Continental hat am 23. September in Twistetal mit dem Bau seines ersten eigenen Windparks begonnen. Drei Nordex-Anlagen sollen ab Ende 2027 rund 55 Gigawattstunden Strom im Jahr direkt in das acht Kilometer entfernte Reifenwerk Korbach liefern. Zusammen mit den Solaranlagen auf dem Werksgelände deckt der Windstrom dann zwei Drittel des Strombedarfs im Werk, in dem 2.400 Menschen arbeiten.

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Den Windpark für Korbach begründet Continental vor allem mit den Kosten: „Mit eigenen Windrädern in der Nähe des Werks gewinnen wir Planungssicherheit bei den Energiekosten“, sagte Bernhard Trilken, der Produktion und Logistik im Reifenbereich leitet.[1] Der Konzern beschloss den Bau Anfang Juli, die Genehmigungen lagen zu diesem Zeitpunkt bereits vor.

Das Wichtigste in Kürze

  • Drei Nordex-Anlagen mit zusammen rund 20 Megawatt sollen Ende 2027 in Betrieb gehen.
  • Der Windstrom soll am öffentlichen Netz vorbei direkt ins Werksnetz fließen.
  • Continental investiert einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag, Fördergeld nennt der Konzern nicht.
  • Parallel will Continental die Fertigung von Vollgummireifen bis Mitte 2029 nach Asien verlagern, betroffen sind 140 der rund 2.400 Beschäftigten in Korbach.

Warum baut Continental eigene Windräder für Korbach?

Reifen mit Windkraftanlagenmodell und Anhänger mit Aufschrift „Eigenstrom“ vor weißem Hintergrund
Werkleiter Klaus Ohlwein kündigt an: Windstrom wird künftig direkt in Mischern und Extrudern der Reifenproduktion eingesetzt

Strom im Mischer. Einen großen Teil der Energie im Reifenwerk verbrauchen das Mischen der Kautschukrohstoffe und das Formen der Bauteile im Extruder. Genau dort soll der Windstrom ankommen. Werkleiter Klaus Ohlwein kündigte an, der Strom werde „direkt in der Reifenproduktion, beispielsweise bei Mischern und Extrudern, eingesetzt“.[1]

Eigene Leitung. Laut Hessischem Rundfunk fließt der Windstrom nicht ins allgemeine Netz, sondern direkt ins Werksnetz in Korbach.[2] Für diese Strommenge fallen keine Netzentgelte an, und der Börsenpreis spielt keine Rolle. Fraunhofer-Forscher Norman Gerhardt sieht einen zweiten Grund: „Wir sind gerade in einer Phase, wo wir merken, dass der Stromnetzanschluss immer schwieriger wird.“[2]

Bau läuft. Beschluss und Genehmigung liegen vor, mit dem Spatenstich am 23. September begannen die Bauarbeiten.[2] In Betrieb gehen soll der Windpark Ende 2027. Die 267 Meter hohen Anlagen liefert Nordex samt 20-jährigem Wartungsvertrag.[3]

Sichert der Windpark die Arbeitsplätze in Korbach?

Ein Produkt geht. Anfang September kündigte Continental an, die Fertigung von Vollgummireifen für Gabelstapler bis Mitte 2029 nach Sri Lanka und Malaysia zu verlagern. Rund 140 der 2.400 Beschäftigten in Korbach sind betroffen, knapp sechs Prozent. Als Gründe nennt der Konzern die seit Jahren schwache Auslastung und den hohen Kostendruck. Der Betriebsratsvorsitzende hielt dagegen: „Das Lippenbekenntnis des Konzerns ist uns zu wenig.“[4]

Premium bleibt. Pkw-, Motorrad- und Fahrradreifen fertigt Korbach weiter. Die Branche bündelt in Deutschland die Produkte mit hohem Technikanteil, einfache Massenware wandert ab. Michelin schloss die Werke Karlsruhe und Trier, will nun aber 100 Millionen Euro in Bad Kreuznach investieren. Goodyear beendete 2025 die Reifenproduktion in Fulda. Seit Continental ein reiner Reifenhersteller ist, schlagen die Kosten jedes Werks direkt auf die Konzernmarge durch.

Eigenstrom für das Reifenwerk Korbach
Continental will sein Werk ab Ende 2027 zu zwei Dritteln aus eigenen Wind- und Solaranlagen versorgen
55 GWh
Windstrom im Jahr sollen drei Nordex-Anlagen mit zusammen rund 20 Megawatt liefern
2/3
des Strombedarfs im Werk decken Windpark und bestehende Solaranlagen gemeinsam
8 km
liegen zwischen Windpark und Werk, der Strom soll am öffentlichen Netz vorbei ins Werksnetz fließen
140 von 2.400
Beschäftigte in Korbach betrifft die geplante Verlagerung der Vollgummireifen nach Asien bis Mitte 2029

Ein eigener Windpark schützt die Fabrik vor schwankenden Strompreisen, aber nicht vor dem Rotstift bei einzelnen Produkten. Korbach behält die Reifen, bei denen die Technik zählt, und gibt die Massenware nach Asien ab.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Was lernen Industriebetriebe aus dem Korbacher Modell?

Nachahmer in Hessen. Continental steht mit dem Modell nicht allein. In Mittelhessen planen der Pharmastandort Innexis in Marburg und die Eisengießerei Fritz Winter in Stadtallendorf eigene Windparks mit je sechs Anlagen.[2] Auch kleinere Betriebe rechnen so: Warsteiner will ab Frühjahr 2027 mindestens die Hälfte des Strombedarfs der Brauerei mit einem eigenen Windrad decken.

Eigenerzeugung prüfen. Der Industriestrompreis entlastet nur rund 91 energieintensive Sektoren und nur die Hälfte ihres Verbrauchs. Eigene Anlagen stehen dagegen jedem Betrieb offen. Firmen mit hohem Dauerverbrauch sollten Flächen im Umkreis weniger Kilometer um das Werk prüfen, bevor ein knapper Netzanschluss die Erweiterung des Standorts bremst.

Quellen

[1] Continental: „Wind und Sonne für die Reifenproduktion in Korbach: Continental baut ersten eigenen Windpark“ (02.07.2026)

[2] Hessischer Rundfunk: „Conti baut eigenen Windpark: Warum Firmen auf eigenen Strom setzen“ (23.09.2026)

[3] Nordex: „Nordex Group realisiert 20-MW-Windpark für Continental Reifenwerk in Korbach“ (02.07.2026)

[4] Waldeckische Landeszeitung: „Continental verlagert Industriereifen-Produktion in Region Asien-Pazifik: 140 Mitarbeiter betroffen“ (02.09.2026)

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