Nur 23 Prozent der Baden-Württemberger würden Einschnitte durch Reformen hinnehmen, auch wenn ganz Deutschland davon profitierte. Große Reformen bei Rente und Gesundheit hält dagegen eine deutliche Mehrheit für nötig, so der neue BaWü-Check des Instituts für Demoskopie Allensbach. Erklären lässt sich der Widerspruch mit einer gut erforschten kognitiven Verzerrung und mit geringem Zutrauen in die Politik: Merkliche Erfolge beim Bürokratieabbau erwarten nur 17 Prozent.
Ein Klick · kostenlosDr. Web bei Google bevorzugenMarkieren Sie drweb.de als bevorzugte Quelle. Dann sehen Sie unsere Artikel öfter unter den Top-Meldungen.Jetzt hinzufügenStadtfest kleiner, Bücherei früher zu, Kulturangebot gekürzt: Für den eigenen Wohnort findet keine dieser Sparmaßnahmen eine Mehrheit, die Zustimmung liegt zwischen 21 und 29 Prozent.[1] Gut finden die Finanzlage ihrer Stadt oder Gemeinde nur noch 35 Prozent, nach 50 Prozent im Jahr 2022. Selbst Befragte, die die Kasse ihrer Kommune kritisch sehen, lehnen Kürzungen im eigenen Ort ab.
Das Wichtigste in Kürze
- 56 Prozent blicken mit Skepsis oder Befürchtungen auf die nächsten zwölf Monate.
- Nur 23 Prozent würden für Reformen Einschnitte hinnehmen, 56 Prozent lehnen höhere Steuern oder Mehrarbeit ausdrücklich ab.
- Vom Sondervermögen des Bundes ersetzten 2025 laut ifo-Institut rund 95 Prozent nur Investitionen aus dem regulären Haushalt.
Warum soll immer der Nachbar sparen?

Das Muster hat im Deutschen einen Namen: Sankt-Florians-Prinzip, nach dem Stoßgebet „Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd andre an“. Im BaWü-Check hält eine deutliche Mehrheit große Reformen bei Rente und Gesundheit für notwendig, will aber persönlich nicht betroffen sein. 56 Prozent sind ausdrücklich nicht bereit, dafür etwa höhere Steuern zu zahlen oder mehr zu arbeiten.[1]
Die Verhaltensökonomie erklärt den Reflex mit der Verlustaversion. In den Experimenten von Amos Tversky und Daniel Kahneman wogen Verluste rund 2,25-mal so schwer wie gleich große Gewinne.[3] Eine Reform verteilt beides ungleich: Der Verlust kommt sofort und mit Adresse, als geschlossenes Hallenbad oder späterer Rentenbeginn. Der Gewinn folgt später und verteilt sich auf alle. Gegen diese Angst vor dem Weniger richtet ein abstraktes Versprechen wenig aus.
Sind die Bürger schon zu stark belastet?
Die Befragten sehen die Gründe für die Krise der Industrie vor allem bei hohen Energiepreisen (66 Prozent), der Bürokratie (61 Prozent) und politischen Fehlentscheidungen (57 Prozent).[2] Um den eigenen Arbeitsplatz fürchten 28 Prozent der Beschäftigten, nach 19 Prozent vor einem Jahr.
Hinzu kommt die Abgabenlast. Von den Arbeitskosten eines alleinstehenden Durchschnittsverdieners gingen 2025 laut OECD 49,3 Prozent an Steuern und Sozialbeiträge.[4] Unter 38 OECD-Ländern liegt Deutschland damit auf Platz 2, der Durchschnitt beträgt 35,1 Prozent. Mitgezählt ist der Arbeitgeberanteil, den der Beschäftigte mit seiner Arbeit ebenso erwirtschaftet. Ein zusätzlicher Verzicht trifft also Haushalte, die im internationalen Vergleich schon viel abgeben.
Den Gürtel enger schnallen gern, aber beim Nachbarn: So klingt Sparbereitschaft, solange niemand sieht, wo das Gesparte ankommt.
Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Versickert das Geld im Apparat?
Der Politik trauen die Befragten wenig zu. Merkliche Erfolge beim Bürokratieabbau der Landesregierung erwarten nur 17 Prozent, 64 Prozent bezweifeln sie, quer durch alle politischen Lager.[1]
Vom Sondervermögen des Bundes für Infrastruktur und Klimaneutralität lösten 2025 laut ifo-Institut rund 95 Prozent der Mittel keine zusätzlichen Investitionen aus, gemessen an 2024. Posten wie Investitionszuschüsse für den Verkehr wanderten aus dem Kernhaushalt in den Sondertopf.[5] Das Geld verschwand nicht, nur die Kasse wechselte. In der Planung hielt die Bundesregierung ihre Vorgabe ein, mindestens 10 Prozent des Kernhaushalts zu investieren, in der Abrechnung lag die Quote laut ifo bei 8,7 Prozent. Den Reformstau löst eine Umbuchung nicht.
Für Unternehmen, die selbst sparen müssen, folgen aus beiden Befunden zwei Regeln:
- Nennen Sie den Nutzen so konkret wie den Verlust, mit Betrag, Termin und Empfänger.
- Sparen Sie zuerst bei der Führungsebene und legen Sie offen, wohin das Gesparte fließt.
Quellen
5 Quellen anzeigenQuellen ausblenden
- Stuttgarter ZeitungUmfrage BaWü-Check: Das sind die größten Sorgen der Menschen in Baden-Württemberg (Ergebnisse des BaWü-Checks im Auftrag der baden-württembergischen Zeitungsverlage)
- Verband Südwestdeutscher Zeitungsverleger28. BaWü-Check: Sorge um Arbeitsplätze
- Amos Tversky, Daniel KahnemanAdvances in Prospect Theory: Cumulative Representation of Uncertainty (Journal of Risk and Uncertainty 5, 1992, englisch)
- OECDTaxing Wages 2026: Germany (Länderbericht, April 2026, PDF, englisch)
- Emilie Höslinger, Max LayZweckentfremdung im SVIK: Eine Zusammenfassung (ifo Schnelldienst 4/2026, 16. April 2026, PDF)
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