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ASML baut die einzigen Maschinen der Welt, ohne die kein moderner Chip entsteht. Trotzdem entscheidet Washington mit, an wen der niederländische Konzern liefern darf. Wie ein US-Gesetz über ein europäisches Monopol verfügt, zeigt, wie wenig Souveränität in der Lieferkette übrig bleibt.

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ASML sitzt in einer 45.000-Einwohner-Stadt in Nordbrabant und kontrolliert doch einen Engpass, an dem die gesamte digitale Weltwirtschaft hängt. Kein anderer Hersteller kommt an die Technik heran. Und ausgerechnet dieser europäische Champion steht im Sommer 2026 unter dem schärfsten Druck seiner Geschichte, ausgeübt nicht von der Konkurrenz, sondern von einer Regierung in Washington.

Das Wichtigste in Kürze

  • ASML hält das weltweite Monopol auf EUV-Lithografie, die Schlüsseltechnik für Chips unterhalb von sieben Nanometern. Kein Wettbewerber liefert vergleichbare Systeme
  • US-Handelsminister Howard Lutnick warnte die Konzernführung im Juni 2026, eine Hochleistungsmaschine könnte unerlaubt nach China gelangt sein. ASML dementierte umgehend und vollständig
  • Der geplante MATCH Act würde Washington erlauben, Partnerländern vorzuschreiben, was deren Chipsektor nach China liefern darf, samt Wartungsverbot für bereits verkaufte Anlagen
  • Der eigentliche Hebel heißt FDPR: Über die Foreign-Direct Product Rule beansprucht die USA Zugriff auf jede Technik, die US-Bestandteile enthält. Genau deshalb steht ein niederländisches Unternehmen unter amerikanischer Kontrolle

Warum hängt die halbe Weltwirtschaft an einer Firma aus Veldhoven?

Graviertes Brillenglas mit Herz-Vorhängeschloss und „Made in NL“-Anhänger auf weißem Grund
ASML stellt Lithografie-Maschinen her, die Schaltkreismuster auf Silizium belichten und für die globale Chipproduktion unverzichtbar sind

Stellen Sie sich einen Lieferanten vor, der ein Bauteil herstellt, das in jedem modernen Smartphone, jedem KI-Rechenzentrum und jedem neuen Auto steckt. Ohne diesen Lieferanten stoppt die Produktion der fortschrittlichsten Chips weltweit. Genau diese Position hält ASML.

Der Konzern aus Veldhoven baut Lithografie-Maschinen, die feinste Schaltkreismuster auf Siliziumscheiben belichten. Die jüngste Generation, die EUV-Systeme, arbeitet mit extrem ultraviolettem Licht bei einer Wellenlänge von 13,5 Nanometern. Nur mit dieser Technik lassen sich die kleinsten und dichtesten Strukturen drucken, aus denen moderne Prozessoren bestehen. ASML ist der einzige Anbieter kommerzieller EUV-Systeme für die Massenfertigung, nicht bloß der größte unter mehreren.

Die Kunden lesen sich wie das Who-is-Who der Chipfertigung: TSMC, Samsung, Intel, SK Hynix, Micron. Ohne EUV entsteht bei keinem dieser Konzerne ein Spitzenprodukt. Eine einzelne High-NA-EUV-Maschine wiegt rund 180 Tonnen, besteht aus etwa 100.000 Einzelteilen und kostet zwischen 350 und 400 Millionen Euro. Drei Frachtflugzeuge, vierzig Container und zwanzig Lkw sind nötig, um ein System auszuliefern. Eine solche Maschine erreicht die Größe eines Einfamilienhauses.

Diese Einzigartigkeit macht ASML zum Nadelöhr der gesamten Branche. Das Institute for European Policymaking der Bocconi-Universität nennt den Konzern den wichtigsten Faustpfand der EU im Technologiekonflikt. Wer den Engpass kontrolliert, bestimmt das Tempo, in dem die digitale Welt wächst. An diesem Nadelöhr entzündet sich der Streit mit Washington.

Wie wurde aus einem Philips-Ableger das Nadelöhr der Chip-Industrie?

Graues Modellhaus, ein Glasauge auf dem Dach, Schild davor mit Aufschrift 1984, weißer Hintergrund
Aus einer undichten Bretterbude von 1984 wurde der Engpass der Weltwirtschaft.

Der Anfang war alles andere als glamourös. 1984 gründeten der Elektronikkonzern Philips und der Maschinenbauer ASM International ein Gemeinschaftsunternehmen für Lithografiesysteme. Die ersten Mitarbeiter arbeiteten in einer undichten Bretterbude neben einem Philips-Bürogebäude in Eindhoven. Ein Jahr später zog die junge Firma mit hundert Beschäftigten nach Veldhoven, wenige Kilometer entfernt.

Der entscheidende Einschnitt kam mit der EUV-Technik. Über zwei Jahrzehnte hinweg arbeiteten Ingenieure an einem Verfahren, das physikalisch kaum beherrschbar schien. Ein internationales Konsortium begleitete die Entwicklung, doch nach und nach zogen sich die amerikanischen Unternehmen zurück. Die technischen Hürden galten als zu hoch, die Kosten als unkalkulierbar. Übrig blieb ein einziger Akteur, der weitermachte. Dieser Akteur war ASML.

Allein die kumulierten Forschungsausgaben für EUV überstiegen sechs Milliarden Euro. 2017 erreichte die Technik die Serienreife. Heute verlängert die nächste Stufe, High-NA-EUV, die Skalierung bis unter zwei Nanometer. Ein zentraler Baustein kommt dabei aus Deutschland: Die hochpräzise Optik liefert Carl Zeiss SMT aus Oberkochen, an dem ASML einen Anteil von knapp einem Viertel hält.

Hier liegt ein Punkt, der den späteren Konflikt erst verständlich macht. Eine EUV-Maschine ist kein rein niederländisches Produkt, sondern das Ergebnis eines internationalen Zulieferernetzes. Die Präzisionsoptik stammt aus Deutschland, wichtige Subsysteme kommen aus den USA. Genau diese Verflechtung gibt Washington den Hebel, von dem gleich die Rede ist.

Wie viel von ASMLs Geschäft hängt eigentlich an China?

Zerstörtes Sparschwein und Münzen mit Halbleiter-Struktur sowie Länderfähnchen
2024 kamen 41 Prozent des ASML-Umsatzes aus China.

ASML verdient sein Geld auf zwei Wegen: am Verkauf der Maschinen und am laufenden Service. Anlagen dieser Komplexität brauchen Kalibrierung, Ersatzteile, Upgrades und permanente Betreuung durch den Hersteller. Dieses Servicegeschäft bindet die Kunden über Jahre und liefert stabile, margenstarke Erlöse. Der Monopolstatus bei EUV sorgt für hohe Bruttomargen, die kein Wettbewerber unterbieten kann.

Anders als der Chipdesigner Nvidia, dessen Geschäftsmodell wir ausführlich zerlegt haben, verkauft ASML keine Chips, sondern die Maschinen, auf denen andere sie fertigen. Die Zahlen aus dem ersten Quartal 2026 zeigen die Größenordnung. ASML meldete einen Nettoumsatz von 8,8 Milliarden Euro und einen Nettogewinn von 2,8 Milliarden Euro. Der Auftragsbestand lag Ende 2025 bei 38,8 Milliarden Euro. Für das Gesamtjahr 2026 erwartet der Konzern zwischen 36 und 40 Milliarden Euro Umsatz.

Der wunde Punkt heißt China. Über Jahre war der chinesische Markt der wichtigste Wachstumstreiber, vor allem für ältere DUV-Systeme, die weniger fortschrittliche Chips fertigen. 2024 erreichte der chinesische Umsatzanteil mit 41 Prozent einen Rekord, im dritten Quartal 2025 sprang der Wert nochmals auf 42 Prozent der Systemverkäufe. Für 2026 erwartet ASML eine Normalisierung auf rund 20 Prozent.

KennzahlWertQuelle/Stand
China-Anteil am Umsatz 202441 % (Rekord)ASML-Jahresbericht 2024
China-Anteil Systemumsatz Q3 202542 %ASML-Quartalsbericht Q3 2025
Erwarteter China-Anteil 2026rund 20 %ASML-Guidance / Analysten
Nettoumsatz Q1 20268,8 Mrd. €ASML-Quartalsbericht
Auftragsbestand Ende 202538,8 Mrd. €ASML
Umsatzprognose 2026 gesamt36–40 Mrd. €ASML-Guidance

Der Rückgang von 41 Prozent im Rekordjahr auf die erwarteten rund 20 Prozent ist zum Teil normale Marktentwicklung, zum Teil Folge der Exportkontrollen. ASML betont, chinesische Kunden kauften ohnehin überwiegend ältere Technik. Trotzdem würde jede weitere Restriktion die Erlöse spürbar treffen. Wie tief der Konflikt mit Washington in dieses Geschäft eingreifen darf, ist die eigentliche Frage.

Wie greift ein US-Gesetz auf ein niederländisches Unternehmen durch?

Stempel mit FDPR-Aufdruck auf schwarzer Europakarte, Hand, Notiz „Letzter Stempel vor Feierabend“
Die FDPR dehnt US-Recht auf jede Maschine mit US-Technik aus.

Hier liegt der Kern der ganzen Geschichte. ASML ist niederländisch, die Kunden sitzen in Taiwan, Korea und den USA, die Maschinen entstehen in Europa. Wieso also bestimmt Washington mit?

Die Antwort heißt Foreign-Direct Product Rule, kurz FDPR. Über diese Regel beansprucht die USA Jurisdiktion über jedes Produkt weltweit, das US-Ursprungstechnologie enthält oder mit US-Technik hergestellt wurde. Sobald amerikanische Subsysteme, Software oder Bauteile in einer Maschine stecken, reicht der amerikanische Zugriff bis nach Veldhoven. Eine EUV-Anlage erfüllt dieses Kriterium mühelos. Der Reisepass des Herstellers spielt keine Rolle, entscheidend ist die Technik im Inneren.

Auf dieser Grundlage zieht Washington die Schraube schrittweise an. Den Anfang machte 2019 der Stopp der EUV-Exporte nach China, durchgesetzt über diplomatischen Druck auf Den Haag. 2022 folgte die große Ausweitung der Biden-Regierung, die auch ältere DUV-Systeme erfasste und China auf einer wachsenden Schwarzliste betroffener Firmen zusammenschnürte. Seit Januar 2025 verlangt auch die niederländische Regierung Lizenzen für zusätzliche Anlagentypen.

DatumMaßnahme
2019Stopp der EUV-Exporte nach China nach US-Druck auf Den Haag
Okt. 2022Biden-Regierung weitet Kontrollen massiv aus, auch auf DUV
Sept. 2024Weitere Restriktionen seit Beginn der Verschärfungen
Jan. 2025Niederlande erweitern eigene Lizenzpflicht auf weitere Anlagen
Apr. 2026US-Kongress bringt MATCH Act ein, zielt auf DUV-Lieferungen und Service
Juni 2026Lutnick wirft ASML mögliche EUV-Lieferung nach China vor

Die nächste Eskalationsstufe trägt einen Namen: MATCH Act. Der parteiübergreifende Gesetzentwurf, im April 2026 in den Kongress eingebracht, würde Washington die Macht geben, für Partnerländer festzulegen, was deren Chipsektor nach China liefern darf. Zwei Punkte machen das Vorhaben brisant. Erstens soll der Verkauf von DUV-Immersionsmaschinen gestoppt werden, die China bisher noch beziehen darf. Zweitens könnte Washington verbieten, bereits gelieferte Anlagen weiter zu warten. Ein Wartungsverbot wäre eine scharfe Waffe, weil EUV- und DUV-Systeme ohne Herstellerbetreuung schnell unbrauchbar werden.

Der Gesetzentwurf enthält eine Drohung für den Fall, dass Verbündete nicht mitziehen: Dann will Washington Exportbeschränkungen gegen die Alliierten selbst verhängen. Aus europäischer Sicht liegt genau hier der Affront. Ein souveräner Staat soll vorgeschrieben bekommen, was seine eigene Schlüsselindustrie exportieren darf.

Was wirft Washington ASML konkret vor?

Offener Überseecontainer mit Modellschiff und Textetiketten vor weißem Hintergrund
Ein EUV-System wiegt 180 Tonnen und hinterlässt eine breite Transportspur.

Im Juni 2026 spitzte sich der Konflikt zu. In mehreren Treffen warnte US-Handelsminister Howard Lutnick die ASML-Führung, eine der hochentwickelten EUV-Maschinen könnte unter Verstoß gegen die Exportregeln nach China gelangt sein. Der Bloomberg-Bericht, der die Treffen öffentlich machte, stützt sich auf nicht genannte Quellen.

ASML reagierte am 19. Juni 2026 mit einer ungewöhnlich deutlichen Klarstellung. Der Konzern habe nie eine EUV-Maschine nach China geliefert, auch keine Komponente, kein Modul und kein Gerät, das speziell für den Einsatz in einem EUV-System entwickelt wurde. Diese Formulierung ist bewusst weit gefasst und schließt Baugruppen ausdrücklich ein. Öffentlich zugängliche Belege für einen solchen Export legte die US-Seite bis heute nicht vor. Das Handelsministerium äußerte sich nicht dazu, ob überhaupt Beweise vorliegen.

Die Logistik spricht für ASML. Ein EUV-System verschwindet nicht versehentlich in einem Paketzentrum. Bei 180 Tonnen Gewicht, 100.000 Teilen, Frachtflugzeugen und Speziallieferungen hinterlässt jeder Export eine breite Spur aus Dokumenten, Personal und Transportlogistik. ASML überwacht zudem jedes ausgelieferte System permanent. Von den weltweit 314 aktiven EUV-Anlagen steht nach Konzernangaben keine einzige in China. Jede Unterbrechung, jeder Standortwechsel, sogar ein Verbindungsabbruch wird sofort registriert. Über diese Fernüberwachung kursiert seit Jahren der Begriff Kill-Switch.

Wichtig für die Einordnung bleibt die Unterscheidung zwischen EUV und DUV. China besitzt zahlreiche ältere und teils sehr leistungsfähige DUV-Systeme von ASML, völlig legal erworben. Dokumentierte ASML-Technik in chinesischen Fabriken bedeutet also nicht automatisch, dass dort auch EUV-Hardware steht. In der politischen Debatte wird diese Grenze gelegentlich verwischt. Wir halten den Vorwurf bis zur Vorlage belastbarer Beweise für unbelegt, und der Markt sollte die Schlagzeile von der Faktenlage trennen.

Was kostet der Konflikt, und wer zahlt die Rechnung?

Oranger Dominostein mit „EXPORTSTOPP“ stürzt gegen weißen Dominostein mit „€4,99“-Preisschild
Am Ende der Kette zahlt der Endkunde die Rechnung.

Die unmittelbaren Folgen zeigten sich an der Börse. Anfang April 2026 gab die ASML-Aktie nach, als der MATCH Act bekannt wurde. Ende Juni summierte sich das Wochenminus im Verbund mit einem breiten Ausverkauf der Halbleiterwerte auf gut fünf Prozent.

Die Schätzungen zum tatsächlichen Schaden fallen moderat aus. Die von einem DUV-Verbot betroffenen älteren Lithografie-Werkzeuge machen nur einen Teil des Umsatzes aus, und davon entfällt wiederum nur ein Anteil auf China. Analysten taxieren den möglichen Umsatzeffekt daher im niedrigen einstelligen Prozentbereich, im schärfsten Szenario als zweistelligen Rückgang beim Gewinn je Aktie. Ein kurzfristiger Gegeneffekt kommt hinzu: Vor dem Inkrafttreten könnten chinesische Kunden Bestellungen vorziehen, was die Resultate zunächst stützt und erst mittelfristig belastet.

Den größeren Schaden sehen Fachleute nicht bei ASML selbst, sondern im Weltmarkt. Schon heute ist die Chipkapazität in mehreren Segmenten knapp. Weitere Restriktionen würden diese Knappheit verschärfen. Am Ende zahlt diese Rechnung eine lange Kette: erst die Chiphersteller, dann die Gerätebauer, schließlich die Endkunden. Eine engere Kontrolle des Engpasses verteuert das Produkt am anderen Ende der Kette. Wie sehr die gesamte digitale Wirtschaft an wenigen solchen Engstellen hängt, haben wir am Beispiel des Rohstoffs Silizium ausführlich gezeigt.

Wie politisch ist Den Haag bereit zu werden?

Waage mit Richterhammer, Tulpe und „DEN HAAG“-Schild vor weißem Hintergrund
Formal entscheidet Den Haag, praktisch greift US-Recht durch.

Der Konflikt ist längst zur Staatsangelegenheit geworden. Zweimal binnen kurzer Zeit reisten niederländische Kabinettsmitglieder nach Washington. Handelsminister Sjoerd Sjoerdsma zeigte sich nach den Gesprächen vor allem irritiert über den amerikanischen Versuch, Länder zum Lieferverzicht zu zwingen.

Die Position des Ministers ist klar: Exportkontrolle funktioniere am besten, sofern Staaten aus Überzeugung kooperieren, nicht durch eine Politik, die über die Grenze hinweg aufgezwungen werde. Grenzüberschreitende Zusammenarbeit müsse auf Freiwilligkeit beruhen. Der Minister verwies darauf, dass hier der Kern der niederländischen Wirtschaft und die eigene Ertragskraft berührt seien, eine Angelegenheit, über die Den Haag selbst entscheide.

Damit liegt die eigentliche Frage auf dem Tisch. Wem gehört die Souveränität über eine europäische Schlüsselindustrie? Formal liegt die Souveränität bei den Niederlanden. Praktisch greift über die FDPR amerikanisches Recht durch, solange US-Technik in den Maschinen steckt. Europa steckt in einem Dilemma. Den eigenen Champion schützen oder die transatlantische Bindung wahren, beides zugleich geht nicht. Wir halten die niederländische Linie für richtig und überfällig. Souveränität, die sich bei jedem ernsten Konflikt an Washington delegiert, verdient den Namen nicht.

ASML besitzt den wertvollsten Engpass der digitalen Welt und steht trotzdem unter fremder Kontrolle, weil amerikanische Technik in jeder Maschine steckt. Wer Europas Souveränität ernst meint, muss bei der Lieferkette anfangen, nicht bei der Sonntagsrede.“
Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
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Baut China sich gerade selbst die Konkurrenz?

Hand greift nach nummeriertem Maschinenteil, daneben Quietscheente mit Kegelhut, zwei Schilder
Seit Ende 2025 steht ein EUV-Prototyp in Shenzhen.

ASMLs größte Verwundbarkeit liegt nicht in Washington, sondern in der eigenen Logik der Exportkontrollen. Einem Land den Zugang zu einer Technik zu verwehren, liefert den stärksten Anreiz, diese Technik selbst zu entwickeln.

Genau das geschieht. Im Dezember 2025 berichtete Reuters von einem EUV-Prototyp in einem Hochsicherheitslabor in Shenzhen, entwickelt von einem Team ehemaliger ASML-Ingenieure durch Reverse Engineering. Die Maschine erzeugt bereits extrem ultraviolettes Licht, fertigt aber noch keinen funktionierenden Chip. Lokale Quellen vergleichen das Vorhaben in Ehrgeiz und Umfang mit einem Manhattan-Projekt. Rund hundert Hochschulabsolventen zerlegen und rekonstruieren Komponenten aus EUV- und DUV-Maschinen, jeder Arbeitsplatz wird per Kamera dokumentiert, erfolgreiche Rekonstruktionen werden mit Boni belohnt.

ASML-Chef Christophe Fouquet erklärte im April 2026 noch, China brauche viele Jahre für eine solche Technik. Diplomatisch fügte der Konzern hinzu, der Nachbau sei nachvollziehbar, aber keine kleine Leistung. In der Branche gilt als unbestritten, dass China EUV früher oder später beherrschen wird. Offen ist allein das Wann, nicht das Ob. Jeff Koch von SemiAnalysis fasst die Lage nüchtern zusammen: technisch machbar, eine Frage des Zeitplans, und China starte nicht bei null, weil kommerzielles EUV längst existiert.

Hier zeigt sich die Ironie der ganzen Strategie. Die Restriktionen sollen Chinas Aufstieg bremsen. Womöglich beschleunigen die Kontrollen den Aufstieg sogar, weil sie eine Konkurrenz erzwingen, die sonst nie entstanden wäre. Eine Mauer schützt nur so lange, bis der Eingesperrte gelernt hat, selbst zu mauern. Ähnliche Muster zeigen sich bei chinesischen KI-Chips, wo Sanktionen den Aufbau einer eigenen, zunächst schwächeren Lieferkette ausgelöst haben.

Was bedeutet der ASML-Konflikt für deutsche Unternehmer?

Metallkette mit gerissener Stelle, mit Klebeband repariert und Anhänger „KRITISCHER ENGPASS“
Deutschlands Chip-Eigenproduktion liegt unter drei Prozent des Weltmarkts.

Der Fall ASML ist mehr als ein Konzerndrama. Er liefert eine Lehrstunde über Abhängigkeit, die jeden Entscheider im DACH-Raum betrifft.

Die erste Lehre betrifft die Lieferkette. Deutschland importiert praktisch alle fortschrittlichen Chips, der Anteil heimischer Produktion am Weltmarkt liegt unter drei Prozent. Eine Volkswirtschaft, die auf Automobilbau, Maschinenbau und Industrie der nächsten Generation setzt, hängt damit vollständig an einer Kette, deren kritische Glieder andere kontrollieren. Bei jeder Hardware-Beschaffung gehört das Wissen dazu, an welchen Engpässen die eigene Versorgung hängt und welche politischen Risiken daran kleben.

Die zweite Lehre betrifft die Souveränität. Der ASML-Fall zeigt, dass technologische Abhängigkeit zur politischen Abhängigkeit wird. Eine Firma kann Weltmarktführer und zugleich erpressbar sein, sobald fremde Bauteile im eigenen Produkt stecken. Für die eigene IT-Strategie heißt das, kritische Funktionen nicht auf einen einzigen Anbieter oder eine einzige Jurisdiktion zu stützen. Eine zweite Bezugsquelle ist die günstigste Versicherung gegen geopolitische Schocks.

Die dritte Lehre ist die unbequemste. Europa besitzt mit ASML einen der wertvollsten Trümpfe der globalen Technologie und kann ihn dennoch nicht autonom ausspielen. Die richtige Konsequenz daraus bedeutet, heute zu prüfen, wo die stillen Engpässe der eigenen Wertschöpfung liegen. Haben Sie sich schon gefragt, an welchem einzelnen Lieferanten Ihr Geschäft hängt, ohne dass Ihnen das je aufgefallen wäre?

Glossar: 15 wichtige Fachbegriffe zu ASML und der EUV-Lithografie

ASML

ASML ist der niederländische Hersteller von Lithografie-Maschinen aus Veldhoven, gegründet 1984. Der Konzern hält das weltweite Monopol bei EUV und gilt als profitabelstes Technologieunternehmen Europas. Ohne die Maschinen aus Veldhoven entsteht kein Spitzenchip.

Carl Zeiss SMT

Carl Zeiss SMT ist der deutsche Optikzulieferer aus Oberkochen, der die Präzisionsoptik für die EUV-Systeme aus Veldhoven liefert. Der Konzern hält knapp ein Viertel der Anteile. Diese Optik gehört zu den anspruchsvollsten industriell gefertigten Bauteilen der Welt.

Dual-Use

Dual-Use bezeichnet Güter, die sich zivil und militärisch nutzen lassen und deshalb einer Exportlizenz bedürfen. Lithografietechnik fällt in diese Kategorie, weil moderne Chips auch in Waffensystemen stecken.

DUV (Deep Ultraviolet)

DUV (Deep Ultraviolet) ist die ältere Lithografie-Generation mit längerwelligem Licht. Für viele Fertigungsschritte bleibt die Technik relevant, für die feinsten Knoten reicht sie nicht. China besitzt zahlreiche legal erworbene DUV-Anlagen.

Entity List

Entity List nennt sich die US-Schwarzliste, die Geschäfte mit gelisteten Unternehmen beschränkt oder verbietet. Über dieses Instrument schließt Washington chinesische Chip- und KI-Firmen vom Zugang zu westlicher Technik aus.

EUV (Extreme Ultraviolet)

EUV (Extreme Ultraviolet) ist die Lithografie mit extrem ultraviolettem Licht bei 13,5 Nanometern Wellenlänge. Nur diese Technik ermöglicht die kleinsten Chipstrukturen. Der Konzern hält hier das weltweite Monopol.

FDPR (Foreign-Direct Product Rule)

FDPR (Foreign-Direct Product Rule) ist die US-Regel, die amerikanische Jurisdiktion auf jedes Produkt ausdehnt, das US-Technik enthält oder mit US-Technik hergestellt wurde. Dieser Hebel bringt ein niederländisches Unternehmen unter amerikanische Kontrolle.

High-NA-EUV

High-NA-EUV ist die nächste EUV-Stufe mit höherer numerischer Apertur. Die Technik erlaubt Strukturen unter zwei Nanometern. Eine einzelne Anlage kostet zwischen 350 und 400 Millionen Euro.

Kill-Switch

Kill-Switch steht umgangssprachlich für die Fernüberwachung des Herstellers, über die sich Maschinen orten und im Funktionsumfang einschränken lassen. Ohne Freigabe kann kein Kunde ein System unbemerkt bewegen oder umbauen.

Lithografie

Lithografie ist das Verfahren, das mit Licht feinste Schaltkreismuster auf Siliziumscheiben überträgt. Dieser Schritt ist das Herz jeder Chipfertigung und bestimmt, wie klein und leistungsfähig ein Chip wird.

MATCH Act

MATCH Act ist ein US-Gesetzentwurf von April 2026. Er soll Washington erlauben, Partnerländern Exportvorgaben gegenüber China zu machen, samt möglichem Wartungsverbot für bereits gelieferte Anlagen.

Nanometer-Knoten

Nanometer-Knoten ist das Maß für die Strukturgröße eines Chips. Je kleiner der Knoten, desto leistungsfähiger und energieeffizienter der Chip. Spitzenwerte liegen heute bei zwei bis drei Nanometern.

Reverse Engineering

Reverse Engineering bezeichnet das Zerlegen eines Produkts, um seine Funktionsweise zu verstehen und nachzubauen. Chinesische Teams nutzen diese Methode, um die EUV-Technik aus Veldhoven zu rekonstruieren.

Wafer

Wafer ist die dünne Siliziumscheibe, auf der die Chips gefertigt werden. Auf einem einzigen Wafer entstehen hunderte Chips gleichzeitig, bevor er in einzelne Bausteine zerteilt wird.

Wassenaar-Abkommen

Wassenaar-Abkommen ist das internationale Exportkontrollregime für Güter mit doppeltem Verwendungszweck. EUV-Technik steht auf dessen Liste und benötigt eine Exportlizenz.

FAQ: ASML: Europas Monopolist, Amerikas Geisel

Lupe mit Gravur, Vorhängeschloss und FAQ-Anhänger auf weißem Grund
Sechs Antworten auf die wichtigsten Fragen zum ASML-Konflikt.

Was macht ASML so unersetzlich?

Das Unternehmen ist der einzige Hersteller kommerzieller EUV-Lithografie-Systeme. Ohne diese Maschinen lassen sich Chips unterhalb von sieben Nanometern nicht wirtschaftlich fertigen. Damit hängt die gesamte Spitzenfertigung von TSMC, Samsung und Intel an einem einzigen Lieferanten.

Warum kann die USA einem niederländischen Unternehmen Vorschriften machen?

Über die Foreign-Direct Product Rule beansprucht Washington Zugriff auf jedes Produkt, das amerikanische Technik enthält. Weil in den Maschinen aus Veldhoven US-Komponenten stecken, reicht die amerikanische Jurisdiktion bis in die Niederlande.

Hat ASML wirklich eine EUV-Maschine nach China geliefert?

Der Hersteller dementiert das vollständig. Der Konzern erklärte am 19. Juni 2026, nie eine EUV-Maschine oder eine speziell dafür entwickelte Komponente nach China geliefert zu haben. Öffentliche Beweise für den Vorwurf liegen bislang nicht vor.

Was ist der Unterschied zwischen EUV und DUV?

EUV nutzt Licht mit 13,5 Nanometern Wellenlänge und ermöglicht die feinsten Chipstrukturen. DUV arbeitet mit längerwelligem Licht und ist für ältere Fertigungsschritte gedacht. China besitzt legal erworbene DUV-Systeme, aber keine EUV-Anlagen.

Was würde der MATCH Act für ASML bedeuten?

Der Gesetzentwurf könnte den Verkauf von DUV-Maschinen nach China stoppen und sogar die Wartung bereits gelieferter Anlagen verbieten. Analysten rechnen mit einem Umsatzrückgang von rund fünf Prozent, im schärfsten Szenario mit bis zu zehn Prozent weniger Gewinn je Aktie.

Kann China EUV-Technik selbst entwickeln?

Ein EUV-Prototyp steht seit Ende 2025 in einem Labor in Shenzhen, gebaut von ehemaligen Ingenieuren des Konzerns. Die Maschine erzeugt bereits passendes Licht, fertigt aber noch keine Chips. In der Branche gilt als sicher, dass China die Technik beherrschen wird, offen ist nur der Zeitpunkt.

Quellen

14 Quellen anzeigenQuellen ausblendenabgerufen am 28.06.2026
  1. Reuters / Global Banking and FinanceASML shares fall as US Congress plan to restrict China exports
  2. NL TimesDutch government irritated by U.S. plans for new ASML export restrictions
  3. BloombergUS Tells ASML It’s Concerned China May Have Top Chip Tool
  4. CNBCASML shares fall after proposed U.S. export curbs target an already fragile China market
  5. ASML / SECQ4/FY2024 Investor Presentation (China-Anteil 41 % 2024)
  6. ASML / SECQ3 2025 Investor Presentation (China 42 % Systemumsatz)
  7. Counterpoint ResearchASML’s 2024 Revenue Hits Record High
  8. igor’sLABASML rejects EUV allegation, no lithography system or special components delivered to China
  9. Verdict / Yahoo FinanceASML asserts compliance with China export controls on EUV machines
  10. Börse ExpressASML: MATCH Act droht China-Geschäft
  11. IEP@BU BocconiWhy ASML is the EU’s most Important Bargaining Chip
  12. Trending TopicsChip-Dominanz: China hat es geschafft, die EUV-Maschinen von ASML nachzubauen
  13. ASMLOur history
  14. ASML / SECForm 6-K FY2016, ZEISS Partnership High-NA EUV
4,5 16 Bewertungen

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