Das Rechenzentrum in Maintal sollte eine Milliarde Euro kosten und sich selbst mit Strom versorgen. Beides ist vorerst vom Tisch. Eine Bürgerinitiative, der BUND und ein 25-seitiges Schriftstück haben das Projekt gestoppt.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDie Rechnung des US-Konzerns EdgeConneX war einfach kalkuliert. Strom braucht das geplante Rechenzentrum sofort, der reguläre Netzanschluss steht erst 2037 zur Verfügung, also baut man das Kraftwerk eben selbst. In Hessen funktioniert diese Logik nicht.
Das Wichtigste in Kürze
- EdgeConneX legt den Bau eines 170-MW-Gaskraftwerks im Maintaler Stadtteil Dörnigheim auf Eis
- Acht Gasmotoren mit jeweils 345 Tonnen Gewicht und 19 Metern Länge hätten ein rund 400 Meter langes Gebäude im Inselbetrieb versorgen sollen
- Eine Milliarde Euro Investitionsvolumen sind vorerst gestoppt, das parallele Amazon-Rechenzentrum in Bischofsheim läuft weiter
- Bürgermeisterin Monika Böttcher bestätigt: Der Konzern sucht jetzt Alternativen für die Stromversorgung
Was im Inselbetrieb tatsächlich geplant war

Der Standort liegt auf dem ehemaligen Sirius-Gelände in Dörnigheim. Wenige hundert Meter entfernt: Wohnhäuser. Die acht Gasmotoren hätten dauerhaft laufen müssen, um den Betrieb abzusichern. Ein Industriekraftwerk vor der Haustür, finanziert durch die Stromrechnung eines einzigen US-Konzerns. Mehr als ein Drittel der deutschen Rechenzentrumskapazität ballt sich im Großraum Frankfurt, die Region wächst mit 14 Prozent pro Jahr. Maintal sollte das nächste Puzzleteil werden.
Wie der Widerstand seine Wucht entfaltete

Zwei Anwohner haben sich in die Planungsunterlagen eingearbeitet und eigene Berechnungen vorgelegt. Gemeinsam mit dem BUND entstand eine 25-seitige Stellungnahme an das Regierungspräsidium Darmstadt. Eine Bürgerveranstaltung im Evangelischen Gemeindezentrum zog rund 200 Gäste an. Das Schlagwort vom „fossilen Rechenzentrum“ haftete dem Projekt an. Als die FDP-Fraktion mit Thomas Schäfer öffentlich erklärte, ein Gaskraftwerk mitten im Stadtgebiet sei nicht akzeptabel, kippte die Stimmung im Stadtparlament endgültig. Den Schritt zum vorläufigen Stopp bestätigte das Maintaler Rathaus gegenüber dem Hessischen Rundfunk.
In Maintal hat ein 25-seitiges Bürger-Papier mehr bewegt als eine Milliarde Euro Investitionsvolumen. Das sollte deutschen Standort-Investoren zu denken geben.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was das für andere Standorte bedeutet

Maintal ist kein Einzelfall. Groß-Gerau hat ein vergleichbares EdgeConneX-Vorhaben mit 120-MW-Gaskraftwerk und Diesel-Ersatzgeneratoren abgelehnt. Babenhausen bremst eine Drei-Milliarden-Investition von Stack Infrastructure. Auch in Niederbayern formiert sich Widerstand gegen geplante Erdgas-Anlagen am Wacker-Standort. Das Muster ist überall gleich: Konzerne unterschätzen, wie schnell sich deutsche Anwohner organisieren, sobald ein Industriekamin ins Wohngebiet rückt. Die Debatte um Hitzeinseln und Stadtklima verschärft das Problem zusätzlich; das Fraunhofer-IOSB simuliert bereits, wie stark einzelne Berliner Viertel kochen, und solche Daten landen jetzt regelmäßig in Bürgerstellungnahmen.
Für Investoren heißt das: Die Standortwahl beginnt nicht beim Stromnetz, sondern bei der Akzeptanz. Bei einem Netzanschluss erst Mitte der 2030er Jahre sollte die Lücke nicht mit fossilen Aggregaten überbrückt werden.
Wie es in Maintal weitergeht

Endgültig vom Tisch ist das Projekt nicht. EdgeConneX prüft alternative Stromkonzepte, konkrete Optionen oder Zeitpläne stehen bislang nicht im Raum. Offen bleibt die strukturelle Frage: Bekommt Deutschland Rechenzentren dieser Größenordnung überhaupt versorgt, solange das Stromnetz so reagiert, wie es heute reagiert? Mailand zeigt mit dem Forestami-Programm und drei Millionen Bäumen bis 2030, dass Stadtklima planbar bleibt. Maintal zeigt, dass Standort-Pläne ohne Anwohner-Akzeptanz nicht planbar sind.
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