 2013 und 2018 in Südafrika und Indonesien Regierungsbeamte bestochen hatte, um öffentliche Aufträge zu sichern.
Damit war SAP zum zweiten Mal binnen weniger Jahre wegen Verstößen gegen den Foreign Corrupt Practices Act auffällig geworden. Bereits 2014 hatte der Konzern in einem anderen Verfahren 356,7 Millionen US-Dollar an Oracle überwiesen, wegen Urheberrechtsverletzungen einer SAP-Tochter namens TomorrowNow.
In Deutschland operiert SAP geschickter. Die Konzernzentrale in Walldorf ist Standort, Sponsor und Identitätsanker zugleich.
Die DSAG, deren mehrere tausend Mitgliedsunternehmen die größte Anwendergruppe stellen, kritisiert SAP regelmäßig öffentlich für Preispolitik und Migrationsdruck. Diese Reibung ist seit Jahren Teil eines stabilen Verhandlungsritus. Beide Seiten brauchen einander.
Was könnte SAP zu Fall bringen?

Drei Szenarien lassen sich derzeit ernsthaft durchrechnen.
Erstens: Composable ERP. Statt eines monolithischen Systems setzen immer mehr Unternehmen auf modulare Lösungen, in denen spezialisierte Anbieter wie Workday (HR), Salesforce (Vertrieb), Coupa (Beschaffung) oder Snowflake (Datenplattform) über offene Schnittstellen kombiniert werden. SAP positioniert sich mit BTP genau gegen diesen Trend, ist aber strukturell im Nachteil, weil eigene Module nicht immer Bestkategorie sind.
Zweitens: Microsoft als Plattform-Konkurrent. Mit Dynamics 365, Azure, Power Platform, Copilot Studio und der Partnerschaft mit OpenAI bietet Microsoft einen wachsenden Gegenentwurf, der besonders im gehobenen Mittelstand zieht.
Die strategische Allianz beider Konzerne bei Cloud-Hosting bleibt, der Wettbewerb in der Anwendungsschicht verschärft sich.
Drittens: KI-Disruption des Beratergeschäfts. Falls Joule und konkurrierende Werkzeuge die Implementierung tatsächlich um 30 bis 50 Prozent verbilligen, gerät das Ökosystem aus Implementierungspartnern unter Druck. Genau diese Partner sind aber bisher der wichtigste Vertriebskanal.
Ein schnellerer Migrationszyklus könnte kurzfristig die Lizenz-Umsätze stützen, mittelfristig aber den Vertriebsapparat schwächen, der den Cloud-Übergang absichern soll.
Hinzu kommt das Datum 31. Dezember 2027 als selbstauferlegter Stichtag. Bislang ist nach Branchenschätzungen weniger als die Hälfte der ECC-Kunden migriert. Wer das Datum nicht hält, bekommt entweder einen teuren Wartungsaufschlag oder steht ohne offizielle Pflege da.
Wer es hält, hat möglicherweise das größte IT-Projekt seiner Unternehmensgeschichte hinter sich. Beide Wege bergen Risiken, in beiden steckt SAPs operatives Schicksal der nächsten drei Jahre.
Was bedeutet SAP für deutsche Unternehmer und Verbraucher?

Für deutsche Mittelständler bedeutet SAP zunächst Pflicht. Wer mit DAX-Konzernen oder dem Bund Geschäfte macht, kommt an SAP-Schnittstellen kaum vorbei. Die Investitionsentscheidung lautet daher selten Ja oder Nein, sondern: wie groß und wie tief.
Drei Szenarien für die kommenden zwölf Monate.
Optimistisches Szenario. Joule liefert messbare Produktivitätsgewinne, die DSAG meldet zufriedene Migrationsverläufe, RISE-Verträge fallen mit Discounts ab, und mittelständische Anwender berichten von handhabbaren Projektkosten. Die SAP-Aktie testet das Vorjahreshoch erneut.
Realistisches Szenario. S/4HANA-Migrationen laufen weiter im teuren Beratungsmodus. Ein Teil der Mittelständler verschiebt Entscheidungen aus Kostengründen über 2027 hinaus und zahlt Wartungsaufschläge. SAP wächst im Cloud-Geschäft zweistellig, im Gesamtumsatz einstellig. Die Aktie pendelt um die 200-Milliarden-Dollar-Marke.
Pessimistisches Szenario. Konjunktureinbruch, Investitionsstau im Mittelstand, gleichzeitig Push von Microsoft und Oracle bei Mittelstandsangeboten. SAP verfehlt das Cloud-Wachstumsziel, der Stichtag 2027 muss verlängert werden, das Vertrauen in das Migrationsversprechen leidet. Die Aktie verliert zweistellig.
Für Entscheider in jungen Unternehmen ergeben sich drei konkrete Handlungslinien. Erstens: Wer noch keine ERP-Entscheidung getroffen hat, sollte SAP nicht als Selbstläufer behandeln. Für viele Anwendungsfälle sind Microsoft Dynamics 365 Business Central, Odoo oder spezialisierte Branchenlösungen kostengünstiger und schneller einsatzbereit.
Zweitens: Wer bereits SAP einsetzt, sollte vor jeder Vertragsverlängerung Wartungsumfang, indirekte Nutzung und Listenpreisbasis prüfen lassen.
Die größten Einsparungen liegen erfahrungsgemäß im Lizenz-Cleanup, nicht in der Preisverhandlung. Drittens: Wer SAP-Kompetenz aufbaut, sichert sich auf Jahre einen vom Arbeitsmarkt knappen Profilvorteil. Selbst bei aller KI-Effizienz bleibt SAP-Wissen ein gut bezahltes Berufsfeld.
Glossar: 12 wichtige Fachbegriffe zu SAP

ABAP
ABAP ist die hauseigene Programmiersprache von SAP, eingeführt 1983. Sie steht für „Advanced Business Application Programming“ und wird seit Jahrzehnten verwendet, um SAP-Standardsoftware an unternehmensspezifische Anforderungen anzupassen. Die meisten Erweiterungen in deutschen SAP-Installationen sind in ABAP geschrieben.
BTP (Business Technology Platform)
BTP ist die strategische Plattform von SAP für Integration, Datenmanagement, KI und Erweiterungen. Sie bündelt unterschiedliche Cloud-Dienste und wird nach Verbrauch und Modul abgerechnet. BTP ist die wichtigste neue Erlösquelle jenseits des klassischen ERP-Geschäfts.
Cloud Backlog
Cloud Backlog bezeichnet den vertraglich gesicherten, aber noch nicht realisierten Cloud-Umsatz. SAP weist sowohl den Current Cloud Backlog (Umsatz der nächsten zwölf Monate) als auch den Total Cloud Backlog aus. Ende 2025 lag der Total Cloud Backlog bei 77,3 Milliarden Euro.
Customizing
Customizing beschreibt die unternehmensspezifische Anpassung von SAP-Software an die jeweilige Organisation, ihre Buchungslogik und ihre Prozesse. Diese Anpassungen sind Eigentum des Kunden und einer der wichtigsten Gründe, warum Wechsel zu Konkurrenzprodukten technisch wie wirtschaftlich aufwendig sind.
DSAG (Deutschsprachige SAP-Anwendergruppe)
Die DSAG ist mit mehreren tausend Mitgliedsunternehmen die einflussreichste Anwendervertretung von SAP weltweit. Sie veröffentlicht jährlich Investitionsreports und kritisiert regelmäßig öffentlich SAPs Preispolitik, Lizenzmodelle und Migrationsstrategien.
ECC (ERP Central Component)
ECC ist die Vorgängergeneration der heutigen S/4HANA-Suite, 2004 eingeführt und Standard in vielen deutschen Konzernen. Der Mainstream-Support für ECC endet am 31. Dezember 2027 und ist der wesentliche Treiber des aktuellen Migrationsdrucks.
FCPA (Foreign Corrupt Practices Act)
Der FCPA ist ein US-Gesetz gegen Auslandskorruption, das auch nicht-amerikanische Unternehmen erfassen kann, sofern diese an US-Börsen notieren oder anderweitig US-Bezug haben. SAP musste im Januar 2024 wegen FCPA-Verstößen in Südafrika und Indonesien 220 Millionen US-Dollar zahlen.
HANA
HANA ist die hauseigene Hauptspeicher-Datenbank von SAP, 2010 vorgestellt. Sie verarbeitet Daten direkt im Arbeitsspeicher und ermöglicht damit Auswertungen in Sekunden, die früher Stunden dauerten. Alle modernen SAP-Cloud-Produkte basieren auf HANA.
Indirekte Nutzung
Indirekte Nutzung liegt vor, wenn aus einem Drittsystem auf SAP-Daten zugegriffen wird. Solche Zugriffe sind lizenzpflichtig, was in Audits zu hohen Nachzahlungen führen kann. SAP hat 2018 das Digital-Access-Modell eingeführt, das die Lizenzierung pro Beleg statt pro Anwender abrechnet.
Joule
Joule ist der KI-Assistent von SAP, eingeführt 2023 und 2025/2026 zur zentralen Schnittstelle des sogenannten Autonomous Enterprise ausgebaut. Joule kombiniert generative KI mit unternehmenseigenen Daten und wird seit 2025 in praktisch alle Cloud-Produkte integriert.
RISE with SAP
RISE with SAP ist das Migrationspaket für Bestandskunden auf dem Weg in die Cloud. Es bündelt S/4HANA Cloud, BTP, Tools und Beratung in einem einzigen Subscription-Vertrag. Das Programm ist das wichtigste kommerzielle Instrument für den ECC-Ausstieg bis 2027.
S/4HANA
S/4HANA ist die aktuelle ERP-Generation von SAP, 2015 vorgestellt und ausschließlich auf der HANA-Datenbank lauffähig. Sie ist Kern aller laufenden Migrationsprojekte und wird in den Varianten Private Cloud, Public Cloud und On-Premise angeboten.
Häufige Fragen zum Geschäftsmodell von SAP

Wann wurde SAP gegründet?
Am 1. April 1972 in Weinheim, von fünf ehemaligen IBM-Mitarbeitern: Dietmar Hopp, Hasso Plattner, Klaus Tschira, Hans-Werner Hector und Claus Wellenreuther. Der Firmenname stand zunächst für Systemanalyse und Programmentwicklung.
Wer ist heute CEO von SAP?
Christian Klein führt SAP als alleiniger Vorstandsvorsitzender seit April 2020. Nach einer kurzen Phase als Co-CEO mit Jennifer Morgan übernahm Klein die Alleinverantwortung und treibt seitdem den Umbau in Richtung Cloud und KI voran.
Wie hoch sind die SAP-Wartungsgebühren?
Die jährliche Standardgebühr beträgt 22 Prozent des ursprünglichen Listenpreises der Lizenzen, im Programm Enterprise Support. Ältere Verträge können auf Basis von 17 Prozent laufen, je nach Vereinbarung sind außerdem inflationsbedingte Anpassungen üblich.
Was passiert mit SAP ECC nach 2027?
Der Mainstream-Support endet am 31. Dezember 2027. Danach bietet SAP entweder einen kostenpflichtigen Extended Support oder den Wechsel auf S/4HANA über die Programme RISE oder GROW with SAP. Wer beides ablehnt, betreibt das System ohne offizielle Pflege.
Welche Konkurrenten hat SAP im ERP-Markt?
Die wichtigsten globalen Wettbewerber sind Oracle (Fusion Cloud ERP, NetSuite), Microsoft (Dynamics 365), Workday (vor allem im HR-Bereich) und Infor. Im deutschsprachigen Mittelstand treten zunehmend auch Sage, IFS und Open-Source-Anbieter wie Odoo an.
Warum ist die SAP-Aktie 2025 so stark gestiegen?
Treiber waren das beschleunigte Cloud-Wachstum, die Verdopplung des IFRS-Operating-Profits, die KI-Strategie rund um Joule und die Rotation institutioneller Investoren aus US-amerikanischen in europäische Technologietitel. Zwischen März 2024 und März 2025 verbuchte die Aktie ein Plus von rund 40 Prozent.
Quellen

- SAP SE – Quartalsstatement Q4 und FY 2025 – https://news.sap.com/2026/01/sap-announces-q4-and-fy-2025-results/ – besucht am 24.05.2026
- SAP SE – Quartalsstatement Q1 2026 – https://www.sap.com/docs/download/investors/2026/sap-2026-q1-statement.pdf – besucht am 24.05.2026
- SAP SE – Geschäftsbericht und Form 20-F 2025 – https://www.sap.com/investors – besucht am 24.05.2026
- US Securities and Exchange Commission – Press Release SAP FCPA Settlement – https://www.sec.gov/news/press-release/2024-4 – besucht am 24.05.2026
- US Department of Justice / Stanford FCPA Database – SAP Enforcement Action – https://fcpa.stanford.edu/enforcement-action.html?id=912 – besucht am 24.05.2026
- Apps Run The World – Top 10 ERP Software Vendors 2024 – https://www.appsruntheworld.com/top-10-erp-software-vendors-and-market-forecast/ – besucht am 24.05.2026
- Morningstar – SAP Overtakes Novo Nordisk – https://www.morningstar.com/stocks/sap-overtakes-novo-become-europes-biggest-stock – besucht am 24.05.2026
- Fortune – Novo Nordisk Overtakes SAP – https://fortune.com/europe/2025/06/13/novo-nordisk-overtakes-sap-europe-most-valuable-company/ – besucht am 24.05.2026
- Companies Market Cap – SAP Market Capitalization – https://companiesmarketcap.com/sap/marketcap/ – besucht am 24.05.2026
- SAP News Center – Hasso Plattner steps down – https://news.sap.com/2024/05/the-end-of-an-era-hasso-plattner-steps-down/ – besucht am 24.05.2026
- The Register – SAP Restructuring 3.000 Mitarbeiter – https://www.theregister.com/2025/04/23/sap_staff_cuts/ – besucht am 24.05.2026
- UpperEdge – Paying Too Much for SAP Maintenance – https://upperedge.com/sap/paying-too-much-for-sap-maintenance/ – besucht am 24.05.2026