Das Fraunhofer-Institut für Optronik IOSB baut 4D-Stadtzwillinge, die Hitzeinseln nicht nur kartieren, sondern auch ihre zukünftige Entwicklung simulieren. Berlin liegt zu 62 Prozent in Hitze-Klassen „stark“ oder „sehr stark“. Was die Karte bedeutet, hängt nicht am Wetter, sondern an der Bauleitplanung.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenGeht es Ihnen auch so? Mitten in der Innenstadt schlägt das Thermometer zehn Grad über das, was auf dem Land gemessen wird, und Nachts bleibt es heißer. Der Effekt heißt Urban Heat Island, kurz UHI. Die heißesten Viertel deutscher Städte sind nach Daten des Robert-Koch-Instituts auch die ärmsten. Hitze ist damit keine Wetter-, sondern eine Verteilungsfrage.
Das Wichtigste in Kürze
- Fraunhofer IOSB baut 4D-Digitalzwillinge aus Luftbild- und Sensordaten
- 62 Prozent der Berliner Innenstadt-Wohnbestände liegen in UHI-Klassen „stark“ oder „sehr stark“
- RKI dokumentiert für 2022 rund 4.500 hitzebedingte Sterbefälle in Deutschland
- Simulationen prüfen Gegenmaßnahmen vor der Umsetzung
- EU-Förderprogramm Mission Climate-Neutral Cities treibt das Thema
Wie funktioniert der 4D-Stadtzwilling?

Das IOSB kombiniert hochaufgelöste Luftbilder mit Infrarot- und Thermalkameras, photogrammetrischer 3D-Rekonstruktion und meteorologischer Modellierung. Jedes Stadtquartier bekommt eine Klasse zugewiesen, die seine Hitze-Empfindlichkeit zu jeder Tageszeit abbildet.
Die vierte Dimension ist die Zeit: Bäume wachsen, Gebäude entstehen, Versiegelung schreitet voran. Die Simulation rechnet das durch und liefert Vorher-Nachher-Bilder zu konkreten Maßnahmen.
Konkret bedeutet das: Bevor eine Stadt 100 Bäume an einer Straße pflanzt, simuliert der Zwilling den Effekt auf die Oberflächentemperatur.
Dasselbe gilt für Cool-Roof-Beschichtungen, Fassadenbegrünung oder Entsiegelung von Parkplätzen. Eine Million Euro Sanierungsbudget kann so vorher in der Variante mit der höchsten messbaren Wirkung verplant werden, statt nach Bauchgefühl.
Warum sind die heißesten Viertel die ärmsten?

Daten des Berliner Umweltatlas zeigen, dass 62 Prozent der Innenstadt-Wohnungsbestände in den UHI-Klassen „stark“ oder „sehr stark“ liegen. Diese Viertel haben dichteste Bebauung, wenig Stadtgrün und alte Bausubstanz ohne sommerlichen Wärmeschutz. Die Mietpreise dort sind oft niedriger, weshalb einkommensschwächere Haushalte dort wohnen. Sie tragen also den höheren Gesundheitsrisiko-Anteil, ohne ihn beeinflussen zu können.
Hitzekarten sind nicht Wetterforschung, sondern Sozialpolitik mit GIS-Werkzeugen. Wer in Berlin Mitte oder Kreuzberg saniert, kann mit dem 4D-Zwilling vorher zeigen, welche Sanierungsmaßnahme welchen Mieter wie spürbar entlastet. Bei knappen Budgets ist das die entscheidende Information.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Was sollten Kommunen jetzt tun?

Das Klimaanpassungsgesetz von 2024 verpflichtet Kommunen, Klimaanpassungskonzepte zu erstellen. Wer noch keinen Hitzeaktionsplan hat, kann auf die Fraunhofer-Projektseite zu urbanen Hitzeinseln schauen. Das IOSB bietet Beratung für Stadtplaner und Gemeinden an. Leipzig hat seinen Hitzeaktionsplan 2024 bis 2026 bereits verabschiedet, Bonn folgte 2026 mit einem gesamtstädtischen Schwammstadt-Konzept, das Schwammstadt-Prinzipien und Hitzeminderung verbindet.
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Für Wohnungsunternehmen liefert der Zwilling außerdem Daten für die ESRS-E1-9-Berichterstattung. Die EU-Nachhaltigkeitsberichterstattung verlangt seit 2024 Angaben zu physischen Klimarisiken, und Hitze ist eines davon. Daten aus DWD und Copernicus reichen für die Pflichtberichterstattung, kommerzielle Anbieter beschleunigen aber die Asset-Level-Bewertung größerer Portfolios spürbar.
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