Artikel teilen

Im Elektronikwerk Erlangen hat Siemens am Montag zwei KI-Anwendungen vorgeführt, die das Unternehmen seit Januar mit Nvidia entwickelt. Ein Prüfsystem lernt neue Leiterplatten an Bildern aus dem digitalen Zwilling kennen, ein KI-Agent rechnet Produktionspläne durch. Am selben Tag unterschrieb die Bundesregierung eine Absichtserklärung mit Nvidia.

drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügen

Bisher wartete die Qualitätsprüfung in Erlangen auf den ersten physischen Prototyp einer neuen Leiterplatte. Erst an ihm lernte das Bildverarbeitungssystem, wie die Platine aussieht, danach richteten Mitarbeiter die Prüfung von Hand ein. Das dauerte oft mehrere Wochen und verzögerte den Produktionsbeginn.[1]

Das Wichtigste in Kürze

  • Siemens trainiert die Leiterplattenprüfung in Erlangen mit KI-Bildern aus dem digitalen Zwilling, bevor ein Prototyp existiert.
  • Der Ingenieursaufwand für neue Leiterplatten sinkt laut Siemens um bis zu 85 Prozent.
  • Ein KI-Agent spielt für neue Aufträge Produktionsszenarien durch, Siemens nennt bis zu 20 Prozent mögliche Einsparung.
  • Wirtschafts- und Forschungsministerium wollen mit Nvidia offene KI-Modelle für die Industrie entwickeln.

Wie lernt eine Kamera eine Platine, die es noch nicht gibt?

Bestückte weiße Leiterplatte neben einem orangefarbenen 3D-Gitternetzmodell
KI generiert fotorealistische Bilder von Leiterplatten aus digitalem Zwilling zum Trainieren von Prüfsystemen in der Antriebsfertigung

Die Leiterplatten sind das Herzstück der Antriebe und Frequenzumrichter, die in Erlangen entstehen. Für neue Varianten erzeugt jetzt eine KI aus dem digitalen Zwilling fotorealistische Bilder der Platine, an denen das Prüfsystem trainiert.[1] Die Trainingsdaten liefern Nvidias Weltmodelle namens Cosmos, also KI-Modelle, die physikalisch plausible Szenen erzeugen.

Der Engpass lag in der Reihenfolge: Das Training brauchte die fertige Platine, die Serie wiederum das fertige Training. Synthetische Bilder entkoppeln beides. Siemens beziffert den Effekt auf bis zu 85 Prozent weniger Ingenieursaufwand und eine um bis zu 40 Prozent kürzere Zeit bis zur Markteinführung.[1] Unabhängig geprüft sind die Werte nicht, das „bis zu“ beschreibt den besten Fall.

Was übernimmt der KI-Agent in der Planung?

Bisher wogen Planer in Erlangen Kapazität, Material, Liefertermine und Fertigungslinien nach Erfahrung gegeneinander ab. Jetzt erstellt ein KI-Agent für jeden neuen Auftrag mehrere Szenarien und zeigt deren Kennzahlen. Ein digitaler Zwilling der gesamten Fertigung prüft die Vorschläge, bevor sie umgesetzt werden.[1] Siemens erwartet dadurch bis zu 20 Prozent geringere Kosten.

„Fabriken müssen mit Veränderungen ebenso gut umgehen können wie mit Wiederholungen“, sagt Rev Lebaredian, bei Nvidia für die Simulation von KI in Robotern und Maschinen zuständig. Ähnlich arbeitet BMW: Dort soll ein KI-Agent im Einkauf Lieferantenkapazitäten in Minuten statt Wochen prüfen. Schaeffler lernt im nahen Frauenaurach humanoide Roboter für die Fertigung an.

Die 85 Prozent stammen aus dem Werk, das Siemens seinen Kunden vorführt. Den Beweis liefert erst ein Mittelständler in seiner eigenen Halle.

Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Zitat teilen
Das Siemens-Werk Erlangen in Zahlen
Was Siemens seinen neuen KI-Anwendungen zuschreibt, alles Herstellerangaben
bis 85 %
weniger Ingenieursaufwand bei neuen Leiterplatten
bis 40 %
kürzere Zeit bis zur Markteinführung
bis 20 %
Kosteneinsparung durch die Planung mit einem KI-Agenten
über 100
KI-Algorithmen laufen im Werk in Produktion, Logistik, Prüfung und Wartung
500 Mio. €
investiert Siemens bis 2030 in den Ausbau des Standorts

Was bedeutet die Absichtserklärung für den Mittelstand?

Beim Gipfel „Invest in Germany“ in Berlin unterzeichneten das Wirtschafts- und das Forschungsministerium am Montag eine Absichtserklärung mit Nvidia.[2] Gemeinsam sollen offene KI-Modelle für die Industrie entstehen, aufbauend auf Nvidias Nemotron und Cosmos. Im Mittelpunkt steht die Plattform Industrie 4.0, ein Netzwerk aus Politik, Industrie, Forschung und Verbänden, das die Regierung ganz auf industrielle KI ausrichtet. Eine Fördersumme hat das Bundespresseamt nicht veröffentlicht, im Vorfeld hatte das Handelsblatt von einem dreistelligen Millionenbetrag berichtet.

Bundeskanzler Friedrich Merz rief den Mittelstand auf, seine Türen für KI zu öffnen und die vorhandenen Daten zu nutzen.[3] Erlangen hat dabei einen Vorsprung: Seit über zehn Jahren erprobt Siemens dort digitale Fertigung, mehr als 100 KI-Algorithmen laufen im Betrieb.[1] Bis 2030 fließen 500 Millionen Euro in den Standort. Zwei Schritte bereiten kleinere Betriebe vor:

  • Konstruktions- und Prüfdaten neuer Produkte so ablegen, dass ein digitaler Zwilling sie lesen kann.
  • Den ersten Einsatz dort wählen, wo heute ein Prototyp oder das Einrichten von Hand den Serienstart bremst.

Am Mittwoch, 21. Oktober, hält Jensen Huang die Eröffnungsrede der Nvidia-Konferenz GTC in Berlin.

Quellen

3 Quellen anzeigenQuellen ausblenden
  1. SiemensSiemens und NVIDIA vertiefen Partnerschaft und treiben KI-gestützte, autonome Fabrik voran19.10.2026
  2. BundesregierungBundesregierung stärkt Entwicklung und Anwendung Industrieller KI über Zusammenarbeit mit internationalen Partnern19.10.2026
  3. NvidiaGermany Wants to Lead the World in Industrial AI: How NVIDIA Will Help19.10.2026

Mehr Newshunger?

4,4 10 Bewertungen

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?