Die Angstökonomie in Deutschland hat einen Messwert, der fast niemandem auffällt. Die bekannteste Langzeitstudie über die Ängste der Deutschen läuft seit 1992 im Auftrag einer Versicherung. Die zweitbekannteste Erhebung zum Sicherheitsgefühl stammt von einem Schlosshersteller.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDie Angstökonomie erreicht Ihr Unternehmen jedes Jahr über die Einkaufsabteilung. Versicherungen, IT-Sicherheit, Zertifikate, Beratung, Wachdienst: Kaum eine dieser Entscheidungen beruht auf einer nachgerechneten Eintrittswahrscheinlichkeit. Die meisten beruhen auf einem Gefühl, das jemand anderes erzeugt und anschließend gemessen hat.
Das Wichtigste in Kürze
- Die private Sicherheitswirtschaft hat ihren Umsatz binnen zehn Jahren von 6,96 Mrd. € auf prognostizierte 14,75 Mrd. € mehr als verdoppelt, während die Gewaltkriminalität 2025 erstmals seit 2021 gesunken ist
- Die deutschen Versicherer haben 2025 Beitragseinnahmen von 254 Mrd. € erzielt, verteilt auf rund 500 Millionen laufende Verträge
- Der Bitkom beziffert den jährlichen Cyberschaden auf 202,4 Mrd. €, der zugehörige IT-Sicherheitsmarkt umfasst 12,2 Mrd. €
- Die wichtigsten Angst-Messinstrumente der Republik gehören Unternehmen, die vom Messergebnis wirtschaftlich profitieren
Wie die Angstökonomie entstanden ist

Angst ist keine Erfindung der Werbewirtschaft. Angst ist die älteste Handelsware der Zivilisation, sie hat nur lange keinen Preis gehabt. Der Wachdienst am Stadttor, die Feuerversicherung der Hanse, das Amulett gegen die Pest: Immer hat jemand für die Reduktion einer Bedrohung bezahlt.
Neu ist der Grad der Vermessung. Moderne Volkswirtschaften erfassen Angst quantitativ, bepreisen sie über Prämien und Marktvolumina und verrechnen sie in Quartalsberichten. Aus einem diffusen Gefühl ist eine Rechengröße geworden, an der ganze Branchen ihre Umsatzplanung ausrichten.
Ökonomisch handelt es sich um einen Markt für Unsicherheitsreduktion. Der Kunde kauft kein Produkt, sondern die Verringerung einer Wahrscheinlichkeit oder, häufiger, die Verringerung seiner Sorge über diese Wahrscheinlichkeit. Beides fällt regelmäßig auseinander und genau in dieser Lücke sitzt die Marge.
Die Grundmechanik kennt jeder, der sich schon einmal mit den Prinzipien der Makroökonomie beschäftigt hat: Knappheit erzeugt Preise. Bei Angstprodukten ist die Knappheit allerdings kein Naturzustand, sondern eine Wahrnehmung. Und Wahrnehmungen lassen sich bewirtschaften.
Das unterscheidet die Angstökonomie von anderen Märkten. Ein Bäcker kann die Nachfrage nach Brot nur begrenzt steigern, weil der Magen ein natürliches Limit setzt. Die Nachfrage nach Sicherheit kennt kein solches Limit, weil vollständige Sicherheit nicht erreichbar ist. Der Markt ist damit strukturell unersättlich.
Ein verwandtes Muster hat Dr. Web bereits beim Geschäft mit den Schulden beschrieben: Auch dort entsteht der Umsatz aus einer Notlage, die der Anbieter weder verursacht noch beseitigt, sondern verwaltet. Die Angstökonomie funktioniert nach derselben Logik, nur eine Stufe früher. Verwaltet wird nicht die eingetretene Not, sondern die Furcht davor.
Der Angstindex gehört einer Versicherung

Seit 1992 befragt das R+V-Infocenter jährlich rund 2.400 Menschen nach ihren größten Sorgen. Die Studie „Die Ängste der Deutschen“ ist bundesweit die einzige Erhebung, die das Angstniveau über mehr als drei Jahrzehnte dokumentiert. Medien zitieren sie zuverlässig jeden September.
Die Zahlen sind unstrittig. Für 2025 hat das Infocenter einen Angstindex von 37 Prozent gemessen, nach 42 Prozent im Vorjahr. Auf Platz eins der Sorgenliste standen zum fünfzehnten Mal die steigenden Lebenshaltungskosten mit 52 Prozent.
Bemerkenswert ist nicht das Ergebnis, sondern der Absender. Die R+V Versicherung erhebt, deutet und verbreitet den maßgeblichen Angst-Index eines Landes, in dem sie Policen gegen genau jene Risiken verkauft. Keine Behörde, kein Institut, kein öffentlich-rechtliches Medium hat dieser Erhebung je etwas Gleichwertiges entgegengesetzt.
Der zweite Fall liegt ähnlich. Das Sicherheitsgefühl der Deutschen misst seit fünf Jahren eine YouGov-Befragung im Auftrag von ABUS, einem Hersteller von Schlössern, Alarmanlagen und Einbruchschutz. Die Ergebnisse fließen in die Presseberichterstattung ein wie amtliche Statistik.
Die wichtigsten Angst-Kennzahlen der Republik verteilen sich damit auf sehr unterschiedliche Absender:
- Angstindex der Bevölkerung: R+V Versicherung, jährlich seit 1992, rund 2.400 Befragte
- Sicherheitsgefühl im Wohnumfeld: ABUS über YouGov, jährlich seit 2020
- Kriminalitätsfurcht und Dunkelfeld: Bundeskriminalamt über die SKiD-Befragung, unregelmäßig, zuletzt mit 60.837 Befragten
- Wirtschaftlicher Schaden durch Angriffe: Bitkom, jährlich seit 2015, 1.002 befragte Unternehmen
Nur eine dieser vier Erhebungen stammt von einer Stelle ohne wirtschaftliches Eigeninteresse am Ergebnis und ausgerechnet diese erscheint am seltensten. Das Bundeskriminalamt hat die zweite SKiD-Welle 2024 erhoben und im April 2026 veröffentlicht, die dritte läuft seit April 2026.
Ein Vorwurf der Manipulation wäre unbelegt und deshalb hier fehl am Platz. Alle genannten Erhebungen arbeiten mit ausgewiesenen Instituten und legen ihre Methodik offen. Die eigentliche Frage ist eine andere: Warum überlässt eine Volkswirtschaft mit 84 Millionen Einwohnern die Deutungshoheit über ihr kollektives Angstniveau interessierten Privatunternehmen?
Die Antwort ist unspektakulär und deshalb schwer zu ändern. Die Studien kosten Geld, liefern Werbewert und niemand sonst hat sich dafür zuständig gefühlt. Ein Marktversagen der öffentlichen Statistik, das der Angstökonomie ihre Legitimation liefert.
Versicherungen: 254 Milliarden Euro für ein Gefühl

Die deutsche Versicherungswirtschaft hat 2025 Beitragseinnahmen von 254 Mrd. € erzielt, ein Plus von 6,6 Prozent. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft nennt für die Branche rund 500 Millionen laufende Verträge und Kapitalanlagen von 1,9 Billionen Euro.
Rechnerisch hält jeder Haushalt in Deutschland ein Bündel aus mehreren Policen. Die Schaden- und Unfallversicherung allein ist 2025 um 7,7 Prozent auf 99,7 Mrd. € gewachsen, getrieben vor allem von einem Beitragsplus von 13,4 Prozent in der Kfz-Sparte.
Versicherung ist dabei das ehrlichste Produkt der gesamten Angstökonomie. Der Kunde erwirbt einen kalkulierten Risikotransfer, die Prämie folgt einer Sterbetafel oder einer Schadenstatistik und der Vertrag beschreibt die Leistung. Nirgendwo sonst ist der Preis der Angst so transparent ausgewiesen.
Interessant wird der Blick auf die Ränder. Die Cyberversicherung ist zeitweise um 50 Prozent jährlich gewachsen, ehe die Versicherer selbst zurückhaltender geworden sind, weil eine Kumulschaden-Lage schwer kalkulierbar bleibt. Ein Markt, in dem der Anbieter des Angstprodukts seiner eigenen Risikoeinschätzung nicht mehr traut, verdient Aufmerksamkeit.
Und noch eine Beobachtung gehört dazu: Der GDV warnt regelmäßig vor zunehmenden Klimarisiken in der Schadenbilanz. Diese Warnung ist sachlich berechtigt, wie auch die Analyse zeigt, welche Branchen am Klimawandel verlieren. Zugleich ist die Warnung ein Vertriebsargument für Elementarschadendeckungen. Beides gleichzeitig wahr zu finden, gehört zur nüchternen Betrachtung dieses Marktes.
Die Sicherheitswirtschaft wächst, die Kriminalität sinkt

Hier liegt die härteste Zahlenschere des gesamten Themas. Der Bundesverband der Sicherheitswirtschaft hat im März 2026 gemeldet, dass der Branchenumsatz von 6,96 Mrd. € auf 14,02 Mrd. € gestiegen ist, mit einer Prognose von 14,75 Mrd. € für 2025. Eine Verdopplung binnen zehn Jahren.
Die Beschäftigung folgt demselben Pfad. Zum 30. Juni 2025 haben 290.871 Menschen in der Sicherheitswirtschaft gearbeitet, davon 276.987 in privaten Wach- und Sicherheitsdiensten. Ein Höchststand, den die Branche zuvor nie erreicht hat.
Parallel dazu meldet das Bundeskriminalamt für 2025 einen Rückgang der Gewaltkriminalität um 2,3 Prozent, den ersten seit 2021. Auch die Zahl der Tatverdächtigen ist gesunken. Die objektive Lage hat sich also verbessert, während der Markt für ihre Bekämpfung weiter expandiert.
Ein Widerspruch ist das nicht zwingend. Ein erheblicher Teil des Wachstums geht auf Objektschutz für kritische Infrastruktur, Veranstaltungssicherheit und Aufgaben zurück, die früher die Polizei erledigt hat. Sicherheitsdienstleistung ist teilweise Substitution staatlicher Leistung, nicht Reaktion auf steigende Kriminalität.
Wissenschaftlich sauber eingeordnet hat das Verhältnis das DIW Berlin. In einer Auswertung von SOEP-Daten und dem Gleichwertigkeitsbericht der Bundesregierung haben die Forscherinnen Anna Bindler und Hannah Walther 2025 dokumentiert, dass Kriminalitätsfurcht unabhängig von der realen Kriminalität zunehmen kann. Furcht und Faktenlage entkoppeln sich.
Umsatz der privaten Sicherheitswirtschaft in Deutschland
Genau diese Entkopplung ist die betriebswirtschaftliche Grundlage der Branche. Ein Markt, dessen Nachfrage an einem Gefühl hängt statt an einer Statistik, ist konjunkturunabhängig. Der BDSW selbst beschreibt die Sicherheitswirtschaft als stabilen Wachstumsfaktor in einem schwachen gesamtwirtschaftlichen Umfeld. Genau das ist sie.
Ein Gedankenspiel, das die Sache auf den Punkt bringt: Angenommen, die Kriminalität in Deutschland würde binnen fünf Jahren um die Hälfte sinken und alle wüssten es. Würde der Sicherheitsmarkt schrumpfen? Vermutlich nicht, weil die verkaufte Ware nie die Kriminalitätsrate war, sondern die Beruhigung des Auftraggebers.
Cybersecurity: 202 Milliarden Euro Schaden, gemessen von wem?

Der Bitkom veröffentlicht jährlich die Studie „Wirtschaftsschutz“ und hat für 2025 einen Gesamtschaden von 289,2 Mrd. € durch Diebstahl, Spionage und Sabotage ausgewiesen. Davon entfallen 202,4 Mrd. € auf Cyberangriffe, ein Anstieg von rund acht Prozent.
Die Zahl hat es weit gebracht. Zu lesen ist sie in Ministeriumsreden, Verbandspapieren, Vertriebsunterlagen und regelmäßig auch in unseren eigenen Nachrichtenstrecken. Kaum jemand nennt dabei ihre Herkunft.
Die Herkunft ist eine repräsentative Telefonbefragung von 1.002 Unternehmen ab zehn Beschäftigten. Geschäftsführungen und IT-Verantwortliche schätzen den ihnen entstandenen Schaden, das Ergebnis wird auf die Gesamtwirtschaft hochgerechnet. Methodisch sauber deklariert, aber eben eine Selbstauskunft und keine Buchhaltung.
Dieselbe Studie liefert die passende Gegenzahl gleich mit. Auf Basis von Daten des Analystenhauses PAC beziffert der Bitkom die deutschen Ausgaben für IT-Sicherheit auf 11,1 Mrd. € im Jahr 2025 und erwartet für 2026 einen Anstieg um 9,9 Prozent auf 12,2 Mrd. €. Der behauptete Schaden übersteigt den Schutzmarkt damit um den Faktor 17.
Und die Reaktion darauf lautet nicht etwa: Diese Relation kann nicht stimmen. Die Reaktion lautet: Deutschland investiert zu wenig in IT-Sicherheit. Der Bitkom-Präsident hat genau das gefordert und der Digitalverband vertritt neben Anwenderunternehmen auch die Anbieter eben jener Sicherheitslösungen.
Die Bedrohung selbst ist real, das steht außer Frage. Ransomware hat 34 Prozent der befragten Unternehmen getroffen, gegenüber 12 Prozent im Jahr 2022. Etwa 15 Prozent der Betroffenen haben gezahlt. Kritikwürdig ist nicht die Warnung, sondern die Unschärfe der Schadenszahl bei gleichzeitiger Präzision ihrer politischen Verwendung.
Für Entscheider hat das eine praktische Konsequenz. Eine Milliardenzahl aus einer Verbandsstudie taugt zur Sensibilisierung, nicht zur Budgetbegründung. Ein Sicherheitsbudget, das aus der eigenen Angriffsfläche, den eigenen Ausfallkosten und der eigenen Wiederanlaufzeit hergeleitet ist, steht auf belastbareren Zahlen als jede Hochrechnung.
Medien und der Nachrichtenwert der Bedrohung

Nachrichten selektieren nach Nachrichtenwerten und Schaden gehört seit den Arbeiten von Galtung und Ruge zu den stärksten davon. Negative Ereignisse sind seltener, überraschender und eindeutiger als positive, deshalb erreichen sie zuverlässiger die Titelseite.
Ökonomisch verstärkt das Digitalgeschäft diesen Effekt. Reichweite wird pro Abruf vergütet, Abrufe folgen der Aufmerksamkeit und Aufmerksamkeit folgt der Bedrohung. Kein Redakteur muss dafür manipulieren, die Anreizstruktur erledigt das allein.
Der Kreislauf aus den vorherigen Kapiteln schließt sich an dieser Stelle in vier Schritten:
- Ein Verband erhebt per Befragung eine Schadens- oder Angstzahl und veröffentlicht sie zu einem Messetermin
- Medien übernehmen die Zahl, weil sie groß, neu und einordnungsfähig ist, meist ohne Methodenhinweis
- Die Verbreitung erhöht die wahrgenommene Bedrohung und damit die Nachfrage nach Absicherung
- Die gestiegene Nachfrage finanziert Marketingbudgets, aus denen die Erhebung des Folgejahres bezahlt wird
Kein Beteiligter handelt dabei unredlich. Trotzdem entsteht ein System, das sich selbst am Laufen hält. Die R+V-Studie erscheint verlässlich im September, der Bitkom-Wirtschaftsschutz zur it-sa im Oktober, die BDSW-Zahlen zur Security-Messe. Angstkommunikation folgt einem Messekalender.
An dieser Stelle gehört die Selbstauskunft dazu: Dr. Web publiziert diese Zahlen ebenfalls und wir tun das im Nachrichtenteil oft ohne den methodischen Vorbehalt, den dieser Artikel einfordert. Eine Milliardenzahl ohne Angabe ihrer Erhebungsmethode ist journalistisch unvollständig und dieser Maßstab gilt für uns wie für alle anderen.
Die Konsequenz für Sie als Leser ist unbequem, aber einfach. Bei jeder großen Schadenszahl lohnt eine einzige Frage: erhoben von wem, bei wem, mit welcher Methode? Die Antwort verändert die Zahl selten, ihre Verbindlichkeit aber immer.
Gesundheitsangst: 415 Millionen Packungen gegen das Altern

Der deutsche Markt für Nahrungsergänzungsmittel hat im Zeitraum September 2024 bis September 2025 einen Umsatz von rund 4,3 Mrd. € bei etwa 415 Millionen verkauften Packungen erreicht. Der Arbeitskreis Nahrungsergänzungsmittel im Lebensmittelverband Deutschland weist diese Zahlen aus, bei einer erweiterten Datengrundlage, die Vergleiche mit älteren Werten einschränkt.
Die Dynamik bleibt trotzdem eindeutig. 2022 sind rund 241 Millionen Packungen abgesetzt worden, drei Jahre später 415 Millionen. Ein Zuwachs von rund 72 Prozent in einem Land, dessen Bevölkerung im selben Zeitraum kaum gewachsen ist.
Ernährungswissenschaftlich empfohlen wird eine Supplementierung nur in bestimmten Situationen und für vulnerable Gruppen, wie eine Untersuchung der Universität Göttingen für den Verbraucherzentrale Bundesverband festhält. Zwischen dieser Empfehlung und 415 Millionen Packungen liegt der eigentliche Markt.
Der Treiber ist nicht Krankheit, sondern die Furcht vor ihr. Diagnostik, Wearables und Mikronährstofftests erzeugen laufend Messwerte und jeder Messwert außerhalb eines Referenzbereichs erzeugt einen Handlungsimpuls. Longevity-Produkte und Kollagenpräparate wachsen genau in dieser Lücke.
Das Muster ähnelt dem, was Dr. Web an anderer Stelle über Statussymbole und Kaufpsychologie beschrieben hat. Gekauft wird nicht die Substanz, sondern die Selbstwirksamkeit: das Gefühl, gegen ein Risiko etwas unternommen zu haben. Ob die Kapsel wirkt, ist für den Kaufakt zweitrangig.
Die R+V misst seit 34 Jahren die Ängste der Deutschen, ABUS misst das Sicherheitsgefühl. Beide verkaufen die Gegenmittel und über die Methodik redet trotzdem niemand.
Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Verteidigung: Die größte Angstrechnung der Republik

Deutschland gibt 2026 rund 108,2 Mrd. € für Verteidigung aus, aufgeteilt auf 82,69 Mrd. € im Einzelplan 14 und 25,51 Mrd. € aus dem Sondervermögen Bundeswehr. Der Bundestag hat den Etat im November 2025 beschlossen, ein Höchststand seit dem Ende des Kalten Krieges.
Die Steigerung ist beispiellos. Das Verteidigungsministerium plant bis 2029 einen Anstieg auf rund 152 Mrd. €, gegenüber 2023 entspricht das einer Verdreifachung. Möglich geworden ist das durch die Grundgesetzänderung, die Verteidigungsausgaben von der Schuldenbremse ausgenommen hat.
Anders als bei Nahrungsergänzung oder Alarmanlagen liegt hier eine überprüfbare Bedrohungslage vor. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, die Debatte über amerikanische Bündniszusagen und die Bedrohung baltischer Bündnispartner sind keine Marketingkonstrukte.
Trotzdem gehört das Kapitel in diesen Artikel, weil der ökonomische Mechanismus identisch bleibt. Ein staatlich definiertes Bedrohungsempfinden übersetzt sich in Beschaffungsvolumina, allein die militärische Beschaffung umfasst 2026 rund 47,88 Mrd. €. Die Nutznießer sind private Rüstungsunternehmen mit Gewinnerzielungsabsicht.
Die redaktionelle Position dazu lautet nicht, dass diese Ausgaben falsch wären. Der Einwand lautet vielmehr, dass eine Verdreifachung binnen sechs Jahren dieselbe Prüfschärfe verdient wie jede andere Milliardeninvestition. Bislang findet diese Prüfung in der öffentlichen Debatte kaum statt, weil Zweifel an der Höhe schnell als Zweifel an der Notwendigkeit gelesen werden.
Compliance: Die Angst vor dem eigenen Staat

Der Nationale Normenkontrollrat beziffert die jährlichen Bürokratiekosten der deutschen Wirtschaft auf rund 64 Mrd. €. Das ifo Institut kommt auf bis zu 146 Mrd. € entgangene Wirtschaftsleistung, weil es indirekte Effekte einrechnet.
Zwischen beiden Zahlen liegt eine ganze Dienstleistungsbranche. Datenschutzberatung, NIS-2-Vorbereitung, ISO-Zertifizierung, Lieferkettendokumentation, ESG-Reporting: Jede neue Pflicht erzeugt einen Beratungsmarkt, der von der Unsicherheit über die Auslegung dieser Pflicht lebt.
Die Angst richtet sich hier nicht gegen Kriminelle oder Krankheiten, sondern gegen die eigene Rechtsordnung. Der Mittelständler fürchtet die Abmahnung, das Bußgeld, die verweigerte Ausschreibungsteilnahme. Kein einziges dieser Risiken ist erfunden und keines lässt sich seriös in eine Eintrittswahrscheinlichkeit übersetzen.
Genau diese Unbestimmtheit macht den Markt so profitabel. Ein Anbieter muss keine Bedrohung konstruieren, die Gesetzeslage liefert sie frei Haus. Verkauft wird die Auslegungssicherheit und die kostet unabhängig davon, ob je eine Prüfung stattfindet.
Bemerkenswert ist die Zwischenbilanz des Normenkontrollrats für den Zeitraum Juli 2024 bis Juni 2025. Der jährliche Erfüllungsaufwand ist erstmals seit Jahren gesunken, um rund 3,2 Mrd. €. Am Belastungsempfinden der Unternehmen hat das nach Erhebungen des Instituts der deutschen Wirtschaft nichts geändert und genau darin liegt die Parallele zur Kriminalitätsfurcht: Die Zahl bewegt sich, das Gefühl bleibt.
Gold: 9.089 Tonnen Misstrauen

Deutsche Privathaushalte besitzen laut der Goldstudie der Reisebank und des CFin der Steinbeis-Hochschule Berlin rund 9.089 Tonnen Gold in Form von Schmuck, Barren und Münzen. Die Bundesbank hielt Ende 2024 rund 3.352 Tonnen. Privatpersonen halten damit etwa das 2,7-Fache der staatlichen Reserve.
Als Motiv nennt die Studie vor allem Inflationsängste und die Suche nach realen Werten. Knapp 40 Prozent der Erwachsenen besitzen physisches Anlagegold und nahezu 90 Prozent der Käufer beschreiben sich als zufrieden mit dieser Anlage.
Rein finanzmathematisch ist die Zufriedenheit erklärungsbedürftig. Gold liefert keine laufenden Erträge, verursacht Lagerkosten und einen Spread von jeweils rund vier Prozent bei Kauf und Verkauf. Als reine Renditeanlage wäre das ein schwaches Produkt.
Als Angstprodukt ist es dagegen konkurrenzlos. Der Barren im Schließfach erfüllt genau das, was der Nahrungsergänzungsmittel-Käufer und der Alarmanlagen-Besteller ebenfalls suchen: einen sichtbaren, greifbaren Beleg dafür, dass man vorgesorgt hat. Die Rendite dieses Produkts ist Schlaf.
Die Anbieterseite kennt diesen Mechanismus genau. Edelmetallhändler haben im ersten Quartal 2025 Zuwächse von über 100 Prozent bei Barrenverkäufen gemeldet, in einer Phase, in der die Berichterstattung über geopolitische Risiken ihren Höhepunkt erreicht hat. Nachrichtenlage und Absatzkurve verlaufen parallel.
Die Mechanik des Angstmarketings

Angstbasierte Kommunikation folgt einem stabilen Dreischritt. Zuerst kommt die Bedrohung, dann die Personalisierung („auch Ihr Unternehmen“), zuletzt die Handlungsanweisung mit Zeitdruck. Fehlt der dritte Schritt, kippt die Botschaft in Lähmung statt in Kauf.
Verhaltensökonomisch trägt das Muster auf zwei Stützen. Die Verlustaversion bewertet einen drohenden Verlust etwa doppelt so stark wie einen gleich großen Gewinn. Und die Verfügbarkeitsheuristik hält jene Risiken für wahrscheinlich, die medial präsent sind.
Beide Effekte lassen sich messen und beide werden im Handel systematisch bewirtschaftet. Wie stark Verknappung, Countdown und Referenzpreis das Kaufverhalten steuern, hat Dr. Web ausführlich am Black Friday und der Verkaufspsychologie gezeigt. Die Mechanik ist dieselbe, nur die Emotion unterscheidet sich: dort die Angst vor dem entgangenen Schnäppchen, hier die Angst vor dem Schaden.
Für Entscheider ist die Unterscheidung zwischen Warnung und Verkaufsargument entscheidend. Eine seriöse Warnung nennt die Datengrundlage, benennt Unsicherheiten und verweist auf Alternativen einschließlich des Nichtstuns. Ein Verkaufsargument nennt eine große Zahl, eine kurze Frist und genau eine Lösung.
Die folgende Übersicht fasst zusammen, welche Branchen an welcher Angst verdienen und wie belastbar die jeweilige Datengrundlage ist.
| Branche | Marktvolumen Deutschland | Treibende Angst | Datenqualität |
|---|---|---|---|
| Versicherungen | 254 Mrd. € Beiträge (2025) | Existenz- und Vermögensverlust | Hoch, GDV-Verbandsstatistik |
| Verteidigung | 108,2 Mrd. € Ausgaben (2026) | Militärische Bedrohung | Hoch, Bundeshaushalt |
| Private Sicherheit | 14,75 Mrd. € (Prognose 2025) | Kriminalität, Objektschutz | Hoch, Statistisches Bundesamt |
| IT-Sicherheit | 12,2 Mrd. € (Prognose 2026) | Cyberangriff, Betriebsausfall | Mittel, Analystenschätzung |
| Nahrungsergänzung | 4,3 Mrd. € (2024/25) | Krankheit, Alterung | Mittel, Handelspaneldaten |
| Compliance-Beratung | Teil von 64 bis 146 Mrd. € Bürokratielast | Bußgeld, Haftung | Niedrig, keine Marktabgrenzung |
Die Gegenrechnung: Was die Angst kostet

Bis hierher lief die Rechnung nur in eine Richtung. Die Angstökonomie erzeugt Umsatz, Arbeitsplätze und Steueraufkommen, allein die hier behandelten Branchen summieren sich auf weit über 400 Mrd. €. Die andere Seite dieser Bilanz taucht in keiner Verbandsstatistik auf.
Der größte Gegenposten heißt Vorsichtssparen. Die deutsche Bruttosparquote hat 2024 bei 20,0 Prozent gelegen, gegenüber einem EU-Durchschnitt von 14,6 Prozent, wie das Statistische Bundesamt zum Weltspartag 2025 ausgewiesen hat. Allein im ersten Halbjahr 2025 haben die privaten Haushalte 134,6 Mrd. € zurückgelegt.
Ökonomisch beschreibt Vorsichtssparen die Reaktion auf Unsicherheit über das künftige Einkommen. Steigen die Sorgen, steigt die Sparquote und der private Konsum fällt als Wachstumstreiber aus. Genau dieses Muster hat Deutschland seit Jahren: Das GfK-Konsumklima ist von 2024 bis 2026 dauerhaft im negativen Bereich geblieben, obwohl die Reallöhne 2025 gestiegen sind.
Damit steht der Angstökonomie eine gesamtwirtschaftliche Bremswirkung gegenüber, die kein Verband beziffert, weil kein Verband ein Interesse daran hat. Die 14,75 Mrd. € Umsatz der Sicherheitswirtschaft sind ein Bruchteil dessen, was allein die Konsumzurückhaltung an Wertschöpfung kostet.
Auf Unternehmensseite wiederholt sich das Muster. Jeder Euro, der in nicht nachgerechnete Absicherung fließt, fehlt in Produktentwicklung, Vertrieb oder Personal. Die vom ifo Institut errechneten 146 Mrd. € Bürokratiekosten sind zu einem erheblichen Teil genau das: Ressourcen, die Risiken verwalten statt Werte zu schaffen.
Die ehrliche Bilanz der Angstökonomie lautet deshalb nicht, dass hier Milliarden verdient werden. Der Befund lautet anders. Hier werden Milliarden umverteilt, von der Wertschöpfung zur Absicherung. Die volkswirtschaftlichen Kosten dieser Umverteilung sind dabei deutlich schlechter dokumentiert als ihre Erträge.
Was Entscheider aus der Angstökonomie lernen

Der praktische Nutzen dieses Themas liegt in zwei Rollen, die jeder Unternehmer gleichzeitig einnimmt. In der einen Rolle kaufen Sie Angstprodukte ein, in der anderen verkaufen Sie welche, oft ohne es so zu benennen.
Auf der Einkaufsseite hilft ein knapper Prüfkatalog vor jeder Sicherheitsinvestition:
- Welchen konkreten Schaden verhindert diese Ausgabe, benannt in Euro und nicht in Kategorien
- Mit welcher angenommenen Häufigkeit tritt dieser Schaden ein, gestützt auf welche Annahme
- Was kostet der Schadensfall ohne diese Ausgabe, inklusive Ausfallzeit und Wiederanlauf
- Welche unabhängige Quelle belegt die vom Anbieter genannte Bedrohungszahl
Bleibt eine dieser vier Fragen unbeantwortet, verkauft der Anbieter Beruhigung statt Risikoreduktion. Beruhigung hat durchaus einen Wert, nur sollte sie als solche eingekauft und entsprechend bepreist werden.
Ebenso nützlich ist der Blick auf die Herkunft jeder zitierten Zahl. Verbandsstudien, Anbieterumfragen und Marktprognosen sind legitime Quellen, aber sie sind keine Buchhaltung. Eine Zahl mit klarem Absender und offengelegter Methode ist mehr wert als eine größere Zahl ohne beides.
Auf der Verkaufsseite stellt sich die Frage nach der eigenen Kommunikation. Warnungen vor realen Risiken sind Teil verantwortlicher Beratung und ein Dienstleister, der ein Sicherheitsproblem verschweigt, handelt schlechter als einer, der es benennt. Die Grenze verläuft bei der Nachprüfbarkeit.
Konkret bedeutet das: Jede Bedrohungsaussage im eigenen Marketing sollte eine Quelle tragen, die der Kunde selbst aufrufen kann. Jede Dringlichkeit sollte einen sachlichen Grund haben statt eines künstlichen Countdowns. Und jede Empfehlung sollte die Option benennen, nichts zu tun, samt der Konsequenzen dieser Option.
Der letzte Punkt ist der unbequemste, weil er Umsatz kostet. Genau deshalb trennt er am zuverlässigsten den Anbieter, der ein Risiko managt, vom Anbieter, der eine Emotion bewirtschaftet. Die Angstökonomie verschwindet dadurch nicht, aber sie wird für Sie verhandelbar.
Und eine Erkenntnis bleibt unabhängig von der Branche bestehen. Der größte Wettbewerbsvorteil in einem Markt, der von diffuser Furcht lebt, ist die Fähigkeit, Wahrscheinlichkeiten auszurechnen statt sie zu fühlen.
1 Welche Organisation erhebt die bekannteste Angst-Langzeitstudie Deutschlands? Aufklappen ↓
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2 Wie hoch war der Umsatz der privaten Sicherheitswirtschaft im Jahr 2015? Aufklappen ↓
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3 Um welchen Faktor übersteigt der behauptete Cyberschaden den deutschen IT-Sicherheitsmarkt? Aufklappen ↓
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4 Wie hoch lag die deutsche Bruttosparquote 2024 im Vergleich zum EU-Durchschnitt? Aufklappen ↓
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5 Wie viel Gold halten deutsche Privathaushalte im Verhältnis zur Bundesbank? Aufklappen ↓
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Glossar: 14 Fachbegriffe zur Angstökonomie

Angstindex
Der Angstindex ist der Durchschnittswert aller in der R+V-Studie „Die Ängste der Deutschen“ abgefragten Einzelsorgen. Für 2025 hat die Erhebung 37 Prozent ausgewiesen, nach 42 Prozent im Vorjahr. Der Wert gilt als Frühindikator für gesellschaftliche Stimmungsverschiebungen.
Compliance
Compliance bezeichnet die Einhaltung gesetzlicher und interner Vorgaben durch ein Unternehmen. Für die Angstökonomie ist der Begriff zentral, weil jede neue Regulierungspflicht einen Beratungsmarkt erzeugt, der von der Unsicherheit über die Auslegung dieser Pflicht lebt.
Dunkelfeld
Als Dunkelfeld gelten alle Straftaten, die begangen, aber nicht angezeigt werden und deshalb in der Polizeilichen Kriminalstatistik fehlen. Opferbefragungen wie die BKA-Studie SKiD versuchen dieses Feld zu vermessen, weil die reine Anzeigenstatistik die tatsächliche Sicherheitslage nur unvollständig abbildet.
Erfüllungsaufwand
Der Erfüllungsaufwand misst Zeit und Kosten, die Bürgern, Wirtschaft und Verwaltung durch die Befolgung gesetzlicher Vorgaben entstehen. Der Nationale Normenkontrollrat weist ihn jährlich aus und hat für Juli 2024 bis Juni 2025 erstmals seit Jahren einen Rückgang um rund 3,2 Mrd. € gemeldet.
Kriminalitätsfurcht
Kriminalitätsfurcht bezeichnet die subjektive Sorge, Opfer einer Straftat zu werden. Das DIW Berlin hat 2025 dokumentiert, dass diese Furcht unabhängig von der tatsächlichen Kriminalitätsentwicklung zunehmen kann. Genau diese Entkopplung stabilisiert die Nachfrage nach privaten Sicherheitsleistungen.
Kumulschaden
Ein Kumulschaden entsteht, wenn ein einzelnes Ereignis gleichzeitig sehr viele Versicherungsverträge betrifft. In der Cyberversicherung gilt eine großflächige Attacke auf einen weit verbreiteten Dienst als solcher Fall, weshalb Versicherer bei der Zeichnung dieser Sparte zurückhaltender geworden sind.
NIS-2
NIS-2 ist die EU-Richtlinie zur Netz- und Informationssicherheit, die deutlich mehr Unternehmen zu Risikomanagement, Meldepflichten und Nachweisen verpflichtet als ihre Vorgängerregelung. Die Umsetzung hat in Deutschland einen eigenen Beratungs- und Zertifizierungsmarkt entstehen lassen.
Ransomware
Ransomware ist Schadsoftware, die Daten verschlüsselt und erst gegen Lösegeldzahlung wieder freigibt. Laut Bitkom-Wirtschaftsschutz 2025 waren 34 Prozent der befragten Unternehmen betroffen, gegenüber 12 Prozent im Jahr 2022. Etwa 15 Prozent der Betroffenen haben gezahlt.
Risikotransfer
Risikotransfer meint die vertragliche Übertragung eines finanziellen Risikos auf einen Dritten, typischerweise einen Versicherer. Der Preis dieses Transfers ist die Prämie, kalkuliert auf Basis von Schadenstatistiken. Nirgendwo sonst in der Angstökonomie ist der Preis eines Risikos so transparent ausgewiesen.
Sparquote
Die Sparquote gibt an, welchen Anteil ihres verfügbaren Einkommens private Haushalte zurücklegen. Die deutsche Bruttosparquote lag 2024 bei 20,0 Prozent gegenüber 14,6 Prozent im EU-Durchschnitt. Hohe Sparquoten dämpfen den privaten Konsum als Wachstumstreiber.
Verfügbarkeitsheuristik
Die Verfügbarkeitsheuristik beschreibt die Neigung, die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses danach zu beurteilen, wie leicht Beispiele dafür erinnerbar sind. Medial stark präsente Risiken erscheinen dadurch häufiger, als sie tatsächlich sind, was Angstmarketing seine Wirkung verleiht.
Verlustaversion
Verlustaversion bezeichnet den verhaltensökonomischen Befund, dass Menschen einen drohenden Verlust etwa doppelt so stark gewichten wie einen gleich großen Gewinn. Angstbasierte Verkaufsargumente nutzen diesen Effekt, indem sie den möglichen Schaden statt des möglichen Nutzens in den Vordergrund stellen.
Vorsichtssparen
Vorsichtssparen ist das Zurücklegen zusätzlicher Mittel als Reaktion auf Unsicherheit über das künftige Einkommen. Steigende Sorgen erhöhen die Sparquote und senken den Konsum. Volkswirtschaftlich zählt dieser Effekt zu den größten, aber am schlechtesten dokumentierten Kosten der Angstökonomie.
Wirtschaftsschutz
Der Wirtschaftsschutz umfasst alle Maßnahmen zum Schutz von Unternehmen vor Spionage, Sabotage und Datendiebstahl. Der Bitkom erhebt unter diesem Titel seit 2015 jährlich eine Schadensbilanz, zuletzt 289,2 Mrd. € für 2025, davon 202,4 Mrd. € durch Cyberangriffe.
FAQ: Angstökonomie: Deutschlands profitabelste Ware

Was ist die Angstökonomie?
Als Angstökonomie werden alle Märkte bezeichnet, deren Nachfrage aus dem Bedürfnis nach Unsicherheitsreduktion entsteht. Dazu zählen Versicherungen, private Sicherheitsdienste, IT-Sicherheit, Nahrungsergänzung, Compliance-Beratung und Krisenvorsorge. Verkauft wird dabei nicht ein Produkt, sondern die Verringerung einer Sorge. Der Markt gilt als strukturell unersättlich, weil vollständige Sicherheit nicht erreichbar ist. Anders als bei Konsumgütern setzt kein natürliches Sättigungslimit die Nachfrage nach oben hin fest.
Welche Branchen verdienen am meisten mit Angst?
Gemessen am Marktvolumen führen in Deutschland die Versicherer mit 254 Mrd. Euro Beitragseinnahmen (2025), gefolgt von den Verteidigungsausgaben des Bundes mit 108,2 Mrd. Euro (2026). Deutlich kleiner fallen die private Sicherheitswirtschaft mit 14,75 Mrd. Euro und der IT-Sicherheitsmarkt mit 12,2 Mrd. Euro aus. Nahrungsergänzungsmittel kommen auf 4,3 Mrd. Euro. Die Compliance-Beratung lässt sich nicht sauber abgrenzen, sie ist Teil einer Bürokratielast, die je nach Berechnungsmethode zwischen 64 und 146 Mrd. Euro liegt.
Warum wächst die Sicherheitsbranche, obwohl die Kriminalität sinkt?
Der Umsatz der privaten Sicherheitswirtschaft hat sich zwischen 2015 und 2025 von 6,96 auf prognostizierte 14,75 Mrd. Euro mehr als verdoppelt, während die Polizeiliche Kriminalstatistik für 2025 einen Rückgang der Gewaltkriminalität um 2,3 Prozent ausweist. Zwei Gründe erklären das. Ein erheblicher Teil des Wachstums entfällt auf Objektschutz, Veranstaltungssicherheit und Aufgaben, die früher die Polizei übernommen hat. Und das DIW Berlin hat 2025 belegt, dass Kriminalitätsfurcht unabhängig von der realen Kriminalität zunehmen kann.
Wie erkennen Sie Angstmarketing?
Angstbasierte Kommunikation folgt einem Dreischritt aus Bedrohung, Personalisierung und Handlungsanweisung mit Zeitdruck. Als Warnsignale gelten eine große Schadenszahl ohne Quellenangabe, eine kurze Frist ohne sachlichen Grund und genau eine angebotene Lösung. Eine seriöse Warnung nennt dagegen die Datengrundlage, benennt Unsicherheiten und stellt Alternativen dar, einschließlich der Option, nichts zu tun.
Wie zuverlässig sind Studien zu Cyberschäden?
Die meistzitierte deutsche Zahl von 202,4 Mrd. Euro Cyberschaden stammt aus der Bitkom-Studie Wirtschaftsschutz 2025 und beruht auf einer Telefonbefragung von 1.002 Unternehmen ab zehn Beschäftigten. Geschäftsführungen schätzen dabei den eigenen Schaden, das Ergebnis wird hochgerechnet. Methodisch ist das sauber deklariert, es handelt sich aber um Selbstauskünfte und nicht um Buchhaltungsdaten. Für die Sensibilisierung taugt die Zahl, als Grundlage für ein konkretes Sicherheitsbudget nicht.
Schadet Angst der Wirtschaft mehr, als sie einbringt?
Belastbar beziffert ist bislang nur die Einnahmenseite. Die deutsche Bruttosparquote lag 2024 bei 20,0 Prozent gegenüber 14,6 Prozent im EU-Durchschnitt. Dieses Vorsichtssparen dämpft den privaten Konsum als Wachstumstreiber. Das ifo Institut beziffert allein die Bürokratiekosten auf bis zu 146 Mrd. Euro entgangene Wirtschaftsleistung. Eine geschlossene Gegenrechnung existiert nicht, weil kein Verband ein Interesse daran hat, die Kosten der Angst zu erheben.
Quellen
- R+V Versicherung | Die Ängste der Deutschen 2025 | https://www.ruv.de/newsroom/themenspezial-die-aengste-der-deutschen | besucht am 27.07.2026
- BDSW Bundesverband der Sicherheitswirtschaft | Sicherheitswirtschaft ist weiter auf Wachstumskurs | https://www.bdsw.de/presse/bdsw-pressemitteilungen/sicherheitswirtschaft-ist-weiter-auf-wachstumskurs-umsatz-verdoppelt-fachkraeftemarkt-zeigt-erste-entspannung | besucht am 27.07.2026
- Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft | Versicherungswirtschaft wächst 2025 deutlich | https://www.gdv.de/gdv/medien/medieninformationen/versicherungswirtschaft-waechst-2025-deutlich-gedaempfter-ausblick-auf-2026-196066 | besucht am 27.07.2026
- Bundeskriminalamt | Polizeiliche Kriminalstatistik 2025 und Dunkelfeldstudie SKiD 2024 | https://www.bka.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/Kurzmeldungen/260420_PKS_SKiD.html | besucht am 27.07.2026
- DIW Berlin | Das Sicherheitsgefühl in Deutschland ist sozial und regional ungleich verteilt, Wochenbericht 30/2025 | https://www.diw.de/de/diw_01.c.968457.de/publikationen/wochenberichte/2025_30_1/das_sicherheitsgefuehl_in_deutschland_ist_sozial_und_regional_ungleich_verteilt.html | besucht am 27.07.2026
- Bitkom | Wirtschaftsschutz 2025 | https://www.bitkom.org/Bitkom/Publikationen/Wirtschaftsschutz | besucht am 27.07.2026
- Bitkom | Deutscher Markt für IT-Sicherheit wächst zweistellig | https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Deutscher-Markt-IT-Sicherheit-waechst-zweistellig | besucht am 27.07.2026
- Lebensmittelverband Deutschland | Marktentwicklung von Nahrungsergänzungsmitteln | https://www.lebensmittelverband.de/de/aktuell/2026-06-30-marktentwicklung-von-nahrungsergaenzungsmitteln-neue-datengrundlage-sorgt-fuer-mehr-markttransparenz | besucht am 27.07.2026
- Deutscher Bundestag | Deutlicher Anstieg bei den Verteidigungsausgaben | https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2025/kw48-de-verteidigung-1126048 | besucht am 27.07.2026
- ifo Institut | Bürokratie in Deutschland kostet jährlich 146 Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung | https://www.ifo.de/pressemitteilung/2024-11-14/buerokratie-deutschland-kostet-jaehrlich-146-milliarden-euro | besucht am 27.07.2026
- Nationaler Normenkontrollrat | Jahresbericht 2025: Einfach, schnell, wirksam | https://www.normenkontrollrat.bund.de/Webs/NKR/SharedDocs/Downloads/DE/Jahresberichte/2025-jahresbericht.pdf | besucht am 27.07.2026
- Statistisches Bundesamt | Sparquote in Deutschland mit 10,3 Prozent im 1. Halbjahr 2025 | https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/10/PD25_N059_81.html | besucht am 27.07.2026
- Reisebank und CFin Steinbeis-Hochschule Berlin | Goldinvestments: Indikatoren, Motive und Einstellungen von Privatpersonen | https://www.dfpa.info/maerkte-studien-news/reisebank-studie-zeigt-deutsche-horten-gold-und-schaetzen-es-wieder-als-inflationsschutz.html | besucht am 27.07.2026
- ABUS und YouGov | Sicherheitsstudie zum Sicherheitsgefühl der Deutschen | https://www.abus.com/de/Ratgeber/Einbruchschutz/Sicherheitsstudie | besucht am 27.07.2026
- Bundeszentrale für politische Bildung | Mit Sicherheit profitabel: Das Geschäft mit der Angst | https://www.bpb.de/themen/medien-journalismus/netzdebatte/248828/mit-sicherheit-profitabel-das-geschaeft-mit-der-angst/ | besucht am 27.07.2026