thyssenkrupp macht aus dem größten Klimaproblem seiner Stahlwerke einen Rohstoff für die Luftfahrt. In Duisburg entsteht eine Pilotanlage, die CO2 aus Hüttengasen über Methanol in Flugkraftstoff verwandelt. Eine neue internationale Kraftstoffnorm macht genau diesen Weg seit Ende Juli zulässig und verschiebt die Frage, ob sich Industrie-CO2 besser vergraben oder verwerten lässt.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenMit dem Forschungsverbund Carbon2Chem zieht thyssenkrupp seit zehn Jahren Chemierohstoffe aus Stahlwerksabgasen. Jetzt fällt die Investitionsentscheidung für eine Pilotanlage in Duisburg, die daraus nachhaltigen Flugkraftstoff (SAF) herstellt.[2] Möglich wird der Schritt erst durch eine Kraftstoffnorm, die seit Ende Juli Methanol als Ausgangsstoff für Kerosin zulässt.
Das Wichtigste in Kürze
- thyssenkrupp hat die Investitionsentscheidung für eine Carbon2Chem-Pilotanlage in Duisburg getroffen, die CO2 aus Hüttengasen über Methanol in Flugkraftstoff umwandelt.
- Die Normungsorganisation ASTM ließ Methanol Ende Juli als Ausgangsstoff für den Alcohol-to-Jet-Pfad zu, mit bis zu 50 Prozent Beimischung zum Kerosin.
- Der Flugverkehr verursacht rund 3 Prozent der menschgemachten CO2-Emissionen, und für die Langstrecke fehlt bislang jede Alternative zum flüssigen Treibstoff.
- Die EU-Quote ReFuelEU Aviation schreibt steigende SAF-Anteile vor und schafft damit den Absatzmarkt für Anlagen wie die in Duisburg.
Wie wird aus Stahlwerksabgas Flugbenzin?

In den Hüttengasen des Hochofens stecken Kohlenmonoxid und CO2, die bislang verbrannt oder ungenutzt abgeblasen werden. Der Verbund fängt diese Gase ab und verbindet sie mit Wasserstoff zu Methanol, dem Zwischenprodukt der ganzen Kette. Aus dem Methanol entsteht über den Alcohol-to-Jet-Pfad ein Kerosin, das sich zu bis zu 50 Prozent unter herkömmlichen Flugtreibstoff mischen lässt und ohne Umbau an Triebwerken oder Tankstellen funktioniert.[1]
Den Ausschlag gab die Norm selbst: Am 30. Juli nahm die ASTM Methanol in die Spezifikation D7566 auf, die weltweit die zugelassenen SAF-Verfahren festlegt.[1] Am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme arbeitet das Projekt SAFari an der Ausbeute dieser Route. „Im SAFari-Projekt entwickeln wir […] ein Verfahren, das […] eine kohlenstoffbasierte SAF-Ausbeute von über 85 Gewichtsprozent anstrebt“, sagt Dr. Elias Frei, Bereichsleiter Wasserstofftechnologien am Fraunhofer ISE.
Vergraben oder verwerten: Was bringt mehr?
Die klassische Antwort auf Industrie-CO2 heißt Abscheidung und Verpressung im Untergrund, doch dieser Weg gilt als teuer und politisch heikel. Heidelberg Materials stoppte gerade sein Vorzeigeprojekt zur CO2-Abscheidung im kanadischen Edmonton. Carbon2Chem dreht die Logik um und macht aus dem Abgas ein verkäufliches Produkt, das keine teure Entsorgung mehr braucht.
Mit dieser Idee steht der Konzern nicht allein: In Hürth plant Synhelion eine Anlage, die Kerosin aus Sonnenlicht gewinnt, ein zweiter Weg zum synthetischen Treibstoff. Der Unterschied liegt im Rohstoff, denn Duisburg verwertet einen Abfallstrom, der ohnehin anfällt.
Die billigste Tonne CO2 ist die, aus der ein Betrieb noch Geld macht. Carbon2Chem verwandelt das Abgas des Hochofens in einen Rohstoff, für den die EU per Beimischungsquote schon den Käufer bestellt hat.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was heißt das für Entscheider?
Den Absatzmarkt schreibt Brüssel vor: Die Verordnung ReFuelEU Aviation verpflichtet die Airlines seit 2025 zu 2 Prozent nachhaltigem Treibstoff, ab 2030 sind 6 Prozent Pflicht, bis 2050 steigt die Quote auf 70 Prozent. Eine gesonderte Unterquote für synthetische E-Fuels greift ab 2030 und trifft genau die Kategorie, in die Methanol-SAF fällt.
Für energieintensive Betriebe wird der eigene CO2-Strom damit zur Rechengröße. Ein Werk, das seine Abgase heute abbläst, verschenkt einen Rohstoff, den der Gesetzgeber Jahr für Jahr knapper und teurer macht. Für die Langstrecke bleibt flüssiger Kraftstoff ohnehin gesetzt, denn dort setzt selbst Airbus auf Sprit statt Wasserstoff.
Warum die neue ASTM-Norm und die EU-Quote das Verfahren aus Duisburg rechnen lassen.
Für die nächste Klimainvestition taugt die Duisburger Anlage als Prüfstein. Betreiber erfassen dafür zuerst ihre CO2- und Abwärmequellen und klären dann, ob sich der Abfallstrom in ein verkäufliches Produkt verwandeln lässt, bevor die teure Abscheidung und Verpressung ansteht.
Quellen
[1] Fraunhofer ISE: „Methanol als Rohstoff für nachhaltigen Flugkraftstoff qualifiziert“ (Presseinformation, 4. September 2026)
[2] thyssenkrupp: „Zehn Jahre Carbon2Chem: vom Forschungsprojekt zur Blaupause für klimaneutrale Industrie“
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