Das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung hat einen industriellen Benchmark für humanoide Roboter veröffentlicht. Sechs Kriterien machen die Maschinen erstmals nüchtern vergleichbar. Im hauseigenen Test zeigt der Unitree G1 die Grenzen des aktuellen Stands der Technik.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenMit dem neuen Fraunhofer-Benchmark bekommt der deutsche Mittelstand ein dringend benötigtes Werkzeug. Geht es Ihnen auch so? Auf jeder Industriemesse drängt ein neuer humanoider Roboter ins Bild, jeder Hersteller verspricht Revolution. Was die Maschinen tatsächlich können, blieb bisher unklar. Fraunhofer IPA in Stuttgart hat die Lücke jetzt geschlossen.
Das Wichtigste in Kürze
- Fraunhofer IPA veröffentlicht Benchmark zur unabhängigen Bewertung humanoider Roboter.
- Sechs Kriterien: Energie-Effizienz, Funktionssicherheit, IT-Sicherheit und drei weitere industrielle Maßstäbe.
- Erster Praxistest am Unitree G1 EDU-4 mit Dex3-1-Hand und Firmware 1.04.
- Begleitend: Readiness-Navigator zur Einordnung von Robotern und Anwendungen auf fünf Reifegraden.
Was misst der Benchmark genau?

Sechs harte Kriterien. Der IPA-Benchmark prüft humanoide Roboter auf konkrete industrielle Tauglichkeit. Neben Energie-Effizienz stehen Funktions- und IT-Sicherheit im Zentrum. Funktionssicherheit meint dabei das verlässliche Stoppen bei Fehlern, IT-Sicherheit den Schutz gegen Angriffe von außen. Hinzu kommen Kriterien zur mechanischen Belastbarkeit, zur Reaktionsfähigkeit auf unerwartete Situationen und zur Wartungsfreundlichkeit. Werner Kraus, Leiter der Forschungsabteilung Automatisierung und Robotik am IPA, ordnet die Methode klar ein: „Mit diesem Tool lassen sich Humanoide nicht nur untereinander vergleichen, sondern auch mit bekannten Automatisierungskomponenten.“
Eigentest am Unitree G1. Das IPA hat den Benchmark selbst angewendet, am Unitree G1 EDU-4 mit Dex3-1-Drei-Finger-Hand, ausgeliefert im Mai 2025 mit Firmware-Version 1.04. Die Forscher zeigen damit, wie groß der Unterschied zwischen Marketing-Versprechen und industrieller Tauglichkeit aktuell ist. Konkrete Schwächen werden im Bericht benannt, allerdings ohne den Hersteller bloßzustellen. Die Methode zielt auf Vergleichbarkeit, nicht auf Schaden für einzelne Anbieter.
Warum braucht der Mittelstand diesen Benchmark?

Investitionssicherheit. Humanoide Roboter kosten zwischen 12.000 Euro für chinesische Einstiegsmodelle und über 200.000 Euro für US-Industriemodelle. Ohne unabhängige Vergleichsdaten ist jede Anschaffung ein Risiko. Schaeffler hat bereits eine vierstellige Stückzahl humanoider Roboter bei US-Anbietern bestellt, BMW pilotiert in Spartanburg, Audi prüft Tesla Optimus. Wer als deutscher Mittelständler nachziehen will, hatte bisher keine Grundlage für sachliche Entscheidungen. Der IPA-Benchmark füllt diese Lücke.
Readiness-Navigator. Neben dem Benchmark veröffentlicht IPA einen Readiness-Navigator. Das Werkzeug ordnet sowohl Roboter als auch geplante Anwendungen auf fünf Reifegraden ein, von „Konzeptprüfung“ bis „Serieneinsatz“. Damit lässt sich vor der Anschaffung prüfen, ob ein bestimmter Roboter für eine konkrete Aufgabe in der eigenen Fertigung reif genug ist. Das spart Geld, weil viele Pilotprojekte daran scheitern, dass die Robotik-Reife falsch eingeschätzt wurde.
Der Fraunhofer-Benchmark ist überfällig. Wer heute Humanoide einkauft, ohne das IPA-Raster vorher anzuwenden, kauft im Blindflug. Schaeffler und BMW machen Investitionen für die deutsche Industrie vor, der Mittelstand braucht jetzt die Vergleichsdaten.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Wie können Unternehmen den Benchmark nutzen?

Offene Methodik. Fraunhofer IPA veröffentlicht den Benchmark als Methode, nicht als Produkttest. Hersteller und Anwender können das Raster selbst anlegen oder unabhängige Prüfer beauftragen. Die Ergebnisse lassen sich direkt mit klassischen Automatisierungs-Kennzahlen vergleichen. Ein humanoider Roboter konkurriert in einem Kommissionier-Anwendungsfall nicht nur mit anderen Humanoiden, sondern auch mit klassischen AMR-Lösungen oder festen Förderbändern.
Konkrete Schritte. Geschäftsführer im Maschinenbau, in der Logistik und in der Fertigung sollten das Whitepaper an die eigene Automatisierungsabteilung weiterleiten. Vor der ersten Humanoid-Anschaffung empfiehlt sich ein Workshop mit dem IPA, alternativ eine eigene Bewertung mit dem Readiness-Navigator. Pilotprojekte mit Humanoiden bleiben 2026 ein Risiko, aber dieses Risiko lässt sich jetzt erstmals strukturiert beziffern.
Den vollständigen Bericht und das Whitepaper finden Sie auf der Fraunhofer-IPA-Seite.
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