Stadtfinanzen wirken wie eine Blackbox, dabei hängt an ihnen jede Kita, jede Buslinie, jeder geflickte Gehweg. Freiburg bewegt in nur zwei Haushaltsjahren 2,94 Milliarden Euro. Der größte eigene Batzen kommt ausgerechnet aus einer Steuer, die keine Stadt wirklich steuern kann.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenKommunalpolitik gilt als trocken, bis die Grundsteuer steigt oder das Freibad zumacht. Dann fragen alle, wohin das Geld verschwunden ist. Die ehrlichere Frage lautet, wo es überhaupt herkommt.
Das Wichtigste in Kürze
- Städte finanzieren sich aus vier Quellen: eigene Steuern, Anteile an großen Bundessteuern, Zuweisungen vom Land und Gebühren, zuletzt Kredite.
- Die Gewerbesteuer ist die wichtigste eigene Einnahme und zugleich die unberechenbarste. In Freiburg schwankt sie derzeit heftig.
- Rund 40 Prozent der laufenden Einnahmen stammen nicht von der Stadt selbst, sondern fließen über den Finanzausgleich aus Stuttgart.
- Für 2026 rechnen Bund und Länder damit, dass 95 Prozent der Kommunen keinen ausgeglichenen Haushalt vorlegen.
1Wie hoch ist das Gesamtvolumen von Freiburgs Doppelhaushalt 2025/2026?Aufklappen ↓
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2Welche eigene Steuer schwankt für eine Stadt am stärksten?Aufklappen ↓
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3Wie viel Prozent des Einkommensteueraufkommens erhalten die Gemeinden?Aufklappen ↓
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4Was passiert, wenn eine deutsche Stadt zahlungsunfähig wird?Aufklappen ↓
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5Warum scheiterte das Bürgerdarlehen der Stadt Quickborn?Aufklappen ↓
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Wie groß ist der Haushalt einer Stadt überhaupt?

Eine Großstadt ist wirtschaftlich ein mittlerer Konzern. Freiburgs Doppelhaushalt für 2025 und 2026 hat ein Gesamtvolumen von 2,94 Milliarden Euro, so viel wie nie zuvor, nachzulesen in der Haushaltseinbringung der Stadt.
Der laufende Betrieb steckt im sogenannten Ergebnishaushalt, der pro Jahr rund 1,4 Milliarden Euro an Erträgen und Aufwendungen umfasst. Bei etwa 232.000 Einwohnern bewegt die Verwaltung damit gut 6.000 Euro pro Kopf und Jahr, ohne dass die meisten Bürger je einen Cent davon bewusst überweisen.
Wichtig ist die Trennung zwischen Kernhaushalt und den ausgelagerten Eigenbetrieben. Stadtwerke, Wohnungsbaugesellschaft und Klinikum führen eigene Bücher und tauchen im städtischen Haushalt nur mit ihren Zuschüssen und Ausschüttungen auf. Der wahre Finanzkörper einer Stadt ist deshalb größer, als der Kernhaushalt allein verrät, ein Punkt, den Ratingagenturen bei Kommunalanleihen genau prüfen.
Seit der Umstellung auf die Doppik führt eine Kommune ihre Bücher wie ein Unternehmen, mit Bilanz sowie Gewinn- und Verlustrechnung. Die Bilanz zeigt Vermögen und Schulden, der Ergebnishaushalt bildet ab, ob der Alltag aus eigener Kraft gedeckt ist. Genau diese Rechnung rutscht in Freiburg gerade ins Minus.
Puffer gegen schlechte Zeiten bilden die Rücklagen. In fetten Jahren legt eine Stadt Überschüsse zurück, in mageren zehrt sie davon, und genau dieser Speicher entscheidet, wie lange sie eine Gewerbesteuer-Delle ohne Kürzungen aushält. Sind die Rücklagen aufgebraucht, bleibt nur der Griff zum Kassenkredit oder die Schere im Haushalt.
Daneben läuft der Finanzhaushalt, aus dem Investitionen bezahlt werden: neue Schulen, Brücken, Straßenbahntrassen. Freiburg hat dafür ein Rekordprogramm von fast 300 Millionen Euro eingeplant. Diese Trennung klingt bürokratisch, entscheidet aber alles, denn laufende Kosten müssen aus laufenden Einnahmen gedeckt sein, während größere Bauten über Kredite und Zuschüsse finanziert werden dürfen.
Auf der Ausgabenseite dominieren zwei Blöcke, die sich kaum steuern lassen. Personalkosten für Erzieher, Feuerwehr und Verwaltung sowie die Sozialtransfers verschlingen zusammen den Großteil des Ergebnishaushalts. In Freiburg sind nach eigener Aussage der Stadt fast 90 Prozent der Ausgaben durch Begonnenes oder Pflichtaufgaben bereits gebunden, bevor die Politik über eine einzige freiwillige Leistung streitet.
Der Haushalt teilt sich in laufenden Betrieb und Investitionen. Freiburg bewegt über 6.000 Euro pro Kopf im Jahr, gesteuert von einem Zahlenwerk, das kaum jemand liest.
Warum ist die Gewerbesteuer Segen und Risiko zugleich?

Die wichtigste eigene Einnahmequelle jeder deutschen Stadt ist die Gewerbesteuer, gezahlt von Unternehmen am Standort. Freiburg legt darauf einen Hebesatz von 430 Prozent, festgelegt vom Gemeinderat, nicht von Berlin oder Stuttgart.
Die Rechnung dahinter ist simpel. Das Finanzamt ermittelt aus dem Gewinn einen Steuermessbetrag, den die Stadt mit ihrem Hebesatz multipliziert. Von der Bruttosumme geht anschließend die Gewerbesteuerumlage an Bund und Land ab, sodass netto weniger in der Kasse bleibt, als die imposante Zahl im Haushaltsplan zunächst verspricht.
Der Haken steckt in der Verteilung. In Freiburg gibt es rund 7.200 Betriebe, von denen etwa 40 Prozent keinen Cent Gewerbesteuer zahlen, weil ihre Erträge unter dem Freibetrag liegen. Ein großer Teil des Aufkommens hängt an wenigen großen Zahlern, allen voran der Pharma- und Medizinbranche.
Die Stadt selbst hat die Gewerbesteuer in ihrem 1. Finanzbericht 2026 als ungewohnt volatil bezeichnet, bei den Zugängen wie bei den Abgängen. Ein Klumpenrisiko dieser Größe würde jeden Mittelständler nervös machen. Eine Stadt kann ihren größten Kunden aber nicht diversifizieren, sie kann ihn nur zu halten hoffen.
Im bundesweiten Vergleich liegt Freiburgs Hebesatz von 430 Prozent im Mittelfeld. Großstädte wie München oder Frankfurt verlangen ähnlich viel, während strukturschwache Kommunen im Ruhrgebiet über 500 Prozent gehen, um ihre Kassen zu füllen. Ein hoher Satz bringt kurzfristig mehr Geld und vergrault langfristig Betriebe, ein Dilemma ohne saubere Lösung.
Die Gewerbesteuer bringt am meisten und schwankt am stärksten. Wenige große Zahler bringen den Löwenanteil auf, während 40 Prozent der Betriebe nichts abführen.
Was passiert, wenn der größte Gewerbesteuerzahler wegbricht?

Fällt ein Großzahler aus, spürt die Stadtkasse das sofort und hart. Die Gewerbesteuer hängt am Gewinn, und ein einziges schlechtes Geschäftsjahr eines dominanten Konzerns kann eine zweistellige Millionensumme aus dem Haushalt reißen, ohne Vorwarnung.
Das klassische Lehrstück heißt Wolfsburg. Die Stadt hat jahrzehntelang von Volkswagen gelebt und musste in schwachen VW-Jahren mehrfach Nothaushalte fahren. Monheim am Rhein hat den umgekehrten Weg gezeigt und sich mit einem extrem niedrigen Hebesatz zur Steueroase für Holdings gemacht, ein Modell, das ebenso schnell kippen kann, sobald die Konstruktionen weiterziehen.
Bitter wird die Lage, weil die Kostenseite genau dann steigt, wenn die Einnahmen fallen. In der Rezession klettern Sozialausgaben, Zinsen und Tariflöhne, während die Gewerbesteuer einbricht. Diese Schere zwischen sinkenden Erträgen und steigenden Pflichtausgaben haben wir am bundesweiten Muster im Beitrag zu den an der Industriebasis kippenden Kommunalfinanzen durchgerechnet.
Gemerkt wird das zuerst im Zahlenwerk, lange bevor es sichtbar wird. Der Ergebnishaushalt rutscht ins Defizit, die Rücklagen schmelzen, und die Kämmerei greift zur Haushaltssperre, die neue Ausgaben einfriert.
Tückisch ist der zeitliche Versatz. Gewerbesteuer wird über Vorauszahlungen erhoben und Jahre später korrigiert, weshalb eine einzige große Rückzahlung an einen Konzern den Haushalt eines längst abgeschlossenen Jahres nachträglich aufreißen kann. Kämmerer arbeiten deshalb mit Sicherheitspuffern, die in Krisenjahren als Erstes aufgezehrt sind.
Bricht der größte Zahler weg, sinken die Einnahmen und steigen zugleich die Pflichtkosten. Das Frühwarnsignal steht im Ergebnishaushalt, nicht auf der Straße.
Wie funktioniert die Grundsteuer und wen trifft sie wirklich?

Die zweite eigene Säule ist die Grundsteuer, fällig für jedes Grundstück. Zum 1. Januar 2025 hat eine bundesweite Reform die alte Berechnung abgelöst, nachdem das Bundesverfassungsgericht 2018 die veralteten Einheitswerte gekippt hatte.
Baden-Württemberg rechnet seither nach einem reinen Bodenwertmodell: Fläche mal Bodenrichtwert mal Steuermesszahl mal Hebesatz. Freiburg hat seinen Hebesatz dabei von 600 auf 235 Prozent gesenkt, damit das Gesamtaufkommen von rund 53 Millionen Euro stabil bleibt. Aufkommensneutral heißt aber nicht belastungsneutral, manche zahlen künftig mehr, manche weniger.
Der entscheidende Punkt versteckt sich im Kleingedruckten. Eigentümer dürfen die Grundsteuer über die Betriebskosten auf Mieter umlegen. Zahlen tut am Ende oft nicht der Grundbesitzer, sondern die Mieterin im dritten Stock, ein Effekt, den wir im Beitrag zur Grundsteuer als Rechnung für leere Kassen seziert haben.
Baden-Württemberg ist beim Modell einen Sonderweg gegangen. Während der Bund Fläche und Gebäudewert kombiniert, zählt im Südwesten allein der Boden, was teuer gelegene und unbebaute Grundstücke stärker belastet. Gegen die neuen Bescheide sind bundesweit Massen an Einsprüchen eingegangen, ein Teil der Musterverfahren läuft noch vor den Finanzgerichten.
| Grundsteuer B in Freiburg | |
| Hebesatz alt (bis 2024) | 600 % |
| Hebesatz neu (ab 2025) | 235 % |
| Gesamtaufkommen | rund 53 Mio. € pro Jahr |
| Faktische Last | häufig Mieter über die Nebenkosten |
Warum bekommt die Stadt einen Anteil an Einkommen- und Umsatzsteuer?

Nicht jede Steuer, von der die Stadt lebt, erhebt sie auch selbst. An den beiden großen Verbundsteuern hängt eine Kommune über feste Quoten mit dran. Vom Aufkommen der Einkommensteuer bekommen die Gemeinden bundesweit 15 Prozent, dazu einen kleinen Anteil von gut zwei Prozent an der Umsatzsteuer.
Für Freiburg bedeutet das eine klare Logik: Je mehr Menschen hier wohnen und verdienen, desto höher der Anteil an der Lohn- und Einkommensteuer. Die Friedrich-Ebert-Stiftung beziffert in ihrem kommunalpolitischen Grundwissen den Anteil solcher Steuereinnahmen auf rund 40 Prozent des kommunalen Haushalts.
Dieser Mechanismus erklärt, warum Städte so verbissen um Einwohner und Gewerbeflächen ringen. Jeder Neubürger mit Job und jeder angesiedelte Betrieb ist bares Geld in der Kasse, Jahr für Jahr.
Der Verbund hat einen tieferen Sinn. Weil Löhne und Konsum weit stabiler sind als Unternehmensgewinne, glätten die Anteile an Einkommen- und Umsatzsteuer die wilden Ausschläge der Gewerbesteuer. Diese Mischung aus schwankender und stetiger Quelle ist der eigentliche Grund, warum eine Stadt in normalen Jahren überhaupt planen kann.
Was ist der kommunale Finanzausgleich und warum hängt die Stadt am Land?

Der größte Einzelposten auf der Einnahmenseite kommt oft gar nicht aus der Stadt. Über den Finanzausgleich verteilt das Land Steuermittel an die Kommunen, vor allem als Schlüsselzuweisungen, die finanzschwächere Städte stärker stützen als reiche.
Rund 40 Prozent der laufenden Einnahmen einer typischen Kommune stammen aus diesem Topf und aus weiteren Zuschüssen. 2026 hat das Land Freiburg zusätzlich rund 23 Millionen Euro an Finanzhilfen überwiesen, um die Liquidität im ersten Halbjahr zu sichern.
Hier liegt die unbequeme Wahrheit der kommunalen Selbstverwaltung. Eine Stadt darf über ihr Geld formal frei entscheiden, doch fast die Hälfte davon fließt nach Regeln, die in Stuttgart und Berlin geschrieben werden. Kommt eine neue Pflichtaufgabe vom Bund ohne volle Gegenfinanzierung, bleibt die Rechnung trotzdem an der Kommune hängen.
Genau an diesem Punkt entzündet sich der Dauerstreit um das Konnexitätsprinzip, also den Grundsatz, dass zahlen muss, wer bestellt. In der Praxis reichen Bund und Länder Aufgaben nach unten weiter, von der Ganztagsbetreuung bis zur Unterbringung Geflüchteter, ohne dass die Erstattung die realen Kosten deckt. Die Lücke landet im kommunalen Ergebnishaushalt.
Eine Stadt wie Freiburg verwaltet Milliarden und entscheidet über einen erstaunlich kleinen Teil davon wirklich frei. Der große Rest ist verplant, bevor der Gemeinderat auch nur zusammentritt.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Wofür zahlst du Gebühren und Beiträge?

Neben Steuern kassiert die Stadt Gebühren und Beiträge, und hier gilt eine andere Logik. Steuern darf die Kommune frei verwenden, Gebühren dagegen sind zweckgebunden und sollen die Kosten einer konkreten Leistung decken.
Müllabfuhr, Abwasser, Friedhof, teils die Kita: Für jede dieser Leistungen kalkuliert die Verwaltung einen Satz, der die Kosten decken soll. Beim Restmüll kommt ein Anschlusszwang dazu. Den Entsorger wechseln kann niemand, und genau deshalb schaut kaum jemand nach, wie sich die Gebühr zusammensetzt.
Dieser Bereich ist so alltagsnah, dass er einen eigenen Piloten verdient, von der Mülltonne bis zur Straßenreinigung. Für den Moment reicht die Einordnung: Gebühren finanzieren einzelne Leistungen, nicht den allgemeinen Haushalt.
Neben Gebühren kennt das Recht noch Beiträge, und die Unterscheidung ist mehr als Wortklauberei. Eine Gebühr fällt für die tatsächliche Nutzung an, ein Beitrag schon für die bloße Möglichkeit, etwa als Erschließungsbeitrag für die neue Straße vor dem Grundstück. Beide unterliegen dem Kostendeckungsprinzip und dürfen keinen versteckten Gewinn abwerfen.
Was bringen Hunde- und Zweitwohnungssteuer wirklich?

Zum festen Repertoire gehören die kleinen Steuern, über die sich am meisten aufgeregt und am wenigsten eingenommen wird. Hunde-, Zweitwohnungs- und Vergnügungssteuer erscheinen in jeder Debatte, spielen im Haushalt aber kaum eine Rolle.
Ihr eigentlicher Zweck liegt oft neben der Einnahme. Die Zweitwohnungssteuer soll Menschen bewegen, ihren Hauptwohnsitz in die Stadt zu verlegen, was wiederum den Anteil an der Einkommensteuer erhöht. Diese kleine Abgabe wirkt also als Hebel, weniger als Geldquelle.
Die Bagatellsteuern für den großen Wurf zu halten, verwechselt Symbolik mit Substanz. Sie runden das Bild ab, den Haushalt füllen sie nicht.
Interessant wird das Feld dort, wo Städte neue Aufwandsteuern erfinden. Übernachtungs- und Verpackungssteuern haben in den vergangenen Jahren für Streit und Gerichtsverfahren gesorgt, weil Kommunen händeringend nach eigenen, konjunkturunabhängigen Quellen suchen. Der Ertrag bleibt überschaubar, das Signal an Berlin ist es nicht.
Wann macht eine Stadt Schulden, und welche Art?

Auch Städte nehmen Kredite auf, und die Art des Kredits verrät viel über ihre Lage. Für Investitionen darf eine Kommune Investitionskredite aufnehmen, in Freiburg für 2025 und 2026 mit jeweils 40 Millionen Euro pro Jahr, genehmigt vom Regierungspräsidium. Der Normalfall ist dabei der Kommunalkredit, ein klassisches Bankdarlehen von Sparkasse, Landesbank oder Förderbank.
Gefährlicher ist die zweite Sorte, der Kassenkredit. Dieser Dispo der Stadtkasse überbrückt eigentlich nur kurzfristige Lücken, hat aber viele deutsche Kommunen über Jahre in Dauerschulden getrieben. Freiburg gilt hier als vergleichsweise solide und hat im Jahresabschluss 2023 ganz auf neue Schulden verzichtet, was die Aufsichtsbehörde ausdrücklich gelobt hat.
Ein Investitionskredit für eine Schule, die 50 Jahre steht, ist wirtschaftlich vernünftig. Ein Kassenkredit für laufende Gehälter ist ein Warnsignal, weil er bedeutet, dass das Tagesgeschäft die eigenen Einnahmen übersteigt.
Am Kapitalmarkt gelten Kommunen als nahezu ausfallsicher, weil die Länder im Hintergrund haften. Diese Bonität verschafft Städten günstige Zinsen, macht aber auch bequem, denn billiges Geld verführt zu Dauerschulden. Steigen die Zinsen wie zuletzt spürbar, frisst der Schuldendienst plötzlich Spielräume, die für Schulen und Straßen gedacht waren.
- +Finanziert bleibende Werte: Schulen, Brücken, Trassen
- +An einen Gegenwert gebunden, wirtschaftlich vertretbar
- +Braucht die Genehmigung der Kommunalaufsicht
- +In Freiburg 2025/2026 je 40 Mio. € pro Jahr eingeplant
- −Überbrückt nur laufende Liquiditätslücken
- −Ohne Gegenwert, spiegelt aufgelaufene Defizite
- −Dauerhaft genutzt: zentrales Krisensignal
- −Freiburg verzichtete 2023 auf neue Schulden
Kann sich eine Stadt bei ihren Bürgern leihen?

Neben Bank und Land gibt es einen dritten Weg, über den kaum jemand spricht: die eigenen Bürger. Rechtlich kann eine Kommune eine Kommunalanleihe begeben und dabei gezielt Anleger vor Ort ansprechen, die sogenannte Bürgeranleihe. Banken wie die LBBW bieten Städten in Baden-Württemberg genau dieses Instrument als Alternative zum Bankdarlehen an.
In der Praxis bleibt die Anleihe die Ausnahme. Sie lohnt sich erst ab einem Volumen von etwa zehn Millionen Euro, verlangt ein Rating und die Genehmigung der Kommunalaufsicht. Größere Städte haben das vorgemacht, Bochum hat 2020 rund 250 Millionen Euro am Kapitalmarkt eingesammelt, München einen Sozial-Bond für bezahlbaren Wohnraum begeben.
Der naheliegende Gedanke, Bürgern schlicht ein Darlehen abzunehmen, ist juristisch heikel. Quickborn in Schleswig-Holstein hat 2009 rund vier Millionen Euro von 80 Bürgern eingesammelt, bis BaFin und Innenministerium das Modell gestoppt haben, weil ein solches Bürgerdarlehen als erlaubnispflichtiges Bankgeschäft nach dem Kreditwesengesetz gilt.
Für Freiburg spielt das bislang keine Rolle, die Stadt finanziert sich klassisch über Kredit und Zuweisung. Die Bürgeranleihe bleibt eher ein Signalinstrument für einzelne, sichtbare Projekte als eine tragende Säule des Haushalts.
Charmant ist an der Bürgeranleihe die Bindung. Das eigene Ersparte im kommunalen Schwimmbad oder Windrad zu wissen, motiviert anders als eine anonyme Bankfinanzierung. Genau diese Identifikation ist der Grund, warum Städte das Instrument eher für sichtbare Leuchtturmprojekte nutzen als für den grauen Alltag der Kassenlücke.
Eine Stadt darf sich bei ihren Bürgern Geld leihen, über eine Bürgeranleihe. Das schlichte Bürgerdarlehen dagegen scheitert an der Bankenaufsicht, wie der Fall Quickborn gezeigt hat.
Wer entscheidet über all das Geld?

Über Einnahmen und Ausgaben wacht kein Kämmerer allein. Das letzte Wort hat der Gemeinderat, der die Haushaltssatzung beschließt, während Oberbürgermeister und Stadtkämmerei den Entwurf vorbereiten.
In Baden-Württemberg reden die Fraktionen kräftig mit. Über den Freiburger Doppelhaushalt haben die Stadträte in drei Lesungen mehr als 600 Änderungsanträge beraten, bevor sie zugestimmt haben. Anschließend prüft das Regierungspräsidium als Rechtsaufsicht und erteilt erst dann die Genehmigung.
Der Bürger sitzt in dieser Kette weit außen. Direkt entscheidet er nur über die Wahl des Gemeinderats und, in seltenen Fällen, über einen Bürgerentscheid. Das meiste läuft über gewählte Vertreter und eine Verwaltung, die den Apparat am Laufen hält.
Der Rhythmus dahinter ist selten der eines einzelnen Jahres. Große Städte planen im Doppelhaushalt über zwei Jahre, was Planungssicherheit schafft und zugleich die Fehlerquote erhöht, weil eine Konjunkturdelle den zweiten Jahrgang voll trifft. Zwischen den Satzungen steuern Finanzberichte und Nachtragshaushalte nach, sobald die Wirklichkeit vom Plan abweicht.
Ein oft übersehener Hebel liegt bei den städtischen Töchtern. Über Aufsichtsräte und Gesellschafterversammlungen entscheidet die Kommune auch über Stadtwerke, Kliniken und Wohnungsbau, deren Investitionen die des Kernhaushalts teils übersteigen. Dieser Beteiligungsbereich ist der eigentliche Maschinenraum vieler Städte und entzieht sich zugleich dem direkten Blick des Bürgers.
Woran erkennt man im Stadtbild, dass eine Stadt klamm ist?

Am Haushalt lässt sich Klammheit früh ablesen, im Stadtbild folgt sie mit Verzögerung. Zuerst wächst der Sanierungsstau: Schlaglöcher bleiben länger liegen, Brücken werden gesperrt statt saniert, Schultoiletten und Turnhallen verrotten in Zeitlupe.
Dann kommen die sichtbaren Kürzungen der freiwilligen Leistungen. Freibäder öffnen später oder gar nicht, Büchereien und Bürgerämter kappen ihre Öffnungszeiten, Zuschüsse für Vereine, Kultur und Jugendarbeit fallen weg. Intern zieht die Stadt eine Stellenbesetzungssperre, offene Stellen bleiben leer.
Die stillsten Signale sieht man nachts. Straßenlaternen werden gedimmt oder zeitweise abgeschaltet, Grünflächen seltener gemäht, Investitionen ins nächste Jahr geschoben. Am Ende zahlt der Bürger doppelt, über höhere Hebesätze, Park- und Bädergebühren.
Ein besonders bitteres Muster zeigt sich, sobald eine Stadt Gewinne ihrer eigenen Töchter abschöpft. Höhere Ausschüttungen von Stadtwerken und Wohnungsgesellschaften stopfen kurzfristig Löcher und schwächen genau die Unternehmen, die Wärmewende und Wohnungsbau stemmen sollen. Ein solcher Griff in die Substanz ist ein Alarmzeichen, kein Ausweg.
Auf der Einnahmenseite greifen klamme Städte zum Tafelsilber. Grundstücke werden verkauft, Beteiligungen abgestoßen, kommunales Wohneigentum an Investoren gegeben, was die Bilanz für ein Jahr rettet und den Spielraum dauerhaft verkleinert. Ein verkauftes Filetgrundstück kommt nie zurück, die eingesparte Miete zahlt die Stadt danach oft selbst.
Klammheit zeigt sich zuerst als aufgeschobener Unterhalt, dann als gekappte freiwillige Leistung, zuletzt als höhere Gebühr. Das Defizit wird in der stillen Währung des Alltags beglichen.
Was passiert, wenn das Geld dauerhaft nicht reicht?

Reicht das Geld dauerhaft nicht, wird es unbequem, und 2026 ist genau so ein Jahr. Nach Einschätzung von Bund und Ländern werden 95 Prozent der Kommunen keinen ausgeglichenen Haushalt schaffen.
Dann beginnt das Priorisieren unter Aufsicht. Die Kommune muss ein Haushaltssicherungskonzept vorlegen, freiwillige Leistungen kürzen und Investitionen strecken, überwacht von der Rechtsaufsicht des Regierungspräsidiums. Anders als ein Privathaushalt darf eine Stadt dabei nicht insolvent werden, sie muss jede Pflichtaufgabe weiter erfüllen.
Politisch ist deshalb ein Thema zurück, das lange als erledigt galt: der Altschuldenschnitt. Bund und Länder diskutieren, hochverschuldete Kommunen von aufgelaufenen Kassenkrediten zu entlasten, weil ganze Regionen sonst dauerhaft handlungsunfähig bleiben. Ob und wie das kommt, entscheidet über die Zukunft vieler Städte mehr als jede lokale Sparrunde.
Unterm Strich steht ein System am Limit. Die Aufgaben wachsen schneller als die Einnahmen, und ein Großteil der Stellschrauben liegt außerhalb der Reichweite des Gemeinderats. Ohne eine Reform der Finanzverteilung zwischen Bund, Ländern und Kommunen bleibt die klamme Stadt kein Ausnahmefall, sondern der neue Normalzustand.
So schließt sich der Kreis. Eine Stadt nimmt ihr Geld aus vier Töpfen, deren größten sie kaum kontrolliert, und muss trotzdem liefern. Um zu verstehen, warum Freibäder schließen und Grundsteuern steigen, muss man zuerst begreifen, wie schmal der frei verfügbare Rest am Ende wirklich ist. Was der Sanierungsstau ein einziges Quartier kostet, haben wir in der Schwammstadt-Kalkulation beziffert.
Glossar
Bürgeranleihe: Kommunalanleihe, die eine Stadt gezielt bei den eigenen Bürgern platziert. Sie bindet Anleger vor Ort an ein sichtbares Vorhaben, spielt im Gesamthaushalt aber nur eine Nebenrolle und lohnt sich erst ab hohen Volumina.
Doppik: Doppelte kommunale Buchführung nach kaufmännischem Vorbild, mit Bilanz sowie Ergebnis- und Finanzrechnung. Sie hat die alte Kameralistik abgelöst und macht Werteverzehr wie Abschreibungen im Haushalt sichtbar.
Ergebnishaushalt: Teil des Haushalts, der den laufenden Betrieb abbildet, ähnlich einer Gewinn- und Verlustrechnung. Er zeigt, ob eine Stadt ihren Alltag aus eigener Kraft deckt oder ins Defizit rutscht.
Finanzausgleich: System, über das ein Land Steuermittel an seine Kommunen verteilt. Es stützt finanzschwache Städte stärker und bindet die kommunale Kasse eng an die Finanzlage des Landes.
Gewerbesteuerumlage: Anteil der Gewerbesteuer, den eine Gemeinde an Bund und Land abführt. Sie mindert den Betrag, der von der imposanten Bruttosumme tatsächlich in der Stadtkasse landet.
Hebesatz: Prozentwert, mit dem eine Gemeinde Grund- und Gewerbesteuer auf den Messbetrag des Finanzamts multipliziert. Der Gemeinderat legt ihn selbst fest und steuert damit direkt die wichtigsten eigenen Steuern.
Investitionskredit: Darlehen, das eine Kommune ausschließlich für Investitionen wie Schulen oder Trassen aufnehmen darf. Er schafft bleibende Werte und braucht in der Regel die Genehmigung der Kommunalaufsicht.
Kassenkredit: Kurzfristiger Kredit zur Überbrückung von Liquiditätslücken, vergleichbar mit einem Dispo. Dauerhaft genutzt gilt er als Alarmzeichen für eine strukturell überforderte Stadtkasse.
Kommunalkredit: Klassisches Bankdarlehen einer Stadt, meist bei Sparkasse, Landesbank oder Förderbank. Er ist das mit Abstand häufigste Instrument der kommunalen Fremdfinanzierung.
Kreisumlage: Abgabe, die ein Landkreis von seinen Gemeinden einzieht, um eigene Aufgaben zu finanzieren. Sie zählt zu den Posten, über die Geld die Stadtkasse wieder verlässt.
Realsteuer: Sammelbegriff für Grund- und Gewerbesteuer. Beide stehen allein der Gemeinde zu und unterliegen ihrem Hebesatzrecht, sie bilden die eigenständige Einnahmebasis einer Stadt.
Schlüsselzuweisung: Zahlung des Landes im Rahmen des Finanzausgleichs. Finanzschwächere Städte erhalten mehr, finanzstarke weniger, und der Posten macht einen erheblichen Teil der kommunalen Einnahmen aus.
Häufige Fragen
Kann eine Stadt pleitegehen?
Nein. Ein Insolvenzverfahren über eine Gemeinde ist rechtlich unzulässig, sie muss ihre Pflichtaufgaben weiter erfüllen. Statt Pleite droht die Haushaltssicherung unter Aufsicht des Regierungspräsidiums, mit Kürzungen und gestreckten Investitionen.
Warum steigt meine Grundsteuer, obwohl die Reform aufkommensneutral war?
Aufkommensneutral heißt nur, dass die Stadt insgesamt gleich viel einnimmt, nicht, dass jeder gleich viel zahlt. Durch das neue Bodenwertmodell verschiebt sich die Last, für manche Grundstücke steigt sie, für andere sinkt sie.
Wie viel meiner Einkommensteuer bekommt die Stadt?
Die Gemeinden erhalten bundesweit 15 Prozent des Einkommensteueraufkommens, dazu gut zwei Prozent der Umsatzsteuer. Deshalb ist jeder gemeldete Einwohner mit Job für die Stadt auch finanziell wertvoll.
Kann eine Stadt Geld bei ihren Bürgern leihen?
Ja, über eine Bürgeranleihe, die vom Regierungspräsidium genehmigt werden muss und ab etwa zehn Millionen Euro Sinn ergibt. Ein formloses Bürgerdarlehen dagegen scheitert an der Bankenaufsicht, wie der Fall Quickborn gezeigt hat.
Woran erkenne ich, dass meine Stadt finanziell klamm ist?
An aufgeschobenen Reparaturen, verkürzten Öffnungszeiten von Bädern und Ämtern, gedimmter Straßenbeleuchtung und steigenden Gebühren. Im Haushalt zeigt es sich früher, an wachsenden Kassenkrediten und einem defizitären Ergebnishaushalt.
Was ist der Unterschied zwischen Investitions- und Kassenkredit?
Ein Investitionskredit finanziert bleibende Werte wie Schulen und ist wirtschaftlich vertretbar. Ein Kassenkredit überbrückt laufende Lücken und wird zum Alarmsignal, sobald er dauerhaft das Tagesgeschäft trägt.
Quellen
Stadt Freiburg | Doppelhaushalt 2025/2026, Haushaltsreden und Eckdaten (Gesamtvolumen 2,94 Mrd. €) | https://www.freiburg.de/pb/2331117.html | besucht am 12.09.2026
Stadt Freiburg | 1. Finanzbericht 2026, Prognose der Haushaltsentwicklung | https://www.freiburg.de/pb/2628968.html | besucht am 25.08.2026
Stadt Freiburg | FAQ Grundsteuer ab 2025, Hebesatz 235 % | https://www.freiburg.de/pb/2347663.html | besucht am 12.09.2026
Regierungspräsidium Freiburg / Stadt Freiburg | Genehmigung Doppelhaushalt 2025/2026 | https://www.freiburg.de/pb/2437811.html | besucht am 25.08.2026
Friedrich-Ebert-Stiftung | Kommunale Finanzen, Grundwissen Kommunalpolitik | https://www.fes.de/themen/kommunal-akademie/woher-kommt-das-geld | besucht am 25.08.2026
KommunalWiki (Heinrich-Böll-Stiftung) | Bürgerkredit, Fall Quickborn und BaFin-Prüfung | https://kommunalwiki.boell.de/index.php/Buergerkredit | besucht am 12.09.2026
Der Neue Kämmerer | Kommunalanleihe, Bochum und München am Kapitalmarkt | https://www.derneuekaemmerer.de/themen/kommunalanleihe/ | besucht am 12.09.2026