Mailand pflanzt bis 2030 drei Millionen Bäume. Das Projekt Forestami ist Europas ambitionierteste urbane Aufforstungsinitiative und liefert messbare Effekte: niedrigere Sommertemperaturen, bessere Luftqualität, höhere Immobilienwerte. Was deutsche Städte daraus lernen können.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenHand aufs Herz: Wann haben Sie zuletzt ein deutsches Stadtviertel gesehen, in dem ein Bürgermeister drei Millionen Bäume verspricht und die Hälfte davon schon stehen? Mailand macht das seit 2019, mit Unterstützung der Polytechnischen Universität, der Stadtverwaltung und privater Geldgeber wie der Prada-Stiftung. Im April 2026 hat Forestami einen wichtigen Meilenstein passiert und 253 neue Aufforstungsflächen identifiziert.
Das Wichtigste in Kürze
- Forestami-Projekt der Stadt Mailand: 3 Millionen neue Bäume bis 2030 in der Metropolregion mit 3,2 Millionen Einwohnern
- Ziel: Sommertemperaturen um 2 bis 3 °C senken und CO₂-Bilanz der Stadt um bis zu 80 % verbessern
- Tree Canopy Cover als neuer Leitindikator: Wie viel Stadtfläche tatsächlich von Baumkronen beschattet wird
- Immobilien in der Nähe neuer Grünkorridore erzielen aktuell bis zu 12 % höhere Quadratmeterpreise
Warum gerade Mailand?

Mailand hat ein Hitzeproblem. Die Lombardei zählt zu den am stärksten von der Klimaerhitzung betroffenen Regionen Europas. Sommertage über 29 °C nehmen messbar zu, gleichzeitig verzeichnet die Stadt häufiger Starkregen-Ereignisse. Mailand ist außerdem eine der am dichtesten bebauten Metropolen Europas mit historisch geringem Grünanteil.
Die Idee zu Forestami stammt vom Architekten Stefano Boeri, bekannt für seinen Bosco Verticale, den begrünten Wohnturm. Die Stadt hat das Konzept 2019 institutionalisiert und mit dem Politecnico di Milano wissenschaftlich abgesichert. Die Initiative umfasst heute 133 Gemeinden der Metropolregion, mehrere Universitäten, Stiftungen und Privatunternehmen.
Was bringt das konkret?

Bäume in Städten leisten vier messbare Funktionen: Sie kühlen, sie filtern Schadstoffe aus der Luft, sie speichern CO₂ und sie halten Regenwasser zurück. Das Politecnico di Milano hat die erwarteten Effekte für die Metropolregion modelliert. Drei Millionen Bäume reduzieren demnach die Hitzeinsel-Effekte messbar, senken die Stickoxid-Belastung und mindern Überflutungsrisiken bei Starkregen.
Forestami arbeitet mit dem Indikator Tree Canopy Cover, der den Anteil städtischer Fläche misst, der von Baumkronen beschattet wird. Anders als reine Stückzahlen erfasst der Wert die tatsächliche ökologische Wirkung. Auf der Forestami-Konferenz am 19. März 2026 in Mailand stand diese Kennzahl im Mittelpunkt: Sie ist EU-weit auf dem Weg, sich als Leitindikator urbaner Klimaresilienz zu etablieren.
Drei Millionen Bäume klingen nach italienischer Inszenierung. Die Zahlen aber zeigen, dass Mailand das Modell systematischer und transparenter anlegt als die meisten deutschen Großstädte. Tree Canopy Cover als Kennzahl müsste deutsche Bürgermeister hellhörig machen.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Was Mailand anders macht

Drei Punkte unterscheiden Forestami von vergleichbaren deutschen Initiativen. Erstens die regionale Dimension: Forestami umfasst die gesamte Metropolregion mit ihren 133 Gemeinden, nicht nur das Stadtzentrum. Damit werden auch die Industrie- und Pendlerzonen einbezogen, in denen die Luftqualität am schlechtesten ist.
Zweitens die Public-Private-Partnership. Forestami sammelt Mittel über die Fondazione di Comunità Milano, an der sich private Unternehmen beteiligen können. Die Prada-Gruppe finanziert seit mehreren Jahren die Forestami Academy, eine Bildungs- und Forschungsinitiative an der Polytechnischen Universität. Drittens die wissenschaftliche Steuerung: Jede Pflanzung wird mit GIS-Daten geplant, satellitengestützt überwacht und auf ihre ökologische Wirkung hin evaluiert.
Was der Effekt für Bewohner und Märkte ist

Die Bewohner spüren die Aufforstung an mehreren Stellen. Wohnviertel rund um neue Grünkorridore erzielen laut aktuellen Marktdaten bis zu 12 % höhere Quadratmeterpreise als vergleichbare Lagen ohne Anbindung an die neuen grünen Achsen. Die Stadtverwaltung berichtet außerdem über messbar geringere Beschwerden zur Luftqualität in bereits aufgeforsteten Bezirken.
Für Investoren und Projektentwickler entsteht ein neuer Leitwert: biophilic urbanism. Wer in Mailand bauen will, kalkuliert die Nähe zu bestehenden oder geplanten Forestami-Flächen mit ein. Das ist ein Marktsignal, das deutsche Stadtplaner und Projektentwickler genau beobachten sollten, wenn die nächsten Welle der Klimaanpassung in deutschen Innenstädten ansteht.
Was deutsche Städte daraus lernen können

Das Mailänder Modell ist nicht ohne Einschränkungen übertragbar. Italienische Bauordnung, andere Eigentumsverhältnisse, andere Finanzierungsstrukturen. Aber drei Bestandteile lassen sich übernehmen, ohne das Rad neu zu erfinden.
Eine verbindliche Kennzahl wie Tree Canopy Cover schafft Transparenz und Vergleichbarkeit zwischen Stadtvierteln und Städten. Eine regionale Steuerung, die über die Stadtgrenzen hinaus auf die Metropolregion zielt, vermeidet das Verlagern der Probleme in Nachbargemeinden. Eine strukturierte Public-Private-Partnership erschließt Mittel jenseits kommunaler Haushalte, die ohnehin überlastet sind.
Bevor deutsche Städte ihre nächsten Klimapläne verabschieden, lohnt der Blick nach Süden. Bayerische und baden-württembergische Großstädte haben mehrere der gleichen Probleme wie Mailand. Sie haben aber bisher keine vergleichbar systematische Antwort. Ein Update der eigenen Stadtklima-Strategie ist überfällig.
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