Erdgas hält fast jede zweite Wohnung in Deutschland warm, treibt Kraftwerke an und steckt in jedem Sack Dünger. Europas Gasspeicher gehen im Sommer 2026 so schwach gefüllt in die Vorbereitung auf den Winter wie seit über einem Jahrzehnt nicht, und der Großhandelspreis liegt gut ein Drittel über dem Vorjahr. Der Auslöser liegt nicht in Russland, sondern in einer Meerenge am Persischen Golf.

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Millionen Haushalte mit Gasheizung und jedes Unternehmen mit Gasanschluss entscheiden in diesen Wochen über Fixkosten, die das ganze nächste Jahr tragen. Der durchschnittliche Haushalt zahlt im Frühsommer 2026 rund 11,10 Cent je Kilowattstunde, meldet der Branchenverband BDEW. Die Rechnung für den kommenden Winter ist damit noch nicht geschrieben.

Das Wichtigste in Kürze

  • Europas Gasspeicher lagen Ende Juni 2026 im EU-Schnitt bei rund 48 Prozent. Analysten erwarten zum Ende der Einspeisesaison nur etwa 76 Prozent, den niedrigsten Stand seit mindestens 2011.
  • Erdgas besteht überwiegend aus Methan, das über Jahrmillionen aus abgestorbenem Plankton unter Druck und Hitze entstanden ist. Der niederländische Referenzpreis TTF stieg im Juli 2026 auf rund 50 Euro je Megawattstunde, gut 37 Prozent über dem Vorjahr.
  • Deutschland bezog 2025 sein Gas zu 44 Prozent aus Norwegen, zu 24 Prozent aus den Niederlanden und zu 21 Prozent aus Belgien. Vor 2022 kam mehr als die Hälfte aus Russland.
  • Am 1. Januar 2025 endete der letzte große Gastransit durch die Ukraine. Die Vereinigten Staaten sind inzwischen der größte Gasförderer und der wichtigste Flüssiggas-Lieferant der Welt.
  • Rund die Hälfte des deutschen Gaspreises entfällt auf Netzentgelte, Steuern und Abgaben. Die Gasspeicherumlage entfiel zum 1. Januar 2026, was die Rechnungen um rund drei Milliarden Euro entlastet.

Angeberwissen in fünf Fragen

Der Dr.-Web-Quizmaster
Wissenstest
Wie gut kennen Sie Erdgas?
5 Fragen aus dem Artikel. Wählen Sie Ihre Antwort, dann decken Sie die Lösung auf.
1 Woraus besteht Erdgas zum größten Teil? Aufklappen ↓
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Richtig: B. Erdgas besteht zu 75 bis 99 Prozent aus Methan, das über Jahrmillionen aus abgestorbenem Plankton unter Hitze entstand. Das erste Kapitel zeigt den Weg vom Meeresboden ins Gasfenster.
2 Welcher Fund machte die Niederlande 1959 zum ersten großen Gasexporteur Europas? Aufklappen ↓
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Richtig: C. Das Groninger Feld fasste fast drei Billionen Kubikmeter. Es prägte Europas Energieversorgung und schenkte der Wirtschaftswissenschaft die Holländische Krankheit, wie Kapitel 7 erklärt.
3 Wann endete der letzte große Gastransit von Russland durch die Ukraine? Aufklappen ↓
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Richtig: A. Zum Jahreswechsel 2025 lief der Transitvertrag mit Gazprom aus. Damit endete eine Verbindung, die 1970 mit dem Röhren-gegen-Gas-Geschäft begonnen hatte.
4 Welches Land war 2025 der größte Erdgasförderer der Welt? Aufklappen ↓
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Richtig: B. Die Vereinigten Staaten förderten rund ein Viertel des Weltgases, möglich gemacht durch das Fracking. Wie das die Machtverhältnisse verschob, zeigt das Geopolitik-Kapitel.
5 Woher stammte 2025 der größte Teil des deutschen Erdgas-Imports? Aufklappen ↓
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Richtig: C. Norwegen lieferte 44 Prozent und beerbte damit Russland als wichtigsten Lieferanten. Vor 2022 sah diese Rangliste noch völlig anders aus.

Was ist Erdgas und wie entsteht der Rohstoff?

Heizungsanzeige mit Nadel kurz vor
Erdgas besteht zu 75-99% aus Methan (CH₄) und entsteht aus organischem Material unter Druck und Hitze. Methan liefert beim Verbrennen mehr Energie pro kg CO₂ als Kohle oder Öl

Erdgas ist ein Gasgemisch, das zu 75 bis 99 Prozent aus Methan besteht und über Jahrmillionen aus organischem Material unter Druck und Hitze in der Tiefe entstanden ist. Methan trägt die Formel CH₄, ein Kohlenstoffatom mit vier Wasserstoffatomen, und liefert beim Verbrennen mehr Energie je Kilogramm CO₂ als Kohle oder Öl.

Der Weg beginnt am Meeresboden. Abgestorbenes Plankton sinkt in den Schlamm, wird von Sedimenten überdeckt und über Jahrmillionen tiefer und tiefer begraben. Mit der Tiefe steigen Druck und Temperatur, und aus dem organischen Kohlenstoff wird zunächst Erdöl. Erst weiter unten, im sogenannten Gasfenster oberhalb von etwa 150 Grad, zerlegt die Hitze die Kohlenwasserstoffe zu Methan.

Ein zweiter Entstehungsweg läuft ohne große Hitze ab. Mikroben zersetzen organisches Material in Sümpfen, Reisfeldern und Rindermägen. Dabei entsteht ebenfalls Methan. Dieses biogene Gas ist chemisch dasselbe wie das fossile, entsteht aber in Jahren statt in Jahrmillionen. Der Unterschied entscheidet später über die Klimabilanz, denn nur der fossile Kohlenstoff war lange aus dem Kreislauf verschwunden.

Nicht jedes Gas kommt sauber aus dem Boden. Reines Methan heißt Trockengas, gemischt mit Ethan, Propan und Butan spricht die Branche von Nassgas. Enthält das Gemisch Schwefelwasserstoff, riecht das rohe Gas nach faulen Eiern und gilt als Sauergas, das erst aufwendig gereinigt werden muss. Der typische Geruch im Haushalt stammt übrigens nicht vom Gas selbst, sondern von einem Duftstoff, den der Versorger zur Sicherheit zusetzt.

Bei den Vorkommen trennt die Fachwelt konventionelle von unkonventionellen Lagerstätten. Konventionelles Gas sammelt sich in porösen Gesteinsschichten unter einer undurchlässigen Deckschicht und lässt sich anbohren. Unkonventionelles Gas sitzt fein verteilt im dichten Schiefergestein und kommt nur durch hydraulisches Aufbrechen heraus, das sogenannte Fracking, das die amerikanische Förderung ab 2008 revolutionierte.

Die Reserven reichen nach heutigem Stand mehrere Jahrzehnte. Der Energiekonzern-Verbund Energy Institute weist für 2025 eine statische Reichweite von rund fünfzig Jahren aus, gerechnet aus bekannten Reserven und aktuellem Verbrauch. Neue Funde und höhere Preise verschieben diese Rechnung laufend nach oben, weshalb die Zahl seit Jahrzehnten trotz steigenden Verbrauchs kaum sinkt.

Wer entdeckte Erdgas und wie begann seine Nutzung?

Brennendes Bambusrohr mit Schild „China, 500 v. Chr.“ und kleiner gezeichneter Figur
Schon vor 2.500 Jahren leiteten Menschen in China Erdgas durch Bambusrohre

Die erste dokumentierte Nutzung von Erdgas stammt aus China vor rund 2.500 Jahren, wo die Menschen Gas durch Bambusrohre leiteten, um Sole zu Salz zu verdampfen. Ein brennbares Gas, das aus dem Boden strömte, galt lange als Wunder oder als Werk der Götter, nicht als Rohstoff.

Die industrielle Geschichte begann in einem kleinen Ort im Bundesstaat New York. William Hart bohrte 1821 in Fredonia einen flachen Schacht, fasste das austretende Gas und leitete den Rohstoff durch hölzerne Rohre zur Beleuchtung einer Mühle und mehrerer Häuser. Aus diesem Anfang wuchs 1858 die Fredonia Gas Light Company, das erste Gasunternehmen der Welt. Hart gilt seither als Vater der amerikanischen Gasindustrie.

Lange blieb Gas ein lokales Nebenprodukt der Ölbohrungen. Wo Öl gefördert wurde, entwich Gas, und mangels Pipelines wurde das Gas einfach abgefackelt. Diese Verschwendung endete erst, als lange Fernleitungen aus geschweißtem Stahl das Gas über hunderte Kilometer zu den Städten brachten, in den Vereinigten Staaten ab den 1920er-Jahren.

Den europäischen Wendepunkt lieferte ein Zufallsfund. 1959 stieß der Konzern NAM bei Groningen in den Niederlanden auf eines der größten Gasfelder der Welt, fast drei Billionen Kubikmeter. Die Ergiebigkeit lag weit über dem Eigenbedarf, und die Niederlande wurden binnen weniger Jahre zum ersten großen Gasexporteur Europas. Dieser Fund prägte nicht nur die Energieversorgung, sondern auch die Wirtschaftsgeschichte des Kontinents, wie das Kapitel über Gewinner und Verlierer zeigt.

Deutschland kannte lange nur das Stadtgas, das die Kommunen aus Kohle herstellten und das giftiges Kohlenmonoxid enthielt. Ab den 1960er-Jahren verdrängte das ungiftige Erdgas das Stadtgas Schritt für Schritt, gespeist zunächst aus eigenen Feldern in Niedersachsen. Die Umstellung Millionen einzelner Haushaltsgeräte zog sich über Jahrzehnte, ein logistisches Mammutprojekt, das die Netzbetreiber Straße für Straße abarbeiteten.

Die deutsche Eigenförderung blieb bescheiden und deckt heute nur noch einen kleinen Bruchteil des Bedarfs. Das Land verfügte über Verarbeitungskompetenz und ein dichtes Leitungsnetz, aber nie über nennenswerte eigene Vorräte. Diese Konstellation, hoher Verbrauch bei geringer eigener Förderung, prägt die deutsche Position bis heute.

Wie hat Erdgas die Weltkarte verändert?

Stahlrohrring auf Betonsockel mit Inschriften „OST UND WEST, 1970“ und „GASANSCHLUSS...“
Das Röhren-gegen-Gas-Geschäft von 1970 band Deutschland auf Jahrzehnte an Moskau

Erdgas hat Europa in eine jahrzehntelange Abhängigkeit von Russland geführt, die 2022 in wenigen Monaten zerbrach und die politische Landkarte des Kontinents neu ordnete. Kein anderer Rohstoff hat die Beziehungen zwischen Ost und West so unmittelbar geprägt, und keiner ist so schwer zu ersetzen, weil er an feste Leitungen gebunden ist.

Der Anfang war ein Handelsgeschäft mit Symbolkraft. 1970 schlossen die Bundesrepublik und die Sowjetunion das sogenannte Röhren-gegen-Gas-Abkommen: Deutsche Konzerne lieferten Stahlrohre, im Gegenzug floss sowjetisches Gas nach Westen. Über die Pipeline aus dem sibirischen Feld Urengoi wuchs eine Verbindung, die den Kalten Krieg überdauerte und beiden Seiten über Jahrzehnte nützte.

Anders als beim Erdöl, das per Tanker überallhin verschifft werden kann, bindet die Pipeline Käufer und Verkäufer aneinander. Der Bau einer Leitung ist eine Ehe auf Jahrzehnte. Genau diese Bindung machte die Stärke des Geschäfts aus und wurde später zur Falle, als die Nord-Stream-Leitungen die deutsche Abhängigkeit auf über die Hälfte des Verbrauchs trieben.

Der Bruch kam mit dem russischen Angriff auf die Ukraine. 2022 drosselte Moskau die Lieferungen, im September zerstörten Explosionen die Nord-Stream-Leitungen in der Ostsee, und Europa stand vor der Frage, wie ein Kontinent binnen eines Winters seine wichtigste Energiequelle ersetzt. Die Antwort hieß Flüssiggas, per Schiff aus den Vereinigten Staaten und aus Katar, dazu mehr Pipelinegas aus Norwegen.

Am 1. Januar 2025 fiel der letzte Vorhang. Der Transitvertrag zwischen der Ukraine und Gazprom lief aus, und um acht Uhr Moskauer Zeit stoppte der Transit durch die älteste Gasleitung nach Westeuropa. Damit endete eine Ära, die 1970 begonnen hatte. Nur der Balkanstrang der Turkstream-Leitung durch das Schwarze Meer bringt noch russisches Gas nach Ungarn und Serbien.

Zugleich verschob sich die Macht über den Atlantik. Die Vereinigten Staaten, durch das Fracking vom Importeur zum größten Förderer der Welt geworden, sind heute der wichtigste Flüssiggas-Exporteur und ein politischer Faktor auf dem europäischen Markt. Katar, ein Wüstenstaat mit weniger Einwohnern als München, spielt in derselben Liga, weil unter seinem Küstenschelf eines der größten Gasfelder der Welt liegt. Und beide hängen an derselben Schwachstelle, der Straße von Hormus, durch die 2026 die Krise kam.

Wer fördert, woher Deutschland kauft
Drei Länder liefern fast das gesamte deutsche Gas, Russland ist nicht mehr darunter.

Weltförderung 2025: 4.186 Mrd. m³

USA
25,6 %
Russland
14,5 %
Iran
6,3 %
China
5,6 %
Kanada
4,3 %

Deutschlands Importe 2025 nach Herkunft

Norwegen
44 %
Niederlande
24 %
Belgien
21 %
LNG (v.a. USA)
10,3 %

Die Wende in drei Jahren: Vor 2022 kam mehr als die Hälfte des deutschen Gases aus Russland. 2025 stammen 44 Prozent aus Norwegen, 24 Prozent aus den Niederlanden und 21 Prozent aus Belgien. Über die vier deutschen LNG-Terminals liefen 10,3 Prozent, davon 96 Prozent aus den Vereinigten Staaten.

Das offene Nadelöhr: Am 1. Januar 2025 endete der letzte große Gastransit durch die Ukraine. Seither hängt Südosteuropa an einer einzigen Route, dem Balkanstrang der Turkstream-Pipeline. Katars Flüssiggas wiederum muss durch die Straße von Hormus, die 2026 zum Krisenpunkt wurde.

Warum ist Erdgas für die Weltwirtschaft so wichtig?

Gaskocher mit USA/Europa Preisschildern und Sonnenbrille, darunter Text:
Amerikanisches Gas kostet an der Quelle oft nur einen Bruchteil des europäischen

Erdgas deckt rund ein Viertel des weltweiten Energiebedarfs und ist der Rohstoff, der einspringt, wenn Kohle zu schmutzig und erneuerbare Energie gerade nicht verfügbar ist. Der globale Verbrauch lag 2025 bei 4.186 Milliarden Kubikmetern, ein Anstieg um 1,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr, meldet das Energy Institute in seinem Statistical Review.

Die Förderung konzentriert sich auf wenige Länder. Die Vereinigten Staaten holten 2025 rund 1.074 Milliarden Kubikmeter aus dem Boden, ein Viertel der Weltförderung. Russland folgte mit 609 Milliarden, Iran mit 265 Milliarden. Auf der Verbrauchsseite stehen dieselben USA an der Spitze mit 913 Milliarden Kubikmetern, vor Russland und China.

Anders als Öl kennt Gas keinen einheitlichen Weltpreis. Drei große Handelsplätze bestimmen die Preise: Henry Hub in den Vereinigten Staaten, der niederländische TTF für Europa und der asiatische Referenzpreis JKM für Flüssiggas. Das an der TTF gehandelte Volumen übersteigt den niederländischen Eigenverbrauch um mehr als das Vierzehnfache, weshalb dieser Punkt als europäischer Leitpreis gilt.

Die Preisspanne zwischen den Regionen ist gewaltig und entscheidet über Industriestandorte. Amerikanisches Gas kostet an der Quelle oft nur einen Bruchteil des europäischen, weil die USA im eigenen Land fördern und keinen teuren Schiffstransport brauchen. Für energieintensive Branchen wie Chemie, Glas und Dünger wird dieser Unterschied zur Standortfrage, weil das Gas dort nicht nur Brennstoff, sondern Rohstoff ist.

Deutschland verbrauchte 2025 rund 864 Terawattstunden Gas, meldet die Bundesnetzagentur. Davon entfielen etwa 35 Prozent auf die Industrie und rund 30 Prozent auf die Haushalte, der Rest auf Gewerbe und Stromerzeugung. Importiert wurden 1.031 Terawattstunden, ein Fünftel mehr als im Vorjahr, weil ein Teil weiter nach Europa durchgeleitet und in Speicher gefüllt wurde.

Die Bezugsquellen haben sich seit 2022 grundlegend gedreht. Norwegen liefert heute 44 Prozent, die Niederlande 24 Prozent, Belgien 21 Prozent, wobei das belgische und niederländische Gas zu großen Teilen als Flüssiggas ankommt und weitergereicht wird. Über die vier deutschen LNG-Terminals in Wilhelmshaven, Brunsbüttel, Lubmin und Mukran kamen 10,3 Prozent, davon 96 Prozent aus den Vereinigten Staaten. Eigenes Gas fördert Deutschland fast keines mehr.

In welchen Produkten steckt Erdgas, und was verschwindet ohne ihn?

Heizkörper, Glühbirne und Geldsack sind durch ein orangefarbenes Kabel verbunden
Erdgas heizt, erzeugt Strom und steckt als Rohstoff in jedem Stickstoffdünger

Erdgas heizt fast jede zweite deutsche Wohnung, erzeugt Strom, liefert Prozesswärme für die Industrie und ist zugleich der Grundstoff für Stickstoffdünger, Kunststoffe und den Großteil des Wasserstoffs. Die meisten Menschen kennen Gas als blaue Flamme am Herd, doch der größere Teil verschwindet unsichtbar in Fabriken und auf Feldern.

Beginnen wir beim Vertrauten. Rund die Hälfte der Wohnungen in Deutschland hängt an einer Gasheizung, und im Winter steigt der Gasverbrauch der Haushalte auf ein Vielfaches des Sommerwerts. Dazu kommt der Gasherd, der Durchlauferhitzer und in vielen Häusern die Warmwasserbereitung. Fällt die Heizung im Januar aus, wird die Wohnung kalt, und genau das macht Gas politisch so brisant.

Im Stromnetz spielt Gas die Rolle des flexiblen Lückenfüllers. Gaskraftwerke lassen sich in Minuten hoch- und herunterfahren und springen ein, sobald Wind und Sonne schwächeln. Diese Regelbarkeit macht die Meiler zum Partner der erneuerbaren Energien, auch wenn das Gas dabei verbrannt wird und CO₂ freisetzt.

Am wenigsten bekannt ist die Rolle als Rohstoff der Chemie. Aus Erdgas entsteht über das Haber-Bosch-Verfahren Ammoniak, und aus Ammoniak wird Stickstoffdünger, ohne den die Welternährung zusammenbräche. Der Rohstoff liefert dabei doppelt: den Wasserstoff für das Molekül und die Energie für den Prozess. Wie eng Dünger und fossile Rohstoffe zusammenhängen, zeigt unsere Stoffgeschichte zum Phosphor, bei der der Gaspreis direkt in den Düngerpreis durchschlägt.

Damit zur Kipp-Logik, also zur Frage, was bei einem Lieferausfall tatsächlich wegfiele. Hier trennen sich zwei Welten. Heizung und Strom lassen sich ersetzen, technisch erprobt: Wärmepumpen ziehen Wärme aus der Umgebung, Ökostrom und Speicher übernehmen die Stromversorgung. Beides kostet Geld und Zeit, aber der Weg ist bekannt.

Bei zwei Anwendungen endet die Ausweichbewegung. Die Hochtemperatur-Prozesswärme über 1.000 Grad für Glas, Keramik und Teile der Stahlerzeugung kommt heute fast überall aus Gasbrennern, und ein elektrischer Ersatz steckt in den Anfängen. Und der stoffliche Einsatz im Ammoniak lässt sich nur durch grünen Wasserstoff ersetzen, der ein Vielfaches kostet. Ein Lieferstopp träfe die Wohnung zuerst, die Fabrik am härtesten.

Alltag voller Erdgas
Fünf Anwendungen, ein Unterschied: Was sich ersetzen lässt und was nicht.
Heizung
Fast jede zweite Wohnung in Deutschland hängt an einer Gasheizung.
Ersetzbar: Wärmepumpe
Strom
Gaskraftwerke springen ein, wenn Wind und Sonne fehlen.
Ersetzbar: Ökostrom, Speicher
Stickstoffdünger
Ammoniak entsteht aus Erdgas, dem Lieferanten für Wasserstoff und Energie zugleich.
Kaum ersetzbar
Glas, Keramik, Stahl
Hochtemperatur-Prozesswärme über 1.000 Grad kommt heute meist aus Gasbrennern.
Kaum ersetzbar
Wasserstoff
95 Prozent des Wasserstoffs stammt heute aus Erdgas, grau statt grün.
Ersetzbar: Elektrolyse, teuer

Die Kipp-Logik: Heizung und Strom lassen sich auf Wärmepumpe und Ökostrom umstellen, technisch erprobt, wenn auch nicht zum Nulltarif. Beim Stickstoffdünger und bei der Hochtemperatur-Prozesswärme endet die Ausweichbewegung vorerst. Grüner Wasserstoff kann einspringen, kostet aber ein Vielfaches.

Wie setzt sich der Preis für eine Kilowattstunde Gas zusammen?

Fächerförmig ausgebreitete Gasrechnungsteile mit Beschriftungen und einem orangen Segment mit Schild
Rund die Hälfte des deutschen Gaspreises entfällt auf Netz, Steuern und Abgaben

Ein Durchschnittshaushalt zahlt im Frühsommer 2026 rund 11,10 Cent je Kilowattstunde, und nur etwa die Hälfte davon entfällt auf das Gas selbst, der Rest auf Netz, Steuern und Abgaben. Der Preis ist damit zu großen Teilen politisch gemacht, nicht am Weltmarkt.

Der größte Block, Beschaffung und Vertrieb, macht rund die Hälfte der Rechnung aus. Hier steckt der eigentliche Einkaufspreis am Großmarkt, dazu die Kosten des Versorgers. Seit 2026 sitzt in diesem Block auch der CO₂-Preis, der nicht mehr gesondert ausgewiesen wird und zwischen 55 und 65 Euro je Tonne im Markt gebildet wird.

Der zweite Block sind die Netzentgelte, rund 19 Prozent. Diese Gebühr ist die Miete für das Leitungsnetz und fällt je nach Wohnort unterschiedlich aus. Genau diese regionale Spreizung erklärt, warum zwei Haushalte mit demselben Verbrauch je nach Bundesland spürbar verschieden zahlen.

Der dritte Block sind Steuern und Abgaben, rund 31 Prozent. Dazu zählen die Energiesteuer, die Konzessionsabgabe und die Mehrwertsteuer, die am Ende auf alles andere aufschlägt. Der Staat verdient damit an jeder Kilowattstunde direkt mit, ähnlich wie beim Benzin, wenn auch mit geringerem Anteil.

Eine Belastung ist gerade weggefallen. Zum 1. Januar 2026 endete die Gasspeicherumlage, die vorher die Kosten der Speicherbefüllung auf die Verbraucher verteilte. Der Bund übernimmt diese Kosten nun selbst, rund drei Milliarden Euro, was die Rechnungen der Haushalte entlastet. Bezahlt wird die Speicherfüllung damit weiter, nur eben über den Steuertopf statt über die Gasrechnung.

Über die Zeit gilt eine bekannte Asymmetrie: Steigende Großhandelspreise erreichen die Kunden schneller als fallende. Belastbare Zahlen zur genauen Weitergabegeschwindigkeit im deutschen Markt liegen uns nicht vor, weshalb wir hier keine behaupten. Auffällig bleibt trotzdem, dass Neukundentarife im Juli 2026 bei rund 9,1 Cent lagen, während Bestandskunden im Schnitt 11,6 Cent zahlten. Wer den Anbieter wechselt, spart also, wer bleibt, zahlt drauf.

Woraus die Gasrechnung besteht
11,10 Cent je Kilowattstunde, ein Durchschnittshaushalt mit 20.000 kWh im Jahr.
Beschaffung und Vertrieb
50 %
Der Einkauf des Gases am Großmarkt, dazu die Kosten des Versorgers. Hier steckt seit 2026 auch der CO₂-Preis drin.
Netzentgelte
19 %
Die Miete für das Leitungsnetz. Regional unterschiedlich, deshalb schwankt der Gaspreis je nach Wohnort.
Steuern und Abgaben
31 %
Energiesteuer, Mehrwertsteuer und Konzessionsabgabe. Der Staat verdient an jeder Kilowattstunde direkt mit.

Der halbe Preis ist Politik: Rund die Hälfte der Rechnung entfällt auf Netzentgelte, Steuern und Abgaben, also auf staatlich regulierte Bestandteile. Im Beschaffungsanteil steckt seit 2026 auch der CO₂-Preis, der zwischen 55 und 65 Euro je Tonne im Markt gebildet wird und nicht mehr gesondert auf der Rechnung steht.

Eine Entlastung fällt weg: Zum 1. Januar 2026 endete die Gasspeicherumlage. Der Bund übernimmt die Kosten der Speicherbefüllung, rund drei Milliarden Euro, die vorher auf den Rechnungen der Haushalte landeten.

Wer verdient an Erdgas und wer zahlt drauf?

Waage: Erdgas-Boom-Münze (links) und andere Sektoren (gefrorenes Haus) sind im Gleichgewicht
Der Begriff Holländische Krankheit entstand 1977 aus einem einzigen Gasfeld

Am Erdgas verdienen die Förderländer und die Konzerne, die auf den Vorkommen sitzen, während die Importländer und ihre energieintensive Industrie die Kosten tragen. Kaum ein Rohstoff verteilt Gewinn und Last so ungleich, und kaum einer hat der Wirtschaftswissenschaft ein eigenes Krankheitsbild beschert.

Auf der Gewinnerseite stehen die klassischen Petrostaaten. Russland finanzierte über Jahrzehnte einen Großteil seines Staatshaushalts aus Öl- und Gasexporten, Katar verwandelte sein Gasfeld in einen Staatsfonds von hunderten Milliarden Euro, und die Vereinigten Staaten wurden durch das Fracking vom Bittsteller zum Exporteur. Norwegen wiederum profitiert seit 2022 doppelt, weil das Land Russland als wichtigsten Lieferanten Europas beerbt hat.

Auf der Verliererseite steht, wer einführen muss. Deutsche Chemie-, Glas- und Düngerbetriebe konkurrieren mit amerikanischen Werken, die Gas zu einem Bruchteil des Preises beziehen. Für die Haushalte schlägt jeder Preissprung als Heizkostennachzahlung durch, oft mit einem Jahr Verzögerung über die Jahresabrechnung.

Der Fachbegriff für den Fluch des Reichtums trägt einen Ländernamen, und der stammt direkt von diesem Rohstoff. Nach dem Groninger Gasfund von 1959 stieg der Wert des Guldens, die niederländische Industrie verlor an Wettbewerbsfähigkeit, und die Beschäftigung in der Fertigung brach ein. Der Economist prägte 1977 dafür den Begriff Holländische Krankheit. Das Muster, das heute bei Öl, Kupfer und Lithium zitiert wird, hat seinen Namen also einem Gasfeld zu verdanken.

Norwegen hat aus dem Nachbarbeispiel gelernt. Das Land leitet seine Öl- und Gaseinnahmen konsequent in einen Staatsfonds, der das Geld im Ausland anlegt und die heimische Wirtschaft vor der Überhitzung schützt. Dieser Fonds ist heute der größte der Welt. Russland dagegen hat die Abhängigkeit vom Rohstoffexport nie überwunden und zeigt, wie ein Petrostaat politisch erpressbar bleibt, sobald die Kunden abspringen.

Europa hat beim Gas dreißig Jahre lang billige Rechnungen mit politischer Abhängigkeit bezahlt und die Quittung 2022 in einem einzigen Winter bekommen. Im Streit über Wärmepumpen geht das Wesentliche unter: Die eigentliche Rechnung schreibt nicht die Technik, sondern die Herkunft des Brennstoffs.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Wie mächtig ist die Erdgas-Lobby?

Brückenstruktur aus Rohren mit Schild „Brückentechnologie“, Badeente und Rostwölkchen
Entweichendes Methan untergräbt das Versprechen von der sauberen Brückentechnologie

Die Gasbranche verteidigt ihren Rohstoff seit Jahren mit einem einzigen, wirkungsvollen Wort: Brückentechnologie. Das Bild verspricht, dass Gas nur der Übergang zur klimaneutralen Zukunft sei, sauberer als Kohle und unverzichtbar, bis die Erneuerbaren tragen. Die Realität ist komplizierter.

Das Framing hat handfeste Folgen für die Gesetzgebung. In der EU-Taxonomie, dem Regelwerk für nachhaltige Geldanlagen, wurde Erdgas 2022 unter Auflagen als Übergangstechnologie eingestuft, gegen den Rat der eigenen wissenschaftlichen Berater. Damit dürfen Gasprojekte teils als grün beworben werden, was Investitionen in Leitungen und Kraftwerke erleichtert.

Der Streitpunkt ist das Methan selbst. Bei Förderung und Transport entweicht ein Teil ungenutzt in die Atmosphäre, und Methan wirkt über zwanzig Jahre gerechnet rund achtzigmal stärker als CO₂. Schon kleine Leckraten von wenigen Prozent können den Klimavorteil gegenüber Kohle zunichtemachen. Genau an dieser Stelle bricht das Bild vom sauberen Übergang.

Im Gebäudebereich zeigt sich der Lobbyerfolg besonders deutlich. Der Begriff wasserstofffähige Heizung, oft als H₂-ready beworben, verspricht Hausbesitzern, ihre neue Gasheizung könne später mit grünem Wasserstoff laufen. Fachleute halten diese Aussicht für die meisten Haushalte für unrealistisch, weil grüner Wasserstoff knapp und teuer bleibt und kaum je durch die alten Gasnetze zum Einfamilienhaus fließen dürfte.

Auf der Subventionsseite fließt weiterhin öffentliches Geld in fossile Strukturen. Die Internationale Energieagentur beziffert die weltweiten Subventionen für fossile Brennstoffe für 2024 auf mehrere hundert Milliarden Euro, ein Vielfaches der Förderung für Erneuerbare. In Deutschland zählt dazu die anteilige Steuerbefreiung für Gas in der Industrie, deren Abbau die Politik seit Jahren ankündigt und immer wieder verschiebt.

Wie kommen wir von Erdgas los?

Neue Wärmepumpe und alte Heiztherme mit Schildern im direkten Vergleich vor weißem Hintergrund
Die Wärmepumpe macht beim Ausstieg aus dem Erdgas die schnellsten Fortschritte

Der Ausstieg aus dem Erdgas ist technisch möglich, verläuft aber je nach Sektor völlig unterschiedlich schnell, und die Wärme im Gebäude macht die schnellsten Fortschritte. Anders als beim stofflichen Einsatz in der Chemie stehen für Heizung und Strom marktreife Alternativen bereit.

Am weitesten ist der Gebäudesektor. Die Wärmepumpe entzieht der Umgebungsluft oder dem Erdreich Wärme und arbeitet mit Strom hocheffizient, aus einer Kilowattstunde Strom werden drei bis vier Kilowattstunden Wärme. In Neubauten ist die Technik längst Standard, im Bestand bremst der Sanierungsstau, weil alte Häuser oft erst gedämmt werden müssen.

Im Stromsektor übernehmen Wind und Sonne, gestützt durch Speicher. Batteriespeicher gleichen kurze Schwankungen aus, und ihr wichtigster Rohstoff, das Lithium, entscheidet mit über das Tempo der Wende. Für die langen Dunkelflauten im Winter fehlt bislang der bezahlbare Langzeitspeicher, weshalb Gaskraftwerke als Reserve noch Jahre gebraucht werden.

Am schwersten tut sich die Industrie. Hochtemperatur-Prozesse und der stoffliche Einsatz im Ammoniak brauchen entweder Strom in gewaltigen Mengen oder grünen Wasserstoff. Beide Wege existieren, sind aber teuer und im industriellen Maßstab kaum erprobt. Dieser Sektor wird als Letzter unabhängig, vermutlich erst in den 2040er-Jahren.

Ein Recyclingweg wie bei Metallen fehlt naturgemäß, denn verbranntes Gas ist weg. Als Übergang setzt die Politik auf Biomethan aus Reststoffen und auf synthetisches Methan aus grünem Strom, beides in kleinen Mengen und zu hohen Kosten. Der Zeithorizont für die vollständige Unabhängigkeit reicht nach heutigem Stand bis 2045, dem gesetzlichen Ziel der Klimaneutralität.

Was bedeutet die aktuelle Gasknappheit für Deutschland?

Tankanzeige auf „Reserve“ mit Temperaturanzeige „17°C“ und einem frierenden Pinguin-Symbol
Europas Gasspeicher gehen 2026 so leer in den Winter wie seit über zehn Jahren nicht

Deutschland und Europa gehen im Sommer 2026 mit ungewöhnlich leeren Speichern in die Vorbereitung auf den Winter, und ein Konflikt am Persischen Golf hat die Nachfüllung verteuert. Damit kehrt eine Unsicherheit zurück, die viele nach dem glimpflichen Winter 2022 schon abgehakt hatten.

Die Zahlen sind eindeutig. Ende Juni 2026 lagen die EU-Speicher im Schnitt bei rund 48 Prozent, und Analysten erwarten zum Ende der Einspeisesaison nur etwa 76 Prozent, den niedrigsten Stand seit mindestens 2011. Der Auslöser sitzt weit weg: Der Krieg zwischen den USA und dem Iran drosselte die Flüssiggas-Produktion in Katar und den Emiraten, weil die Lieferungen durch die Straße von Hormus laufen müssen, durch die normalerweise rund ein Fünftel des weltweiten Gases fließt.

Der Preis reagierte prompt. Der europäische Referenzpreis TTF kletterte im Juli 2026 auf rund 50 Euro je Megawattstunde und lag damit gut 37 Prozent über dem Vorjahr. Für die Haushalte bedeutet das noch keinen sofortigen Sprung, weil viele Tarife feste Laufzeiten haben. Neukunden und Haushalte in der Grundversorgung mit im Schnitt 13,6 Cent je Kilowattstunde spüren die Spannung dagegen zuerst.

Die Politik hat bereits reagiert, allerdings nach unten. Die gesetzlichen Füllstandsziele wurden gesenkt: Kavernenspeicher müssen zum 1. November nur noch 80 statt 90 Prozent erreichen, große Porenspeicher wie Rehden sogar nur 45 Prozent. Der Grund ist ökonomisch: Ein Füllzwang bei hohen Sommerpreisen treibt die Kosten und verzerrt den Markt. Die Kehrseite ist ein Polster, das im Ernstfall dünner ausfällt.

Für die kommenden Monate zeichnen sich drei Szenarien ab. Im günstigen Fall bleibt der Winter mild, die Straße von Hormus beruhigt sich, und die Speicher reichen trotz niedriger Füllung. Im mittleren Fall sorgt eine normale Kältewelle für Preisspitzen, ohne dass das Gas ausgeht. Im ungünstigen Fall treffen ein kalter Winter, eine anhaltende Golfkrise und eine Dunkelflaute zusammen, und dann wird Gas nicht nur teuer, sondern zeitweise knapp.

Für Verbraucher und Unternehmen folgt daraus dasselbe: jetzt handeln, nicht im Januar. Haushalte prüfen den Tarif, denn der Wechsel vom Bestands- in einen Neukundenvertrag spart derzeit rund 2,5 Cent je Kilowattstunde, bei 20.000 Kilowattstunden also mehrere hundert Euro im Jahr. Betriebe sichern Mengen über Termingeschäfte und prüfen die Elektrifizierung ihrer Wärmeprozesse. Die leeren Speicher dieses Sommers sind kein Grund zur Panik, aber eine klare Aufforderung, den kommenden Winter nicht dem Zufall zu überlassen.

Glossar: 14 wichtige Fachbegriffe zu Erdgas

Offenes Buch über Gasförderung mit brennender Falz und Gaskugelhahn auf rechter Seite
Die wichtigsten Fachbegriffe rund um Erdgas im Überblick

Ammoniak

Ammoniak (NH₃) ist eine Stickstoff-Wasserstoff-Verbindung, die großtechnisch aus Erdgas hergestellt wird. Ammoniak ist der Grundstoff für Stickstoffdünger, weshalb der Düngerpreis unmittelbar am Gaspreis hängt.

Brückentechnologie

Brückentechnologie bezeichnet eine Technik, die als Übergang zwischen einem alten und einem künftigen System dienen soll. Die Gasbranche nutzt den Begriff, um Erdgas als sauberere Zwischenstufe auf dem Weg zur Klimaneutralität zu vermarkten.

Dunkelflaute

Dunkelflaute nennt die Energiewirtschaft eine Wetterlage, in der weder Wind weht noch Sonne scheint. In solchen Phasen springen bislang Gaskraftwerke ein, weshalb ein Gasausstieg im Stromsektor an bezahlbaren Langzeitspeichern hängt.

Fracking

Fracking (Hydraulic Fracturing) ist ein Verfahren, das dichtes Schiefergestein mit hohem Wasserdruck aufbricht, um darin gebundenes Gas zu lösen. Das Verfahren machte die Vereinigten Staaten ab 2008 vom Importeur zum größten Gasförderer der Welt.

Gasfenster

Gasfenster bezeichnet den Tiefen- und Temperaturbereich oberhalb von etwa 150 Grad, in dem aus organischem Material überwiegend Methan entsteht. Oberhalb dieses Fensters bildet sich Erdöl, unterhalb bleibt das Material unreif.

Henry Hub

Henry Hub ist der wichtigste Handelspunkt für Erdgas in den Vereinigten Staaten und der Referenzpreis für den amerikanischen Markt. Das dort gehandelte Gas ist meist deutlich günstiger als das europäische, was Standortvorteile für die US-Industrie schafft.

Holländische Krankheit

Holländische Krankheit (Dutch Disease) beschreibt, wie hohe Rohstoffeinnahmen die eigene Währung verteuern und dadurch andere Exportbranchen schwächen. Der Economist prägte den Begriff 1977 mit Blick auf die Folgen des Groninger Gasfunds.

LNG

LNG (Liquefied Natural Gas) ist auf minus 162 Grad heruntergekühltes und dadurch verflüssigtes Erdgas. In flüssiger Form schrumpft das Volumen auf ein Sechshundertstel, was den Transport per Schiff über Ozeane erst wirtschaftlich macht.

Methan

Methan (CH₄) ist der Hauptbestandteil von Erdgas und ein farb- und geruchloses Gas. Als Treibhausgas wirkt Methan über zwanzig Jahre gerechnet rund achtzigmal stärker als CO₂, weshalb Leckagen die Klimabilanz des Rohstoffs stark belasten.

Nord Stream

Nord Stream ist der Name zweier Ostsee-Pipelines, die russisches Gas direkt nach Deutschland brachten. 2022 drosselte Russland die Lieferungen, im September zerstörten Explosionen mehrere Stränge, was die deutsche Gasversorgung grundlegend umkrempelte.

Petrostaat

Petrostaat bezeichnet ein Land, dessen Staatshaushalt und politische Macht stark von Öl- und Gasexporten abhängen. Solche Staaten sind erpressbar, sobald ihre Kunden auf andere Quellen ausweichen, wie das Beispiel Russland seit 2022 zeigt.

TTF

TTF (Title Transfer Facility) ist der niederländische Handelspunkt, der als Leitpreis für Erdgas in Europa dient. Das dort gehandelte Volumen übersteigt den niederländischen Eigenverbrauch um mehr als das Vierzehnfache.

Turkstream

Turkstream ist eine Pipeline, die russisches Gas durch das Schwarze Meer und die Türkei nach Südosteuropa bringt. Der Balkanstrang dieser Leitung ist seit Anfang 2025 die letzte Route für russisches Pipelinegas in die EU.

Wärmepumpe

Wärmepumpe ist ein Heizgerät, das Wärme aus Luft, Erdreich oder Grundwasser aufnimmt und mit Strom auf Heiztemperatur bringt. Aus einer Kilowattstunde Strom entstehen drei bis vier Kilowattstunden Wärme, was die Wärmepumpe zur wichtigsten Alternative zur Gasheizung macht.

FAQ: Erdgas: Der Rohstoff, der Europas Winter entscheidet

Metallrohrskulptur in Fragezeichenform mit Flamme und FAQ-Etikett auf Betonblock
Häufige Fragen zu Erdgas, Preisen und Versorgungssicherheit

Woher bezieht Deutschland sein Erdgas?

Deutschland bezog 2025 sein Erdgas zu 44 Prozent aus Norwegen, zu 24 Prozent aus den Niederlanden und zu 21 Prozent aus Belgien. Über die vier deutschen LNG-Terminals kamen 10,3 Prozent hinzu, davon 96 Prozent aus den Vereinigten Staaten. Vor 2022 stammte mehr als die Hälfte des deutschen Gases aus Russland, seit dem Ende des Ukraine-Transits am 1. Januar 2025 fließt kein russisches Pipelinegas mehr direkt nach Deutschland.

Warum steigen die Gaspreise 2026 wieder?

Europas Gasspeicher lagen Ende Juni 2026 bei rund 48 Prozent und damit ungewöhnlich niedrig, während ein Krieg zwischen den USA und dem Iran die Flüssiggas-Produktion am Persischen Golf drosselte. Der europäische Referenzpreis TTF stieg dadurch auf rund 50 Euro je Megawattstunde, gut 37 Prozent über dem Vorjahr. Rund ein Fünftel des weltweiten Gases läuft durch die Straße von Hormus, die 2026 zum Krisenpunkt wurde.

Ist Erdgas klimafreundlicher als Kohle?

Bei der Verbrennung setzt Erdgas je Energieeinheit rund halb so viel CO₂ frei wie Kohle, doch dieser Vorteil schwindet, sobald bei Förderung und Transport Methan entweicht. Methan wirkt über zwanzig Jahre gerechnet etwa achtzigmal stärker als CO₂. Schon Leckraten von wenigen Prozent können den Klimavorteil gegenüber Kohle aufheben, weshalb die Einstufung als saubere Brückentechnologie umstritten ist.

Was kostet eine Kilowattstunde Gas 2026?

Ein Durchschnittshaushalt zahlte im Frühsommer 2026 rund 11,10 Cent je Kilowattstunde Gas, meldet der Branchenverband BDEW. Neukunden kamen im Juli auf etwa 9,1 Cent, Bestandskunden auf 11,6 Cent und Haushalte in der Grundversorgung auf 13,6 Cent. Rund die Hälfte des Preises entfällt auf Netzentgelte, Steuern und Abgaben, die andere Hälfte auf Beschaffung und Vertrieb.

Wie lange reichen die Erdgasvorräte der Welt?

Nach heutigem Stand reichen die bekannten, wirtschaftlich förderbaren Erdgasreserven noch rund fünfzig Jahre, gerechnet aus dem aktuellen Verbrauch. Diese statische Reichweite ist trotz steigenden Verbrauchs seit Jahrzehnten kaum gesunken, weil neue Funde und höhere Preise laufend zusätzliche Vorkommen wirtschaftlich machen. Eine unmittelbare physische Knappheit droht damit nicht, wohl aber politische Verknappung durch Konflikte und Handelsschranken.

Muss ich meine Gasheizung 2026 austauschen?

Nein, bestehende Gasheizungen dürfen weiterlaufen und im Rahmen des Gebäudeenergiegesetzes vorerst auch neu eingebaut werden, solange sie perspektivisch anteilig mit grünen Brennstoffen betrieben werden können. Ab 2045 dürfen Gebäude in Deutschland ausschließlich mit erneuerbaren Energien beheizt werden. Da grüne Brennstoffe wie Biomethan und Wasserstoff teuer bleiben, gilt die Wärmepumpe für die meisten Haushalte langfristig als günstigere Lösung.

Quellen

Energy Institute | Statistical Review of World Energy 2026 | https://www.energyinst.org/statistical-review | besucht am 17.07.2026

Bundesnetzagentur | Rückblick: Gasversorgung im Jahr 2025 | https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Gasversorgung/a_2025/start.html | besucht am 17.07.2026

BDEW Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft | Gaspreisanalyse und CO2-Preis 2026 | https://www.bdew.de/presse/pressemappen/gaspreis-und-co-2-preis/ | besucht am 17.07.2026

Gas Infrastructure Europe | AGSI Gasspeicher-Füllstände | https://agsi.gie.eu/ | besucht am 17.07.2026

Tradingeconomics | EU Natural Gas TTF | https://de.tradingeconomics.com/commodity/eu-natural-gas | besucht am 17.07.2026

Verband kommunaler Unternehmen | Gasspeicherfüllstandsverordnung 2026 | https://www.vku.de/themen/energiewende/ | besucht am 17.07.2026

Naftogaz und Gazprom | Ende des Ukraine-Gastransits zum 1. Januar 2025, Berichterstattung IWR | https://www.iwr.de/news/die-russische-gas-aera-in-europa-geht-2024-zu-ende-ukraine-beendet-gastransit-news38983 | besucht am 17.07.2026

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