Geplant waren rund 300 Tonnen synthetisches Rohöl im Jahr, der Anlagenbauer hat die Pilotanlage im Emsland inzwischen abgebaut. Atmosfair fordert Schadenersatz und will Flugkraftstoff künftig aus Methanol gewinnen.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügen„Wir können jetzt zeigen, dass das Verfahren für strom-basiertes Kerosin funktioniert“, sagte Atmosfair-Geschäftsführer Dietrich Brockhagen im Juni 2024, nach den ersten fünf Tonnen Rohkerosin.[1] Jetzt schreibt die Berliner Klimaschutzorganisation in einem Newsletter, die Anlage in Werlte funktioniere technisch nicht wie geplant. Insgesamt kamen nach Angaben des NDR weniger als zehn Tonnen zusammen.
Das Wichtigste in Kürze
- Seit 2021 lieferte die Anlage unter zehn Tonnen Rohkerosin statt rund 300 Tonnen jährlich.
- Atmosfair ist vom Vertrag mit dem Anlagenbauer zurückgetreten und fordert Schadenersatz.
- Künftig setzt Atmosfair auf Methanol, das die Kraftstoffnorm ASTM D7566 seit Juli 2026 zulässt.
- Ab 2030 schreibt die EU 1,2 % synthetischen Flugkraftstoff vor, eine deutsche Vorab-Quote für 2026 hat der Bundestag gestrichen.
Was ist in Werlte schiefgelaufen?

Die Anlage sollte aus Wind- und Solarstrom, Wasser und Kohlendioxid ein synthetisches Rohöl erzeugen. Ein Elektrolyseur von Siemens Energy spaltete dafür Wasser, das CO₂ stammte überwiegend aus einer Biogasanlage und nur zu rund 2,3 % aus der Luft. Die Fischer-Tropsch-Synthese sollte daraus Kohlenwasserstoffe für die Raffinerie Heide und den Flughafen Hamburg erzeugen.[2]
Die Kernkomponente lieferte die Karlsruher Firma Ineratec.[1] Laut Neuer Osnabrücker Zeitung hat Ineratec die Anlage abgebaut, Atmosfair gehe rechtlich gegen den Hersteller vor. Ineratec hatte das Konzept 2025 gegenüber dem Portal Klimareporter verteidigt: Werlte sei die erste industrielle Power-to-Liquid-Anlage dieser Größenordnung, schwierig sei das Zusammenspiel mehrerer neuer Anlagenteile.
Warum ist strombasiertes Kerosin so schwer herzustellen?
In Werlte liefen mehrere neuartige Anlagenteile erstmals im industriellen Verbund, und jedes hing am vorigen: Ohne stabile Synthese nützten Elektrolyseur und CO₂-Quelle nichts.[2] Dazu verschlang das Verfahren laut Atmosfair über fünfmal so viel Wind- und Solarenergie, wie am Ende im Kerosin steckt.[1]
Brockhagen hatte 2025 gewarnt, Werlte könne wie Choren enden: Der Freiberger Pionier für Kraftstoff aus Holz ging 2011 in die Insolvenz. Geflogen ist Kerosin aus Strom dennoch: Ineratecs Anlage ERA ONE in Frankfurt lieferte im Juni 2026 die Beimischung von 5 % für einen KLM-Passagierflug von Amsterdam nach Hamburg. Zugleich räumt Ineratec ein, dass eine großtechnische Produktion von strombasiertem Flugkraftstoff noch fehlt.[3] Andere Vorhaben sind noch Pläne: Synhelion will in Hürth Kerosin aus Sonnenlicht herstellen, Rheinmetall prüft mit Nel kleine E-Fuel-Anlagen in Norwegen.
Die Quote für 2030 steht im EU-Recht, die Anlagen dafür stehen noch nicht.
Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Zwei Wege zum Kerosin aus Strom
Was bedeutet das für Unternehmen und Dienstreisen?
Atmosfair will nun Methanol zu Kerosin weiterverarbeiten, Pilotprojekte sollen bald starten. Seit dem 30. Juli 2026 erkennt die Kraftstoffnorm ASTM D7566 Methanol als Ausgangsstoff an, beigemischt werden darf höchstens die Hälfte.[4] Denselben Weg geht thyssenkrupp in Duisburg mit einer Pilotanlage für Flugkraftstoff aus Hüttengasen.
Den Zeitplan gibt die EU vor: Seit 2025 müssen 2 % des Kerosins an EU-Flughäfen nachhaltig sein, ab 2030 sind 1,2 % synthetischer Kraftstoff Pflicht, bis 2050 dann 35 %.[5] Eine deutsche Vorab-Quote von 0,5 % strombasiertem Kerosin (PtL) ab 2026 strich der Bundestag im Dezember 2025. Der Luftverkehrsverband BDL begründete das so: „Da PtL nicht vorhanden ist, würde die Quote lediglich zu Strafzahlungen führen.“[6] Die Lufthansa Group erhebt seit Januar 2025 einen Umweltkostenzuschlag von 1 bis 72 € je Flug.[7]
- Rund 60 Firmenkunden kauften Kerosin aus Werlte für Dienstreisen: Getankt wird an einem beliebigen Flughafen, Atmosfair schreibt dem Käufer die Menge rechnerisch gut (Book and Claim).[1] Haben Sie solche Mengen gebucht, fragen Sie gerne nach, aus welcher Anlage sie künftig stammen.
- Planen Sie im Reisebudget ab 2030 Spielraum für höhere Umweltzuschläge ein, denn synthetisches Kerosin ist deutlich teurer als fossiles.[1]
Quellen
7 Quellen anzeigenQuellen ausblenden
- AtmosfairFlugverkehr und Klima: atmosfair produziert erste Mengen an CO₂-neutralem Kerosin (Berlin/Werlte)
- Solarbelt fairfuelPower to Liquid-Anlage in Werlte, Emsland (abgerufen am 20. Oktober 2026)
- IneratecKLM führt einen Demonstrationsflug mit in Deutschland hergestelltem synthetischem Kerosin durch (Amsterdam/Hamburg)
- Fraunhofer ISE über idwMethanol als Rohstoff für nachhaltigen Flugkraftstoff qualifiziert
- Europäische KommissionReFuelEU Aviation (abgerufen am 20. Oktober 2026, englisch)
- Bundesverband der Deutschen LuftverkehrswirtschaftLuftverkehrswirtschaft begrüßt Abschaffung der nationalen PtL-Quote
- Lufthansa GroupLufthansa Group führt Umweltkostenzuschlag ein
Mehr Newshunger?
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