Uran kostete Anfang 2026 kurzzeitig mehr als 100 US-Dollar je Pfund, den höchsten Stand seit fast zwei Jahrzehnten. Der Grund sitzt nicht in einem Kraftwerk, sondern in den Serverhallen von Microsoft, Amazon und Google. Der Hunger der Rechenzentren nach verlässlichem Strom hat einen Rohstoff zurück ins Rampenlicht gerückt, den Deutschland gerade erst abgeschrieben hatte.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDie Nachfrage der Reaktoren übertrifft die Förderung seit Jahren, und mit dem KI-Boom wächst die Lücke weiter. Die Kontrolle über den Markt entscheidet damit auch darüber, wer künftig zuverlässig Strom produziert. Ausgerechnet beim entscheidenden Schritt, der Anreicherung, hält ein einziges Land die halbe Welt in der Hand.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Uranpreis kletterte 2026 zeitweise über 100 US-Dollar je Pfund, während langfristige Lieferverträge bereits bei rund 150 US-Dollar abgeschlossen werden.
- Die Reaktoren der Welt verbrauchten 2025 etwa 69.000 Tonnen Uran, gefördert wurden nur rund 60.000 Tonnen. Das Defizit ist strukturell, nicht konjunkturell.
- Kasachstan liefert 39 Prozent des geförderten Urans, doch der eigentliche Engpass liegt bei der Anreicherung: Russlands Rosatom kontrolliert dort rund 40 Prozent der Weltkapazität.
- KI-Rechenzentren treiben die Renaissance: Microsoft, Amazon, Google und Meta haben binnen eines Jahres über 10 Gigawatt neue Atomkraft in den USA gesichert.
- Deutschland stieg im April 2023 aus der Kernkraft aus, reichert in Gronau aber weiter Uran für mehr als 20 Kraftwerke im Ausland an.
Fünf Fragen, bevor Sie mitreden
1Wie viel spaltbares U-235 steckt in natürlichem Uran?Aufklappen ↓
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2Welches Land förderte 2024 das meiste Uran?Aufklappen ↓
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3Wo liegt der eigentliche Engpass des Uranmarkts?Aufklappen ↓
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4Was passiert mit dem Atomstrompreis, wenn sich der Uranpreis verdoppelt?Aufklappen ↓
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5Wann ging in Deutschland der letzte Reaktor vom Netz?Aufklappen ↓
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Was ist Uran und wie entsteht der Kernbrennstoff?
Uran ist ein Schwermetall, das in einer Supernova entstand, lange bevor sich die Erde bildete. Die heute geförderten Atome sind rund sechseinhalb Milliarden Jahre alt und stammen aus dem explodierenden Todeskampf eines fernen Sterns. Kein irdischer Prozess bringt dieses Element hervor, die Erde hat lediglich geerbt, was der Kosmos ihr mitgab.
Im Boden reichert sich Uran vor allem in der kontinentalen Kruste an, in Sandsteinschichten, alten Granitmassiven und ehemaligen Flussdeltas. Kasachstan löst das Metall heute mit einer Lauge direkt aus dem Untergrund, in Kanada liegen die reichsten Erze in Athabasca. Die größten bekannten Vorräte lagern in Australien, das rund ein Viertel der weltweiten Reserven hält.
Entscheidend ist ein winziger Unterschied im Kern. Natürliches Uran besteht zu 99,3 Prozent aus dem trägen Isotop U-238 und nur zu 0,7 Prozent aus dem spaltbaren U-235. Dieses Verhältnis gilt praktisch in jeder Lagerstätte der Welt gleich, weshalb kein Bergwerk allein einen brauchbaren Brennstoff liefert. Erst die Trennung der beiden Isotope macht aus Erz einen Energieträger.
Für einen normalen Leichtwasserreaktor muss der Anteil des U-235 von 0,7 auf drei bis fünf Prozent steigen. Diese Anreicherung trennt Atome, die sich chemisch gleichen und nur um drei Neutronen im Gewicht unterscheiden, ein technisch extrem aufwendiger Vorgang in schnell rotierenden Zentrifugen. Genau diese Hürde entscheidet später über Marktmacht und über die Grenze zur Atombombe.
Wie lange die Vorräte reichen, hängt allein am Preis. Steigt er, werden ärmere Erze wirtschaftlich, und selbst das im Meerwasser gelöste Uran, geschätzt mehrere Milliarden Tonnen, rückt rechnerisch in Reichweite. Von Knappheit im geologischen Sinn kann keine Rede sein, die Verfügbarkeit ist eine Frage der Kosten und der Politik, nicht der Menge.
Wer entdeckte Uran und wie begann das Atomzeitalter?

Den Anfang machte ein Berliner Apotheker. Martin Heinrich Klaproth isolierte 1789 aus Pechblende ein unbekanntes Element und benannte den Fund nach dem acht Jahre zuvor entdeckten Planeten Uranus. Über ein Jahrhundert galt der Fund als chemische Randnotiz, gut zum Färben von Glas und Porzellan, mehr nicht.
Die Sprengkraft im Wortsinn zeigte sich erst 1896, als Henri Becquerel an einer Uranprobe die Radioaktivität entdeckte. Marie und Pierre Curie trieben die Forschung weiter und rangen ihre berühmten Präparate aus Pechblende, die aus dem böhmischen Sankt Joachimsthal stammte. Der Weg vom Farbstoff zur Strahlenquelle war damit geebnet.
1938 gelang deutschen Chemikern in Berlin die Kernspaltung, wenige Jahre später startete in den USA das Manhattan-Projekt. Aus dem Laborbefund wurde binnen weniger Jahre die Waffe, die Hiroshima und Nagasaki zerstörte. Nie zuvor führte ein einzelnes Metall so schnell von der Grundlagenforschung zur Weltpolitik.
Deutschland spielte auch danach eine unrühmliche Rolle. In Sachsen und Thüringen förderte die sowjetisch kontrollierte Wismut ab 1946 unter brutalen Bedingungen Uran für das Atomprogramm der UdSSR und wurde zeitweise zum drittgrößten Produzenten der Welt. Zehntausende Kumpel zahlten mit ihrer Gesundheit für den nuklearen Wettlauf der Supermächte.
Wie hat Uran die Weltkarte verändert?

Der erste große Griff nach dem Uran war kolonial. Das Erz für die ersten amerikanischen Atombomben stammte aus der Mine Shinkolobwe im damals belgischen Kongo, dem reichsten Uranvorkommen seiner Zeit. Die Bomben, die den Zweiten Weltkrieg beendeten, trugen also afrikanisches Uran in sich, gefördert unter kolonialer Kontrolle.
Frankreich baute dieses Muster nach der Entkolonialisierung systematisch aus. Seit der Unabhängigkeit Nigers 1960 sicherte sich Paris privilegierten Zugriff auf dessen Minen, jahrzehntelang leuchteten Pariser Straßen mit Strom aus nigrischem Erz. Der Kritiker Raphaël Granvaud nennt die Kontrolle über das Uran einen der Gründe, warum Frankreich seine alten Kolonien wirtschaftlich und militärisch dominierte.
Dieses System bekam 2023 einen tiefen Riss. Am 26. Juli stürzte ein Militärputsch den prowestlichen Präsidenten Mohamed Bazoum, die neue Junta entzog dem französischen Konzern Orano die Lizenzen und übernahm 2025 die wichtigste Mine. Damit verlor Frankreich, das bis zu 20 Prozent seines Urans aus Niger bezog, den direkten Zugriff auf einen seiner drei wichtigsten Lieferanten.
Die eigentliche Macht liegt heute aber nicht im Bergwerk, sondern in der Zentrifuge. Beim Fördern verteilt sich der Markt auf viele Länder, doch bei der Anreicherung kontrolliert Russlands Rosatom rund 40 Prozent der Weltkapazität, zusammen mit chinesischen Anlagen über 62 Prozent. Ähnlich wie China bei den seltenen Erden den Weltmarkt beherrscht, sitzt Moskau am entscheidenden Nadelöhr des Kernbrennstoffs.
Genau hier verschwimmt die Grenze zwischen Kraftwerk und Waffe. Dieselben Zentrifugen, die Reaktoruran auf fünf Prozent anreichern, erzeugen bei weiterem Lauf auch waffenfähiges Material. Der ganze Streit um das iranische Atomprogramm dreht sich um diese eine Technologie, die zivil und militärisch zugleich ist.
Wo Uran gefördert wird (2024)
Wer es anreichert: das eigentliche Nadelöhr
Beim Bergbau verteilt sich der Markt, bei der Anreicherung ballt sich die Macht. Genau dort entsteht die politische Abhängigkeit.
Warum ist Uran für die Weltwirtschaft so wichtig?

Der Beitrag der Kernkraft zur Weltstromerzeugung ist kleiner, als die Debatte vermuten lässt. Laut dem World Nuclear Industry Status Report sank ihr Anteil von 16,6 Prozent im Jahr 2000 auf 8,9 Prozent im Jahr 2025, den niedrigsten Wert seit über vier Jahrzehnten. Weltweit liefern rund 415 Reaktoren in 30 Ländern diesen Anteil, ihr Durchschnittsalter liegt bei über 31 Jahren.
Für einzelne Länder ist die Abhängigkeit dagegen gewaltig. Frankreich bezieht 67 Prozent seines Stroms aus Atomkraft, die Slowakei 61 Prozent, Ungarn 47 Prozent, Belgien 42 Prozent. In diesen Netzen trägt Uran die Grundlast, jene gleichmäßige Stromlieferung rund um die Uhr, die Wind und Sonne allein nicht garantieren.
Beim Fördern ist der Markt überschaubar konzentriert. Nach Zahlen der World Nuclear Association lieferte Kasachstan 2024 rund 39 Prozent des Urans, Kanada 24 Prozent und Namibia 12 Prozent. Das klingt nach klarer Rangordnung, doch die wahre Verwundbarkeit zeigt sich erst eine Stufe weiter.
Denn zwischen Erz und Brennstoff liegt die Anreicherung, und dort dünnt sich die Zahl der Anbieter dramatisch aus. Russland lieferte 2024 rund ein Viertel des angereicherten Urans für US-Reaktoren, die EU deckte 23 Prozent ihres Bedarfs aus russischen Anlagen, nach 38 Prozent im Jahr zuvor. Ein Land am Nadelöhr wiegt schwerer als zehn Bergwerke.
Deutschland zeigt diese Verflechtung im Kleinen. Obwohl seit April 2023 kein deutscher Reaktor mehr Strom produziert, reichert Urenco im westfälischen Gronau weiter Uran für mehr als 20 Kraftwerke im Ausland an, mit Aufträgen von über 20 Milliarden Euro und einer Auslastung bis 2040. Der Ausstieg beendete die Stromproduktion, nicht das Geschäft mit dem Brennstoff.
In welchen Produkten steckt Uran und was verschwindet ohne es?

Uran taucht in keinem Supermarktregal auf, sein Produkt ist unsichtbar und liegt trotzdem in fast jeder Steckdose: der Strom aus dem Kernkraftwerk. Rund neun Prozent des Weltstroms und in Frankreich zwei von drei Kilowattstunden entstehen so. Dieser Atomstrom ist das mit Abstand wichtigste Endprodukt des Metalls.
Weit weniger bekannt ist die Rolle des Urans in der Medizin. In speziellen Forschungsreaktoren entsteht aus bestrahltem Uran das Isotop Molybdän-99, das zu Technetium-99m zerfällt, dem weltweit wichtigsten Stoff für bildgebende Diagnostik. Millionen Herz- und Krebsuntersuchungen pro Jahr hängen an dieser nuklearen Lieferkette.
Selbst der Abfall der Anreicherung findet Verwendung. Das zurückbleibende, abgereicherte Uran ist extrem dicht und steckt in panzerbrechender Munition, in Gegengewichten von Flugzeugen und in Abschirmungen gegen Strahlung. Auch die Reaktoren von U-Booten und Flugzeugträgern laufen mit hoch angereichertem Uran.
Hier greift die Kipp-Logik, und sie greift ungewöhnlich hart. Ein Land wie Frankreich, das zwei Drittel seines Stroms aus Kernkraft zieht, hat für einen plötzlichen Uran-Ausfall keinen kurzfristig gleichwertigen Ersatz für die Grundlast. Die Diagnostik steht vor demselben Problem: Fällt der Nachschub an Molybdän-99 aus, stehen Kliniken ohne Alternative da, denn Technetium-99m lässt sich nicht auf Vorrat lagern.
Länder mit hohem Atomanteil wie Frankreich haben für die Grundlast keinen kurzfristig gleichwertigen Ersatz. Und Technetium-99m lässt sich nicht lagern: Stockt der Nachschub, stehen Kliniken bei der Diagnostik ohne Alternative da.
Wie setzt sich der Preis einer Kilowattstunde Atomstrom zusammen?

Beim Atomstrom spielt der Rohstoff selbst eine erstaunlich kleine Rolle. Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme beziffert die Stromgestehungskosten neuer Kernkraft für 2024 auf 13,6 bis 49,0 Cent je Kilowattstunde, ein enormer Korridor. Den Löwenanteil verschlingt nicht der Brennstoff, sondern der Bau des Kraftwerks.
Der Kapitalkostenblock dominiert alles Weitere. Ein neuer Reaktor kostet zweistellige Milliardenbeträge und läuft oft Jahre über Plan und Budget, diese Finanzierungslast steckt in jeder Kilowattstunde. Danach folgen Betrieb und Wartung, erst weit dahinter kommt der eigentliche Brennstoff.
Und selbst dieser Brennstoffanteil besteht nur zu einem Bruchteil aus dem Erz. Konversion, Anreicherung und Fertigung der Brennelemente kosten mehr als das Uran im Boden, und die Entsorgung schlägt am Ende rund doppelt so schwer zu Buche wie die Beschaffung. Das Uranerz ist die Zutat, die am wenigsten zählt.
Das erklärt eine verblüffende Robustheit. Selbst wenn sich der Uranpreis verdoppelte, stiegen die Kosten einer Kilowattstunde Atomstrom nur um höchstens fünf bis zehn Prozent, rechnet das schweizerische Kernkraftwerk Gösgen vor. Ein Preisschock am Weltmarkt trifft die Stromrechnung also spürbar schwächer als beim Erdöl oder beim Gas.
Selbst wenn sich der Uranpreis verdoppelt, steigt der Atomstrompreis nur um höchstens fünf bis zehn Prozent. Ein Preisschock trifft die Stromrechnung schwächer als beim Öl oder Gas.
Richtwerte, gerundet. Die genauen Anteile schwanken je nach Standort, Reaktoralter und Finanzierung. Quelle: Fraunhofer ISE, Kernkraftwerk Gösgen.
Wer verdient an Uran und wer zahlt drauf?

Zu den großen Gewinnern zählt der kasachische Staatskonzern Kazatomprom, der größte Uranproduzent der Welt. Bei einer Bruttomarge von über 52 Prozent wirft das Geschäft glänzende Renditen ab, und der kanadische Rivale Cameco meldet dank des Preisbooms deutlich steigende Gewinne. Auch Rosatom verdient doppelt, am Erz und an der Anreicherung.
Am anderen Ende der Kette steht Niger. Das Land exportierte über Jahrzehnte Uran und zählt trotzdem zu den ärmsten Staaten der Erde, ein Großteil der Bevölkerung lebt ohne verlässlichen Strom. Der Reichtum aus dem Boden erreichte die Menschen kaum, ein Lehrstück über den sogenannten Ressourcenfluch.
Dieser Fluch folgt einem bekannten Muster. Ein wertvoller Rohstoff lockt ausländische Konzerne, bläht einzelne Staatskassen auf und lähmt zugleich Landwirtschaft und Industrie, während die Einnahmen selten breit ankommen. Norwegen entkam dieser Falle mit seinem Ölfonds, Niger und andere Förderländer scheiterten an schwachen Institutionen.
Und die Verbraucher? Sie zahlen die Zeche indirekt, über Strompreise und über die Milliarden, die Staaten in neue Reaktoren und deren Absicherung stecken. Der Preisanstieg beim Uran wandert am Ende in Netzentgelte und Steuern, während die Fördergewinne in wenigen Hauptstädten und Konzernzentralen bleiben.
Beim Uran zeigt sich, dass Rohstoffmacht heute nicht im Bergwerk entsteht, sondern in der Zentrifuge. Russland fördert nicht das meiste Uran, kontrolliert aber die Anreicherung, und genau dieser unscheinbare Schritt macht die halbe westliche Stromversorgung erpressbar.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Wie mächtig ist die Atomlobby?

Die Kernkraft erlebt ihren größten Imagewandel seit Tschernobyl. 2022 stufte die EU Atomstrom in ihrer Taxonomie als nachhaltige Investition ein, ein Etikett, um das die Branche jahrelang gekämpft hatte. Aus der Risikotechnologie wurde per Verordnung eine Klimalösung.
Kaum ein Argument wirkt dabei so stark wie das Versprechen kleiner Reaktoren. Weltweit laufen über 100 Projekte für sogenannte Small Modular Reactors, doch in Europa ist bis heute kein einziger in Betrieb oder auch nur im Bau. Die Lücke zwischen Ankündigung und Realität ist gewaltig, der Hype treibt trotzdem Aktienkurse und Schlagzeilen.
Ohne den Staat läuft in dieser Branche wenig. Neue Kraftwerke brauchen Bürgschaften, Abnahmegarantien und günstige Kredite, in den USA sicherte die Regierung dem Neustart von Three Mile Island einen Kredit über eine Milliarde Dollar zu. Private Investoren tragen das Risiko selten allein.
Auch an der politischen Spitze dreht sich der Wind. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nannte den Atomausstieg im März 2026 einen strategischen Fehler, und ein wachsender Teil der Politik greift diese Deutung dankbar auf. Die Branche liefert dazu die passenden Zahlen, gerechnet stets zu ihren Gunsten.
Wie kommt die Welt vom Uran los?

Den größten Beitrag leisten die Erneuerbaren. Wind und Sonne verdrängen Atomstrom dort, wo tagsüber und bei Wind reichlich Energie fließt, ihr Schwachpunkt bleibt die gesicherte Leistung in Dunkelflauten. Für die Grundlast konkurriert Uran deshalb weniger mit Solarzellen als mit Speichern, Gaskraft und der guten alten Kohle.
Der zweite Hebel ist Recycling. Frankreich arbeitet abgebrannte Brennelemente wieder auf und gewinnt daraus Mischoxid-Brennstoff, kurz MOX, der Uran und Plutonium erneut nutzbar macht. Damit lässt sich der Frischuran-Bedarf senken, technisch aufwendig und teuer bleibt die Wiederaufarbeitung trotzdem.
Als große Hoffnung gilt vielen das Thorium. Der Rohstoff ist häufiger als Uran und könnte den nuklearen Vorrat nach Schätzungen um mindestens das Vierfache strecken, in China läuft seit Oktober 2023 ein Versuchsreaktor mit diesem Brennstoff. Bis zur kommerziellen Reife ist der Weg aber weit, das Thorium bleibt vorerst ein Laborversprechen.
Vollständig lösen wird sich die Kernkraft vom Uran so schnell nicht. Brutreaktoren, Uran aus Meerwasser und neue Brennstoffkreisläufe existieren als Konzept, doch keine dieser Techniken ersetzt heute den klassischen Reaktor im großen Maßstab. Der Ausstieg aus dem Uran ist möglich, aber eine Frage von Jahrzehnten, nicht von Jahren.
Was bedeutet die Uran-Knappheit für Deutschland?

Deutschland hat sich aus der Kernkraft verabschiedet und steht doch mitten in der Debatte. Am 15. April 2023 gingen die letzten drei Reaktoren vom Netz, damit galt das Kapitel als geschlossen. Drei Jahre später ist der Streit zurück, lauter denn je.
Angeschoben hat ihn die Rückkehr der Atomkraft anderswo. Der KI-Boom macht Kernkraft für Konzerne wie Microsoft und Amazon wieder bankfähig, weltweit steigt die Nachfrage nach Uran, und der Preis nähert sich alten Rekorden. Vor diesem Hintergrund fordert unter anderem der Unionspolitiker Jens Spahn eine ergebnisoffene Debatte über eine Rückkehr.
Die Zahlen dazu sind ernüchternd. Ein Neustart abgeschalteter Meiler kostete laut den zitierten Studien rund neun bis zehn Milliarden Euro, ein kompletter Neubau im Ausland 30 bis 50 Milliarden. Kanzler Friedrich Merz teilt die Kritik am Ausstieg persönlich, hält ihn aber für unumkehrbar, während der Koalitionspartner SPD die Forderungen als nicht zielführend zurückweist.
Für Verbraucher und Unternehmen bleibt der direkte Effekt vorerst gering, weil kein deutscher Reaktor mehr Uran verbrennt. Betroffen sind aber die Nachbarn im Stromverbund, von denen Deutschland zeitweise Atomstrom importiert, sowie die Anreicherungsanlage in Gronau. Für die Grundlast führt heute kaum ein Weg an importiertem Erdgas vorbei, mit allen bekannten Abhängigkeiten.
Drei Szenarien zeichnen sich für die kommenden Monate ab. Im optimistischen Fall entspannt neue Förderung aus Kanada und Namibia den Markt und der Preis sinkt; im realistischen Fall bleibt das Defizit bestehen und Uran pendelt teuer seitwärts; im pessimistischen Fall verschärfen ein Lieferstopp oder neue Sanktionen die Lage schlagartig. Für Deutschland heißt das konkret: Die Kernkraft ist als Stromquelle Geschichte, als geopolitisches Thema kehrt sie mit Wucht zurück.
Glossar: 12 wichtige Fachbegriffe rund um Uran

Abgereichertes Uran
Abgereichertes Uran ist das Restmaterial der Anreicherung mit besonders niedrigem U-235-Anteil. Wegen der hohen Dichte dient das Material als panzerbrechende Munition, als Gegengewicht in Flugzeugen und als Strahlenabschirmung. Chemisch giftig und schwach radioaktiv, bleibt der Stoff militärisch wie ökologisch umstritten.
Anreicherung
Die Anreicherung erhöht den Anteil des spaltbaren U-235 von natürlichen 0,7 auf drei bis fünf Prozent. Der Prozess läuft in schnell drehenden Zentrifugen und ist technisch so anspruchsvoll, dass nur wenige Länder ihn beherrschen. Er entscheidet über Marktmacht und über die Nähe zur Atomwaffe.
Brennelement
Ein Brennelement bündelt viele mit Uran gefüllte Metallstäbe zu einer Einheit, die in den Reaktorkern eingesetzt wird. Dort setzt die kontrollierte Kernspaltung Wärme frei, die über Dampf einen Generator antreibt. Nach einigen Jahren ist der Brennstoff verbraucht und wird zu hochradioaktivem Abfall.
Grundlast
Die Grundlast bezeichnet den gleichmäßigen Strombedarf, der rund um die Uhr besteht. Kernkraftwerke decken sie traditionell mit konstanter Leistung, während Wind und Sonne schwanken. Genau diese verlässliche Dauerlieferung macht Atomstrom für Netzbetreiber und Rechenzentren attraktiv.
Isotop
Ein Isotop ist eine Variante eines Elements mit gleicher Protonenzahl, aber unterschiedlicher Neutronenzahl. Bei Uran sind U-235 und U-238 die wichtigsten Varianten, chemisch identisch, kerntechnisch grundverschieden. Nur das seltene U-235 lässt sich in normalen Reaktoren spalten.
Kazatomprom
Kazatomprom ist der staatliche Urankonzern Kasachstans und der größte Produzent der Welt. Das Unternehmen fördert einen erheblichen Teil des globalen Angebots und beeinflusst mit seinen Fördermengen direkt den Weltmarktpreis. Eine angekündigte Kürzung genügt, um Kurse zu bewegen.
Kernspaltung
Die Kernspaltung teilt einen U-235-Kern durch Neutronenbeschuss in kleinere Kerne und setzt dabei große Energiemengen frei. Die freigesetzten Neutronen spalten weitere Kerne, eine kontrollierte Kettenreaktion entsteht. Dieser Vorgang liefert die Wärme jedes Kernkraftwerks.
MOX-Brennstoff
MOX-Brennstoff ist ein Mischoxid aus Uran und Plutonium, gewonnen aus wiederaufgearbeiteten Brennelementen. Er ersetzt einen Teil des Frischurans und schließt den Brennstoffkreislauf teilweise. Vor allem Frankreich setzt auf diese aufwendige Form des Recyclings.
Ressourcenfluch
Der Ressourcenfluch beschreibt das Paradox, dass rohstoffreiche Länder oft ärmer bleiben als rohstoffarme. Exporterlöse fließen an wenige, Landwirtschaft und Industrie verkümmern, Korruption wächst. Niger gilt beim Uran als klassisches Beispiel dieses Musters.
Rosatom
Rosatom ist der russische Staatskonzern für Atomtechnik und kontrolliert rund 40 Prozent der weltweiten Anreicherungskapazität. Über diese Stellung sichert Moskau politischen Einfluss auf die Stromversorgung vieler Länder. Der Konzern verdient an Erz, Anreicherung und dem Bau ganzer Kraftwerke.
Small Modular Reactor
Ein Small Modular Reactor ist ein kleiner, fabrikgefertigter Reaktor, der schneller und günstiger als Großanlagen sein soll. Weltweit existieren über 100 Projekte, in Europa aber noch kein Exemplar im Betrieb. Die Technik gilt als Hoffnungsträger und als Gegenstand großer Erwartungen.
Thorium
Thorium ist ein schwach radioaktives Metall, das als möglicher Uran-Ersatz gilt. Der Rohstoff kommt häufiger vor und könnte die nuklearen Vorräte deutlich strecken, taugt aber nicht direkt als Brennstoff und muss erst umgewandelt werden. China betreibt seit 2023 einen Versuchsreaktor damit.
FAQ: Uran: Treibstoff der Atomkraft-Renaissance?

Warum wird Uran gerade jetzt wieder teuer?
Uran wird knapp, weil die Reaktoren mehr verbrauchen, als gefördert wird. 2025 standen rund 69.000 Tonnen Bedarf nur etwa 60.000 Tonnen Förderung gegenüber. Zusätzlich treiben die KI-Rechenzentren von Microsoft, Amazon und Google die Nachfrage nach verlässlichem Atomstrom, und Kasachstan kürzt seine Produktion. Der Preis überschritt 2026 zeitweise 100 US-Dollar je Pfund.
Warum ist die Anreicherung wichtiger als der Uranabbau?
Rohes Uran fördern viele Länder, das Angebot verteilt sich breit. Die Anreicherung des spaltbaren U-235 dagegen beherrschen nur wenige Staaten. Russlands Rosatom kontrolliert rund 40 Prozent dieser Kapazität, zusammen mit China über 62 Prozent. Wer dieses Nadelöhr besetzt, hat mehr Marktmacht als jedes Bergwerk.
Wie abhängig ist Europa von Russland beim Uran?
Die EU deckte 2024 rund 23 Prozent ihres Bedarfs an angereichertem Uran aus russischen Anlagen, nach 38 Prozent im Jahr zuvor. Die Abhängigkeit sinkt, bleibt aber erheblich. US-Reaktoren bezogen 2024 sogar etwa ein Viertel ihres angereicherten Urans aus Russland.
Gibt es einen Ersatz für Uran?
Kurzfristig nicht. Erneuerbare verdrängen Atomstrom vor allem tagsüber, für die Grundlast konkurriert Uran mit Gas, Kohle und Speichern. Recycling über MOX-Brennstoff senkt den Frischuran-Bedarf, und Thorium könnte die Vorräte strecken. Beide Wege bleiben aber teuer oder unausgereift, ein vollständiger Ausstieg ist eine Frage von Jahrzehnten.
Warum betrifft die Uran-Knappheit Deutschland trotz Atomausstieg?
Seit April 2023 verbrennt kein deutscher Reaktor mehr Uran, der direkte Effekt ist gering. Deutschland importiert aber zeitweise Atomstrom aus Nachbarländern, und die Urenco-Anlage in Gronau reichert weiter Uran für über 20 Kraftwerke im Ausland an. Zudem hat der KI-Boom die Debatte über eine Rückkehr zur Kernkraft neu entfacht.
Wie stark beeinflusst der Uranpreis meine Stromrechnung?
Erstaunlich wenig. Beim Atomstrom dominieren Bau- und Kapitalkosten, der Brennstoff macht nur einen kleinen Teil aus, und davon entfällt wiederum wenig auf das reine Erz. Selbst eine Verdopplung des Uranpreises würde eine Kilowattstunde Atomstrom nur um höchstens fünf bis zehn Prozent verteuern.
Quellen
World Nuclear Association | World Uranium Mining Production | https://world-nuclear.org/information-library/nuclear-fuel-cycle/mining-of-uranium/world-uranium-mining-production | besucht am 27.07.2026
World Nuclear Industry Status Report | Kernenergie weltweit 2026 | https://www.worldnuclearreport.org/Kernenergie-weltweit-2026 | besucht am 27.07.2026
Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE | Stromgestehungskosten Kernenergie | https://www.tech-for-future.de/kosten-kwh/ | besucht am 27.07.2026
Investing News Network | Uranium Price Trends Q2 2026 | https://investingnews.com/uranium-forecast/ | besucht am 27.07.2026
Investing News Network | Kazatomprom cuts 2026 guidance | https://investingnews.com/kazatomprom-cuts-2026-guidance/ | besucht am 27.07.2026
Bruegel | Ending European Union imports of Russian uranium | https://www.bruegel.org/analysis/ending-european-union-imports-russian-uranium | besucht am 27.07.2026
Al Jazeera | Niger nationalises uranium mine | https://www.aljazeera.com/news/2025/6/20/niger-nationalises-uranium-mine-as-spat-with-french-nuclear-giant-worsens | besucht am 27.07.2026
Deutscher Bundestag | Bundesregierung zur Urananreicherungsanlage in Gronau | https://www.bundestag.de/presse/hib/kurzmeldungen-1161346 | besucht am 27.07.2026
ZDFheute | Rückkehr zur Atomkraft? Spahn: Debatte müssen wir führen | https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/spahn-atomkraft-reaktivierung-werke-reaktoren-100.html | besucht am 27.07.2026