Die CO2-Abscheidung an Heidelberg Materials’ Zementwerk in Edmonton sollte über eine Million Tonnen CO2 im Jahr einfangen und Ende 2026 anlaufen. Jetzt liegt das rund 844 Millionen Euro schwere Projekt auf Eis, weil der CO2-Preis in Kanada zu niedrig bleibt. Der Fall zeigt Entscheidern, wie stark selbst ausgereifte Klimatechnik am Preis für eine Tonne CO2 hängt.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenEine erfolgreich getestete CO2-Abscheidung, eine zugesagte Bundesförderung von rund 171 Millionen Euro, ein fertiges Werk bis Ende 2026: Auf dem Papier stand der Konzern in Edmonton kurz vor dem Ziel. Gestoppt hat den Bau am Ende keine Technik, sondern eine Zahl an der Emissionsbörse.
Das Wichtigste in Kürze
- Heidelberg Materials stoppt in Edmonton den Bau seiner CO2-Abscheidung, das mit rund 844 Millionen Euro größte CCS-Vorhaben des Konzerns.
- Grund ist der zu niedrige CO2-Preis: In Kanada kostet eine Tonne rund 28 Euro, kalkuliert hatte der Konzern mit rund 105 Euro bis 2030.
- Die Anlage sollte über eine Million Tonnen CO2 pro Jahr einfangen und zum nahen Wabamun Carbon Hub leiten.
- In der EU liegt der CO2-Preis bei rund 75 Euro und steigt weiter; genau das hält die Schwester-Anlage in Brevik am Laufen.
Warum stoppt Heidelberg Materials die Anlage?

Heidelberg Materials stoppt den Bau in Edmonton, weil sich die CO2-Abscheidung beim aktuellen Preis nicht rechnet. Die Kalkulation setzte auf einen kanadischen Industrie-CO2-Preis von rund 105 Euro je Tonne bis 2030. Am offenen Markt kostet ein Zertifikat derzeit nur etwa 28 Euro, und der weitere Preispfad ist politisch unsicher.
Schon die jüngsten Quartalszahlen zeigten, wie der CO2-Preis auf die Zementmarge drückt. Nun trifft dieselbe Rechnung ein einzelnes Großprojekt. Kommunikationschef Jeff Seig von Heidelberg Materials Nordamerika begründet den Schritt damit, man prüfe „regelmäßig Projektanforderungen, den Bedarf an externer Unterstützung und die Verteilung der Mittel, um verantwortungsvoll mit dem Kapital von Unternehmen und Aktionären umzugehen“.
Die kanadische Regierung hatte 2023 eine Förderung von rund 171 Millionen Euro zugesagt, eine erste Tranche floss bereits.[1] An der Börse folgte der Ausverkauf, die Aktie fiel auf ein Jahrestief von 154,40 Euro.
Warum bleibt Zement ohne Abscheidung ein Klimaproblem?
Zement lässt sich ohne CO2-Abscheidung kaum klimaneutral herstellen, weil rund zwei Drittel der Emissionen chemisch beim Brennen entstehen. Beim Erhitzen von Kalkstein spaltet sich Kalziumkarbonat in Branntkalk und CO2. Dieses Prozess-CO2 verschwindet weder durch Ökostrom noch durch einen Brennstoffwechsel.
Technisch ist der Weg erprobt: thyssenkrupp hat gerade die weltweit erste Oxyfuel-Anlage in einem Zementwerk eingeweiht, und Heidelbergs eigenes Werk im norwegischen Brevik läuft seit 2025 als erste industrielle CCS-Zementanlage.[2] Auch der Pilot in Edmonton lief erfolgreich. Am Ende entscheidet trotzdem die Wirtschaftlichkeit.
Heidelberg Materials hat die Technik im Griff, nur nicht den CO2-Preis. Scheitert schon ein ausgereiftes Projekt in Kanada an dieser Zahl, wird der verlässliche EU-Emissionshandel zum härtesten Standortvorteil, den Europa gerade zu bieten hat.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Heidelberg Materials stoppt sein größtes CCS-Projekt, weil der CO2-Preis in Kanada die Kosten nicht deckt.
Der CO2-Preis je Tonne im Vergleich
Was bedeutet der Stopp für Europas Klimapolitik?
Für Europas Industrie ist Edmonton ein Lehrstück über Planungssicherheit: Der EU-Emissionshandel liefert genau das Preissignal, das in Kanada fehlt. Eine Tonne CO2 kostet in der EU rund 75 Euro, und der Preis steigt strukturell weiter.
Von 2026 bis 2034 laufen die kostenlosen Zertifikate für die Zementindustrie aus, parallel greift der Grenzausgleich CBAM auf Importe. Dieses verlässliche Preissignal macht Abscheidung in Europa rechenbar, während sie in Kanada am unsicheren Pfad scheitert.
Zugleich reiht sich der Fall in ein Muster: thyssenkrupp nucera stoppte gerade die Serienfertigung seiner Elektrolyseure, Microsoft kürzte den Einkauf von CO2-Entnahmen deutlich. Klimatechnik skaliert dort, wo ein Preis oder eine Pflicht sie wirtschaftlich macht. Die reine Technikreife genügt nicht.
Für Europas Industrie taugt Edmonton als Warnung und als Chance zugleich. Die Technik steht bereit, der Engpass ist der Preispfad, und den liefert die EU derzeit verlässlicher als Nordamerika. Für Zulieferer, Bauherren und Investoren heißt das konkret: Projekte an den ETS-Pfad und den CBAM-Fahrplan koppeln, nicht an bloße Absichtserklärungen.
Quellen
[1] Heidelberg Materials: „Funding Commitment from Government of Canada in Support of its Edmonton CCUS Project“
[2] Heidelberg Materials: „World premiere: CCS cement facility opens in Norway“
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