Die Tomate ist das liebste Gemüse der Deutschen, doch nur 3,8 Prozent davon wachsen im eigenen Land. Den Rest liefern Gewächshäuser in Almería, im Großraum Rotterdam und seit Kurzem in Dakhla in der besetzten Westsahara. Hinter der roten Frucht steckt ein Welthandel, der über Zölle, Zwangsarbeit und Energiepreise entscheidet.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenIm Supermarkt kostet das Kilo Rispentomaten im Spätsommer 2026 stellenweise über drei Euro, und im Winter zieht der Preis weiter an. Für ein Gewächs, das scheinbar in jedem Garten gedeiht, ist das erstaunlich viel. Der Grund liegt nicht im Gemüseregal, sondern in Lieferketten, die von Marokko bis ins chinesische Xinjiang reichen.
Das Wichtigste in Kürze
- Mit 27,4 Kilogramm pro Kopf bleibt die Tomate das beliebteste Gemüse der Deutschen, der heimische Selbstversorgungsgrad liegt laut der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung aber bei nur 3,8 Prozent.
- China erntet rund ein Drittel der Welternte und führt seit 2024 auch die industrielle Verarbeitung zu Tomatenmark an.
- Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom Oktober 2024 zwingt die EU, Tomaten aus der Westsahara getrennt von marokkanischer Ware zu kennzeichnen.
- Witterungsschäden in Südeuropa und Nordafrika sowie hohe Energiekosten der Gewächshäuser treiben die Preise 2026 über den Fünfjahresschnitt.
Bluff oder Wissen? Der Tomaten-Check
1 Woher stammt die Tomate ursprünglich? Aufklappen ↓
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2 Wie hoch ist Deutschlands Selbstversorgungsgrad bei Tomaten? Aufklappen ↓
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3 Welches Land erntet die meisten Tomaten weltweit? Aufklappen ↓
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4 Was steckt oft hinter Tomatenmark mit dem Hinweis „in Italien hergestellt“? Aufklappen ↓
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5 Was entschied der Europäische Gerichtshof im Oktober 2024 zur Westsahara? Aufklappen ↓
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Was ist die Tomate und wie entsteht sie?
Die Tomate ist die Beere eines Nachtschattengewächses, das aus Südamerika stammt und heute in fast jedem Klima wächst. Botanisch heißt die Pflanze Solanum lycopersicum und gehört zur selben Familie wie Kartoffel, Paprika und Aubergine. Was im Salat als Gemüse gilt, ist aus Sicht der Botanik eine Fruchtbeere.
Die wilde Urform war klein, gelb und kaum größer als eine Johannisbeere. Ihre Heimat liegt an den Westhängen der Anden, im heutigen Peru und Ecuador. Von dort wanderte die Pflanze nach Norden, und erst die Kulturen Mesoamerikas im heutigen Mexiko züchteten aus der winzigen Wildfrucht die größere, fleischige Form, die wir kennen.
Eine einzelne Tomatenpflanze braucht vom Samen bis zur ersten reifen Frucht rund drei Monate. Genau diese Schnelligkeit unterscheidet die Tomate von vielen anderen Rohstoffen dieser Reihe: Während sich ein mineralischer Dünger wie Phosphor über Jahrmillionen bildet, liefert die Tomate mehrmals pro Jahr eine neue Ernte. Der Preis dieser Geschwindigkeit ist ein hoher Durst. Je nach Anbauform verschlingt ein Kilo Tomaten zwischen 50 und 180 Liter Wasser.
Sorten gibt es heute über 10.000, von der murmelgroßen Cocktailtomate bis zur handtellergroßen Fleischtomate. Im deutschen Anbau dominieren Rispen-, Cocktail- und Cherrytomaten, wie die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung festhält. Freilandanbau spielt dabei kaum noch eine Rolle, fast alle Früchte reifen geschützt unter Glas oder Folientunneln. Die genetische Vielfalt bewahren heute Samenbanken, die tausende alte Landsorten vor dem Verschwinden schützen.
Qualität und Geschmack hängen weniger an der Sorte als an Licht und Reifezeit. Eine Tomate, die grün geerntet und auf dem Transport nachgereift wird, bildet weniger Zucker und Aromastoffe als eine am Strauch gereifte Frucht. Dieser Unterschied erklärt, warum Wintertomaten aus beheizten Gewächshäusern oft wässrig schmecken, obwohl sie makellos aussehen.
- Herkunft: Die Tomate ist eine Beere der Anden, gezüchtet in Mesoamerika.
- Familie: Als Nachtschattengewächs verwandt mit Kartoffel, Paprika und Aubergine.
- Wasserhunger: 50 bis 180 Liter pro Kilo machen die Tomate zu einem durstigen Gewächs.
Wer entdeckte die Tomate und wie begann ihr Aufstieg?

Spanische Eroberer brachten die Tomate um 1520 nach Europa, wo sie zwei Jahrhunderte lang als giftige Zierpflanze galt. Die Azteken nannten die Frucht „tomatl“, von dort stammt ihr heutiger Name. In den Gärten der europäischen Fürstenhöfe diente die Pflanze zunächst nur zur Schau. In Österreich heißt die Frucht bis heute Paradeiser, ein Nachklang des alten Begriffs Paradiesapfel.
Der schlechte Ruf hatte einen Grund. Als Nachtschattengewächs enthält die Pflanze in Blättern und unreifen Früchten den Bitterstoff Tomatin, und Kräuterbücher des 16. Jahrhunderts warnten vor dem vermeintlichen Gift. In Italien taufte man die goldgelbe Frucht „pomo d’oro“, den goldenen Apfel, anderswo galt sie als „Liebesapfel“ mit zweifelhaftem Ruf.
Erst der Hunger änderte die Einstellung. Im armen Süden Italiens, besonders rund um Neapel, landete die Tomate ab dem 18. Jahrhundert im Kochtopf, weil andere Zutaten fehlten. Aus dieser Not entstand die Tomatensauce, und mit ihr die neapolitanische Pizza, die später zum Welterfolg wurde.
In Nordamerika sorgte die Frucht sogar für ein Gerichtsurteil. 1893 musste der Oberste Gerichtshof der USA im Fall Nix gegen Hedden klären, ob die Tomate rechtlich eine Frucht oder ein Gemüse sei, denn auf Gemüse lag ein Einfuhrzoll. Die Richter entschieden gegen die Botanik und für den Alltag: Weil die Tomate zur herzhaften Mahlzeit gehört, gilt sie vor dem Zoll als Gemüse.
In Deutschland blieb die Tomate lange ein Nischenprodukt. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, mit Gastarbeitern aus Italien und dem Aufstieg der mediterranen Küche, wurde die Frucht zum Alltagsgemüse. Heute verzehrt jeder Mensch hierzulande im Schnitt deutlich mehr Tomaten als Äpfel.
- Skepsis: Zwei Jahrhunderte lang galt die Tomate in Europa als giftige Zierpflanze.
- Durchbruch: Die arme Küche Neapels machte aus der Frucht Sauce und Pizza.
- Zoll-Urteil: 1893 erklärten US-Richter die Frucht rechtlich zum Gemüse.
Wie hat die Tomate die Weltkarte verändert?

Die Tomate verschiebt bis heute Handelsströme, Grenzen und Abhängigkeiten, vom kolonialen Austausch bis zum Streit um die Westsahara. Als eine der wichtigsten Gaben des sogenannten Kolumbianischen Austauschs reiste die Frucht mit den Eroberern über den Atlantik und veränderte die Küchen halber Kontinente.
Dass ausgerechnet Italien als Mutterland der Tomate gilt, ist eine koloniale Ironie. Keine einzige Tomate wuchs in Europa, bevor Spanien Südamerika eroberte. Der Siegeszug der Frucht in der Alten Welt beruht also auf einem Transfer, der für die indigenen Kulturen Amerikas mit Unterwerfung und Ausbeutung verbunden war.
Der Machtkampf um die Tomate ist längst nicht Geschichte. Im Winterhalbjahr war Europa jahrzehntelang auf Spanien und die Niederlande als größte Lieferanten angewiesen, doch inzwischen hat Marokko beide überholt. Die günstige Ware aus nordafrikanischen Gewächshäusern drängt auf den EU-Markt, und die Handelsbilanz der Union bei Tomaten, Paprika und Zucchini kippte dadurch von einem strukturellen Überschuss in ein Defizit.
Genau hier beginnt ein handfester geopolitischer Konflikt. Ein großer Teil der marokkanischen Exporttomaten, vor allem Cherrytomaten, wächst in Gewächshäusern bei Dakhla, und Dakhla liegt in der Westsahara, einem von Marokko besetzten Gebiet. Am 4. Oktober 2024 entschied der Europäische Gerichtshof, dass die Westsahara ein gesondertes und getrenntes Gebiet ist, über das Marokko keine Hoheit besitzt. Die dort geernteten Cherrytomaten gelangen über Hafen und Straße nach Europa und sind im Winterregal kaum von spanischer Ware zu unterscheiden.
Das Urteil hat praktische Folgen für jedes Gemüseregal. Produkte aus der Westsahara dürfen künftig nicht mehr als marokkanisch gekennzeichnet werden, sondern müssen die Westsahara als Herkunft ausweisen. Die Kennzeichnungspflicht trat sofort in Kraft, und die Handels- und Fischereiabkommen zwischen der EU und Marokko sind binnen eines Jahres anzupassen. Der Streit um eine rote Frucht wird so zum Prüfstein für das Völkerrecht.
Am anderen Ende der Welt zieht sich ein zweiter Konflikt durch die Verarbeitung. China ist nicht nur der größte Erzeuger frischer Tomaten, sondern auch der dominierende Produzent von Tomatenmark. Ein erheblicher Teil davon stammt aus der Region Xinjiang, die wegen des Verdachts auf Zwangsarbeit an den Uiguren international unter Beobachtung steht. Die Frucht, die Sommer und Süden verspricht, ist damit tief in die härtesten Streitfragen der Weltpolitik verstrickt.
Warum ist die Tomate für die Weltwirtschaft so wichtig?

Die Welt erntet jährlich rund 200 Millionen Tonnen Tomaten, damit ist sie das meistangebaute Gemüse der Erde. China allein steht nach FAO-Daten für etwa 66 Millionen Tonnen, gefolgt von Indien mit rund 23 Millionen und der Türkei mit etwa 13 Millionen Tonnen. Die USA folgen mit rund 14 Millionen Tonnen.
Ein gutes Drittel dieser Menge landet nicht im Frischregal, sondern in der Fabrik. Aus ihr werden Mark, Sauce, Ketchup und Dosentomaten. Der World Processing Tomato Council zählte für 2024 einen Rekord von 45,8 Millionen Tonnen verarbeiteter Ware, nach 44,4 Millionen im Jahr davor.
Die Verarbeitung verteilt sich auf wenige Zentren. China führte 2024 mit 10,45 Millionen Tonnen, Kalifornien folgte mit knapp 10 Millionen Tonnen, und in der EU dominierten Italien mit 5,6 Millionen und Spanien mit 2,8 Millionen Tonnen. Eine schwächere Ernte in Kalifornien, verursacht durch Hitze und Wasserknappheit, verschob das Gleichgewicht 2024 weiter Richtung China.
Für Deutschland ist die Tomate eine Frage des Imports. Der Verbrauch lag 2023/24 bei 2,3 Millionen Tonnen, und dieser Wert macht laut der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung rund 26 Prozent des gesamten deutschen Gemüseverbrauchs aus. Gedeckt wird er fast vollständig aus dem Ausland, rund 70 Prozent der Frischimporte stammen aus den Niederlanden und Spanien.
Die Handelswege sind dabei erstaunlich verletzlich. Frische Tomaten reisen gekühlt über Straße und Schiene, verarbeitete Ware auch per Bahn und Containerschiff über tausende Kilometer. Fällt eine Ernteregion durch Dürre, Überschwemmung oder einen Hafenstreik aus, schlägt das innerhalb von Wochen auf die Preise im Supermarkt durch. Ein einziger blockierter Mittelmeerhafen kann binnen Tagen Lücken in deutschen Supermärkten verursachen.
- Volumen: Rund 200 Millionen Tonnen pro Jahr machen die Tomate zum Gemüse Nummer eins.
- Verarbeitung: Ein Drittel der Ernte wird zu Mark, Sauce und Ketchup, angeführt von China.
- Importland Deutschland: 2,3 Millionen Tonnen Verbrauch, fast ganz aus dem Ausland gedeckt.
In welchen Produkten steckt die Tomate und was verschwindet ohne sie?

Die Tomate steckt in weit mehr Produkten, als das Gemüseregal vermuten lässt, und einige davon verschwänden ohne die Frucht vollständig. Die meisten Menschen denken an Salat und Sauce, doch der größere Teil der Ernte versteckt sich in verarbeiteten Lebensmitteln.
Ketchup, Pizza und Pasta-Sauce sind die bekanntesten Beispiele, aber die Liste ist länger. Tomatenmark würzt Suppen und Eintöpfe, getrocknete Tomaten landen in Antipasti, und selbst in Fertiggerichten, Chips-Gewürzen und Grillsaucen sorgt Tomatenpulver für Farbe und Umami. Der Pflanzenstoff Lycopin, der die Frucht rot färbt, wird zudem als Lebensmittelfarbe und in Nahrungsergänzungsmitteln verwendet.
| Produkt | Form der Tomate | Besonderheit |
|---|---|---|
| Pizza Margherita | Passierte Tomaten, Sauce | Ohne Tomate bliebe nur ein Käsefladen |
| Ketchup | Tomatenmark, stark konzentriert | Bis zu 200 Gramm Frischtomaten je Flasche |
| Pasta-Sugo | Dosentomaten, Passata | Rückgrat der mediterranen Küche |
| Fertigsuppen | Tomatenpulver, Mark | Farbe und herzhafter Geschmack |
| Antipasti | Getrocknete Tomaten in Öl | Haltbar gemacht durch Trocknung |
Hier zeigt sich die Kipp-Logik. Für frische Tomaten im Salat finden sich Alternativen wie Paprika oder Gurke, wenn auch mit anderem Geschmack. Für die verarbeitete Tomate fehlt ein solcher Ersatz fast völlig. Eine Pizza ohne Tomatensauce ist ein anderes Produkt, und ein Ketchup ohne Tomate wäre nur eine gewürzte Essigpaste.
Diese Abhängigkeit reicht tief in ganze Branchen. Die italienische Lebensmittelindustrie, die spanische Konservenwirtschaft und der weltweite Fast-Food-Sektor bauen auf einem stetigen Strom günstiger Verarbeitungstomaten auf. Bricht dieser Strom durch Missernten weg, steigen nicht nur die Preise, zugleich fehlt der Rohstoff für Millionen Fertigprodukte. Ähnlich liegt der Fall bei einem anderen unsichtbaren Küchenbaustein, dem Palmöl als verstecktem Inhaltsstoff im Supermarktregal.
Wie setzt sich der Preis einer Dose Tomaten zusammen?

Beim Endpreis einer Dose Tomaten macht die Frucht selbst oft nur einen kleinen Teil aus, den größeren Anteil fressen Dose, Verarbeitung, Handel und Transport. Beim Discounterpreis von 89 Cent für 400 Gramm geschälte Tomaten entfällt nur ein Bruchteil auf die Frucht selbst.
Die roh geerntete Verarbeitungstomate ist ein billiges Massengut. Auf dem Weltmarkt liegt der Erzeugerpreis oft unter zehn Cent je Kilogramm, weil riesige Mengen in wenigen Wochen maschinell geerntet werden. Den Löwenanteil am Regalpreis tragen danach die Industrieschritte, die aus der weichen Frucht ein haltbares Produkt machen.
Die Weißblechdose schlägt dabei oft stärker zu Buche als der Inhalt. Metall, Beschichtung und das Abfüllen unter Hitze verursachen handfeste Kosten, dazu kommen Energie für das Einkochen sowie der Transport per Lkw und Schiff. Am Ende nehmen der Groß- und der Einzelhandel ihre Spanne, und der Staat erhebt den ermäßigten Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent auf Lebensmittel.
Bei frischen Tomaten verschiebt sich das Bild. Hier kostet nicht die Dose, sondern die Produktion selbst. Ein beheiztes Gewächshaus in den Niederlanden verschlingt im Winter enorme Mengen Gas oder Strom, und genau diese Energiekosten machen Wintertomaten teuer. Steigt der Gaspreis, steigt der Tomatenpreis fast im Gleichschritt.
Dazu kommt eine bekannte Asymmetrie. Verteuert sich der Rohstoff, geben Handel und Hersteller das schnell weiter. Sinkt der Einkaufspreis wieder, bewegt sich der Regalpreis oft nur zögerlich nach unten. Für die Verbraucher bedeutet das konkret: Preisspitzen kommen sofort an, Entlastungen erst mit Verzögerung.
Wer verdient an der Tomate und wer zahlt drauf?

An der Tomate verdienen vor allem Verarbeiter, Handelsketten und Gewächshauskonzerne, während Erntehelfer und Kleinbauern am unteren Ende der Kette kaum etwas sehen. Die Wertschöpfung liegt nicht auf dem Feld, sondern in Fabrik und Regal.
Die großen Gewinner sitzen in der Verarbeitung und im Vertrieb. Konzerne der Konservenindustrie, Ketchup-Marken und Supermarktketten setzen auf günstige Rohware und veredeln sie zu margenstarken Produkten. Die Preismacht liegt bei denen, die zwischen Feld und Teller stehen, nicht bei den Erzeugern.
Die Verlierer tragen oft ein hartes Los. In Südspanien und Süditalien prägen migrantische Erntehelfer die Felder, teils unter prekären Bedingungen und zu Hungerlöhnen. In Xinjiang steht die Verarbeitung unter dem Verdacht der Zwangsarbeit. Der niedrige Preis im Supermarkt hat also eine soziale Kehrseite, die im Regal unsichtbar bleibt.
Kaum eine Frucht wirkt so harmlos und ist so politisch wie die Tomate. Wer 89 Cent für eine Dose zahlt, finanziert eine Kette, die von Xinjiang bis zur Westsahara reicht.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Auch zwischen den Anbauländern verteilen sich Gewinn und Verlust ungleich. Marokko baut mit staatlicher Förderung und niedrigen Löhnen seine Ausfuhren aus, während spanische Erzeuger über unfairen Wettbewerb klagen. Die spanische Anbaufläche schrumpfte über zehn Jahre um rund 700.000 Tonnen Erntemenge, zugleich stiegen die Importe nach Europa. Ein klassisches Muster aus Verlagerung und Verdrängung.
- Gewinner: Verarbeiter, Markenhersteller und Handelsketten halten die Preismacht.
- Verlierer: Erntehelfer und Kleinbauern tragen das Risiko bei niedrigen Löhnen.
- Verdrängung: Günstige Importe drücken europäische Erzeuger aus dem Markt.
Wie mächtig ist die Tomaten-Lobby?

Die Tomaten-Lobby arbeitet weniger mit lauten Kampagnen als mit Herkunftsschutz, Subventionen und geschickter Kennzeichnung. Ihr stärkstes Werkzeug ist das Etikett, das über Wert und Vertrauen entscheidet.
In Italien wacht der Bauernverband Coldiretti über das Versprechen „Made in Italy“. Die italienische Herkunft gilt als Qualitätssiegel und rechtfertigt höhere Preise, weshalb die Branche sie mit großem Aufwand verteidigt. Zugleich verarbeiten italienische Werke große Mengen importiertes Konzentrat, auch aus China.
Genau hier wird die Kennzeichnung zum Politikum. Seit 2020 verlangt eine EU-Verordnung einen Herkunftshinweis, sobald die angegebene Herkunft eines Produkts nicht mit dem Anbauort der Hauptzutat übereinstimmt. Ein Aufdruck wie „in Italien hergestellt“ reicht also nicht, um chinesisches Tomatenmark auszuschließen, denn verarbeitet wurde die Ware zwar in Italien, gewachsen aber anderswo.
Die Recherchen mehrerer Medien zeigten, dass große Verarbeiter wie die italienische Petti-Gruppe chinesische Ware als italienisches Produkt verkauften oder mit heimischer Ernte mischten. Solche Fälle nähren den Verdacht, dass das Herkunftsversprechen oft mehr Marketing als Wahrheit ist. Für Verbraucher bleibt die tatsächliche Herkunft schwer zu durchschauen.
Auf EU-Ebene wirkt zudem die Agrarförderung. Über die Gemeinsame Agrarpolitik fließen Mittel in den Gemüsebau, und Marokko profitiert von einem Handelsabkommen mit vergünstigten Zöllen. Wie viel Steuergeld am Ende in welcher Tomate steckt, lässt sich im Dickicht der Programme kaum exakt beziffern.
- Etikett: „Made in Italy“ schützt Preise, sagt aber nichts über den Anbauort.
- EU-Regel: Seit 2020 ist ein Herkunftshinweis bei abweichender Hauptzutat Pflicht.
- Förderung: Agrarsubventionen und Zollvorteile prägen den Wettbewerb.
Wie werden wir unabhängiger von importierten Tomaten?

Völlige Unabhängigkeit ist unrealistisch, aber saisonaler Konsum, effizientere Gewächshäuser und neue Anbauformen können die Importlast spürbar senken. Der Hebel liegt weniger im Verzicht als in Technik und Zeitpunkt.
Der erste Ansatz ist der Kalender. Wer heimische Tomaten von Juni bis Oktober kauft und im Winter auf Dosenware oder andere Gemüse ausweicht, reduziert den Bedarf an energieintensiven Wintertomaten. Regionale und saisonale Ernährung senkt nicht nur Transportwege, sondern auch den Gasverbrauch der Gewächshäuser.
Der zweite Ansatz ist die Technik. Moderne Gewächshäuser nutzen Abwärme, Geothermie oder Solarstrom statt Erdgas, und geschlossene Wasserkreisläufe senken den Verbrauch drastisch. In den Niederlanden erzeugen einzelne Betriebe bereits mit stark reduziertem Energieeinsatz, was den ökologischen Fußabdruck der Wintertomate verkleinert.
Der dritte Ansatz ist das vertikale Feld. Indoor Farming und vertikale Anlagen in Stadtnähe stapeln Pflanzen in mehreren Ebenen und versprechen kurze Wege bei ganzjähriger Ernte. Noch ist diese Produktion teuer und stromhungrig, doch für hochpreisige Cherrytomaten rechnet sich das Modell zunehmend.
Anders als bei einem endlichen Metall zählt bei der Tomate nicht das Recycling, sondern die Resilienz. Eine breitere Streuung der Lieferländer, mehr heimischer Anbau und robuste, alte Sorten mindern das Risiko, dass eine einzige Missernte oder ein einziger Handelskonflikt die Regale leert. Einen ähnlichen Zielkonflikt zwischen günstigem Import und ökologischem Fußabdruck zeigt die Avocado, die in ihren Anbaugebieten enorme Mengen Wasser verschlingt.
- Saison: Heimische Tomaten im Sommer, Dosenware im Winter senken die Energielast.
- Technik: Abwärme, Geothermie und geschlossene Kreisläufe machen Gewächshäuser sparsamer.
- Resilienz: Mehr Lieferländer und robuste Sorten statt völliger Autarkie.
Was bedeutet die aktuelle Tomaten-Teuerung für Deutschland?

Die Tomaten-Teuerung 2026 trifft das beliebteste Gemüse der Deutschen in einem Markt, der zu mehr als 96 Prozent am Import hängt. Genau diese Abhängigkeit macht die Preise so anfällig für Wetter und Weltpolitik.
Die Zahlen der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung zeigen die Dimension. Der Pro-Kopf-Verbrauch lag 2023/24 bei 27,4 Kilogramm, nach 30,6 Kilogramm im Jahr davor, während der Selbstversorgungsgrad nur von 3,5 auf 3,8 Prozent stieg. Deutschland isst also viel Tomate und erzeugt fast nichts davon selbst.
Für die Verbraucher heißt das konkret: Der Markt gibt jede Störung fast ungebremst weiter. Im Mai 2026 lag der EU-Durchschnittspreis laut Branchendienst Freshplaza bei 1,81 Euro je Kilogramm, deutlich über dem Fünfjahresschnitt, und auf den Auktionen in Almería kosteten Fleischtomaten zeitweise fast drei Euro. Ursache waren Ernteausfälle durch schlechtes Wetter im Mittelmeerraum und Überschwemmungen in Nordafrika.
Auch für deutsche Unternehmen steht viel auf dem Spiel. Gastronomie, Lebensmittelhersteller und Großküchen kalkulieren mit stabilen Einkaufspreisen, und jede Preisspitze bei Mark oder Dosentomaten frisst Margen oder landet auf der Speisekarte. Gastronomen und Hersteller von Pizza, Pasta oder Saucen spüren die Weltlage unmittelbar im Wareneinsatz.
Drei Szenarien sind für die kommenden Monate denkbar. Im optimistischen Fall entspannen gute Ernten in Spanien und Marokko den Markt, und die Preise sinken zur Jahreswende. Im realistischen Fall bleiben die Preise erhöht, weil Energie und Löhne teuer bleiben. Im pessimistischen Fall verschärfen neue Wetterextreme oder Handelsstreit um die Westsahara die Knappheit weiter.
Für den Einkauf lohnt sich ein pragmatischer Blick. Verbraucher fahren gut damit, im Sommer regionale Ware zu kaufen, im Winter bewusst zu Dosentomaten zu greifen und bei verarbeiteten Produkten auf den Herkunftshinweis zu achten. Unternehmen sichern sich über mehrere Lieferländer ab und kalkulieren Preisspitzen von vornherein ein, statt auf dauerhaft billige Tomaten zu setzen.
- Abhängigkeit: Deutschland deckt nur 3,8 Prozent seines Tomatenbedarfs selbst.
- Preistreiber: Wetterschäden, Energiekosten und Handelskonflikte schlagen direkt durch.
- Handeln: Saisonal kaufen, Herkunft lesen, Lieferländer streuen.
Glossar: 10 wichtige Fachbegriffe rund um die Tomate

Cherrytomate
Cherrytomate bezeichnet eine kleine, besonders süße Tomatensorte von etwa Kirschgröße. Diese Sorte erzielt höhere Preise als Standardware und wächst oft in arbeitsintensiven Gewächshäusern, etwa in Südspanien und in der Westsahara.
Gemeinsame Agrarpolitik (GAP)
Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) ist das Fördersystem der EU für die Landwirtschaft. Über Direktzahlungen und Programme fließen Milliarden in den Agrarsektor, auch in den Gemüsebau, was den Wettbewerb zwischen europäischen und außereuropäischen Erzeugern mitbestimmt.
Kolumbianischer Austausch
Kolumbianischer Austausch meint den Transfer von Pflanzen, Tieren und Menschen zwischen Amerika und Europa nach 1492. Mit ihm gelangte die Tomate nach Europa, während Weizen, Zuckerrohr und Krankheiten den umgekehrten Weg nahmen.
Lycopin
Lycopin ist der rote Pflanzenfarbstoff der Tomate und ein starkes Antioxidans. In verarbeiteten Produkten wie Mark oder Sauce ist das Lycopin für den Körper besser verfügbar als in der rohen Frucht, weshalb Kochen den gesundheitlichen Wert erhöht.
Nachtschattengewächs
Nachtschattengewächs ist die Pflanzenfamilie der Tomate, botanisch Solanaceae. Zu ihr gehören auch Kartoffel, Paprika und Aubergine. Blätter und unreife Früchte enthalten den Bitterstoff Tomatin, was den früheren Ruf der Tomate als giftig erklärt.
Passata
Passata ist passierte, also durch ein Sieb gestrichene Tomate ohne Schalen und Kerne. Als Zwischenprodukt der Verarbeitungsindustrie bildet die Passata die Grundlage vieler Saucen, angesiedelt zwischen frischer Frucht und fertigem Mark.
Rispentomate
Rispentomate bezeichnet Tomaten, die als ganze Fruchttraube samt Stielansatz verkauft werden. Diese Form dominiert den deutschen Markt, weil sie länger aromatisch wirkt und im Regal hochwertiger erscheint als lose Ware.
Selbstversorgungsgrad
Selbstversorgungsgrad gibt an, welcher Anteil des Verbrauchs durch heimische Erzeugung gedeckt wird. Bei Tomaten liegt dieser Wert in Deutschland bei nur 3,8 Prozent, was die starke Abhängigkeit von Importen belegt.
Tomatenmark
Tomatenmark ist stark eingekochtes Tomatenkonzentrat mit hohem Anteil an Trockenmasse. Als wichtigstes Handelsprodukt der Verarbeitungsindustrie reist das Konzentrat in großen Mengen über weite Strecken, etwa von China nach Europa.
World Processing Tomato Council (WPTC)
World Processing Tomato Council (WPTC) ist der internationale Branchenverband der Verarbeitungsindustrie. Er erhebt die weltweiten Mengen für Mark, Sauce und Dosentomaten und gilt als zentrale Datenquelle für den Industriemarkt.
FAQ: Tomate: Vom Gartengemüse zum Weltmarkt

Ist die Tomate eine Frucht oder ein Gemüse?
Botanisch ist die Tomate eine Beere und damit eine Frucht, im Alltag und rechtlich gilt sie als Gemüse. Der Oberste Gerichtshof der USA entschied 1893, dass die Tomate vor dem Zoll als Gemüse zu behandeln ist, weil sie zu herzhaften Mahlzeiten gehört und nicht als Nachtisch.
Woher kommen die meisten Tomaten in Deutschland?
Rund 70 Prozent der frischen Importtomaten stammen aus den Niederlanden und Spanien, Marokko folgt auf Platz drei. Der heimische Anbau deckt laut der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung nur 3,8 Prozent des Verbrauchs, der Rest kommt aus dem Ausland.
Warum sind Tomaten 2026 so teuer?
Witterungsschäden in Südeuropa und Überschwemmungen in Nordafrika verknappten das Angebot, zugleich treiben hohe Energiekosten der Gewächshäuser den Preis. Im Mai 2026 lag der EU-Durchschnitt bei 1,81 Euro je Kilogramm, deutlich über dem Fünfjahresschnitt.
Warum steht auf Tomatenmark oft „in Italien hergestellt“, obwohl die Frucht aus China stammt?
Viele Werke füllen importiertes Konzentrat in Italien ab und dürfen die Ware als in Italien hergestellt kennzeichnen, obwohl die Frucht in China wuchs. Seit 2020 verlangt eine EU-Verordnung einen zusätzlichen Herkunftshinweis, wenn die Herkunft nicht mit dem Anbauort der Hauptzutat übereinstimmt.
Was hat die Tomate mit der Westsahara zu tun?
Ein großer Teil der marokkanischen Exporttomaten wächst in Gewächshäusern bei Dakhla in der besetzten Westsahara. Der Europäische Gerichtshof entschied im Oktober 2024, dass solche Ware nicht als marokkanisch gekennzeichnet werden darf, sondern die Westsahara als Herkunft ausweisen muss.
Wie viel Wasser braucht ein Kilogramm Tomaten?
Je nach Anbauform und Klima verbraucht ein Kilogramm Tomaten zwischen 50 und 180 Liter Wasser. In geschlossenen Gewächshäusern mit Kreislaufsystemen liegt der Verbrauch am unteren Ende, im Freiland heißer Regionen deutlich höher.
Quellen
Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) | Tomatenverbrauch auf 27,4 Kilogramm pro Kopf gesunken | https://www.ble.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2025/250723_Tomaten.html | besucht am 12.09.2026
World Processing Tomato Council (WPTC) | Production figures 2024 | https://www.wptc.to/production/ | besucht am 12.09.2026
Gerichtshof der Europäischen Union | Urteil zu den Abkommen EU-Marokko und zur Westsahara (4. Oktober 2024) | https://curia.europa.eu/ | besucht am 12.09.2026
Freshplaza | Europäische Tomatenpreise und Weltmarkt Tomaten 2026 | https://www.freshplaza.de/ | besucht am 12.09.2026
Ernährungsradar und Verbraucherzentrale | Herkunftskennzeichnung von Tomatenmark und Dosentomaten | https://utopia.de/news/tomaten-dosen-dosentomaten-tomatenmark-china/ | besucht am 12.09.2026