Zwei deutsche Traditionsunternehmen bündeln ihre Kräfte für das schwierigste Bauteil der humanoiden Robotik. Bosch und Schunk wollen gemeinsam eine Roboterhand entwickeln, die sich in unterschiedliche Humanoiden einsetzen lässt.

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Eine humanoide Roboterhand hat auf der Bosch ConnectedWorld im Juni ein Getränk aus dem Regal genommen und auf die Theke gestellt, ein simpler Handgriff mit enormer technischer Tiefe. Genau an dieser Fähigkeit, dem präzisen Greifen wechselnder Objekte, entscheidet sich, ob Humanoiden je in Fabriken und Lagern arbeiten.

Das Wichtigste in Kürze

  • Schunk und Bosch Robotics entwickeln gemeinsam eine industrietaugliche Roboterhand für beliebige Humanoiden.
  • Schunk bringt rund 20 Jahre Erfahrung mit fünffingrigen Händen ein, Bosch die KI-, Elektronik- und Serienkompetenz.
  • Die menschliche Hand hat rund 27 Freiheitsgrade, herkömmliche Industriegreifer nur ein bis zwei.
  • Die Hand gilt als der eigentliche Engpass humanoider Robotik, nicht die Rechenleistung.

Was bauen Bosch und Schunk gemeinsam?

Roboterhand hält Ei mit Anhänger vor weißem Hintergrund
Bosch und Schunk entwickeln gemeinsam eine flexible Roboterhand für humanoide Systeme. Schunk liefert die Greifmechanik, Bosch die KI und Elektronik

Bosch und Schunk entwickeln in einer Kooperation den Prototyp einer industrietauglichen Roboterhand, die sich flexibel in verschiedene humanoide Robotersysteme einbauen lässt. Schunk liefert die Greifmechanik, Bosch die KI, die Elektronik und die Serienerfahrung.

In der im Juni gestarteten Kooperation teilen sich beide die Arbeit nach Stärken auf. Schunk steuert rund zwei Jahrzehnte Forschung an anthropomorpher Greiftechnik bei, Bosch seine Kompetenz in Feinmechanik, Elektronik sowie KI- und Softwareentwicklung.

Bosch bringt zusätzlich das mit, woran es Robotik-Start-ups meist mangelt: Industrialisierung. Skalierung und Serienfertigung, dazu breite Branchenkenntnis, sollen die Hand aus dem Labor in die Produktion bringen. „Roboterhände sind ein zentraler Baustein, um die humanoide Robotik in der Produktion voranzubringen“, sagt Mathias Pillin, CTO der Robert Bosch GmbH.

Warum ist die Hand der Engpass der humanoiden Robotik?

Weil die menschliche Hand mit rund 27 Freiheitsgraden extrem beweglich ist und Objekte jeder Art greift, vom rohen Ei bis zum schweren Werkstück. Herkömmliche Zwei-Finger-Greifer schaffen ein bis zwei Freiheitsgrade und scheitern an dieser Vielfalt, weshalb die Hand die schwierigste Baugruppe bleibt.

Rechenleistung und KI-Modelle machen derzeit die Schlagzeilen, doch der Flaschenhals sitzt in der Mechanik. Ein Humanoid muss Bauteile und Kartons ebenso handhaben wie weiche, empfindliche Objekte, und das mit einer Hand, die klein, robust und bezahlbar zugleich ausfällt.

Wie hart das Problem ist, zeigt Tesla: Die dritte Generation der Optimus-Hand hat die Freiheitsgrade von elf auf 22 verdoppelt und rund 50 Aktoren sehnengetrieben in den Unterarm verlagert. Gegenüber Investoren hat der Konzern Hand und Unterarm die größte technische Herausforderung des ganzen Roboters genannt.

Schunk arbeitet seit über zehn Jahren an einer fünffingrigen Greifhand und hat Anfang 2026 dafür die eigene Firma Schunk Humanoid Robotics gegründet.[1] Dieser Vorsprung bei der Mechanik ist der Grund, warum Bosch nicht selbst baut, sondern zukauft.

Die Roboterhand: schwierigstes Bauteil des Humanoiden

Warum das Greifen und nicht die Software über humanoide Roboter entscheidet

27
Freiheitsgrade der menschlichen Hand
Der Maßstab, den Roboterhände erreichen wollen.
22
Freiheitsgrade der Tesla-Optimus-Hand
Dritte Generation, verdoppelt von zuvor elf.
1 bis 2
Freiheitsgrade herkömmlicher Industriegreifer
Genug zum Zupacken, zu wenig fürs Fingerspitzengefühl.
20 Jahre
Schunks Erfahrung mit fünffingrigen Händen
Der Grund, warum Bosch die Mechanik zukauft.

Was bedeutet das für den deutschen Maschinenbau?

Deutschland baut selten den kompletten Humanoiden, aber mit Firmen wie Schunk, Bosch und dem DLR die entscheidenden Komponenten. Der Zulieferer der Hand sitzt an einer strategischen Stelle der Wertschöpfungskette, ähnlich wie ein Zulieferer im Automobilbau.

Die humanoide Robotik entscheidet sich nicht am größten Modell, sondern an der Hand, die eine Schraube greift, ohne sie zu zerdrücken. Genau dort ist der deutsche Maschinenbau stark.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Das Muster wiederholt sich: Bei humanoiden Robotern testet Rossmann bereits einen Walker S2, Hyundai skaliert seinen Atlas, doch die Hände kommen von Spezialisten. Dieser Zulieferpfad kommt der hiesigen Industrie entgegen, die genau solche Präzisionsmechanik beherrscht.

Der Hype eilt der Technik trotzdem voraus, und selbst Hersteller warnen vor überzogenen Erwartungen. Die neue EU-Maschinenverordnung, die ab 2027 gilt, bezieht zudem erstmals KI-gestützte Sicherheitsfunktionen ein und verschärft die Anforderungen an solche Systeme.

Für den Mittelstand lohnt der nüchterne Blick auf den Reifegrad: Seriöse Zeitpläne fehlen, auch Schunk und Bosch nennen keinen. Bevor ein Humanoid ins eigene Lager einzieht, klärt eine ehrliche Bedarfsanalyse, ob überhaupt ein Roboter nötig ist und welche Roboter-Typen die konkrete Aufgabe zuverlässig übernehmen.

Die gemeinsame Hand von Bosch und Schunk bleibt vorerst ein Prototyp, kein Produkt. Verfolgen Sie die Fortschritte, planen Sie Ihre Automatisierung heute aber mit dem, was verfügbar ist, von Cobots bis zu fahrerlosen Transportsystemen.

Quelle

[1] Schunk: „Schunk gründet Tech-Spin-off für humanoide Roboterhände“

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