In Frauenaurach bei Erlangen betreibt Schaeffler eine Trainingshalle, in der humanoide Roboter für die Fertigung angelernt werden. Ab 2027 sollen die ersten Maschinen in Herzogenaurach und Schweinfurt mitarbeiten. Der Termin trifft auf ein neues EU-Recht und auf eine Sicherheitsnorm, die es bis heute nicht gibt.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDie Roboter-Schule in Frauenaurach unterscheidet sich von einer Werkshalle vor allem darin, dass hier nichts produziert wird. Zweibeinige Digit-Roboter von Agility Robotics heben Behälter an und setzen sie wieder ab. Die Nürnberger Nachrichten haben die Halle besucht, Abteilungsleiter Sebastian Jonas führt dort Maschinen vor, die eine Aufgabe nicht nur ausführen, sondern auch einordnen sollen.
Das Wichtigste in Kürze
- Schaeffler trainiert humanoide Roboter in Frauenaurach, die ersten Einsätze sind für 2027 in Herzogenaurach und Schweinfurt vorgesehen.
- Grundlage ist eine Minderheitsbeteiligung an Agility Robotics samt Kaufabsicht für ein Werksnetz von rund 100 Standorten bis 2030.
- Das Training läuft über digitale Zwillinge und Imitationslernen statt über klassische Bahnprogrammierung.
- Am 20. Januar 2027 löst die EU-Maschinenverordnung die Maschinenrichtlinie ab, die passende Sicherheitsnorm für zweibeinige Roboter fehlt noch.
Was passiert in der Roboter-Schule von Schaeffler?

In Frauenaurach lernen Digit-Roboter von Agility Robotics, Behälter in Rüst- und Kommissionierbereichen aufzunehmen und abzusetzen. Geübt wird überwiegend im digitalen Zwilling, nicht an der realen Linie. Die ersten Absolventen sollen 2027 in Herzogenaurach und Schweinfurt arbeiten.
Schaeffler hat sich im November 2024 minderheitlich an Agility Robotics beteiligt und zugleich angekündigt, Humanoide für das eigene Werksnetz zu kaufen.[1] Rund 100 Werke umfasst das Zielnetz bis 2030, bei gut 120.000 Beschäftigten weltweit. Die Größenordnung hat der Konzern im Frühjahr selbst beziffert.
Die Trainingsumgebung stammt nicht aus dem Maschinenbau. Schaeffler bildet die Halle als digitalen Zwilling in Nvidia Omniverse ab und bereitet die Betriebsdaten mit Microsoft Fabric auf, gemeinsam mit Accenture.[2] Die Roboter lernen dabei durch Beobachtung, also über Imitationslernen.
Warum ist das Training der eigentliche Engpass?
Ein Industrieroboter bekommt eine Bahn programmiert, ein Humanoid bekommt Beispiele. Davon braucht er sehr viele, weil jeder Griff in tausenden Varianten vorliegen muss. Reale Aufnahmen liefern diese Menge nicht in vertretbarer Zeit, deshalb steht die Simulation vor der Halle.
Im digitalen Zwilling entstehen in Stunden Varianten, die auf dem Hallenboden Monate kosten würden: der verbeulte Behälter, der schräg stehende Stapel. Nicht die Mechanik begrenzt also den Rollout, sondern die Datenmenge.
Andere Konzerne ziehen dieselbe Konsequenz. In Landshut baut BMW nicht den Roboter, sondern die Intelligenz humanoider Robotik, und Bosch und Schaeffler stehen gemeinsam hinter Europas erstem Humanoiden-Einhorn.
Wie weit Ankündigung und Stückzahl auseinanderliegen, zeigt Hyundai: 30.000 Atlas pro Jahr sind geplant, gebaut werden vier pro Monat. Auch bei Rossmann läuft ein einzelner Walker S2 im Verteilzentrum, kein Schwarm.
Die Schule vor dem Werk ist keine Marotte, sondern das Eingeständnis, dass humanoide Roboter Erfahrung sammeln müssen und nicht bloß ein Software-Update brauchen.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Wo die Sicherheitsnorm noch fehlt
Überarbeitet im Februar 2025. Setzt statisch stabile Roboter voraus, die ohne Strom stehen bleiben.
Vorgesehene Typ-C-Norm für dynamisch stabile mobile Roboter, also für zweibeinige Maschinen. Bislang nicht veröffentlicht.
Betriebe setzen die Risikobeurteilung aus ISO 10218:2025 und ISO 13849-1 selbst zusammen und begründen sie eigenständig.
Was bedeutet das für deutsche Fabriken?
Der Starttermin 2027 fällt mit einem Rechtswechsel zusammen. Am 20. Januar 2027 löst die EU-Maschinenverordnung 2023/1230 die alte Maschinenrichtlinie ab und stuft Maschinen mit selbstentwickelndem Verhalten in Sicherheitsfunktionen als Hochrisiko-Maschinen ein.
Anhang I der Verordnung nennt ausdrücklich Maschinen mit vollständig oder teilweise selbstentwickelndem Verhalten unter Einsatz von maschinellem Lernen, sofern dieses Verhalten Sicherheitsfunktionen übernimmt.[3] Ein trainierter Humanoid, dessen Ausweichverhalten aus Daten stammt, passt genau in diese Beschreibung.
Die Normen hinken hinterher. ISO 10218-1 und ISO 10218-2 wurden im Februar 2025 überarbeitet, setzen aber statisch stabile Roboter voraus, die ohne Strom einfach stehen bleiben. Ein zweibeiniger Humanoid balanciert dagegen aktiv und fällt. Die dafür vorgesehene Typ-C-Norm ISO 25785-1 ist bis heute nicht veröffentlicht.
Betriebe müssen die Risikobeurteilung deshalb aus ISO 10218:2025 und ISO 13849-1 selbst zusammensetzen und eigenständig begründen. Planen Sie einen Humanoiden für 2027, gehört diese Beurteilung ins Lastenheft, bevor der erste Roboter geliefert wird. Auch die Trainingsdaten gehören dokumentiert, weil Software-Updates unter der neuen Verordnung als wesentliche Veränderung gelten.
Vor der Beschaffung steht ohnehin die nüchterne Frage nach dem tatsächlichen Bedarf. Eine Roboter-Schule ersetzt keinen Prozess, der auch mit einem Förderband funktioniert.
Quellen
[1] Agility Robotics: „Agility Robotics Announces Strategic Investment and Agreement with Motion Technology Company Schaeffler Group“ (13. November 2024)
[2] Accenture: „Accenture und Schaeffler ebnen humanoiden Robotern den Weg in die Industrie mit Technologien von NVIDIA und Microsoft“ (1. April 2025)
[3] Amtsblatt der Europäischen Union: Verordnung (EU) 2023/1230 über Maschinen
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