Artikel teilen

Ein Heizwerk mit 16 Megawatt soll ab Mitte 2028 den Großteil des Prozessdampfs im Goodyear-Werk Hanau aus Restholz erzeugen. Der Energiedienstleister Getec hat mit dem Bau begonnen. Gut ein Jahr nach dem Produktionsende in Fulda bekommt der letzte hessische Standort des Reifenherstellers damit eine neue Wärmequelle.

Ein Klick · kostenlosDr. Web bei Google bevorzugenMarkieren Sie drweb.de als bevorzugte Quelle. Dann sehen Sie unsere Artikel öfter unter den Top-Meldungen.Jetzt hinzufügen

Den Spatenstich auf dem Werksgelände meldete die Stadt Hanau am 28. Oktober.[1] Getec errichtet und betreibt die Anlage, Goodyear kauft den Dampf. Verfeuert werden zertifizierte Resthölzer aus der Region, die sich stofflich nicht mehr verwerten lassen.

Auf einen Blick

Das Wichtigste in Kürze

  • Das Heizwerk soll bis zu 24 Tonnen Prozessdampf pro Stunde liefern.
  • Die wärmebedingten CO2-Emissionen des Werks sollen gegenüber dem Erdgasbetrieb um bis zu 95 Prozent sinken.
  • Rund 15.000 Megawattstunden im Jahr gehen ins Hanauer Fernwärmenetz.
  • Der Bund fördert das Projekt, Investitionssumme und Förderhöhe haben die Partner nicht veröffentlicht.

Warum braucht ein Reifenwerk so viel Dampf?

Rohrventil mit Autorad und orangem Anhänger „Ab 2028 zu“
Heizpressen einer Reifenfabrik vulkanisieren Rohlinge zu fertigen Reifen. Ein neues Heizwerk in Hanau soll 95 Prozent des Wärmebedarfs mit erneuerbarer Energie decken

In den Heizpressen einer Reifenfabrik werden die Rohlinge unter Dampf und Druck zu fertigen Reifen vulkanisiert. Diesen Prozessdampf erzeugt das Werk in Hanau bisher überwiegend mit Erdgas. Das neue Heizwerk soll laut Goodyear bis zu 95 Prozent des Wärmebedarfs der Produktion decken.[2] Bis 2040 will der Konzern alle Werke weltweit vollständig mit erneuerbarer Energie betreiben.

Zum Gaspreis kommt ein CO2-Preis. Im nationalen Brennstoffemissionshandel kostet ein Zertifikat 2026 zwischen 55 und 65 Euro je Tonne, größere Feuerungsanlagen nehmen am EU-Emissionshandel teil.[3] Mit Holz aus der Region ist das Werk weniger abhängig von Gas- und CO2-Preis. Continental geht in Korbach einen ähnlichen Weg und lässt einen eigenen Windpark für das Reifenwerk bauen.

Was bedeutet der Baubeginn für den Standort Hanau?

In Hessen hat Goodyear zuletzt vor allem Stellen abgebaut: Mit der Schließung in Fulda und dem Teilabbau der Fertigung in Hanau fielen 1.171 weg. Den Umbau begründete der Konzern laut EU-Kommission mit sinkender Nachfrage, steigenden Kosten und billigen Importen aus Asien.[4] In Hanau arbeiteten im September 2025 noch rund 1.300 Menschen. Die IG BCE befürchtete damals weitere Einschnitte, obwohl Goodyear Hanau intern als Zukunftswerk führte.[5]

Neue Stellen kündigen Goodyear und Getec nicht an. Mit dem Heizwerk fließt Geld in die Energieversorgung jenes Werks, in dem der Konzern 2024 ebenfalls Stellen gestrichen hat. Michelin geht nach den Schließungen in Karlsruhe und Trier ähnlich vor und will 100 Millionen Euro in Bad Kreuznach stecken.

Restholz statt Erdgas im Goodyear-Werk Hanau
Was das Biomasseheizwerk auf dem Goodyear-Gelände leisten soll und wo das Projekt steht
16 MW
thermische Leistung des Heizwerks, betrieben von Getec
bis 24 t/h
Prozessdampf für die Reifenproduktion
bis 95 %
weniger wärmebedingte CO2-Emissionen als mit Erdgas
15.000 MWh
Wärme im Jahr für das Fernwärmenetz der Stadtwerke
Vom Vertrag zum Betrieb
März 2025
Getec, Goodyear und Stadtwerke Hanau unterschreiben die Wärmelieferverträge.
30.09.2025
Goodyear stellt die Reifenproduktion in Fulda ein.
28.10.2026
Die Stadt Hanau meldet den Spatenstich, der Bau läuft.
Mitte 2028
Geplante Inbetriebnahme, danach liefert das Heizwerk den Großteil des Dampfs.

Für ein Reifenwerk ist der Gaspreis ein Standortfaktor. Mit Restholz kauft sich Goodyear in Hanau ein Stück davon frei.

Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Zitat teilen

Was hat die Stadt von der Anlage?

Rund 15 Prozent der Wärme speist Getec ins Netz der Stadtwerke Hanau, rechnerisch genug für fast 1.000 Haushalte.[1] Die eingespeiste Wärme hilft den Stadtwerken, eine gesetzliche Pflicht zu erfüllen: Ab 2030 müssen in jedem Wärmenetz mindestens 30 Prozent der Wärme aus erneuerbaren Energien oder unvermeidbarer Abwärme stammen, ab 2040 mindestens 80 Prozent.[6] Die Stadtwerke wollen das Heizwerk mit ihrem Blockheizkraftwerk und einer Großwärmepumpe kombinieren.[2] Stadtwerke-Geschäftsführerin Martina Butz sagt über das Projekt: „Eine neue Energieanlage für einen bedeutenden Industriestandort wird gleichzeitig Teil der Wärmeversorgung unserer Stadt.“[1]

Betriebe mit hohem Dampfbedarf finden in Hanau ein Modell zum Nachrechnen: Kauft ein Betrieb die Wärme nur ein, trägt er kein eigenes Baurisiko. Vor einem Vertrag lohnt der Vergleich mit der Elektrifizierung, etwa mit einer Großwärmepumpe, wie sie BASF für Prozessdampf nutzt. Welche Rolle Biomasse in der Energiewende spielt, hängt auch davon ab, wie viel Restholz die Region auf Dauer liefert.

Quellen

6 Quellen anzeigenQuellen ausblenden
  1. Stadt HanauSpatenstich für Hanaus Energiezukunft: GETEC, Goodyear und die Stadtwerke Hanau treiben gemeinsames Projekt für erneuerbare Wärme voran28.10.2026
  2. GoodyearGETEC, Stadtwerke Hanau and Goodyear partner for renewable energy supply24.03.2025
  3. Brennstoffemissionshandelsgesetz§ 10 Veräußerung von Emissionszertifikaten (abgerufen 29.10.2026)
  4. Europäische KommissionOver €3 million of EU support for 915 dismissed workers in Germany after partial factory closure29.07.2025
  5. Hessischer RundfunkWerksschließung in Fulda ‚Grabesstimmung‘: Goodyear geht nach 125 JahrenSeptember 2025
  6. Wärmeplanungsgesetz§ 29 Anteil erneuerbarer Energien in Wärmenetzen (abgerufen 29.10.2026)

Mehr Newshunger?

4,5 21 Bewertungen

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?