Im August 2022 stellte SKW Piesteritz in Wittenberg seine Ammoniakanlagen ab, weil Erdgas über 250 Euro je Megawattstunde kostete. Speditionen bangten danach um das AdBlue für ihre Diesel-Lkw. Am vergangenen Montag stieg der Gaspreis auf knapp 100 Euro, den höchsten Stand seit vier Jahren. In den Ostseehäfen kostet Harnstoff inzwischen 680 Euro je Tonne.
Ein Klick · kostenlosDr. Web bei Google bevorzugenMarkieren Sie drweb.de als bevorzugte Quelle. Dann sehen Sie unsere Artikel öfter unter den Top-Meldungen.Jetzt hinzufügenSeit dem Beginn des Iran-Kriegs Ende Februar 2026 fahren kaum noch Düngerfrachter durch die Straße von Hormus, und Europas Gasspeicher gingen mit rund 70 Prozent Füllstand in den Winter. Diese Stoffgeschichte folgt dem Ammoniak vom Karlsruher Labor Fritz Habers über den Salpeterkrieg in der Atacama bis zu der Frage, warum ein farbloses Gas aus Luft und Erdgas über Brot, AdBlue und die Kohlensäure im Bier mitentscheidet, und warum der Rohstoff in Europa am Gaspreis hängt.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Anlass: Am 26. Oktober 2026 erreichte der europäische Gaspreis knapp 100 Euro je Megawattstunde. Harnstoff verteuerte sich im Oktober in den Ostseehäfen um 25 auf 680 Euro je Tonne, Kalkammonsalpeter um 10 auf 470 Euro.
- Der Markt: 2025 stellte die Welt Ammoniak mit einem Stickstoffgehalt von rund 160 Millionen Tonnen her, knapp ein Drittel davon in China. Rund 70 Prozent gehen in Dünger.
- Die Kosten: Bei knapp 100 Euro je Megawattstunde kostet allein das Erdgas für eine Tonne Ammoniak nach eigener Rechnung rund 830 Euro. Zum US-Gaspreis von 2025, umgerechnet rund 10,5 Euro je Megawattstunde, hätte das Gas rund 90 Euro gekostet.
- Die offene Frage: Die EU belegt russischen Stickstoffdünger seit Juli 2025 mit steigenden Zöllen, über Hormus kommt kaum Ware. Ein kalter Winter könnte Europas Werke wie 2022 zum Drosseln zwingen.
Bluff oder Wissen? Der Ammoniak-Check
1 Woraus gewinnen die meisten Ammoniakwerke der Welt den Wasserstoff? Aufklappen ↓
Auflösung aufdecken ↓
2 Wo nahm 1913 die erste Ammoniaksynthese der Welt den Betrieb auf? Aufklappen ↓
Auflösung aufdecken ↓
3 Wie viel Harnstoff steckt in AdBlue? Aufklappen ↓
Auflösung aufdecken ↓
4 Welcher Anteil des Seehandels mit Ammoniak lief vor dem Iran-Krieg durch die Straße von Hormus? Aufklappen ↓
Auflösung aufdecken ↓
5 Was kostet das Erdgas in einer Tonne Harnstoff bei knapp 100 Euro je Megawattstunde nach der Rechnung des Artikels? Aufklappen ↓
Auflösung aufdecken ↓
Was ist Ammoniak und wie entsteht das Gas?
Ammoniak ist ein farbloses, stechend riechendes und giftiges Gas, dessen Moleküle aus einem Stickstoff- und drei Wasserstoffatomen bestehen. Die Industrie stellt Ammoniak im Haber-Bosch-Verfahren aus Luftstickstoff und Wasserstoff her, den sie meist aus Erdgas gewinnt. Knapp ein Drittel der Weltproduktion stammt aus China.
Stickstoff ist im Überfluss vorhanden: Vier Fünftel der Luft bestehen aus dem Gas. Pflanzen kommen an diesen Vorrat nicht heran, weil zwei Stickstoffatome in der Luft fest aneinander hängen. Nur Bakterien an den Wurzeln von Hülsenfrüchten und Blitze knacken diese Bindung in der Natur.
Der US Geological Survey (USGS) nennt den Stickstoff der Atmosphäre deshalb unbegrenzt verfügbar. Knapp ist allein die Energie, um Luftstickstoff zu binden.
Im Haber-Bosch-Verfahren reagieren Stickstoff und Wasserstoff unter hohem Druck und bei mehreren hundert Grad an einem Eisenkatalysator zu Ammoniak. Den Wasserstoff liefert in den meisten Werken Erdgas, das mit Wasserdampf zerlegt wird. Diese Dampfreformierung setzt den Kohlenstoff des Erdgases als CO2 frei.
Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) entsteht gut 70 Prozent des Ammoniaks weltweit aus Erdgas, der Großteil des Rests aus Kohle.
Die Produktion verbraucht rund 170 Milliarden Kubikmeter Erdgas im Jahr, ein Fünftel des Erdgases, das die Industrie weltweit einsetzt, und rund zwei Prozent des gesamten Endenergieverbrauchs. Die direkten Emissionen beziffert die IEA auf 450 Millionen Tonnen CO2 jährlich.
| Herstellungsweg | Anteil an der Weltproduktion | Besonderheit |
|---|---|---|
| Erdgas (Dampfreformierung) | gut 70 % | Standard in Europa, Nordamerika und am Golf |
| Kohlevergasung | Großteil des Rests | rund 85 % der chinesischen Produktion |
| Wasserstoff aus Elektrolyse | Pilotanlagen | grünes Ammoniak, siehe Kapitel zu den Alternativen |
Ein Informationspapier der Universität Cardiff beziffert den Energiebedarf moderner Anlagen auf 28 bis 32 Gigajoule je Tonne Ammoniak. Über 90 Prozent der CO2-Emissionen entstehen dort, wo der Wasserstoff erzeugt wird.
Reserven im Sinne einer Lagerstätte hat Ammoniak nicht. Der USGS listet als Reserve schlicht „atmosphärischen Stickstoff und Erdgasquellen“ und hält beides in allen Herstellerländern für ausreichend vorhanden. Natürliche Nitratlager wie in der chilenischen Atacama-Wüste liefern heute nur noch einen minimalen Teil des Stickstoffs.
Über die Kosten entscheidet deshalb nicht die Geologie, sondern der Gaspreis am Standort.
Am Henry Hub, dem wichtigsten US-Handelspunkt, kostete Erdgas 2025 laut USGS im Schnitt umgerechnet rund 10,5 Euro je Megawattstunde. In Europa lag der Preis am 26. Oktober 2026 bei knapp 100 Euro, also fast beim Zehnfachen.
Ammoniak wird in zwei Formen gehandelt: als wasserfreies, unter Druck oder Kälte verflüssigtes Gas und als Ammoniakwasser. Im Handel unterscheiden Fachleute außerdem nach der Herkunft des Wasserstoffs: grau aus Erdgas ohne CO2-Abscheidung, blau mit Abscheidung, grün aus Wasserstoff, der per Elektrolyse mit Ökostrom entsteht.
Den Stickstoff liefert die Luft gratis, teuer ist der Wasserstoff aus Erdgas. Wer Ammoniak herstellt, kauft vor allem Energie, und die kostet in Europa ein Vielfaches des US-Preises.
Wer erfand die Ammoniaksynthese und wie wurde daraus ein Weltgeschäft?

Fritz Haber gelang 1909 in Karlsruhe die Synthese von Ammoniak aus Luftstickstoff im Labor. Carl Bosch machte daraus bei der BASF ein Industrieverfahren, 1913 lief in Oppau die erste Anlage der Welt. Im Ersten Weltkrieg sicherte das Verfahren dem abgeschnittenen Deutschen Reich Sprengstoff und Dünger.
Vor Haber kam der Stickstoff für Europas Felder aus Vogelkot und aus der Wüste: Guano von den Inseln vor Peru und Salpeter aus der chilenischen Atacama.
1898 warnte der britische Chemiker William Crookes vor der British Association in Bristol, dass der Weizen für die wachsende Weltbevölkerung um 1930 knapp würde, sobald die Salpeterlager erschöpft wären. Die Lösung sah Crookes darin, Luftstickstoff im Labor chemisch zu binden.
Fritz Haber löste die Aufgabe im Juli 1909 in Karlsruhe mit einer Laborapparatur und einem Katalysator aus Osmium. Die BASF in Ludwigshafen arbeitete mit Haber zusammen, ein Team unter Carl Bosch sollte aus dem Laborversuch eine Fabrik machen. Osmium war für eine Großanlage zu selten und zu teuer. 1911 fand der BASF-Chemiker Alwin Mittasch einen brauchbaren Ersatz: Eisen mit kleinen Mengen Tonerde und Kali.
Ein Jahr später begann der Erste Weltkrieg, und die britische Seeblockade schnitt das Deutsche Reich vom Chilesalpeter ab. Ohne Chilesalpeter drohten Dünger und Sprengstoff knapp zu werden.
Laut BASF trieb der Kriegsbedarf den Ausbau, denn aus Ammoniak ließ sich Salpeter für Sprengstoffe herstellen. 1916 begann der Bau eines zweiten Werks in Leuna bei Merseburg, fernab französischer Luftangriffe. Im April 1917 verließ der erste Kesselwagen mit Ammoniak die Leuna-Werke.
Auch in Wittenberg entstand 1915 ein Stickstoffwerk für Sprengstoff und Dünger, die heutige SKW Piesteritz.
Haber leitete im selben Krieg den Chlorgasangriff bei Ypern am 22. April 1915. Den Chemie-Nobelpreis für 1918 erhielt Haber dennoch, für die Synthese des Ammoniaks aus den Elementen. Die Vergabe löste nach Angaben des Science History Institute große Empörung aus. Carl Bosch folgte 1931 gemeinsam mit Friedrich Bergius, ausgezeichnet für die chemischen Hochdruckverfahren.
Am 21. September 1921 explodierte in Oppau ein Lager mit Ammoniumsulfatsalpeter, einem Dünger aus dem neuen Ammoniak. Arbeiter lockerten den verbackenen Dünger wie üblich mit Sprengungen. Laut BASF starben über 500 Menschen, Werk und umliegende Gemeinden wurden schwer zerstört. Das Unternehmen stellte die Herstellung des Düngers ein und nahm sie erst 1940 mit einem geänderten Verfahren wieder auf.
Am 2. Dezember 1925 schlossen sich BASF, Bayer, Hoechst, Agfa, Griesheim-Elektron und Weiler-ter Meer zur I.G. Farben zusammen, Carl Bosch wurde Vorstandsvorsitzender. Die BASF brachte nach Angaben des Unternehmens 45 Prozent des Umsatzes ein, dank des Stickstoffdüngers.
| Jahr | Station |
|---|---|
| 1856 | US-Kongress erlaubt per Guano Islands Act die Inbesitznahme von Guano-Inseln |
| 1879 | Beginn des Salpeterkriegs zwischen Chile, Peru und Bolivien |
| 1898 | William Crookes warnt vor einer Weizenknappheit |
| 1909 | Fritz Haber synthetisiert Ammoniak im Karlsruher Labor |
| 1913 | BASF startet in Oppau die erste Ammoniakanlage |
| 1922 | BASF stellt Harnstoff aus Ammoniak und CO2 im industriellen Maßstab her |
| 1917 | Erster Kesselwagen mit Ammoniak verlässt die Leuna-Werke |
| 1921 | Explosion in Oppau, über 500 Tote |
| 1925 | Gründung der I.G. Farben |
Der Agrarforscher Jan Willem Erisman und seine Koautoren schätzten 2008 in der Fachzeitschrift Nature Geoscience, dass Stickstoff aus dem Haber-Bosch-Verfahren rund 48 Prozent der Weltbevölkerung ernährte. Der Umweltwissenschaftler Vaclav Smil war 1999 in der Zeitschrift Nature für das Jahr 2000 auf rund 40 Prozent gekommen. Nach diesen Schätzungen hängt die Ernährung knapp der Hälfte der Menschheit am Stickstoff aus dem Verfahren.
Ammoniak aus der Luft ersetzte Guano und Salpeter und versorgte das Deutsche Reich im Ersten Weltkrieg mit Sprengstoff. Heute hängt die Ernährung von knapp der Hälfte der Menschheit an dem Verfahren.
Wie hat Ammoniak die Weltkarte verändert?

Der Kampf um Stickstoff verschob Grenzen: Im Salpeterkrieg verlor Bolivien 1884 seinen Zugang zum Meer, die USA erklärten im 19. Jahrhundert Guano-Inseln zu ihrem Besitz. Seit Haber-Bosch entscheidet billige Energie über die Marktmacht, heute vor allem Erdgas aus Russland und vom Golf.
Vogelkot als Kolonialware
Am 18. August 1856 unterschrieb US-Präsident Franklin Pierce den Guano Islands Act. Jeder US-Bürger durfte danach eine unbewohnte Insel mit Guano-Vorkommen in Besitz nehmen, sofern kein anderer Staat sie beanspruchte, und die USA konnten die Insel als Besitz betrachten.
Über 100 Inseln wurden so beansprucht. Die meisten Ansprüche fielen später weg, doch Baker, Howland, Jarvis und Navassa gehören bis heute zu den Außengebieten der USA, Navassa beansprucht auch Haiti. Das Gesetz gilt noch.
Ein Krieg um Salpeter
An der Pazifikküste eskalierte 1879 der Streit um den Salpeter der Atacama. Bolivien erhöhte 1878 die Steuer auf die chilenische Antofagasta Nitrate & Railway Company. Chile besetzte am 14. Februar 1879 die Hafenstadt Antofagasta und erklärte im April Peru und Bolivien den Krieg. Laut der Encyclopaedia Britannica trat Peru im Vertrag von Ancón 1883 die Provinz Tarapacá an Chile ab. Bolivien schloss 1884 einen Waffenstillstand und verlor seine Küste, der Friedensvertrag folgte erst 1904. Seitdem ist Bolivien ein Binnenland.
Die Blockade, die Haber-Bosch groß machte
Großbritannien kontrollierte die Seewege nach Chile, Deutschland ersetzte den Salpeter durch Ammoniak aus Oppau und Leuna. Nach dem Krieg verbreitete sich das Verfahren weltweit, und jedes Land mit Gas oder Kohle konnte eigenen Stickstoff herstellen. Die Lage des Rohstoffs verschob sich damit von den Wüsten und Inseln zu den Gasfeldern und Kohlerevieren.
China vorn, Deutschland bei gut einem Prozent
Laut USGS stammten 2025 rund 49 der weltweit 160 Millionen Tonnen Stickstoff in Ammoniak aus China. Indien und Russland folgten mit je 15 Millionen Tonnen, die USA mit 14 Millionen. Deutschland kam auf 2,0 Millionen Tonnen, das sind gut ein Prozent der Weltmenge. Gehandelt wird nur ein kleiner Teil: Die IEA beziffert die Exporte auf rund zehn Prozent der Produktion. Die großen Hersteller China und Indien versorgen vor allem die eigene Landwirtschaft.
Auf dem Weltmarkt zählen deshalb die Länder mit billigem Gas und großem Exportüberschuss: Russland, die Golfstaaten, Trinidad und Tobago, Algerien. Die USA importierten zwischen 2021 und 2024 laut USGS 49 Prozent ihrer Ammoniakeinfuhren aus Kanada und 47 Prozent aus Trinidad und Tobago.
Russland, Pipeline und Zölle
Eine Pipeline brachte bis Februar 2022 Ammoniak aus dem russischen Toljatti zum Schwarzmeerhafen bei Odessa. Mit Kriegsbeginn am 24. Februar 2022 stand die Leitung still.
Russland verlangte in den Verhandlungen zum Getreideabkommen, die Leitung wieder zu öffnen. Im Juni 2023 beschädigte eine Explosion einen Abschnitt in der Region Charkiw, Russland und die Ukraine gaben sich gegenseitig die Schuld.
Auf den Krieg reagierte die EU beim Dünger mit Zöllen statt mit einem Verbot. Seit dem 1. Juli 2025 gilt die Verordnung (EU) 2025/1227: Stickstoffdünger aus Russland und Belarus werden mit 6,5 Prozent Zoll plus 40 bis 45 Euro je Tonne belegt. Der feste Aufschlag steigt bis 2028 auf 430 Euro je Tonne. Die Kommission begründet das damit, dass die Erlöse aus russischem Dünger direkt den Krieg gegen die Ukraine mitfinanzierten.
Weil Erdgas den größten Teil der Herstellungskosten ausmacht, entscheidet der Gaspreis darüber, wer Europa mit Dünger beliefert. Wie sehr Europa an diesem Brennstoff hängt, zeigt die Stoffgeschichte über Erdgas, den Rohstoff, der über Europas Winter entscheidet.
Hormus und Trinidad
Ende Februar 2026 sperrte der Iran nach Kriegsbeginn die Straße von Hormus. Vor dem Konflikt liefen laut einer Analyse der Welthandelsorganisation (WTO) 34 Prozent des Seehandels mit Harnstoff und 23 Prozent des Seehandels mit Ammoniak durch die Meerenge. Harnstoff stieg laut der WTO-Analyse von umgerechnet rund 360 Euro je Tonne vor dem Krieg auf über 760 Euro im April 2026.
Noch im September zeigten Schiffsdaten von WTO und AXSMarine kaum Düngerfrachter in der Meerenge.
Auch aus Trinidad und Tobago kommt weniger Ammoniak, vor allem für den US-Markt. Der Konzern Nutrien legte im Oktober 2025 sein Stickstoffwerk Point Lisas wegen Gasmangels und Hafenbeschränkungen still, am 5. Oktober 2026 erklärte Nutrien den Stillstand für unbefristet. Dort waren monatlich rund 85.000 Tonnen Ammoniak und 55.000 Tonnen Harnstoff entstanden.
Warum ist Ammoniak für die Weltwirtschaft so wichtig?

Ohne Ammoniak würde der synthetische Stickstoffdünger fehlen, mit dem die Nahrung für knapp die Hälfte der Menschheit wächst. Die Produktion verbraucht rund zwei Prozent der weltweiten Endenergie. Fällt Ammoniak aus, fehlen auch Sprengstoffe, Kunstfasern, AdBlue und Kohlensäure.
Die USGS-Zahl von 160 Millionen Tonnen Stickstoff entspricht nach eigener Umrechnung rund 194 Millionen Tonnen Ammoniak im Jahr. Laut IEA gehen rund 70 Prozent davon in Dünger, der Rest in die Industrie, vor allem in Kunststoffe und Sprengstoffe. In den USA lag der Düngeranteil 2025 bei 88 Prozent. Die wichtigsten Folgeprodukte dort waren laut USGS der Menge nach Harnstoff, Ammoniumnitrat, Salpetersäure, Ammoniumphosphate und Ammoniumsulfat.
Weil das Gas giftig ist und gekühlt oder unter Druck transportiert werden muss, verarbeiten die meisten Hersteller Ammoniak gleich am Standort zu Harnstoff oder Nitraten weiter. Diese Dünger lassen sich als Granulat verschiffen. Den Seehandel mit Ammoniak selbst prägen deshalb wenige Exportländer und wenige Hafenterminals.
Einen öffentlichen Börsenkurs hat Ammoniak nicht. Preisdienste wie Argus, ICIS und S&P Global Platts erheben Preise an Häfen wie Tampa in Florida oder für Lieferungen nach Nordwesteuropa, in Dollar je Tonne. Der USGS meldet für die US-Golfküste Jahresdurchschnitte, nach eigener Umrechnung von US-Tonnen in metrische Tonnen und Euro: 2021 rund 570 Euro je Tonne, 2022 rund 1.060 Euro, 2025 rund 450 Euro.
Ammoniakwerke liefern als Nebenprodukt reines CO2, das Brauereien, Getränkeabfüller und Schlachthöfe brauchen.
Im September 2021 stoppte CF Industries in Großbritannien seine zwei Werke Billingham und Ince wegen des Gaspreises, beide zusammen deckten rund 60 Prozent des britischen CO2-Bedarfs. Die Regierung in London übernahm daraufhin drei Wochen lang Betriebskosten, um Billingham wieder anzufahren. In Deutschland wurde Kohlensäure im Sommer 2022 knapp, nachdem SKW Piesteritz die Produktion gedrosselt hatte. Ein Gutachten der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags hält Engpässe bei Brauereien und Abfüllern fest. Bayerns Wirtschaftsminister nannte damals auch Käse, Milch und Fleisch als gefährdet, deren Verpackung CO2 braucht.
Größter Harnstoffproduzent Deutschlands ist SKW Piesteritz in Wittenberg mit rund 980 Beschäftigten, eine Tochter des tschechischen Agrofert-Konzerns.
BASF betreibt in Ludwigshafen noch eine von zuletzt zwei Ammoniakanlagen. Yara importiert Ammoniak über Rostock und Brunsbüttel, dort arbeitet seit Oktober 2024 ein eigenes Importterminal.
- Groß: rund 194 Millionen Tonnen Ammoniak im Jahr, gut 70 Prozent aus Erdgas.
- Selten exportiert: nur rund zehn Prozent gehen ins Ausland, der Rest bleibt im Herstellerland.
- Verflochten: Ammoniakwerke liefern auch das CO2 für Bier, Limonade und Fleischverpackungen.
In welchen Produkten steckt Ammoniak und was verschwindet ohne das Gas?

Ammoniak steht hinter dem meisten Brot, weil Weizen mit Stickstoffdünger wächst. Außerdem steckt Ammoniak im AdBlue von Diesel-Lkw, in Sprengstoffen, Kunstfasern und Kühlhäusern. Für Stickstoffdünger und Stickstoffsprengstoffe kennt der USGS keinen Ersatz.
Wo Ammoniak drinsteckt
Die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft rechnet in einem Praxisbeispiel für Winterweizen mit rund 180 Kilogramm Stickstoff je Hektar, verteilt auf drei Gaben. Diese Menge entspricht nach eigener Rechnung rund 390 Kilogramm Harnstoff, denn Harnstoff enthält 46 Prozent Stickstoff.
Neben dem Stickstoff braucht das Feld auch Phosphor und Kali, den Rohstoff, der die Ernte sichert.
Die Norm ISO 22241 schreibt für AdBlue, die Flüssigkeit für die Abgasreinigung von Dieselmotoren, 32,5 Prozent Harnstoff und 67,5 Prozent entmineralisiertes Wasser vor.
Im heißen Abgas zerfällt der Harnstoff zu Ammoniak, das im Katalysator die Stickoxide zu Stickstoff und Wasser umsetzt.
| Produkt | Wie Ammoniak drinsteckt | Ersatz bei Ausfall |
|---|---|---|
| Brot, Nudeln, Futter | Stickstoffdünger aus Ammoniak | teilweise Gülle, Mist, Hülsenfrüchte |
| AdBlue | 32,5 % Harnstoff | keiner für Diesel mit Harnstoff-Abgasreinigung |
| Sprengstoff im Bergbau | Ammoniumnitrat | laut USGS kein praktischer Ersatz |
| Kunstfasern, Kunststoffe, Harze | Salpetersäure und Stickstoffverbindungen | je nach Produkt |
| Kühlhaus, Brauerei, Schlachthof | Ammoniak als Kältemittel R717 | CO2 oder Kohlenwasserstoffe |
| Bier, Limonade, Fleischverpackung | CO2 als Nebenprodukt der Ammoniakwerke | andere CO2-Quellen, oft knapp |
In Kühlhäusern, Brauereien und Schlachthöfen arbeitet Ammoniak seit rund 150 Jahren als Kältemittel. Das Umweltbundesamt schreibt, dass das Gas kein Treibhauspotenzial hat. Als nicht fluoriertes Kältemittel fällt Ammoniak nicht unter die EU-Verordnung über fluorierte Gase. Wegen der Giftigkeit brauchen Anlagen ab drei Tonnen Füllmenge eine Genehmigung nach dem Immissionsschutzrecht.
Der USGS zählt Sprengstoffe, Kunststoffe, Kunstfasern und Harze zu den industriellen Abnehmern. Bergwerke und Steinbrüche sprengen mit Ammoniumnitrat.
Was ohne Ammoniak stillstünde
Am stärksten träfe ein Ausfall die Ernte, denn laut USGS hat Stickstoff als Pflanzennährstoff keinen Ersatz. Gülle, Mist und Hülsenfrüchte liefern einen Teil, reichen aber für die heutigen Erträge nicht. In Sri Lanka verbot die Regierung im Frühjahr 2021 den Import von Kunstdünger und hob das Verbot im November 2021 wieder auf. Das staatliche Agrarforschungsinstitut HARTI meldete für die Reis-Hauptsaison 2021/22 einen Rückgang der Ernte um über 50 Prozent.
Als SKW Piesteritz im Spätsommer 2022 die Ammoniakanlagen abschaltete, stoppte das Werk auch die Produktion von AdBlue, und die Speditionsbranche fürchtete Engpässe.
Ersetzbar ist Ammoniak dagegen beim Kühlen. CO2 und Kohlenwasserstoffe kühlen viele Kälteanlagen ebenfalls, oft mit höherem technischem Aufwand. In großen Kühlhäusern ist Ammoniak wegen des fehlenden Treibhauspotenzials die klimafreundliche Wahl.
Wie setzt sich der Preis einer Tonne Harnstoff zusammen?

Den größten Teil des Harnstoffpreises macht das Erdgas aus, das im Ammoniak steckt. Bei knapp 100 Euro je Megawattstunde kostet das Gas für eine Tonne Harnstoff nach eigener Rechnung rund 470 Euro, gut zwei Drittel des aktuellen Hafenpreises von 680 Euro.
Eine Tonne Ammoniak braucht laut der Universität Cardiff 28 bis 32 Gigajoule Energie, mit 30 Gigajoule sind das rund 8,3 Megawattstunden. Bei knapp 100 Euro je Megawattstunde kostet das Gas für eine Tonne Ammoniak also rund 830 Euro. Hersteller veröffentlichen keine Kostenaufstellung, die Werte beruhen deshalb auf eigener Rechnung und sind eine Untergrenze: Laut IEA-Zahlen braucht die Weltproduktion im Schnitt mehr Gas als eine moderne Anlage. Eine Tonne Harnstoff enthält chemisch rund 0,57 Tonnen Ammoniak. Auf die Tonne Harnstoff entfallen damit rund 470 Euro für Gas, bevor die Harnstoffsynthese, das Granulieren, CO2-Kosten, die Fracht, der Handel und die Marge dazukommen.
In den Ostseehäfen kostete Harnstoff Ende Oktober 680 Euro je Tonne, für diese Posten bleiben also rund 210 Euro.
| Bestandteil je Tonne Harnstoff | Betrag (Rechenbeispiel) | Anteil |
|---|---|---|
| Erdgas im Ammoniak, bei knapp 100 €/MWh | rund 470 € | rund 69 % |
| Harnstoffsynthese, CO2-Kosten, Fracht, Handel, Marge | rund 210 € | rund 31 % |
| Hafenpreis Ostsee, Ende Oktober 2026 | 680 € | 100 % |
Im August 2022, bei über 250 Euro je Megawattstunde, hätte allein das Gas für eine Tonne Ammoniak nach derselben Rechnung über 2.000 Euro gekostet. SKW Piesteritz nannte den Gaspreis damals mehr als das Zehnfache des Niveaus von 2020 und 2021.
Bei US-Gaspreisen von 2025 hätte das Gas für eine Tonne Ammoniak dagegen rund 90 Euro gekostet.
Das sächsische Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie erhebt monatlich die Preise frei Hof. Im September 2026 kostete Kalkammonsalpeter dort 432,37 Euro je Tonne, nach 378,92 Euro im August, ein Plus von rund 14 Prozent. Harnstoff stieg von 548,02 auf 590,08 Euro.
Auf dem Höhepunkt im März 2022 hatte Harnstoff laut der Grafik des Landesamts rund 1.200 Euro gekostet.
Harnstoff wird international in Dollar gehandelt. In Ägypten stieg der Preis laut agrarheute in der Woche vor dem 27. Oktober umgerechnet von rund 419 auf 481 Euro je Tonne, was die Lieferung nach Europa um fast 60 Euro je Tonne verteuert.
Rund 390 Kilogramm Harnstoff je Hektar kosten zum Hafenpreis rund 266 Euro. Bei einem Ertrag von acht Tonnen Weizen je Hektar, dem Ertragsniveau, auf das die Düngeverordnung ihre Bedarfswerte bezieht, entfallen auf die Tonne Weizen rund 33 Euro Stickstoffdünger. Laut dem Deutschen Bauernverband macht das Getreide weniger als sieben Prozent des Brötchenpreises aus.
Wer verdient an Ammoniak und wer zahlt drauf?

An Ammoniak verdienen vor allem Hersteller mit billigem Gas, etwa in den USA und am Golf. In Gaskrisen zahlen Europas Werke, ihre Beschäftigten und die Landwirte drauf, und Länder wie Trinidad und Tobago verlieren, sobald die eigene Gasförderung sinkt.
Die Gewinner
Der US-Hersteller CF Industries verdiente 2022 netto umgerechnet rund 3,0 Milliarden Euro, nach 824 Millionen Euro im Vorjahr. Die Verkaufspreise lagen im Schnitt um 73 Prozent höher und brachten rund 4,3 Milliarden Euro mehr Bruttomarge. Die höheren Gaskosten zehrten davon nur rund 940 Millionen Euro auf.
Hohe Weltmarktpreise bei billigem US-Gas brachten CF Industries 2022 den 3,6-fachen Gewinn, Yara drosselte in Europa auf 35 Prozent.
Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
SKW Piesteritz lief im Frühjahr 2026 unter Volllast, um ausgefallene Mengen vom Golf zu ersetzen, und rechnete mit 10 bis 20 Prozent mehr Umsatz.
Geschäftsführer Carsten Franzke wies gegenüber der Nachrichtenagentur AFP den Vorwurf zurück, sein Unternehmen sei ein Kriegsgewinnler. Wegen der gestiegenen Energiekosten werde SKW wohl nur die Gewinnschwelle erreichen.
Die Verlierer
Im Sommer 2022 drosselte der norwegische Düngerkonzern Yara die Produktion in Europa auf rund 35 Prozent der Kapazität. Das Beratungshaus CRU zählte Ende August 2022 die Hälfte der europäischen Ammoniakkapazität als stillgelegt oder gedrosselt.
Am 24. Februar 2023 kündigte die BASF wegen hoher Produktionskosten an, die ältere ihrer zwei Ammoniakanlagen in Ludwigshafen stillzulegen, zusammen mit weiteren Anlagen am Stammsitz. 2024 beauftragte die BASF einen Vermarkter mit dem Verkauf der Anlage.
SKW Piesteritz schaltete im Januar 2025 erneut eine von zwei Ammoniakanlagen ab und forderte, die Gasspeicherumlage ersatzlos zu streichen.
Erschöpftes Gas in der Karibik
Trinidad und Tobago baute auf seinem Erdgas eine Ammoniakindustrie, die den US-Markt mitversorgt. Das Branchenportal Energy Now beziffert den Rückgang der Gasförderung von umgerechnet rund 113 Millionen Kubikmetern am Tag 2010 auf rund 74 Millionen. Mit dem Gas fehlt den Werken der Rohstoff.
Derzeit zahlen Bauern doppelt, weil der Dünger teurer wird, während der Weizen an Wert verliert. Laut agrarheute verschlechterte sich das Verhältnis von Stickstoff- zu Weizenpreis im Oktober 2026 deutlich.
| Akteur | Lage | Grund |
|---|---|---|
| CF Industries (USA) | Gewinn 2022 rund 3,0 Mrd. € | billiges US-Gas, hohe Weltmarktpreise |
| Yara (Europa) | 2022 nur rund 35 % Auslastung | Gaspreis über 250 €/MWh |
| BASF Ludwigshafen | eine von zwei Anlagen stillgelegt | hohe Produktionskosten |
| Trinidad und Tobago | Nutrien-Werk unbefristet zu | sinkende Gasförderung |
| Sri Lanka | Reisernte 2021/22 über 50 % kleiner | Importverbot für Kunstdünger |
Am Ammoniak verdienen Hersteller mit billigem Gas, in Gaskrisen also nicht die Europäer. Die Mehrkosten tragen die Landwirte, die Abschaltungen treffen die Beschäftigten.
Wie mächtig ist die Ammoniak-Lobby?

Der europäische Düngerverband meldet in Brüssel weniger als eine Million Euro Lobbykosten im Jahr. Das wichtigste Argument des Verbands ist die Ernährungssicherheit, 2022 erlaubte die EU Beihilfen auch für Düngerhersteller. Zugleich kämpft der Verband für den CO2-Grenzausgleich und gegen hohe Energiepreise.
Der europäische Branchenverband Fertilizers Europe vertritt nach eigenen Angaben Hersteller mit 70 bis 80 Prozent der Düngerkapazität in der EU.
Im Transparenzregister meldete der Verband für 2025 Lobbykosten von 700.000 bis 799.999 Euro, mit vier angemeldeten Lobbyisten und 1,5 Vollzeitstellen. 2022, im Jahr der Gaskrise, meldete der Verband 900.000 Euro. Die Datenbank LobbyFacts zählt insgesamt 92 Treffen mit Kommissaren, Kabinettsmitgliedern und Generaldirektoren.
Am 9. November 2022 legte die EU-Kommission eine Mitteilung zur Versorgung mit Dünger vor. Die Mitteilung erlaubte den Staaten über den befristeten Krisenrahmen Beihilfen für Landwirte und Düngerhersteller. Die Agrarplattform ARC2020 urteilte in ihrer Analyse, die Düngerindustrie habe auf ganzer Linie gewonnen. Die Kommission legte am 19. Mai 2026 einen Aktionsplan für Dünger vor, der Rat setzte am 22. Mai für ein Jahr die Zölle von 5,5 bis 6,5 Prozent auf bestimmte Stickstoffdünger aus Drittstaaten aus. Ausgenommen bleiben Waren aus Russland und Belarus.
Importeuren und Landwirten erspart das laut Kommission rund 60 Millionen Euro an Einfuhrzöllen.
Fertilizers Europe nannte den Aktionsplan einen Ausgangspunkt, keine Lösung, und warnte, der geplante Umbau des CO2-Grenzausgleichs schwäche den Mechanismus erheblich. Der Verband kämpft also an zwei Fronten: gegen billige Importe aus Ländern ohne CO2-Preis und für billige Energie in Europa.
In Deutschland rechnete SKW Piesteritz im August 2022 vor, die geplante Gasumlage koste das Werk rund 30 Millionen Euro im Monat, mit weiteren Umlagen bis zu 36 Millionen. Die Bundesregierung stoppte die Umlage später und setzte auf die Gaspreisbremse.
Im August 2026 wurde ein Förderantrag für die Modernisierung einer Ammoniakanlage in Wittenberg genehmigt, in die SKW rund 100 Millionen Euro steckt. Die Fördersumme blieb offen.
- Budget: Fertilizers Europe meldete für 2025 bis zu 800.000 Euro Lobbykosten.
- Erfolg: Beihilferahmen 2022 für Landwirte und Hersteller.
- Argumente: Ernährungssicherheit, CO2-Grenzausgleich, Energiepreise.
Wie kommen wir vom grauen Ammoniak los?

Vom Ammoniak selbst kommt die Welt nicht los, denn Stickstoffdünger hat keinen Ersatz. Lösbar ist die Abhängigkeit vom Erdgas: mit Wasserstoff aus Ökostrom, mit Importen von grünem Ammoniak und mit sparsamerer Düngung. Grünes Ammoniak ist bisher teurer als graues, sparsameres Düngen spart dagegen Geld.
Am weitesten ist die Landwirtschaft beim Sparen. Laut Umweltbundesamt sank der Stickstoffüberschuss der deutschen Landwirtschaft im gleitenden Fünfjahresmittel von 117 Kilogramm je Hektar Mitte der Neunzigerjahre auf 70 Kilogramm im Mittel der Jahre 2019 bis 2023. Das Ziel von 70 Kilogramm wurde damit 2023 erstmals erreicht. SKW Piesteritz baut eine seiner zwei Ammoniakanlagen für rund 100 Millionen Euro so um, dass sie weniger Gas verbraucht und weniger CO2 ausstößt. Wie viel genau, hat das Unternehmen nicht veröffentlicht.
Grünes Ammoniak entsteht aus Wasserstoff, den Elektrolyseure mit Ökostrom aus Wasser gewinnen, und braucht kein Erdgas.
Die Stoffgeschichte über Wasserstoff als Hoffnungsträger oder teure Illusion zeigt, warum dieser Wasserstoff bisher teuer ist. Für Großprojekte wie NEOM in Saudi-Arabien mit geplanten 1,2 Millionen Tonnen grünem Ammoniak im Jahr nennen Branchenberichte unterschiedliche Starttermine zwischen Ende 2026 und Mitte 2027.
Yara betreibt seit Oktober 2024 in Brunsbüttel ein Importterminal, RWE plant dort ein eigenes für grünes Ammoniak, Uniper ein Terminal mit Spaltanlage in Wilhelmshaven. Für keines der neuen Projekte fand die Recherche eine endgültige Investitionsentscheidung.
An den neuen Terminals dient Ammoniak vor allem als Transportform für Wasserstoff, weil sich Ammoniak leichter verflüssigen lässt als Wasserstoff.
Recycling im engeren Sinn meldet der USGS für Ammoniak nicht. Stickstoff kehrt nur über Gülle, Mist, Gärreste und Klärschlamm auf die Felder zurück, und dieser Kreislauf deckt den Bedarf heutiger Erträge nicht.
| Sektor | Alternative | Stand |
|---|---|---|
| Landwirtschaft | weniger Überschuss, Hülsenfrüchte, Gülle | Überschuss seit Mitte der Neunziger um rund 40 % gesunken |
| Düngerindustrie | effizientere Anlagen | SKW investiert rund 100 Mio. € |
| Düngerindustrie | grünes Ammoniak | Starttermine offen |
| Kälte | CO2, Kohlenwasserstoffe | verfügbar |
| Sprengstoff | keine | laut USGS kein praktischer Ersatz |
Ammoniak bleibt unverzichtbar, ersetzbar ist nur das Erdgas als Quelle. Schneller als jede neue Anlage wirkt die sparsamere Düngung, die in Deutschland schon greift.
Was bedeutet der neue Gaspreisschock für Deutschland?

Für Deutschland heißt der Gaspreis von knapp 100 Euro je Megawattstunde vor allem teureren Dünger für die Frühjahrsdüngung 2027. Die Werke laufen bisher weiter, doch die Gasspeicher sind schwächer gefüllt als vor einem Jahr, und Importe vom Golf fehlen.
Laut agrarheute erreichte der europäische Gaspreis am Handelspunkt TTF am 26. Oktober 2026 knapp 100 Euro je Megawattstunde, so viel wie seit vier Jahren nicht. Der Gaspreis, der 2022 die Krise auslöste, steigt wieder, liegt aber weit unter den damaligen 250 Euro.
Die Speicher in der EU waren zu Winterbeginn zu rund 70 Prozent gefüllt, die deutschen zu 61 Prozent. Laut dem Branchendienst gmk.center waren die EU-Speicher Mitte September 2025 noch zu 80,6 Prozent gefüllt gewesen.
Bei einer Ausschreibung im Oktober kaufte Indien statt der gesuchten 1,7 Millionen Tonnen Harnstoff nur 410.000 Tonnen, den Exporteuren waren die gebotenen Preise zu niedrig.
Für Landwirte rechnet sich das so: Bei 180 Kilogramm Stickstoff je Hektar, gedüngt als Harnstoff, steigen die Kosten mit jeden 25 Euro mehr je Tonne Harnstoff um rund zehn Euro je Hektar. Ein Betrieb mit 200 Hektar Weizen zahlt bei einer Verteuerung um 100 Euro je Tonne rechnerisch rund 7.800 Euro mehr.
Seit dem 1. Januar 2026 gilt der CO2-Grenzausgleich auch für Düngerimporte, die Zölle auf bestimmte Stickstoffdünger aus Drittstaaten außer Russland und Belarus sind für ein Jahr ausgesetzt. Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer kündigte im Juni an, weitere Hilfen zu prüfen, eine staatliche Düngerreserve hielt er nicht für nötig.
Für die kommenden Monate sieht die Redaktion drei mögliche Verläufe, als eigene Einschätzung auf Basis der genannten Zahlen und ohne Prognose eines Instituts:
- Optimistisch: Ein milder Winter senkt den Gaspreis unter 60 Euro, die Schifffahrt durch Hormus kommt wieder in Gang, Harnstoff fällt im Frühjahr unter 600 Euro je Tonne.
- Realistisch: Der Gaspreis pendelt zwischen 80 und 100 Euro, die deutschen Werke laufen, und Harnstoff bleibt bis zur Frühjahrsdüngung bei 650 bis 700 Euro.
- Pessimistisch: Ein kalter Winter leert die Speicher, der Gaspreis steigt über 150 Euro, und europäische Werke drosseln die Produktion wie 2022, mit Folgen für AdBlue und Kohlensäure.
Landwirte können den Stickstoffbedarf mit einer Bodenprobe auf den mineralischen Stickstoff im Frühjahr ermitteln, statt pauschal zu düngen. Die LfL zieht in ihrem Beispiel 59 Kilogramm Bodenvorrat vom Sollwert von 240 Kilogramm ab und kommt so auf rund 180 Kilogramm Düngebedarf.
Flottenbetreiber und Getränkehersteller tun gut daran, ihre Lieferverträge für AdBlue und CO2 zu prüfen, denn beide Stoffe hingen 2022 an denselben Werken.
Verbraucher spüren den Düngerpreis beim Brot kaum, für Landwirte entscheidet er dagegen über den Gewinn.
- Gas: knapp 100 Euro je Megawattstunde, Speicher in Deutschland zu 61 Prozent voll.
- Dünger: Harnstoff 680 Euro je Tonne, Tendenz steigend.
- Risiko: Ein kalter Winter könnte Werke wie 2022 zum Drosseln zwingen, mit Folgen für AdBlue und Kohlensäure.
Glossar: 12 wichtige Fachbegriffe zu Ammoniak

AdBlue
AdBlue ist eine Lösung aus 32,5 Prozent Harnstoff und entmineralisiertem Wasser nach der Norm ISO 22241. Dieselmotoren spritzen die Flüssigkeit in den Abgasstrang, wo das freigesetzte Ammoniak die Stickoxide im Katalysator für die selektive katalytische Reduktion (SCR) zerlegt. Der Name ist eine eingetragene Marke des Verbands der Automobilindustrie.
Ammoniumnitrat
Ammoniumnitrat entsteht aus Ammoniak und Salpetersäure und ist zugleich Dünger und Grundstoff für Sprengstoffe im Bergbau. Gelagerte ammoniumnitrathaltige Dünger können explodieren, wie Oppau 1921 zeigte.
Chilesalpeter
Chilesalpeter ist natürliches Natriumnitrat aus der Atacama-Wüste. Bis zum Ersten Weltkrieg war Chilesalpeter der wichtigste Stickstoffdünger der Welt, heute liefert das Nitrat laut USGS nur noch einen minimalen Beitrag zur weltweiten Stickstoffversorgung.
CO2-Grenzausgleich (CBAM)
Der CO2-Grenzausgleich belegt Importe in die EU mit einem Preis für die CO2-Emissionen ihrer Herstellung, damit europäische Hersteller mit CO2-Kosten nicht gegenüber Importen benachteiligt sind. Seit dem 1. Januar 2026 gilt der Grenzausgleich auch für Dünger.
Dampfreformierung
Die Dampfreformierung zerlegt Erdgas mit Wasserdampf in Wasserstoff und Kohlenstoffoxide. Über 70 Prozent der Ammoniakproduktion beginnen mit diesem Schritt, der auch den Großteil der CO2-Emissionen verursacht.
Grünes Ammoniak
Grünes Ammoniak entsteht aus Wasserstoff, den Elektrolyseure mit Strom aus erneuerbaren Quellen aus Wasser gewinnen. Die Herstellung braucht kein Erdgas und setzt kaum CO2 frei, ist aber bisher deutlich teurer als graues Ammoniak.
Guano
Guano ist getrockneter Kot von Seevögeln, reich an Stickstoff und Phosphor. Im 19. Jahrhundert war Guano von den Inseln vor Peru ein begehrter Dünger, für den die USA 1856 ein eigenes Gesetz zur Inbesitznahme von Inseln erließen.
Haber-Bosch-Verfahren
Das Haber-Bosch-Verfahren verbindet Stickstoff aus der Luft und Wasserstoff unter hohem Druck und hoher Temperatur an einem Eisenkatalysator zu Ammoniak. Fritz Haber entwickelte die Synthese 1909, Carl Bosch machte sie bei der BASF industriereif.
Harnstoff
Harnstoff ist einer der wichtigsten Stickstoffdünger und enthält 46 Prozent Stickstoff. Hersteller gewinnen den Dünger aus Ammoniak und CO2, beides fällt im Ammoniakwerk an. Die BASF stellt Harnstoff seit 1922 industriell her. Als Granulat lässt sich Harnstoff leichter transportieren als Ammoniak.
Kalkammonsalpeter (KAS)
Kalkammonsalpeter ist ein Stickstoffdünger aus Ammoniumnitrat und Kalk, in Deutschland der meistverwendete. Laut einer Antwort der bayerischen Staatsregierung hatte KAS im Düngejahr 2017/18 einen Marktanteil von 36,6 Prozent.
Kältemittel R717
R717 ist die Bezeichnung für Ammoniak als Kältemittel. Das Gas hat kein Treibhauspotenzial und kühlt seit rund 150 Jahren Kühlhäuser, Brauereien und Schlachthöfe, ist aber giftig und verlangt besondere Sicherheitstechnik.
TTF
Die Title Transfer Facility (TTF) ist der niederländische Handelspunkt für Erdgas und der wichtigste Referenzpreis in Europa. Der Preis in Euro je Megawattstunde bestimmt die Kosten der europäischen Ammoniakwerke direkt.
FAQ: Legt teures Gas Europas Ammoniakwerke wieder still?

Wofür wird Ammoniak verwendet?
Rund 70 Prozent des Ammoniaks gehen laut IEA in Dünger wie Harnstoff, Kalkammonsalpeter und Ammoniumphosphate. Der Rest dient der Industrie für Sprengstoffe, Kunststoffe, Kunstfasern und Harze. Außerdem kühlt Ammoniak als Kältemittel R717 Kühlhäuser und Brauereien, und als Harnstoff steckt Ammoniak im AdBlue für Dieselmotoren.
Warum hängt der Düngerpreis am Gaspreis?
Ammoniak entsteht zu gut 70 Prozent aus Erdgas, das den Wasserstoff liefert und die Energie für das Haber-Bosch-Verfahren. Eine Tonne Ammoniak braucht 28 bis 32 Gigajoule Energie. Bei knapp 100 Euro je Megawattstunde kostet das Gas für eine Tonne Ammoniak nach eigener Rechnung rund 830 Euro.
Wird Brot durch teuren Dünger teurer?
Kaum spürbar: Laut Deutschem Bauernverband macht das Getreide weniger als sieben Prozent des Brötchenpreises aus. Nach eigener Rechnung entfallen auf eine Tonne Weizen rund 33 Euro Stickstoffdünger, wenn Harnstoff 680 Euro je Tonne kostet. Für Landwirte zählt der Düngerpreis dagegen stark.
Warum wurde 2022 AdBlue knapp?
AdBlue besteht zu 32,5 Prozent aus Harnstoff, und Harnstoff entsteht aus Ammoniak. Als SKW Piesteritz im August 2022 wegen Gaspreisen über 250 Euro je Megawattstunde seine Ammoniakanlagen abschaltete, stoppte auch die AdBlue-Produktion des größten deutschen Harnstoffherstellers.
Woher bezieht Deutschland Ammoniak?
Deutschland stellte 2025 laut USGS rund 2,0 Millionen Tonnen Stickstoff in Ammoniak selbst her, vor allem bei SKW Piesteritz in Wittenberg und der BASF in Ludwigshafen. Außerdem importiert Deutschland Ammoniak, etwa über Yaras Terminals in Rostock und Brunsbüttel.
Was ist grünes Ammoniak?
Grünes Ammoniak entsteht aus Wasserstoff, den Elektrolyseure mit Ökostrom aus Wasser gewinnen, und braucht kein Erdgas. Großprojekte wie NEOM in Saudi-Arabien sollen bis zu 1,2 Millionen Tonnen im Jahr liefern, die Starttermine sind offen. Bisher ist grünes Ammoniak deutlich teurer als graues.
Quellen
56 Quellen anzeigenQuellen ausblendenabgerufen am 29.10.2026
- agrarheuteDüngerpreise steigen heftig, Getreidepreise fallen
- US Geological SurveyMineral Commodity Summaries 2026: Nitrogen (Fixed), Ammonia
- Internationale EnergieagenturAmmonia Technology Roadmap, Executive Summary
- Cardiff UniversityAmmonia Explainer
- Europäische ZentralbankEuro foreign exchange reference rates
- NatureWilliam Crookes: The Wheat Problem
- BASFChronik 1913: Ammoniaksynthese in Oppau
- BASFHistory 1902 to 1924
- BASFChronology 1921: Oppau explosion
- BASFI.G. Farben
- Landesarchiv Sachsen-AnhaltAmmoniakwerk Merseburg (Leuna-Werke)
- Science History InstituteFritz Haber
- CHEManagerVisionär, Nobelpreisträger, Kriegsverbrecher
- Nobelpreis-StiftungAward ceremony speech, Nobel Prize in Chemistry 1931
- J. W. Erisman u. a., Nature GeoscienceHow a century of ammonia synthesis changed the world
- V. Smil, Nature 400Detonator of the population explosion
- US Government Publishing OfficeUS Code Title 48, Chapter 8: Guano Islands
- Encyclopaedia BritannicaWar of the Pacific
- Conflict and Environment ObservatoryTogliatti–Odesa ammonia pipeline
- Europäische Kommission, Access2MarketsEU increases tariff duties on Russian and Belarusian imports of agricultural products and fertilizers
- Amtsblatt der EUVerordnung (EU) 2025/1227
- Fertilizer DailyStrait of Hormuz fertilizer trade: WTO sees urea prices recover
- Fertilizer DailyWTO Hormuz trade tracker: fertilizer shipments near zero
- Fertilizer DailyNutrien Trinidad nitrogen shutdown indefinite
- Arab News / AFPGerman fertilizer makers and farmers struggle with Iran war fallout
- gasworldCO2: Why the UK government had to subsidise fertiliser production
- World FertilizerCF Industries begins restart of Billingham ammonia plant
- Wissenschaftliche Dienste des BundestagsWD 8 – 080/22: Kohlensäure-Versorgung
- gasworldYara opens ammonia import terminal in Germany
- Volksstimme / dpaSKW Piesteritz investiert 100 Millionen in Ammoniakanlage
- Bayerische Landesanstalt für LandwirtschaftStickstoffdüngung Winterungen 2016
- HengstAdBlue Produktdatenblatt (ISO 22241)
- UmweltbundesamtAmmoniak (R-717) als Kältemittel
- Daily Mirror Sri LankaHARTI: 50 % drop in rice yield during 2021/22 Maha season
- VerkehrsrundschauAdBlue-Versorgung: Produktion bei SKW Piesteritz steht still
- topagrarProduktionsstopp bei Düngemittelhersteller SKW Piesteritz
- topagrarDüngerpreise gehen durch die Decke, SKW drosselt Ammoniak-Produktion
- topagrarMühlenverband kontert: Getreidepreis hat sehr wohl Einfluss auf Verkaufspreis
- Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie SachsenDüngerpreise
- CF IndustriesFull year 2022 earnings
- Euronews / ReutersYara cuts ammonia output as gas prices soar
- CRU GroupEurope nitrogen capacity closure and cost tracker
- ICISBASF to close several major assets at Ludwigshafen
- BASFPressemitteilung P-24-196 (05/2024)
- Energy NowAmmonia production and export in T&T face significant challenges
- LobbyFactsFertilizers Europe, Transparenzregister 80788715017-29
- Europäische KommissionFood security: Commission addresses availability and affordability of fertilisers
- ARC2020EU Fertilizer Industry Wins Big in Commission Communication
- Baker McKenzieEU: One-year suspension of customs duties on certain fertilisers
- Hellenic Shipping NewsEU fertiliser action plan signals long-term reform, offers little immediate relief
- UmweltbundesamtIndikator: Stickstoffüberschuss der Landwirtschaft
- Quantum Commodity IntelligenceNEOM green ammonia to have lower premium in first years
- Deutsche UmwelthilfeGeplantes Ammoniak-Terminal in Brunsbüttel
- gmk.centerEuropean gas prices exceeded 80 euro/MWh in September
- Volksstimme / dpaHohe Düngekosten: Agrarminister will weitere Hilfen prüfen
- Bayerischer LandtagDrucksache 18/24586: Stickstoffdünger
