
Warum bestimmt Erdöl über Krieg und Ihren Alltag?
Michael Dobler
Autor Dr. WebWeil ein 150 Millionen Jahre alter Schlamm die gesamte Weltwirtschaft antreibt. Und weil eine 34 Kilometer breite Meerenge gerade vorführt, wie zerbrechlich das Ganze ist.
Brent-Rohöl notierte am 27. März 2026 bei über 111 Dollar pro Barrel. Innerhalb eines Monats hat sich der Preis nahezu verdoppelt. Der Auslöser: ein Krieg zwischen den USA, Israel und dem Iran, der die wichtigste Ölhandelsroute der Welt lahmlegt. Vor der Straße von Hormus stauen sich rund 2.000 Schiffe. An deutschen Tankstellen kostet Diesel über 2,28 Euro pro Liter und kratzt am Allzeithoch von 2022. Doch die Geschichte hinter dem schwarzen Gold reicht weit über die aktuelle Krise hinaus. Sie handelt von geologischen Zufällen, kolonialer Ausbeutung, Kriegen um Meerengen und einer Abhängigkeit, die trotz Energiewende niemand abschütteln kann.
Kernpunkte für Eilige
- Erdöl entsteht über 50 bis 500 Millionen Jahre aus abgestorbenen Meeresorganismen unter extremem Druck. Die wirtschaftlich förderbaren Reserven reichen nach aktuellen Schätzungen noch etwa 50 Jahre.
- Seit dem 28. Februar 2026 ist die Straße von Hormus faktisch gesperrt. Rund 20 Prozent des weltweiten Öltransports fließen normalerweise durch diese Meerenge. Vor dem Krieg passierten dort täglich 129 Schiffe.
- Deutschland importierte 2025 rund 75,7 Millionen Tonnen Rohöl. Die größten Lieferanten sind Norwegen (16,6 Prozent), die USA (16,4 Prozent) und Libyen (13,8 Prozent). Nur 6,1 Prozent kamen direkt aus dem Nahen Osten.
- Die Spritpreise in Deutschland sind seit Kriegsbeginn doppelt so stark gestiegen wie im EU-Durchschnitt. Das DIW sieht darin nicht nur einen Ölpreiseffekt, sondern auch ein Wettbewerbsproblem am Kraftstoffmarkt.
- Die IEA hat 400 Millionen Barrel aus strategischen Reserven freigegeben. Die USA steuern weitere 182 Millionen Barrel bei. Engpässe bei Benzin und Diesel drohen in Deutschland derzeit nicht.
Wie entsteht Erdöl in der Erde?

Vor 50 bis 500 Millionen Jahren bedeckten flache, warme Meere große Teile der Erdoberfläche. In diesen Gewässern lebten Milliarden winziger Organismen: Algen, Plankton, Kleinstlebewesen. Wenn sie starben, sanken sie auf den Meeresboden. Dort mischten sie sich mit Schlamm und Sand.
Normalerweise hätten Bakterien die organische Masse vollständig zersetzt. Doch in sauerstoffarmen Meeresregionen lief dieser Prozess nur teilweise ab. Schicht um Schicht lagerte sich über Jahrmillionen neues Sediment ab. Der Druck stieg enorm. Die Temperatur ebenfalls.
Das Küchenfenster der Erde
Geologen sprechen vom „Ölfenster“: Ab einer Tiefe von etwa 2.000 Metern und Temperaturen zwischen 60 und 120 Grad Celsius beginnt die Umwandlung der organischen Substanz in flüssige Kohlenwasserstoffe. Liegt das Muttergestein tiefer als 4.000 Meter, wird die Temperatur zu hoch. Dann entsteht kein Öl mehr, sondern Erdgas. Die Natur braucht für diesen Prozess mindestens eine Million Jahre. Realistischer sind zehn bis hundert Millionen Jahre.
Nicht überall gleich wertvoll
Rohöl existiert in Hunderten von Sorten. Die Qualität hängt von zwei Faktoren ab: Dichte und Schwefelgehalt. Leichtes, schwefelarmes Öl wie West Texas Intermediate (WTI) lässt sich günstiger zu Benzin und Diesel verarbeiten als schweres, schwefelhaltiges Rohöl aus Venezuela oder dem Irak. Arabian Light aus Saudi-Arabien liegt qualitativ dazwischen und gilt als die meistgehandelte Sorte weltweit.
Die größten konventionellen Lagerstätten konzentrieren sich am Persischen Golf: Saudi-Arabien, Iran, Irak, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate verfügen zusammen über rund 48 Prozent der weltweit nachgewiesenen Reserven. Venezuela besitzt die größten Reserven überhaupt, doch sein Schweröl ist aufwendig und teuer in der Förderung.
Wie lange reicht der Vorrat?
Die BP Statistical Review beziffert die globalen nachgewiesenen Reserven auf rund 1,7 Billionen Barrel. Bei einem weltweiten Tagesverbrauch von etwa 100 Millionen Barrel ergibt das rechnerisch knapp 50 Jahre. Diese Zahl verschiebt sich allerdings ständig: Neue Fördertechniken wie Fracking machen bisher unwirtschaftliche Vorkommen zugänglich. Gleichzeitig sinkt die Entdeckungsrate neuer Großfelder seit den 1960er-Jahren kontinuierlich.
Wer entdeckte Erdöl und wie begann der Rausch?

Menschen nutzen Erdöl seit Jahrtausenden. In Mesopotamien dichteten Sumerer ihre Boote mit Bitumen ab, einem zähflüssigen Erdölrückstand, der an die Oberfläche trat. Die Ägypter verwendeten Erdpech zum Einbalsamieren von Mumien. Im mittelalterlichen Baku, dem heutigen Aserbaidschan, sammelten Arbeiter Rohöl aus flachen Brunnen und verkauften es als Brennstoff und Medizin.
Der Tag, der alles veränderte
Am 27. August 1859 stieß Edwin Drake im Städtchen Titusville, Pennsylvania, in 21 Metern Tiefe auf Öl. Die Bohrung war keine wissenschaftliche Expedition, sondern ein Spekulationsgeschäft. Drake hatte keinerlei Erfahrung mit Bohrungen und wurde von den Einheimischen als Spinner belächelt. Doch sein Erfolg löste einen Ölrausch aus, der die gesamte Region innerhalb von Monaten umkrempelte. Titusville verwandelte sich in ein Boomtown mit Saloons, Spekulanten und Schlägereien.
Rockefeller und die Geburt des Monopols
John D. Rockefeller erkannte früh, dass das eigentliche Geschäft nicht in der Förderung lag, sondern in der Verarbeitung und dem Transport. 1870 gründete er die Standard Oil Company in Cleveland, Ohio. Innerhalb eines Jahrzehnts kontrollierte Standard Oil über 90 Prozent der amerikanischen Raffineriekapazität. Rockefeller diktierte Eisenbahnrabatte, drückte Konkurrenten aus dem Markt und baute ein Imperium auf, das ihn zum reichsten Amerikaner aller Zeiten machte.
1911 zerschlug der Oberste Gerichtshof Standard Oil in 34 Einzelunternehmen. Aus den Trümmern entstanden die Konzerne, die den Ölmarkt bis heute prägen: ExxonMobil, Chevron, BP und ihre Nachfolger. Die Zerschlagung schuf keinen Wettbewerb. Sie schuf Oligopole.
Deutschlands frühe Ölgeschichte
Deutschland spielte in der frühen Ölgeschichte eine Nebenrolle als Produzent, aber eine zentrale als Technologielieferant. Nikolaus August Otto und Rudolf Diesel entwickelten die Motoren, die Erdöl vom Lampenbrennstoff zum strategischen Rohstoff machten. Die Deutsche Bank finanzierte 1903 maßgeblich die Bagdadbahn, die das Osmanische Reich erschließen sollte, und sicherte sich dabei Ölkonzessionen in Mesopotamien. Öl war in Deutschland früh ein Thema der Geopolitik, nicht der Geologie.
Wie hat Erdöl die Weltkarte verändert?

Rohstoffe sind nie nur Chemie. Sie sind Politik. Kein anderer Rohstoff hat mehr Grenzen verschoben, mehr Kriege ausgelöst und mehr Regime gestürzt als Erdöl. Dieses Kapitel zieht den Bogen von den Kolonialherren des frühen 20. Jahrhunderts bis zur Blockade der Straße von Hormus im März 2026.
Kolonialer Zugriff: Das Öl gehört uns
Die Entdeckung riesiger Ölvorkommen im Nahen Osten Anfang des 20. Jahrhunderts fiel in die Hochphase des europäischen Kolonialismus. Großbritannien sicherte sich 1901 die Konzession zur Ölförderung in Persien durch William Knox D’Arcy. 1908 wurde in Masjed Soleyman das erste große Ölfeld entdeckt. Die Anglo-Persian Oil Company, Vorläuferin von BP, wurde gegründet.
Winston Churchill, damals Erster Lord der Admiralität, stellte 1911 die Royal Navy von Kohle auf Öl um. Diese Entscheidung machte die Kontrolle über nahöstliches Öl zur Frage der nationalen Sicherheit Großbritanniens. Persien war kein Partner. Persien war ein Lieferant, der gefälligst zu funktionieren hatte.
Im Irak gründeten Briten, Franzosen, Niederländer und Amerikaner 1928 die Iraq Petroleum Company. Jede dieser Mächte erhielt einen festen Anteil an der irakischen Ölförderung. Die irakische Regierung erhielt Lizenzgebühren, aber keinen Einfluss auf Fördermenge, Preis oder Verwendung. Das Muster wiederholte sich in Kuwait, Bahrain und den Emiraten.
Sykes-Picot: Grenzen mit dem Lineal
Am 16. Mai 1916 zogen der britische Diplomat Mark Sykes und sein französischer Kollege François Georges-Picot eine Linie auf der Landkarte des Nahen Ostens. Die Linie verlief von Haifa am Mittelmeer bis Kirkuk im heutigen Irak. Nördlich davon lag die französische Einflusszone (Syrien, Libanon), südlich die britische (Irak, Jordanien, Palästina).
Die Grenzen ignorierten ethnische, religiöse und stammesmäßige Strukturen vollständig. Kurden wurden auf vier Staaten verteilt. Sunniten und Schiiten landeten in Kunststaaten, deren Grenzen keinerlei historische Legitimität besaßen. Im Irak zwangen die Briten drei Bevölkerungsgruppen (schiitische Araber im Süden, sunnitische Araber in der Mitte, Kurden im Norden) in einen Staat, weil sich das Öl praktischerweise sowohl im schiitischen Süden als auch im kurdischen Norden befand. Die Konflikte, die daraus folgten, dauern bis heute an.
Verstaatlichungen: Wir nehmen unser Öl zurück
Am 15. März 1951 stimmte das iranische Parlament einstimmig für die Verstaatlichung der Anglo-Iranian Oil Company (AIOC). Premierminister Mohammad Mossadegh hatte ein einfaches Argument: Großbritannien behielt 85 Prozent der Öleinnahmen. Iran bekam 15 Prozent.
Die Antwort kam nicht aus London, sondern aus Washington und London gemeinsam. Am 19. August 1953 stürzte ein von CIA und MI6 organisierter Putsch (Operation Ajax/Boot) Mossadegh und setzte Schah Mohammed Reza Pahlavi als Machthaber ein. Das westliche Ölkonsortium übernahm erneut die Kontrolle über die iranische Ölproduktion. Die iranische Bevölkerung vergaß den Putsch nie. Die Islamische Revolution von 1979 hatte in Operation Ajax eine ihrer tiefsten Wurzeln.
Ähnliche Verstaatlichungskämpfe tobten weltweit: Mexiko verstaatlichte 1938 seine Ölindustrie und schuf Pemex. Libyen unter Gaddafi verstaatlichte 1970. Saudi-Arabien übernahm zwischen 1973 und 1980 schrittweise die volle Kontrolle über ARAMCO, den größten Ölkonzern der Welt.
Kriege, Putsche und Interventionen
Die Liste der Ölkriege ist lang. Hier die wichtigsten Stationen:
| Jahr | Ereignis | Ölbezug |
|---|---|---|
| 1953 | CIA-Putsch gegen Mossadegh (Iran) | Sicherung der westlichen Ölkonzessionen |
| 1967 | Sechstagekrieg, Suez-Kanal gesperrt | Öllieferketten unterbrochen |
| 1973 | OPEC-Ölembargo gegen den Westen | Ölpreis vervierfacht sich in drei Monaten |
| 1980–1988 | Iran-Irak-Krieg, „Tankerkrieg“ im Golf | 546 Schiffe angegriffen |
| 1990–1991 | Irak überfällt Kuwait, Golfkrieg I | Saddam Hussein setzt Ölquellen in Brand |
| 2003 | Irak-Krieg, Golfkrieg II | Offizielle Begründung: Massenvernichtungswaffen. Öl als unausgesprochener Faktor |
| 2011 | Libyen-Krieg, Sturz Gaddafis | Europäische Ölversorgung betroffen |
| 2022–heute | Russland-Ukraine-Krieg | Europäisches Energiesystem umgebaut |
| 2026 | USA/Israel gegen Iran | Straße von Hormus blockiert, Ölpreis verdoppelt |
Der rote Faden: Wo Öl ist, sind auch Waffen. Und wo Waffen sind, liefert Öl den Anlass.
OPEC: Das Kartell, das den Preis bestimmt
Am 14. September 1960 gründeten Saudi-Arabien, Iran, Irak, Kuwait und Venezuela in Bagdad die Organisation erdölexportierender Länder. Der unmittelbare Auslöser: Die großen Ölkonzerne hatten einseitig den Ölpreis gesenkt, ohne die Förderländer zu konsultieren.
Die OPEC zählt heute 13 Mitglieder. Seit 2016 kooperiert sie zusätzlich mit zehn Nicht-OPEC-Staaten (darunter Russland) im Format OPEC+. Gemeinsam kontrollieren sie rund 40 Prozent der weltweiten Ölproduktion, aber über 80 Prozent der nachgewiesenen Reserven. Das verleiht der OPEC langfristig mehr Macht als ihre aktuelle Fördermenge vermuten lässt.
Die Machtverhältnisse innerhalb des Kartells sind ungleich: Saudi-Arabien verfügt über die größten Reservekapazitäten und kann als einziges Land die Produktion kurzfristig um mehrere Millionen Barrel pro Tag erhöhen oder drosseln. Diese Fähigkeit macht Riad zum Schiedsrichter des Ölmarktes.
Straße von Hormus: Die Krise von heute
Am Morgen des 28. Februar 2026 begannen US-Streitkräfte und die israelische Armee mit koordinierten Luftangriffen auf den Iran. Zu den ersten Zielen gehörten der Oberste Führer Ali Chamenei, der durch einen Luftangriff getötet wurde, sowie mehrere hochrangige Militärkommandeure. Stunden nach den ersten Angriffen kündigten die Islamischen Revolutionsgarden die Sperrung der Straße von Hormus an.
Innerhalb von 24 Stunden fiel der Schiffsverkehr durch die Meerenge von durchschnittlich 129 Schiffen pro Tag auf nahezu null. Gleichzeitig aktivierte der Iran eine flächendeckende GPS-Störkampagne: Über 1.100 Handelsschiffe meldeten Navigationsausfälle oder Positionsverfälschungen. Inzwischen stauen sich rund 2.000 Schiffe beiderseits der Meerenge. Die Weltschifffahrtsorganisation IMO spricht von 20.000 betroffenen Seeleuten.
Die iranische Führung verlangt die Anerkennung von Irans Souveränität über die Straße von Hormus. Durchfahrtsgenehmigungen werden einzeln verhandelt. Die Revolutionsgarden kassieren Transitgebühren in Millionenhöhe. Irans Vizepräsident Mohammad-Reza Aref schrieb auf der Plattform X, das Regime der Straße von Hormus werde „nicht mehr so sein wie früher“.
Trump verlängerte am 27. März das Ultimatum an Teheran bis zum 6. April und sprach gleichzeitig von „sehr guten“ Gesprächen. Der Iran lehnte den 15-Punkte-Plan der USA komplett ab und stellte eigene Bedingungen. Eine Lösung zeichnet sich Stand 30. März 2026 nicht ab.
Warum ist Erdöl für die Weltwirtschaft unverzichtbar?

Die Weltwirtschaft verbraucht täglich rund 100 Millionen Barrel Rohöl. Das sind 15,9 Milliarden Liter. Jeden Tag. Goldman Sachs beziffert den Anteil von Rohöl am weltweiten Produktionsvolumen sämtlicher Rohstoffe auf knapp 45 Prozent. Kein anderer Rohstoff kommt auch nur annähernd an diese Dominanz heran.
Wer fördert, wer verbraucht
Die größten Produzenten sind die USA (rund 13 Millionen Barrel pro Tag), Saudi-Arabien (rund 10 Millionen) und Russland (rund 10 Millionen). Die größten Verbraucher sind die USA, China und Indien. Europa produziert kaum eigenes Öl und importiert den Großteil seines Bedarfs.
Deutschland importierte 2025 laut Destatis 75,7 Millionen Tonnen Rohöl für durchschnittlich 477 Euro pro Tonne. Die wichtigsten Lieferanten:
| Land | Anteil 2025 | Menge |
|---|---|---|
| Norwegen | 16,6 % | 12,5 Mio. Tonnen |
| USA | 16,4 % | 12,4 Mio. Tonnen |
| Libyen | 13,8 % | 10,4 Mio. Tonnen |
| Irak | 4,2 % | 3,1 Mio. Tonnen |
| VAE | 1,1 % | 801.000 Tonnen |
| Saudi-Arabien | 0,8 % | 642.000 Tonnen |
Ein Detail fällt auf: Nur 6,1 Prozent des deutschen Rohöls kamen 2025 direkt aus dem Nahen Osten. Trotzdem trifft die Hormus-Blockade Deutschland massiv, denn der Ölpreis ist global. Wenn 20 Prozent des weltweiten Angebots wegfallen, steigt der Preis überall.
Nadelöhre der Weltwirtschaft
Die Straße von Hormus ist der wichtigste, aber nicht der einzige Engpass. Rund 20 Prozent des globalen Öltransports fließen durch diese Meerenge. Saudi-Arabien verfügt über eine Ost-West-Pipeline mit 7 Millionen Barrel Tageskapazität zum Hafen Yanbu am Roten Meer, doch die Verladekapazität des Hafens liegt bei nur 3 Millionen Barrel. Abu Dhabis Habshan-Fujairah-Pipeline schafft 1,5 Millionen Barrel pro Tag. Das reicht bei weitem nicht aus, um den Ausfall von Hormus zu kompensieren.
Was steckt in Erdöl außer Benzin?

Fragen Sie jemanden, wofür Erdöl verwendet wird, hören Sie: Benzin, Diesel, Heizöl. Diese Antwort deckt nur die halbe Wahrheit ab. Rund 14 Prozent des weltweit geförderten Erdöls gehen gar nicht in die Verbrennung, sondern in die Petrochemie.
Alltag voller Öl
| Produkt | Erdöl-Basis | Hätten Sie es gewusst? |
|---|---|---|
| Plastikflaschen | Polyethylenterephthalat (PET) aus Naphtha | Für eine 1-Liter-PET-Flasche braucht man rund 25 ml Rohöl |
| Medikamente | Aspirin, Ibuprofen, Paracetamol | Der Wirkstoff Acetylsalicylsäure basiert auf petrochemischen Vorprodukten |
| Kleidung | Polyester, Nylon, Acryl | Rund 65 Prozent aller Textilfasern weltweit sind synthetisch |
| Kosmetik | Vaseline, Paraffin, Glycerin | In den meisten Cremes und Lippenstiften steckt Erdöl |
| Straßenbelag | Bitumen (Asphalt) | Jeder Kilometer Autobahn verbraucht rund 30.000 Liter Bitumen |
| Dünger | Ammoniak aus Erdgas | Ohne petrochemischen Dünger könnte die Welt nur halb so viele Menschen ernähren |
| Smartphones | Kunststoffgehäuse, Displayfolien, Kabel | Rund 1 Liter Rohöl steckt in jedem Smartphone |
Die unsichtbare Abhängigkeit
Die eigentliche Pointe: Selbst wenn morgen alle Autos elektrisch führen, bliebe die Abhängigkeit von Erdöl bestehen. Die Petrochemie stellt Grundstoffe her, für die bisher kein flächendeckender Ersatz existiert. Ethylen, Propylen und Benzol sind die Basischemikalien, auf denen die gesamte Kunststoff-, Pharma- und Textilindustrie aufbaut.
Wie setzt sich der Benzinpreis an der Tankstelle zusammen?

Am 23. März 2026 kostete ein Liter Super E5 in Deutschland im Tagesdurchschnitt 2,13 Euro. Nur in den Niederlanden und Dänemark war Benzin in der EU noch teurer. Doch wer bekommt diese 2,13 Euro eigentlich?
Was in einem Liter Benzin steckt
| Bestandteil | Anteil | Betrag (ca.) |
|---|---|---|
| Produkteinstandskosten (Rohöl + Raffineriekosten + Transport) | ~28 % | 0,60 € |
| Energiesteuer (ehemals Mineralölsteuer) | ~31 % | 0,6545 € |
| Mehrwertsteuer (19 % auf alles) | ~16 % | 0,34 € |
| CO₂-Preis (Emissionshandel) | ~3 % | 0,07 € |
| Erdölbevorratungsabgabe | ~0,3 % | 0,006 € |
| Deckungsbeitrag (Marge Raffinerie + Tankstelle) | ~22 % | 0,46 € |
Der Staat verdient an jedem Liter Benzin rund 1,07 Euro. Die Energiesteuer allein beträgt 65,45 Cent pro Liter und ist seit 2003 unverändert. Die Mehrwertsteuer kommt obendrauf und steigt automatisch mit dem Preis. Steigt der Rohölpreis um 10 Cent, kassiert der Fiskus 1,9 Cent mehr Mehrwertsteuer. Der Staat profitiert also doppelt von Krisen.
Asymmetrie: Schnell hoch, langsam runter
Das DIW stellte im März 2026 fest, dass die Spritpreise in Deutschland doppelt so stark gestiegen sind wie im EU-Durchschnitt: Benzin um 3,5 Prozent, Diesel um 4,6 Prozent, verglichen mit 1,5 und 1,8 Prozent im EU-Schnitt. Diese Asymmetrie lässt sich nicht allein mit dem Rohölpreis erklären.
Das Bundeskartellamt beobachtet die Rohmargen über seine Markttransparenzstelle und hat ein Verfahren eröffnet, um mögliche Wettbewerbsstörungen im Kraftstoffgroßhandel zu prüfen. Fünf Mineralölkonzerne kontrollieren rund 70 Prozent des deutschen Tankstellenmarktes. Kartellrechtspräsident Andreas Mundt räumte ein, dass solche Verfahren „nicht auf Knopfdruck“ funktionierten.
Wer verdient an Erdöl und wer zahlt drauf?

Die Wertschöpfungskette von Erdöl ist lang, und die Verteilung der Gewinne folgt einer klaren Logik: Je weiter man vom Bohrloch entfernt ist, desto mehr verdient man.
Die Gewinner
Saudi Aramco, der staatliche Ölkonzern Saudi-Arabiens, erwirtschaftete 2023 einen Nettogewinn von 121 Milliarden Dollar. Das Unternehmen ist gemessen am Gewinn der profitabelste Konzern der Welt. Die Förderkosten in Saudi-Arabien liegen bei rund 3 Dollar pro Barrel. Bei einem Verkaufspreis von über 100 Dollar braucht man keinen Taschenrechner, um die Marge zu verstehen.
ExxonMobil, Shell, TotalEnergies und Chevron meldeten für 2022 gemeinsam über 200 Milliarden Dollar Gewinn. Kein Jahr in der Konzerngeschichte war profitabler. Rohstoffhändler wie Vitol, Trafigura und Glencore profitieren zusätzlich von der Preisvolatilität: Steigende und fallende Preise sind für Händler gleichermaßen lukrativ.
Die Verlierer
Importabhängige Länder wie Deutschland, Japan und Indien zahlen bei jedem Preisschock die Rechnung. Die deutsche Wirtschaft reagiert empfindlich: Laut einer Modellrechnung des IW Köln würde ein dauerhafter Ölpreis von 150 Dollar pro Barrel das deutsche BIP um 0,5 Prozent im ersten und 1,0 Prozent im zweiten Jahr senken. Bei aktuellen Notierungen über 100 Dollar sind die Auswirkungen moderater, aber spürbar.
Ressourcenfluch: Warum Ölreichtum arm macht
Politikwissenschaftler nennen das Phänomen „Resource Curse“. Länder mit großem Rohstoffvorkommen entwickeln sich wirtschaftlich oft schlechter als Länder ohne nennenswerte Bodenschätze. Venezuela sitzt auf den größten Ölreserven der Welt und erlebt seit Jahren wirtschaftlichen Zusammenbruch. Nigeria fördert seit Jahrzehnten Öl im Niger-Delta und gehört weiterhin zu den ärmsten Ländern Afrikas. Der Mechanismus dahinter heißt „Holländische Krankheit“: Hohe Rohstoffexporte treiben die Landeswährung nach oben, was alle anderen Exportsektoren unrentabel macht. Die Wirtschaft wird abhängig von einem einzigen Produkt.
Norwegen gilt als die große Ausnahme. Der 1996 gegründete Government Pension Fund Global (Ölfonds) verwaltet über 1,5 Billionen Euro und gehört damit zu den größten Staatsfonds der Welt. Norwegens Regel: Die Öleinnahmen fließen in den Fonds, und aus dem Fonds darf die Regierung jährlich maximal 3 Prozent der erwarteten Rendite entnehmen. So profitieren auch zukünftige Generationen.
„Wer den Ölpreis kontrolliert, kontrolliert keine Ware. Wer den Ölpreis kontrolliert, kontrolliert Kriege, Wahlen und den Inhalt Ihres Kühlschranks. Das gilt seit 1916 und das gilt heute, am 30. März 2026, während 2.000 Schiffe vor der Straße von Hormus warten.“ — Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Wie mächtig ist die Öllobby?

Die fossile Energieindustrie gehört zu den politisch bestvernetzten Branchen der Welt. Laut Umweltbundesamt subventioniert Deutschland fossile Energien mit mindestens 65 Milliarden Euro jährlich. Diese Zahl umfasst direkte Finanzhilfen und Steuervergünstigungen.
Die größten Einzelposten in Deutschland
| Subvention | Jährliches Volumen | Begünstigte |
|---|---|---|
| Energiesteuerbefreiung Kerosin | ~8,3 Mrd. € | Fluggesellschaften |
| Dieselprivileg | ~8,2 Mrd. € | Speditionen, Pendler |
| Energiesteuerbefreiung internationale Schifffahrt | ~1,7 Mrd. € | Reedereien |
| Entfernungspauschale | ~6 Mrd. € | Arbeitnehmer mit langem Arbeitsweg |
| Vergünstigte Besteuerung von Dienstwagen | ~5,5 Mrd. € | Unternehmen, Angestellte |
Das G7-Ziel, fossile Subventionen bis 2025 abzubauen, wurde verfehlt. Der Bundesrechnungshof kritisiert regelmäßig, dass die Subventionen weder transparent dokumentiert noch auf ihre Wirksamkeit geprüft werden.
Brücke ins Nirgendwo
Erdgas wurde jahrelang als „Brückentechnologie“ vermarktet. Der Branchenverband „Zukunft Gas“ präsentierte fossiles Gas als klimafreundlichen Teil der Energiewende. LobbyControl bezeichnet diese Erzählung als irreführend, weil entlang der gesamten Gaslieferkette klimaschädliches Methan freigesetzt wird. Dasselbe Framing funktioniert beim Öl: Die Branche spricht von „unverzichtbar“ und „Versorgungssicherheit“. Die Botschaft bleibt: Ohne uns geht nichts.
Wie kommen wir vom Erdöl los?

Die Antwort variiert stark nach Sektor. Manche Bereiche machen schnelle Fortschritte. Andere werden noch Jahrzehnte auf Erdöl angewiesen sein.
Fortschritt nach Sektoren
| Sektor | Anteil am Ölverbrauch | Stand der Alternativen | Zeithorizont |
|---|---|---|---|
| Pkw-Verkehr | ~27 % | Elektroautos wachsen schnell, Ladeinfrastruktur ausbaufähig | 2035–2045 |
| Lkw/Logistik | ~12 % | Elektrische Lkw im Nahverkehr möglich, Langstrecke noch offen | 2040–2055 |
| Flugverkehr | ~8 % | Sustainable Aviation Fuels unter 1 % Marktanteil | Nach 2050 |
| Schifffahrt | ~5 % | Methanol, Ammoniak als Alternativkraftstoffe in Erprobung | Nach 2050 |
| Petrochemie | ~14 % | Bio-basierte Kunststoffe, chemisches Recycling in Anfängen | Kein Ausstieg absehbar |
| Heizung | ~10 % | Wärmepumpen ersetzen Ölheizungen, gesetzlich bis 2028 verpflichtend | 2035–2050 |
Recycling: Kreislauf statt Sackgasse
Weltweit werden nur rund 9 Prozent aller jemals produzierten Kunststoffe recycelt. 12 Prozent wurden verbrannt. Die restlichen 79 Prozent liegen auf Deponien oder in der Umwelt. Chemisches Recycling, bei dem Kunststoffe in ihre petrochemischen Grundbausteine zerlegt werden, könnte diesen Anteil erheblich steigern. Die Technologie existiert, ist aber energieintensiv und bisher nur in Pilotanlagen wirtschaftlich.
Die unbequeme Wahrheit
Selbst die optimistischsten Szenarien der Internationalen Energieagentur (IEA) rechnen damit, dass die Welt im Jahr 2050 noch mindestens 25 Millionen Barrel Öl pro Tag verbrauchen wird. Das wäre ein Viertel des heutigen Niveaus. Erdöl wird nicht verschwinden. Aber seine Rolle wird sich vom dominanten Energieträger zum spezialisierten Industrierohstoff wandeln.
Was bedeutet der Iran-Krieg für Deutschland?

Die aktuelle Krise trifft Deutschland an zwei Stellen: am Geldbeutel der Verbraucher und an der Lieferkette der Industrie.
Spritpreise auf Rekordjagd
Super E10 kostete am 25. März 2026 im Bundesdurchschnitt 2,074 Euro pro Liter. Diesel lag bei 2,288 Euro. Der Dieselpreis fehlte nur noch 1,1 Cent zum Allzeithoch vom März 2022. Seit Monatsbeginn sind die Dieselpreise um über 40 Cent pro Liter gestiegen. Die Benzinpreise legten um 25 Cent zu.
Warum trifft es Deutschland besonders hart?
Die Spritpreise in Deutschland sind seit Kriegsbeginn doppelt so stark gestiegen wie im EU-Durchschnitt. Das DIW nennt zwei Ursachen: Erstens liegt der Steueranteil am Spritpreis in Deutschland besonders hoch, und die Mehrwertsteuer wirkt als Preismultiplikator. Zweitens kontrollieren wenige Mineralölkonzerne den deutschen Markt. Das Bundeskartellamt prüft, ob diese Marktstruktur zu überhöhten Margen führt.
Drei Szenarien für die kommenden Monate
| Szenario | Voraussetzung | Ölpreis (Brent) | Benzinpreis DE |
|---|---|---|---|
| Optimistisch | Waffenstillstand, Hormus öffnet schrittweise | 75–85 $ | 1,75–1,85 € |
| Realistisch | Verhandlungen ziehen sich, teilweise Durchfahrten | 95–110 $ | 1,95–2,15 € |
| Pessimistisch | Eskalation, Bodentruppen, Flächenbrand | 120–150 $ | 2,30–2,60 € |
Strategische Reserven als Puffer
Die IEA hat 400 Millionen Barrel aus strategischen Reserven freigegeben. Die USA steuern 182 Millionen Barrel bei. Deutschland gibt ebenfalls nationale Ölreserven frei. Der ADAC und Branchenexperten betonen: Engpässe bei Benzin und Diesel drohen derzeit nicht. Das Problem ist nicht die Menge. Das Problem ist der Preis.
Was Sie jetzt tun können
Wer als Verbraucher Heizöl benötigt und mit dem Vorrat über die Heizperiode kommt, sollte laut TECSON den Kauf auf den Sommer verschieben. Das Marktüberangebot dürfte den Preis dann wieder drücken, sofern kein Flächenbrand entsteht. Wer tankt, fährt laut ADAC abends am günstigsten. Der Preisunterschied zwischen Morgen und Abend beträgt an manchen Tagen über 15 Cent pro Liter. Unternehmer sollten Lieferketten auf Alternativen prüfen, falls die Hormus-Blockade länger als zwei Monate anhält. Transportrouten über das Kap der Guten Hoffnung sind länger und teurer, aber funktionsfähig.
Quellen
Statistisches Bundesamt (Destatis) – 6,1 % der deutschen Rohöl-Importe 2025 aus dem Nahen Osten – https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/03/PD26_N016_51.html – besucht am 30.03.2026
Statistisches Bundesamt (Destatis) – EU-Vergleich: Aktuelle Preise für Benzin, Euro je Liter (2026) – https://www.destatis.de/Europa/DE/Thema/Verkehr/kraftstoffpreise.html – besucht am 30.03.2026
ADAC – Aktuelle Kraftstoffpreise – https://www.adac.de/news/aktueller-spritpreis/ – besucht am 30.03.2026
TECSON – Heizölpreise: Preisentwicklung, Prognose, Preisrechner – https://www.tecson.de/de/heizoelpreise.html – besucht am 30.03.2026
DIW Berlin – Warum sind nur in Deutschland die Benzinpreise so explodiert? (Gastbeitrag Tomaso Duso, ZEIT, 11. März 2026) – https://www.diw.de/de/diw_01.c.1002467.de/nachrichten/warum_sind_nur_in_deutschland_die_benzinpreise_so_explodiert.html – besucht am 30.03.2026
IW Köln – Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft von Ölpreisschwankungen – https://www.iwkoeln.de/studien/galina-kolev-schaefer-abhaengigkeit-der-deutschen-wirtschaft-von-oelpreisschwankungen.html – besucht am 30.03.2026
t-online – Iran-Krieg aktuell: Trump: Krieg hat „Regimewechsel in Iran“ herbeigeführt – https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/internationale-politik/id_101182222/iran-krieg-teheran-will-strasse-von-hormus-grundlegend-neu-regeln.html – besucht am 30.03.2026
Handelsblatt – Iran-Krieg: Der Iran will für die Straße von Hormus neue Bedingungen – https://www.handelsblatt.com/politik/international/iran-krieg-der-iran-will-fuer-die-strasse-von-hormus-neue-bedingungen/100212376.html – besucht am 30.03.2026
ESUT – Lagebericht Iran-Konflikt und Straße von Hormuz – https://esut.de/en/2026/03/meldungen/69348/lagebericht-iran-konflikt-und-strasse-von-hormuz/ – besucht am 30.03.2026
Rosa-Luxemburg-Stiftung – Krieg gegen den Iran (Hamid Mohseni) – https://www.rosalux.de/news/id/54558/krieg-gegen-den-iran – besucht am 30.03.2026
Trading Economics – Brent Rohöl – https://de.tradingeconomics.com/commodity/brent-crude-oil – besucht am 30.03.2026
Umweltbundesamt – Primärenergiegewinnung und -importe – https://www.umweltbundesamt.de/daten/energie/primaerenergiegewinnung-importe – besucht am 30.03.2026
BAFA – Rohöl (Monatliche Statistiken über Rohölimporte) – https://www.bafa.de/DE/Energie/Rohstoffe/Rohoel/rohoel_node.html – besucht am 30.03.2026
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