Sesam gilt vielen als harmloses Streukorn auf dem Brötchen, dabei entscheidet über seinen Nachschub gerade ein Bürgerkrieg. Im Sudan, dem lange größten Erzeugerland, sichert das Korn einer Kriegspartei Devisen, während China fast die gesamte afrikanische Ernte aufkauft. Wer im Bioladen zum Tahini greift, hängt an einer Lieferkette, die über Port Sudan und Dubai läuft.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDie wenigsten Verbraucher wissen, dass hinter Hummus, Halva und dem Sesambrötchen ein Rohstoff steht, dessen Handel eng mit Konflikt, Zöllen und Frachtraten verknüpft ist. Genau diese Verbindung von Küche und Krieg macht Sesam zum Lehrstück für globale Abhängigkeit.
Das Wichtigste in Kürze
- Ältestes Ölsaatkorn: Sesam wurde vor über 5.000 Jahren in Südasien domestiziert, seine Samen bestehen zu 50 bis 60 Prozent aus Öl.
- Konfliktrohstoff: Der Sudan war lange der größte Einzelerzeuger, laut Chatham House finanziert der Sesamhandel dort inzwischen mit den Krieg.
- Chinas Griff: China bezieht über 80 Prozent seines importierten Sesams aus Afrika, sechs Länder decken 95 Prozent dieser Einfuhr.
- Pflichtallergen: In der EU gehört Sesam zu den 14 kennzeichnungspflichtigen Allergenen, in Tahini und Halva gibt es keinen Ersatz für das Korn.
Bluff oder Wissen? Der Sesam-Check
1 Wie viel Öl steckt in einem Sesamkorn? Aufklappen ↓
Auflösung aufdecken ↓
2 Welches Land war lange der größte Sesam-Erzeuger der Welt? Aufklappen ↓
Auflösung aufdecken ↓
3 Woher stammt die Redewendung „Sesam öffne dich“? Aufklappen ↓
Auflösung aufdecken ↓
4 Welcher Abnehmer kauft den Großteil des afrikanischen Sesams? Aufklappen ↓
Auflösung aufdecken ↓
5 Wozu zählt Sesam in der EU-Lebensmittelkennzeichnung? Aufklappen ↓
Auflösung aufdecken ↓
Was ist Sesam und wie entsteht das älteste Ölsaatkorn der Welt?
Sesam ist die Frucht der einjährigen Pflanze Sesamum indicum, deren Samen zu 50 bis 60 Prozent aus Öl bestehen. Genau dieser hohe Ölgehalt machte das Korn schon vor Jahrtausenden wertvoll. Botaniker führen den Kultursesam auf wilde Verwandte von der Malabarküste und aus dem nordwestlichen Indien zurück.
Die Pflanze ist ein Kind der Trockenheit. Sesam kommt mit wenig Wasser aus, wurzelt tief und wächst dort noch, wo Mais oder Weizen längst vertrocknet wären. Diese Genügsamkeit erklärt, warum das Korn ausgerechnet in den heißen Anbaugürteln Afrikas und Südasiens seine Heimat hat.
Am Ende der Reife sitzt der Samen in einer Kapselfrucht. Trifft man den Erntezeitpunkt nicht genau, springen die Kapseln von selbst auf, und der Wind trägt die Samen davon. Landwirte ernten deshalb kurz vor der vollen Reife und lassen die Pflanzen nachtrocknen, ein Handgriff, der bis heute viel Handarbeit verlangt.
Farblich reicht das Spektrum von weiß über braun bis schwarz. Weißer Sesam bringt den mildesten Geschmack und den höchsten Ölanteil, sudanesische Ware erreicht 52 bis 55 Prozent. Schwarzer Sesam gilt in der asiatischen Küche als aromatischer, brauner Sesam landet oft ungeschält im Vollkornbrot.
Sesam zählt damit zu den ältesten Kulturpflanzen überhaupt und vermutlich zu den ersten gezielt angebauten Ölpflanzen der Menschheit. Vom Feld bis zum fertigen Öl liegt allerdings ein weiter Weg, den die folgenden Kapitel nachzeichnen.
- Ölwunder: Der Samen von Sesamum indicum besteht zu 50 bis 60 Prozent aus Öl, weißer Sudan-Sesam erreicht bis zu 55 Prozent.
- Trockenkünstler: Die Pflanze wächst noch dort, wo klassische Feldfrüchte vertrocknen, ihr Zuhause sind die heißen Gürtel Afrikas und Südasiens.
- Handarbeit: Weil die reife Kapsel aufspringt, bleibt die Ernte kleinteilig und arbeitsintensiv.
Wer entdeckte Sesam und wie begann der Handel mit dem Korn?

Sesam wurde ab dem dritten Jahrtausend vor Christus in Südasien domestiziert, die ältesten Funde stammen aus der Indus-Stadt Harappa und werden auf etwa 3050 bis 3500 vor Christus datiert. Von dort trat das Korn eine der längsten Handelsreisen der Menschheitsgeschichte an.
Über den Seeweg gelangte Sesam in der Bronzezeit nach Arabien und Mesopotamien. Assyrische Keilschrifttafeln erwähnen Sesamöl, im alten Ägypten diente das Öl als Speise- und Salböl. Wo Oliven nicht wuchsen, war Sesam über Jahrhunderte die wichtigste Ölquelle.
Das Korn hat sogar seine eigene Redewendung hervorgebracht. „Sesam öffne dich“ stammt aus dem Märchen von Ali Baba und den vierzig Räubern in Tausendundeine Nacht. Sprachforscher vermuten den Ursprung im Verhalten der Pflanze, deren reife Kapsel plötzlich und mit einem Knall aufspringt.
Mit der Ausbreitung des Islam und den arabischen Handelsrouten wanderte Sesam nach Afrika und weiter nach Ostasien. In Ostafrika und im heutigen Sudan fand er ideale Bedingungen, hier entstanden die Anbaugebiete, die den Weltmarkt bis heute prägen. In China wurde das Korn zur Grundlage einer eigenen Öl- und Würzkultur.
Anders als Zucker oder Baumwolle brachte Sesam nie ein Plantagenimperium mit Großgrundbesitz hervor. Die Ernte blieb in der Hand von Kleinbauern, weil die aufspringende Kapsel maschinelle Massenernte lange verhinderte. Diese kleinteilige Struktur macht den Sesammarkt bis heute schwer steuerbar.
- Uralt: Erste Nachweise aus Harappa reichen rund 5.000 Jahre zurück, Sesam gehört zu den frühesten Kulturpflanzen.
- Ölquelle: Wo keine Oliven wuchsen, lieferte Sesam über Jahrhunderte das wichtigste Speise- und Salböl.
- Kleinbäuerlich: Die empfindliche Ernte verhinderte große Plantagen, das Korn blieb ein Bauernprodukt.
Wie hat Sesam die Landkarte des Welthandels verändert?

Sesam ist zum Konfliktrohstoff geworden: Im Sudan, lange dem größten Einzelerzeuger, finanziert der Handel mit dem Korn laut Chatham House inzwischen mit den Bürgerkrieg. Rohstoffe sind nie nur Chemie, sondern immer auch Politik, beim Sesam besonders sichtbar.
Der Sudan baut Sesam vor allem in den östlichen Bundesstaaten an, in Gedaref, Kassala, Blue Nile, Sennar und White Nile. Von dort geht die Ware über Port Sudan in die Welt. Seit dem Ausbruch des Krieges zwischen Armee und der Miliz RSF im April 2023 sind diese Ketten brüchig geworden.
Die sudanesische Armee behandelt Sesam nach Analyse des Londoner Thinktanks Chatham House als strategisches Gut. Das Korn bringt Devisen, und diese Devisen halten den Kriegsapparat am Laufen. Rückt die RSF weiter nach Osten vor und schneidet die Transportwege nach Port Sudan ab, droht der Export einzubrechen.
Der eigentliche Machthebel liegt jedoch bei den Abnehmern. China bezieht über 80 Prozent seines importierten Sesams aus Afrika, sechs Länder decken davon 95 Prozent: Niger, Sudan, Tansania, Togo, Mosambik und Äthiopien. Peking gewährt vielen dieser Staaten Zollfreiheit und bindet sie so eng an den chinesischen Markt.
Auch Europa hängt an denselben Feldern, meist unbemerkt. Über 70 Prozent des in Europa verkauften Sesams stammen aus afrikanischen Ländern, häufig über indische Zwischenhändler und über die Sammeldrehscheibe Dubai. Ähnlich wie beim globalen Handel mit Soja entscheidet nicht der Anbau allein, sondern die Kontrolle über Verarbeitung und Handelswege.
Dazu kommt die Rote-See-Krise. Die Unsicherheit am Bab al-Mandab treibt Versicherungsprämien und Frachtraten nach oben, gerade für Ladungen, die über Dubai laufen. So verbindet eine einzige Seestraße den Krieg in Ostafrika mit dem Preis im europäischen Regal.
Führende Erzeugerländer, Ernte 2021 (FAO)
Wer den afrikanischen Sesam abnimmt
Warum ist Sesam für die Weltwirtschaft so wichtig?

Die Welt erntet jährlich über sechs Millionen Tonnen Sesam, und mehr als 70 Prozent des in Europa verkauften Korns stammen aus Afrika. Für ein Nischenprodukt bewegt Sesam damit erstaunlich große Warenströme, fast unsichtbar.
Die Erzeugung verteilt sich auf wenige Länder mit heißem Klima. Nach der Statistik der Welternährungsorganisation FAO gehörten zuletzt Sudan, Indien, Myanmar, Tansania und Nigeria zu den größten Produzenten. Der Handel läuft überwiegend als Rohware, veredelt wird meist erst im Importland.
Auf der Nachfrageseite dominiert ein einziges Land. China ist der größte Importeur und zugleich der größte Sesamöl-Hersteller. Japan kauft große Mengen für seine Küche, der Nahe Osten verarbeitet Sesam zu Tahini und Halva, und Europa mischt das Korn in Backwaren und Müsli.
Deutschland führte 2024 rund 39.000 Tonnen Sesam ein, im Wert von umgerechnet etwa 88 Millionen Euro nach Daten des Marktdienstes Tridge. Von Januar bis Oktober 2025 ging die eingeführte Menge leicht zurück, ein erstes Zeichen, dass die Störungen aus den Erzeugerländern auch hier ankommen.
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Welternte pro Jahr | über 6 Millionen Tonnen |
| Größter Importeur | China |
| Afrikas Anteil am Europa-Sesam | über 70 Prozent |
| Deutsche Einfuhr 2024 | rund 39.000 Tonnen (etwa 88 Millionen Euro) |
Die wirtschaftliche Verwundbarkeit liegt in dieser Konzentration. Fällt eine Ernte in Ostafrika kriegs- oder wetterbedingt aus, bleibt kaum Puffer, weil Lagerhaltung und Anbaufläche begrenzt sind. Der Sesammarkt reagiert deshalb nervös auf jede Störung, ähnlich empfindlich wie der Markt für andere Ölsaaten.
- Große Ströme: Über sechs Millionen Tonnen Welternte, mehr als 70 Prozent des Europa-Sesams kommen aus Afrika.
- Ein Nachfrager dominiert: China ist größter Importeur und größter Sesamöl-Hersteller zugleich.
- Deutschland kauft ein: Rund 39.000 Tonnen im Jahr 2024, mit zuletzt sinkender Tendenz.
In welchen Produkten steckt Sesam und was verschwindet ohne ihn?

Sesam steckt in weit mehr Produkten als dem Brötchen, von Tahini und Halva über Hummus bis zum Sesamöl der asiatischen Küche, und einige davon lassen sich schlicht nicht ersetzen. Viele Verbraucher kennen die Produkte, ohne den Rohstoff dahinter zu bemerken.
Am sichtbarsten ist das Sesambrötchen. Die bestreuten Buns von Burgerketten sind ein Milliardengeschäft, und weil Sesam ein Pflichtallergen ist, trägt jedes dieser Brötchen den Hinweis „enthält Sesam“. Weniger bekannt ist, dass Sesam auch in Cracker, Müsliriegel und Grissini wandert.
Im Nahen Osten ist das Korn ein Grundnahrungsmittel. Tahini, das Mus aus gemahlenem Sesam, bildet die Basis von Hummus und Baba Ghanoush. Halva, die feste Süßigkeit aus Sesammus und Zucker, gilt von der Türkei bis Indien als Klassiker. In der ostasiatischen Küche gibt geröstetes Sesamöl vielen Gerichten ihren typischen Geschmack.
In der EU ist Sesam eines der 14 Pflichtallergene nach der Verordnung 1169/2011, seit 2023 gilt das Korn auch in den USA als neuntes großes Allergen. Für Hersteller heißt das: Sesam muss in der Zutatenliste hervorgehoben und über getrennte Produktionslinien kontrolliert werden, was die Verarbeitung verteuert.
| Produkt | Rohstoffbasis | Ersatz möglich? |
|---|---|---|
| Tahini und Halva | gemahlener Sesam | nein, Sesam ist das Produkt |
| Geröstetes Sesamöl | Sesamsaat | kaum, der Geschmack ist einzigartig |
| Hummus | Kichererbsen und Tahini | nur mit Qualitätsverlust |
| Sesambrötchen und Gebäck | Sesam als Streusaat | ja, etwa Mohn oder Leinsaat |
Genau hier greift die Kipp-Logik. Bei Backwaren ließe sich Sesam notfalls durch Mohn oder Leinsaat ersetzen, die Streusaat ist nicht unersetzlich. Tahini, Halva und geröstetes Sesamöl dagegen sind der Sesam selbst, ohne das Korn verschwinden diese Produkte, so unersetzlich wie Palmöl im Supermarktregal in unzähligen Fertigprodukten steckt.
Wie setzt sich der Preis eines Glases Tahini zusammen?

Vom Ladenpreis eines Glases Tahini entfällt nur ein kleiner Teil auf die Sesamsaat selbst, den Löwenanteil verschlingen Verarbeitung, Handel und Steuer. Um zu verstehen, warum das Korn im Regal so viel teurer ist als auf dem Feld, lohnt der Blick auf jeden einzelnen Posten der Kette.
Der Rohstoff ist überraschend günstig. Exportware kostet je nach Herkunft und Ölgehalt umgerechnet rund 1.070 bis 1.630 Euro je Tonne, hochwertige Spotware liegt bei über 2.150 Euro. Umgerechnet auf ein 250-Gramm-Glas Tahini stecken darin nur wenige Cent Sesamsaat.
Der folgende Aufschlag ist ein Rechenbeispiel für ein 250-Gramm-Glas zu 3,49 Euro. Angenommen sind marktübliche Anteile, die je nach Marke und Handelsstufe schwanken. Er zeigt die Größenordnung, nicht den Cent-genauen Preis eines bestimmten Produkts.
| Preisbestandteil | Anteil |
|---|---|
| Sesamsaat (Rohstoff und Erzeuger) | 16 Prozent |
| Verarbeitung (Rösten, Mahlen, Abfüllen) | 22 Prozent |
| Verpackung (Glas, Etikett) | 10 Prozent |
| Transport, Logistik, Einfuhr | 14 Prozent |
| Handel und Marge | 31 Prozent |
| Mehrwertsteuer (7 Prozent) | 7 Prozent |
Auffällig ist die Kluft zwischen Feld und Regal. Von den 16 Prozent Rohstoffanteil erreicht nur ein Bruchteil den sudanesischen oder tansanischen Kleinbauern, den Rest teilen sich Zwischenhändler, Sammelstellen und Exporteure. Der Erzeuger am Anfang der Kette trägt das größte Risiko und bekommt den kleinsten Anteil.
Der Wechselkurs verstärkt die Schwankungen. Sesam wird international in Dollar gehandelt, für europäische Käufer verändert jeder Kurssprung den Einkaufspreis. Steigt der Dollar, wird das Glas Tahini teurer, ohne dass sich an der Ernte irgendetwas geändert hätte.
Wer verdient an Sesam und wer zahlt drauf?

An Sesam verdienen vor allem die Abnehmer und Zwischenhändler, während der Kleinbauer am Anfang der Kette und der Verbraucher am Ende die Rechnung zahlen. Der Rohstoffreichtum eines Landes bedeutet eben nicht automatisch Wohlstand für seine Bauern.
Zu den Gewinnern zählen die großen Käufer. Chinesische Ölmühlen sichern sich über zollfreie Einfuhr günstigen Nachschub, Händler an der Drehscheibe Dubai verdienen an Sammlung und Weiterverkauf. Im Sudan profitiert nach Analyse von Chatham House auch die kriegführende Armee, für die Sesam eine Devisenquelle ist.
Die Verlierer sind die Kleinbauern in Ostafrika. Diese Erzeuger tragen Ernte- und Wetterrisiko, verkaufen zu schwankenden Preisen an Zwischenhändler und haben kaum Verhandlungsmacht. In einem Kriegsgebiet kommt die Gefahr für Leib und Leben hinzu, während die Erlöse in fremde Kassen fließen.
Der Fall Sudan zeigt den Ressourcenfluch im Kleinen. Ein wertvolles Exportgut stabilisiert nicht das Land, sondern eine Konfliktpartei, weil die Einnahmen den Krieg finanzieren statt Schulen und Straßen. Tansania versucht den umgekehrten Weg und setzt auf Qualität und geordnete Vermarktung, um mehr Wertschöpfung im Land zu halten.
Sudans Sesam füllt zwei Kassen zugleich, die der Bauern und die der Generäle. Wer das Korn im Bioladen kauft, sollte wissen, dass am selben Sack auch eine Kriegspartei mitverdient.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Für europäische Verbraucher bleibt der Zusammenhang meist unsichtbar. Zwischen dem Feld in Gedaref und dem Glas im Regal liegen so viele Stationen, dass die Herkunft im Preis verschwindet. Genau diese Distanz lässt den politischen Preis des billigen Korns leicht übersehen.
Wie mächtig ist die Sesam-Lobby?

Eine klassische Sesam-Lobby mit Verbänden und Subventionsforderungen fehlt, die eigentliche Macht liegt bei staatlicher Handelspolitik und bei den großen Abnehmerländern. Wo bei Öl oder Zucker mächtige Interessengruppen auftreten, wirkt beim Sesam vor allem die Geopolitik der Käufer.
Der stärkste Hebel ist Chinas Zollpolitik. Peking gewährt vielen afrikanischen Erzeugerländern zollfreien Marktzugang und bindet sie damit an den eigenen Markt. Diese Handelsdiplomatie wirkt wie eine Subvention, ohne so zu heißen, und verschafft China Vorrang beim Zugriff auf die Ernte.
Auf europäischer Seite prägt vor allem das Lebensmittelrecht die Branche. Die Allergen-Kennzeichnungspflicht für Sesam bedeutet für Hersteller getrennte Linien, Reinigungsaufwand und Haftungsrisiken. Diese Regeln dienen dem Verbraucherschutz, verteuern aber die Verarbeitung und begünstigen große Produzenten mit passender Infrastruktur.
Bemerkenswert ist eine Regelungslücke. Die EU-Entwaldungsverordnung erfasst sieben Rohstoffe wie Palmöl und Kautschuk, Sesam gehört nicht dazu. Ob der Anbau Flächen verdrängt oder unter fairen Bedingungen erfolgt, bleibt so weitgehend unkontrolliert, anders als bei stärker regulierten Ölpflanzen.
- Keine klassische Lobby: Statt Verbänden bestimmen Handelspolitik und Abnehmermacht den Markt.
- Chinas Zollhebel: Zollfreier Zugang für afrikanische Länder wirkt wie eine stille Subvention.
- Regelungslücke: Die EU-Entwaldungsverordnung erfasst Sesam nicht, anders als Palmöl oder Kautschuk.
Wie kommen wir von der Abhängigkeit beim Sesam los?

Aus der Abhängigkeit beim Sesam führen drei Wege: breitere Herkunftsländer, mehr Anbau in Europa und der Ersatz des Korns dort, wo Sesam nur Streusaat ist. Ein kompletter Ausstieg ist weder nötig noch möglich, wohl aber eine robustere Versorgung.
Der schnellste Hebel ist die Diversifizierung. Ein Einkauf nicht nur aus dem Sudan, sondern auch aus Tansania, Nigeria oder Myanmar streut das Risiko. Tansania setzt gezielt auf Qualität und geordnete Auktionen, um sich als verlässlicher Lieferant zu positionieren.
Zugleich läuft der Versuch, Sesam heimisch zu machen. Nach Berichten des Industrieverbands Agrar erproben Forscher in Deutschland und Süddeutschland kältetolerante Sorten, damit das Korn auch nördlich der Alpen reift. Noch sind die Erträge klein, doch die Feldversuche zeigen, dass regionaler Anbau grundsätzlich denkbar ist.
Der dritte Weg ist der gezielte Ersatz. In Backwaren lässt sich Sesam durch Mohn, Lein oder Sonnenblumenkerne austauschen, ohne dass Qualität verloren geht. Ähnlich wie beim Markt für Sonnenblumenöl hilft der parallele Einsatz mehrerer Saaten, statt sich auf eine einzige zu verlassen.
Grenzen bleiben trotzdem. Tahini, Halva und geröstetes Sesamöl sind der Sesam selbst und lassen sich nicht ersetzen, hier hilft nur breitere Beschaffung. Der realistische Zeithorizont für spürbar mehr Unabhängigkeit liegt bei Jahren, nicht Monaten, weil neue Anbaugebiete und Sorten Zeit zum Reifen brauchen.
- Streuen: Einkauf über mehrere Länder senkt das Klumpenrisiko rund um den Sudan.
- Heimischer Anbau: Feldversuche mit kältetoleranten Sorten laufen, noch mit kleinen Erträgen.
- Ersatz nur teilweise: Streusaat ist ersetzbar, Tahini und Sesamöl sind es nicht.
Was bedeutet die Sudan-Krise beim Sesam für Deutschland?

Für Deutschland heißt die Sudan-Krise beim Sesam vor allem eines: schwankende Preise und eine unsicherere Versorgung bei Tahini, Halva und Backwaren. Der Krieg in Ostafrika und die Störungen im Roten Meer reichen bis ins Regal des Bioladens.
Sichtbar wird das bereits an den Einfuhrdaten. Nach Zahlen des Marktdienstes Tridge sank die deutsche Sesameinfuhr von Januar bis Oktober 2025 gegenüber dem Vorjahr leicht, sowohl im Wert als auch in der Menge. Für Hersteller von Sesamprodukten bedeutet das teurere und unregelmäßigere Rohware.
Für Verbraucher schlägt sich das im Preis nieder. Ein Glas Tahini, ein Riegel Halva oder eine Packung Hummus können spürbar teurer werden, wenn Frachtraten und Rohstoffpreise steigen. Allergiker sind ohnehin auf verlässliche Kennzeichnung angewiesen, die auch bei knapper Ware nicht leiden darf.
Auch deutsche Unternehmen spüren die Kette. Bäckereien, Feinkosthersteller und der Handel müssen Lieferverträge absichern, Lager aufstocken oder Rezepturen anpassen. Ein Betrieb, der früh auf mehrere Herkunftsländer setzt, steht besser da als einer, der allein auf ostafrikanische Ware baut.
Drei Szenarien zeichnen sich für die kommenden Monate ab. Optimistisch bleiben die Exportwege über Port Sudan offen und Preise stabilisieren sich. Realistisch sorgen Krieg und Rote-See-Krise für anhaltende Schwankungen. Pessimistisch schneidet eine RSF-Offensive die Transportwege ab, dann würde Sesam knapp und teuer.
Die praktische Handlungsempfehlung ist für beide Seiten dieselbe. Verbraucher sollten Tahini und Halva als das begreifen, was sie sind, nämlich Produkte aus einem Konfliktrohstoff, und beim Kauf auf Herkunft und Fairhandel achten. Unternehmen sollten Beschaffung streuen und Verträge langfristig absichern, statt auf stabile Weltmärkte zu hoffen.
- Preisdruck: Krieg und Rote-See-Krise treiben Frachtraten und Rohstoffpreise, die deutsche Einfuhr sank 2025 leicht.
- Betroffen: Tahini, Halva, Hummus und Sesambrötchen reagieren zuerst.
- Vorsorge: Beschaffung streuen, Verträge absichern, beim Einkauf auf Herkunft achten.
Glossar: 10 wichtige Fachbegriffe rund um Sesam

Bab al-Mandab
Bab al-Mandab ist die Meerenge zwischen dem Roten Meer und dem Golf von Aden. Über diese Route läuft ein großer Teil des Sesamhandels aus Ostafrika, weshalb die anhaltende Unsicherheit dort Frachtraten und Versicherungsprämien in die Höhe treibt.
Chatham House
Chatham House ist ein renommierter britischer Thinktank für internationale Politik. Seine Analyse zur Kriegswirtschaft des Sesams in Sudan und Äthiopien beschreibt, wie das Korn zur Devisenquelle für Konfliktparteien wurde.
Gedaref
Gedaref ist ein Bundesstaat im Osten des Sudan und ein Kernanbaugebiet für Sesam. Von hier und den Nachbarregionen geht die Ernte über Port Sudan in den Export, was die Region für die Devisenversorgung strategisch wichtig macht.
Halva
Halva ist eine feste Süßigkeit aus Sesammus und Zucker, verbreitet von der Türkei über den Nahen Osten bis Indien. Da Halva im Kern aus Sesam besteht, lässt sich die Süßigkeit ohne das Korn nicht herstellen.
Kapselfrucht
Kapselfrucht bezeichnet die trockene Fruchtform, in der die Sesamsamen heranreifen. Da die Kapsel bei voller Reife plötzlich aufspringt, muss kurz vorher geerntet werden, was den Anbau arbeitsintensiv hält.
Konfliktrohstoff
Konfliktrohstoff nennt man ein Handelsgut, dessen Erlöse einen bewaffneten Konflikt mitfinanzieren. Sesam ist im Sudan zu einem solchen Rohstoff geworden, weil seine Exporterlöse laut Chatham House den Kriegsapparat stützen.
Ölsaat
Ölsaat ist der Sammelbegriff für Pflanzensamen, die vorrangig zur Ölgewinnung angebaut werden. Sesam zählt mit einem Ölgehalt von 50 bis 60 Prozent zu den ältesten und gehaltvollsten Vertretern dieser Gruppe.
Ressourcenfluch
Ressourcenfluch beschreibt das Phänomen, dass rohstoffreiche Länder oft ärmer oder instabiler bleiben als erwartet. Im Sudan stabilisiert der Sesamhandel nicht das Land, sondern eine Kriegspartei, ein Lehrbuchbeispiel für diesen Mechanismus.
Tahini
Tahini ist ein Mus aus fein gemahlenem Sesam und die Grundlage vieler Gerichte wie Hummus und Baba Ghanoush. Als reines Sesamprodukt lässt sich Tahini nicht ersetzen und steht damit im Zentrum der Versorgungsfrage.
Zollfreiheit
Zollfreiheit meint den Verzicht auf Einfuhrabgaben für bestimmte Waren oder Länder. China gewährt vielen afrikanischen Erzeugern zollfreien Zugang für Sesam und sichert sich damit Vorrang beim Zugriff auf die Ernte.
FAQ: Sesam: Das Korn, an dem Sudans Kriegskasse hängt

Warum ist Sesam teurer geworden?
Sesam ist teurer geworden, weil der Bürgerkrieg im Sudan die Erzeugung im weltgrößten Anbauland stört und die Unsicherheit im Roten Meer Frachtraten und Versicherungsprämien nach oben treibt. Beides verteuert den Weg vom Feld ins europäische Regal.
Aus welchen Ländern kommt der meiste Sesam?
Der meiste Sesam stammt aus wenigen heißen Anbaugürteln: Sudan, Indien, Myanmar, Tansania und Nigeria zählen zu den größten Erzeugern. Über 70 Prozent des in Europa verkauften Sesams kommen aus afrikanischen Ländern, oft über indische Zwischenhändler.
Ist Sesam ein Allergen?
Ja, Sesam gehört in der EU zu den 14 kennzeichnungspflichtigen Allergenen nach der Verordnung 1169/2011. Produkte mit Sesam müssen den Hinweis tragen, in den USA gilt Sesam seit 2023 als neuntes großes Allergen.
Kann man Sesam in Tahini ersetzen?
Nein, in Tahini und Halva lässt sich Sesam nicht ersetzen, weil das Korn selbst das Produkt ist. Nur wo Sesam als Streusaat dient, etwa auf Brötchen, springen Mohn, Lein oder Sonnenblumenkerne ein.
Warum kauft China so viel Sesam?
China ist der größte Sesamöl-Hersteller der Welt und deckt seinen Bedarf vor allem über Afrika. Über zollfreien Marktzugang bindet Peking viele afrikanische Erzeugerländer an sich und sichert sich Vorrang beim Zugriff auf die Ernte.
Woher kommt die Redewendung Sesam öffne dich?
Die Redewendung stammt aus dem Märchen Ali Baba und die 40 Räuber in Tausendundeine Nacht. Passend dazu springt die reife Sesamkapsel plötzlich auf, weshalb das Bild vom Öffnen auf die Pflanze zurückgeführt wird.
Quellen
Chatham House | The conflict economy of sesame in Ethiopia and Sudan | https://www.chathamhouse.org/2024/04/conflict-economy-sesame-ethiopia | besucht am 01.09.2026
FAO | FAOSTAT, Crops and Livestock Products | https://www.fao.org/faostat/en/#data/QCL | besucht am 01.09.2026
Tridge | Sesame Seed Global Market Overview 2026 | https://www.tridge.com/market-overview/sesame-seed | besucht am 01.09.2026
Europäische Union | Verordnung (EU) Nr. 1169/2011 über die Information der Verbraucher, Anhang II | https://eur-lex.europa.eu/eli/reg/2011/1169/oj | besucht am 01.09.2026
Deutsche Bundesbank | Euro-Referenzkurse der EZB, Stichtag 28.08.2026 | https://www.bundesbank.de/de/statistiken/wechselkurse | besucht am 01.09.2026
Industrieverband Agrar | Sesam: Kulinarischer Import wird heimisch | https://www.iva.de/iva-magazin/schule-wissen/sesam-kulinarischer-import-wird-heimisch | besucht am 01.09.2026