Seit dem ersten Januar 2026 kostet an der EU-Außengrenze erstmals das Kohlendioxid, das in importiertem Zement steckt. Zur selben Zeit beginnt für die europäischen Zement- und Kalkwerke ein Entzug, denn die kostenlosen Verschmutzungsrechte, die sie zwei Jahrzehnte lang schützten, laufen schrittweise aus. Hinter beidem steht ein unscheinbares Gestein, das buchstäblich ganze Gebirge bildet und trotzdem zum Klimaproblem des Bauens geworden ist.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenKalk ist der stille Grundstoff der Zivilisation. Er steckt in jedem Betonpfeiler und in jeder Tonne Stahl, er reinigt das Trinkwasser und den Zucker, er bindet den Schwefel aus dem Kraftwerksabgas. Kaum ein anderer Rohstoff ist so allgegenwärtig und wird so selten bemerkt.
Seine schlechte Presse verdankt der Kalk einer einzigen chemischen Reaktion. Beim Brennen zerfällt der Kalkstein und setzt Kohlendioxid frei, ganz gleich, wie sauber der Ofen heizt. Genau dieser unvermeidbare Rest macht ihn zum Prüfstein jeder ehrlichen Klimapolitik.
Das Wichtigste in Kürze
- CO2-Grenzausgleich: Seit dem 1. Januar 2026 zahlen Zementimporte an der EU-Grenze einen CO2-Aufschlag, zugleich schrumpfen die kostenlosen Zertifikate der Werke bis 2034.
- Die Zementbranche verursacht rund acht Prozent der weltweiten CO2-Emissionen, fast dreimal so viel wie der gesamte Luftverkehr.
- Beim Brennen einer Tonne Branntkalk entstehen rund 750 Kilogramm CO2, und etwa zwei Drittel davon lassen sich durch keinen Ofen vermeiden.
- China brennt seit Jahren mehr als die Hälfte des Zements der Welt, Deutschland deckt seinen Kalkbedarf dagegen komplett aus heimischen Vorkommen.
- Einen gleichwertigen und ähnlich billigen Ersatz für Kalk im tragenden Beton gibt es bis heute nicht.
Bluff oder Wissen? Der Kalk-Check
1Woraus besteht Kalkstein ursprünglich?Aufklappen ↓
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2Wie viel CO2 entsteht bei der Herstellung von einer Tonne Branntkalk?Aufklappen ↓
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3Welches Land stellt mehr als die Hälfte des weltweiten Zements her?Aufklappen ↓
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4Wie hoch ist der Anteil der Zementindustrie an den weltweiten CO2-Emissionen?Aufklappen ↓
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5Was machte den römischen Beton so unverwüstlich?Aufklappen ↓
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Was ist Kalk und wie entsteht das weiße Gestein?
Chemisch ist Kalkstein fast reines Calciumcarbonat, die Verbindung aus Kalzium, Kohlenstoff und Sauerstoff mit der Formel CaCO3. Was so nüchtern klingt, ist in Wahrheit ein Friedhof. Der größte Teil des Kalksteins besteht aus den Schalen und Skeletten winziger Meereslebewesen, die über viele Millionen Jahre auf den Meeresgrund sanken und sich dort zu Fels verdichteten.
Die Schwäbische Alb, aus der ein Großteil des deutschen Kalks stammt, war einmal ein tropisches Meer. Vor rund 150 Millionen Jahren wuchsen hier Schwämme und Korallen, deren Kalkgerüste heute als Gebirge über Baden-Württemberg aufragen. Auf einer Wanderung über die Alb läuft man heute über einen versteinerten Meeresboden.
Nicht jeder Kalkstein ist gleich. Für den gebrannten Kalk der Industrie braucht es besonders reines Gestein mit einem Kalziumcarbonat-Gehalt von über 98,5 Prozent, und solche Lagerstätten sind seltener als der Name Kalk vermuten lässt. Allein auf der Schwäbischen Alb wird dieser Hochreinkalk an rund einem Dutzend Standorten abgebaut, wobei die reinen Partien mühsam vom tonigen Gestein getrennt werden müssen.
Am Nachschub mangelt es trotzdem nie. Kalkstein zählt zu den häufigsten Sedimentgesteinen der Erde und bildet ganze Landschaften, vom Kreidefelsen auf Rügen bis zu den Dolomiten. Die bekannten Vorräte reichen nach menschlichen Maßstäben praktisch unbegrenzt.
Nutzbar wird das Gestein erst durch Feuer. Erhitzt man Kalkstein auf über 900 Grad, entweicht das im Carbonat gebundene Kohlendioxid, und zurück bleibt gebrannter Kalk, das reaktive Calciumoxid. Diese Umwandlung ist eine der ältesten chemischen Reaktionen, die Menschen bewusst beherrschten.
Wer brannte den ersten Kalk und wie wurde er zum Baustoff der Welt?

Das Kalkbrennen gehört zu den ältesten Handwerken der Menschheit. Schon in der Jungsteinzeit strichen Menschen gebrannten und gelöschten Kalk als Putz auf Wände und Böden, lange bevor sie Metalle verarbeiteten. Der Kalkofen war damit einer der ersten chemischen Reaktoren der Geschichte.
Zur vollen Blüte brachten das Verfahren die Römer. Um 200 vor Christus mischten sie gebrannten Kalk mit vulkanischer Asche aus der Gegend von Pozzuoli bei Neapel und erhielten so ein Bindemittel, das sogar unter Wasser aushärtete. Dieses opus caementicium, der römische Beton, machte Kuppeln, Häfen und Aquädukte erst möglich.
Die Kalkbrenner, im Lateinischen Magister Calcariarum, hielten ihre Öfen bei rund tausend Grad in Gang und lieferten den Stoff für ein ganzes Imperium. Bauwerke wie das Pantheon in Rom stehen nach fast zweitausend Jahren noch immer, und Forscher entdeckten, dass der antike Beton kleine Risse selbst wieder verheilt.
Mit dem Untergang Roms geriet ein Teil dieses Wissens in Vergessenheit und wurde erst nach und nach neu erschlossen. Den entscheidenden Sprung in die Moderne brachte 1824 der Engländer Joseph Aspdin, der den Portlandzement zum Patent anmeldete und damit die Grundlage des heutigen Massenbaustoffs legte.
In Deutschland wuchs die Kalkindustrie mit der Industrialisierung im Rheinland, im Harz und entlang der Schwäbischen Alb. Wo immer reines Gestein an die Oberfläche trat, entstanden Steinbrüche und Öfen, und viele dieser Standorte arbeiten bis heute.
Wie hat Kalk die Weltkarte verändert?

Bei den meisten Rohstoffen beginnt die Geopolitik mit der Knappheit. Öl liegt unter wenigen Wüsten, Kobalt fast nur im Kongo, seltene Erden vor allem in China. Beim Kalk ist es genau umgekehrt, denn er liegt fast überall, und gerade diese Fülle verschiebt den Konflikt auf ein anderes Feld.
Nicht das Gestein ist umkämpft, sondern das Recht, es zu verbrennen. Weil beim Brennen zwangsläufig Kohlendioxid frei wird, hängt am Kalk die schwierigste Frage der Klimapolitik, und die europäische Union hat daraus ein handfestes Machtinstrument geschmiedet.
Der europäische Emissionshandel zwingt jedes Zement- und Kalkwerk, für seine Tonnen CO2 zu bezahlen. Damit die Produktion nicht einfach in Länder ohne solche Kosten abwandert, führte die EU zum ersten Januar 2026 den CO2-Grenzausgleich ein, der importierte Ware mit demselben Preis belegt.
Zement steht auf der ersten Liste dieses Grenzausgleichs, neben Stahl, Aluminium und Düngemitteln. Die Sorge dahinter trägt einen eigenen Namen, das Carbon Leakage, also die Angst, dass strenge Klimaregeln nur die Fabriken vertreiben und das CO2 anderswo in die Luft geht.
Dass es dabei um viel geht, zeigt ein einziger Vergleich. China verbaute in nur drei Jahren mehr Zement als die USA im gesamten zwanzigsten Jahrhundert, und die weltweite Zementbranche steht heute für rund acht Prozent aller CO2-Emissionen. Der unscheinbare Kalk ist damit ein Schwergewicht der Weltpolitik.
Warum ist Kalk für die Weltwirtschaft so wichtig?

Die Zahlen des Baustoffs sind schwer zu fassen. Jährlich brennt die Welt rund vier Milliarden Tonnen Zement, und in fast jedem davon steckt gebrannter Kalk. Kein anderer künstlicher Werkstoff wird in solchen Mengen hergestellt, Wasser einmal ausgenommen.
Der Kalk reicht aber weit über den Bau hinaus. Etwa ein Drittel des gesamten Branntkalks geht in die Eisen- und Stahlindustrie, wo 40 bis 60 Kilogramm je Tonne Rohstahl die Schmelze von Schwefel und anderen Stoffen reinigen. Ohne Kalk gäbe es keinen bezahlbaren Stahl.
Anders als Öl oder Getreide reist Kalk selten um die Welt. Das Gestein ist schwer und im Verhältnis zum Gewicht billig, also lohnt sich ein weiter Transport kaum. Deutschland deckt seinen Bedarf mit rund 6,4 Millionen Tonnen Branntkalk im Jahr vollständig aus heimischen Steinbrüchen.
Gerade diese Nähe macht die Abhängigkeit unsichtbar, bis etwas ins Stocken gerät. Fällt der Kalk aus, steht nicht nur der Rohbau still, sondern auch das Wasserwerk, die Zuckerfabrik und die Rauchgasreinigung des Kraftwerks. Der Stoff ist ein Knotenpunkt ganzer Industrieketten.
Zum wirtschaftlichen Faktor wird der Kalk inzwischen auch über den CO2-Preis. Da jede Tonne Zement in Deutschland im Schnitt 587 Kilogramm CO2 freisetzt, hängt an jedem Sack Zement ein wachsender Klimapreis, der sich durch die gesamte Baukette zieht.
In welchen Produkten steckt Kalk und was verschwindet ohne ihn?

Die meisten Menschen begegnen dem Kalk täglich, ohne es zu ahnen. Er steckt in der Hauswand aus Beton und im Stahlträger, im weißen Papier und in der deckenden Wandfarbe, sogar in der Zahnpasta als mildes Schleifmittel. Kaum ein Gang durch den Alltag kommt ohne ihn aus.
Besonders überraschend ist seine Rolle in der Nahrung. In der Zuckerfabrik binden 20 bis 25 Kilogramm Kalk je Tonne Rüben die Schmutzstoffe aus dem Rohsaft, bevor der Kalk wieder herausgefiltert wird. Auch ein großer Teil des deutschen Trinkwassers wird mit Kalk entsäuert und geklärt.
Im Verborgenen schützt Kalk sogar die Luft. In vielen Kohle- und Müllkraftwerken bindet er den giftigen Schwefel aus dem Rauchgas, bevor es durch den Schornstein zieht. Was einst den sauren Regen verursachte, wird so chemisch unschädlich gemacht.
Damit stellt sich die entscheidende Frage, was bei einem Ausfall wirklich wegbräche. Für tragenden Beton gibt es bis heute keinen gleichwertigen und ähnlich günstigen Ersatz, und ohne Kalk ließe sich auch kein Stahl im großen Maßstab läutern. Diese Anwendungen sind nicht verhandelbar.
An anderer Stelle wäre der Verlust dagegen zu verschmerzen. Als Füllstoff in Papier oder Farbe lässt sich Kalk durch andere Mineralien ersetzen, wenn auch zu höherem Preis. Der harte Kern seiner Unentbehrlichkeit liegt also in Bau, Stahl und Grundversorgung.
Wie setzt sich der Preis eines Kubikmeters Beton zusammen?

Beton wirkt wie ein billiges Massengut, und im Vergleich zu vielen Werkstoffen ist er das auch. Doch der Preis je Kubikmeter setzt sich aus mehreren Posten zusammen, deren Gewichte sich gerade stark verschieben. Der teuerste Einzelposten ist der Zement und damit der gebrannte Kalk darin.
Den größten Volumenanteil stellen Sand und Kies, die Zuschlagstoffe. Sie sind je Tonne günstig, aber schwer, und werden deshalb möglichst nah am Werk gewonnen. Ihr Preis hängt weniger am Rohstoff als an der Logistik.
Der eigentliche Kostentreiber sitzt im Ofen. Ein Zementofen läuft dauerhaft bei rund 1.450 Grad, und diese Hitze verschlingt große Mengen Brennstoff. Auf die Energie setzt sich der Preis der CO2-Zertifikate obendrauf, der bei rund 70 Euro je Tonne CO2 liegt.
Genau dieser Posten wächst am schnellsten. Vor zehn Jahren war das CO2 für die Werke praktisch kostenlos, weil sie ihre Zertifikate geschenkt bekamen. Mit dem Auslaufen dieser Gratiszuteilung ab 2026 wandert der Klimapreis Stück für Stück in den Endpreis.
Am Ende zahlt ihn der Bauherr, meist ohne es zu merken. Zwischen Werk und Baustelle liegen noch Transport und Betonpumpe, denn Frischbeton hält nur wenige Stunden. Die folgende Aufschlüsselung zeigt die grobe Größenordnung der Herstellkosten.
Wer verdient an Kalk und wer zahlt drauf?

Das große Geld im Kalkgeschäft verdienen wenige Konzerne. Der Schweizer Riese Holcim setzte zuletzt rund 27 Milliarden Franken um und hält etwa zwölf Prozent des Weltmarkts, gefolgt vom deutschen Heidelberg Materials mit über 20 Milliarden Euro. Beim reinen Kalk führt der belgische Anbieter Lhoist das Feld.
Ein gutes Jahrzehnt lang profitierten diese Konzerne von einer stillen Zusatzquelle. Weil sie ihre CO2-Zertifikate zunächst geschenkt bekamen, die gestiegenen CO2-Kosten aber trotzdem in die Preise einrechneten, blieb ihnen die Differenz. Studien beziffern diese Zusatzgewinne europaweit auf Milliarden.
Draufzahlen tun am Ende andere. Die Kosten des Klimapreises tragen die Bauherren und über die Mieten am Ende die Bewohner, und wo Steinbrüche wachsen, tragen Anwohner Staub, Lärm und eine veränderte Landschaft.
Kalk ist der einzige Rohstoff, bei dem uns nicht das Material ausgeht, sondern die Erlaubnis, es zu nutzen. Wir verhandeln hier nicht über einen Bodenschatz, sondern über die Frage, wer für ein unvermeidbares Gramm CO2 bezahlt.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Der klassische Ressourcenfluch, der ölreiche Länder ärmer macht, greift beim Kalk gerade nicht. Weil das Gestein billig und überall verfügbar ist, entsteht keine Rente, um die sich Eliten streiten. Die Verteilungsfrage verlagert sich vom Boden auf das Klimakonto.
Wie mächtig ist die Kalk- und Zementlobby?

Hinter dem grauen Baustoff steht eine gut organisierte Interessenvertretung. Der Verein Deutscher Zementwerke und der Bundesverband der Deutschen Kalkindustrie sprechen in Berlin und Brüssel mit hörbarer Stimme, denn ihre Werke sichern Zehntausende Arbeitsplätze.
Ihr größter Erfolg war lange die kostenlose Zuteilung der CO2-Zertifikate. Diese Gratisrechte waren faktisch eine Subvention in Milliardenhöhe, begründet mit dem Schutz vor der Abwanderung ins Ausland. Erst der neue Grenzausgleich soll diese Krücke ersetzen.
Auch in der Sprache ist die Branche geschickt. Zement gilt als unverzichtbar, klimafreundlichere Rezepturen werden als Brückentechnologie vermarktet, und die Abscheidung von CO2 erscheint als das große Versprechen der Zukunft. Ob die Technik rechtzeitig im großen Maßstab läuft, bleibt offen.
Zwischen politischem Ziel und Wirklichkeit klafft dabei oft eine Lücke. Der Abbau der Gratiszertifikate wurde über Jahre immer wieder verschoben, und noch bis 2034 fließen sie in schrumpfender Menge. Die Branche hat also Zeit gewonnen.
In Deutschland kommt der Schutz vor hohen Energiepreisen hinzu. Als energieintensive Industrie erhalten Zement- und Kalkwerke Entlastungen bei Strom- und CO2-Kosten, die ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit stützen. Die Verhandlungen darüber laufen nie ganz aus.
Wie kommt das Bauen vom CO2 des Kalks los?

Der einfachste Hebel liegt in der Rezeptur. Ersetzt man einen Teil des Zementklinkers durch Hüttensand, Flugasche oder gebrannten Ton, sinkt der CO2-Ausstoß je Kubikmeter deutlich. Diese Mischzemente sind erprobt und schon heute im Einsatz.
Ein zweiter Weg führt über den Kreislauf. Alter Beton lässt sich zu Recyclingbeton aufbereiten, und ausgehärteter Beton nimmt über seine Lebensdauer sogar wieder etwas CO2 aus der Luft auf. Diese Aufnahme, die Karbonatisierung, macht einen Teil des Schadens langsam wett.
Für den unvermeidbaren Rest bleibt nur, das CO2 direkt am Ofen zu fangen. Im Juli 2026 stellte das Fraunhofer-Institut IKTS in Hermsdorf das Projekt Green Lime vor, das den Kohlenstoff aus der Kalkherstellung mit grünem Wasserstoff in nutzbare Stoffe umwandelt. Der industrielle Maßstab steht noch aus.
Die Kalkindustrie selbst hat sich ein weites Ziel gesetzt. Bis 2045 sollen ihre Werke klimaneutral arbeiten, und weil frischer Kalk CO2 aus der Luft bindet, träumt die Branche sogar davon, vom Verursacher zur Senke zu werden.
Ganz ohne Kalk wird das Bauen dennoch nicht auskommen. Holz ersetzt ihn im Wohnungsbau in Teilen, doch für Fundamente, Brücken und Hochhäuser fehlt der gleichwertige Werkstoff. Der Ausstieg ist deshalb kein Ersatz, sondern ein langer Umbau.
Was bedeutet der CO2-Grenzausgleich 2026 für Deutschland?

Damit schließt sich der Kreis zum Jahresbeginn. Seit dem ersten Januar 2026 zahlen Zementimporte an der EU-Grenze einen CO2-Aufschlag, und zugleich schrumpft die kostenlose Zuteilung für die heimischen Werke bis 2034 auf null. Für die deutsche Kalk- und Zementindustrie ist das die größte Zäsur seit Jahrzehnten.
Für Bauherren und Mieter heißt das zunächst steigende Kosten. Bei einem CO2-Preis um 70 Euro je Tonne schlägt der Klimaanteil je Tonne Zement bereits mit rund 40 Euro zu Buche, und dieser Betrag wandert Schritt für Schritt in Beton, Rohbau und am Ende in die Miete.
Für die Industrie steht mehr auf dem Spiel als der Zementpreis. Weil Kalk auch in Stahl, Glas und Chemie steckt, verteuert der CO2-Preis eine ganze Kette heimischer Produkte und stellt die Frage nach ihrer internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Der Grenzausgleich soll genau das abfedern.
Die Politik steckt in einem Zielkonflikt. Berlin und Brüssel wollen Klimaschutz und Industriearbeitsplätze zugleich sichern, weshalb der Emissionshandel voller Ausnahmen und Übergangsfristen ist. Kritiker halten die Maßnahmen für zu zaghaft, andere für zu teuer.
Für die kommenden Jahre lassen sich drei Szenarien denken. Im optimistischen Fall bringen Mischzemente und CO2-Abscheidung den Ausstoß rasch nach unten, im realistischen Fall steigen die Baukosten spürbar, aber beherrschbar, und im pessimistischen Fall wandert Produktion ab, während der Grenzausgleich sie nur teilweise hält.
Wer heute baut oder plant, kann trotzdem handeln. Verbraucher fragen beim Neubau gezielt nach klimafreundlichem Beton und prüfen Sanierung statt Abriss, Unternehmen sichern sich früh ihren Status als zugelassener CBAM-Anmelder und kalkulieren den steigenden CO2-Preis von vornherein ein. Der Kalk bleibt unverzichtbar, sein Preis wird ehrlicher.
Glossar: 12 wichtige Fachbegriffe rund um den Kalk

Calciumcarbonat
Calciumcarbonat ist der chemische Hauptbestandteil von Kalkstein mit der Formel CaCO3. Aus ihm bestehen Kreide, Marmor und Muschelschalen gleichermaßen, und beim Erhitzen zerfällt er in gebrannten Kalk und Kohlendioxid.
Branntkalk
Branntkalk entsteht, wenn Kalkstein bei über 900 Grad gebrannt wird und sein Kohlendioxid abgibt. Das zurückbleibende Calciumoxid ist stark reaktiv und dient als Bindemittel, in der Stahlreinigung und in der Umwelttechnik.
Löschkalk
Löschkalk ist das Produkt aus Branntkalk und Wasser, chemisch Calciumhydroxid. Er ist die Grundlage von Kalkmörtel und Kalkputz und härtet aus, indem er langsam wieder Kohlendioxid aus der Luft aufnimmt.
Zementklinker
Zementklinker ist der bei rund 1.450 Grad gebrannte Kern des Zements. Seine Herstellung verursacht den größten Teil der CO2-Emissionen, weshalb ein geringerer Klinkeranteil der wichtigste Hebel für klimafreundlicheren Zement ist.
Opus caementicium
Opus caementicium heißt der römische Beton aus gebranntem Kalk, Vulkanasche und Zuschlägen. Er härtete sogar unter Wasser aus und ermöglichte Bauwerke wie das Pantheon, dessen Kuppel bis heute steht.
Puzzolan
Puzzolan ist ein vulkanisches Gestein, benannt nach der Stadt Pozzuoli bei Neapel. Mit gebranntem Kalk bildet es ein wasserfestes Bindemittel und ist der Grund für die außergewöhnliche Haltbarkeit des römischen Betons.
Emissionshandel
Emissionshandel bezeichnet das europäische System, in dem Industrieanlagen für jede Tonne ausgestoßenes CO2 ein Zertifikat vorweisen müssen. Der Preis dieser Zertifikate macht den CO2-Ausstoß der Kalk- und Zementwerke zu einem echten Kostenfaktor.
CBAM
CBAM steht für den CO2-Grenzausgleichsmechanismus der EU. Seit 2026 verlangt er für importierte Waren wie Zement denselben CO2-Preis, der auch für europäische Hersteller gilt, um die Abwanderung der Produktion zu verhindern.
Carbon Leakage
Carbon Leakage beschreibt die Gefahr, dass strenge Klimaregeln die Produktion nur ins Ausland verdrängen, ohne das CO2 zu senken. Der Schutz davor war lange die Begründung für die kostenlose Zuteilung von Zertifikaten.
Rauchgasentschwefelung
Rauchgasentschwefelung ist ein Verfahren, bei dem Kalk den giftigen Schwefel aus den Abgasen von Kraftwerken bindet. Sie war eine der wichtigsten Antworten auf den sauren Regen der 1980er Jahre.
Karbonatisierung
Karbonatisierung meint die langsame Aufnahme von Kohlendioxid durch ausgehärteten Beton über seine Lebensdauer. Ein Teil des bei der Zementherstellung frei gewordenen CO2 kehrt dadurch mit der Zeit wieder in das Bauwerk zurück.
Hochreinkalk
Hochreinkalk ist Kalkstein mit einem Calciumcarbonat-Gehalt von über 98,5 Prozent. Nur solches Gestein eignet sich für die anspruchsvollsten Anwendungen, weshalb reine Lagerstätten wie auf der Schwäbischen Alb besonders wertvoll sind.
FAQ: Kalk: Der Rohstoff hinter dem CO2-Problem des Bauens

Warum ist Kalk ein Problem für das Klima, obwohl er überall vorkommt?
Nicht die Menge ist das Problem, sondern die Chemie. Beim Brennen zerfällt der Kalkstein und setzt Kohlendioxid frei, rund 750 Kilogramm je Tonne Branntkalk. Etwa zwei Drittel davon stecken im Gestein selbst und lassen sich durch keinen noch so sauberen Ofen vermeiden.
Was ändert sich 2026 durch den CO2-Grenzausgleich für Zement?
Seit dem 1. Januar 2026 müssen Importeure von Zement an der EU-Grenze einen CO2-Aufschlag zahlen, zunächst anteilig und bis 2034 steigend. Gleichzeitig laufen die kostenlosen CO2-Zertifikate für europäische Werke aus. Beides zusammen verteuert den Klimaanteil im Baustoff spürbar.
Gibt es einen Ersatz für Kalk und Zement im Bau?
Für tragende Bauteile wie Fundamente, Brücken und Hochhäuser gibt es bis heute keinen gleichwertigen und ähnlich günstigen Ersatz. Holz kann Zement im Wohnungsbau in Teilen ersetzen, und Mischzemente senken den Klinkeranteil, doch ganz ohne Kalk kommt das moderne Bauen nicht aus.
Wie viel CO2 verursacht die Zementindustrie weltweit?
Die Zementbranche steht für rund acht Prozent der globalen CO2-Emissionen, fast dreimal so viel wie der gesamte Luftverkehr. Mehr als die Hälfte des Zements der Welt wird in China gebrannt, das in wenigen Jahren mehr davon verbaut hat als die USA im ganzen 20. Jahrhundert.
Ist Deutschland beim Kalk vom Ausland abhängig?
Nein. Deutschland deckt seinen Bedarf mit rund 6,4 Millionen Tonnen Branntkalk im Jahr vollständig aus heimischen Vorkommen, vor allem aus der Schwäbischen Alb, dem Rheinland und dem Harz. Anders als bei Öl oder seltenen Metallen gibt es hier keine Importabhängigkeit.
Kann Beton klimafreundlich werden?
Teilweise ja. Mischzemente mit Hüttensand oder gebranntem Ton senken den CO2-Ausstoß, Recyclingbeton spart Rohstoff, und ausgehärteter Beton nimmt über die Jahre wieder etwas CO2 auf. Für den unvermeidbaren Rest setzt die Branche auf die Abscheidung des CO2 direkt am Ofen, die aber noch nicht im großen Maßstab läuft.
Quellen
Umweltbundesamt (UBA) | Dekarbonisierung der Kalkindustrie, Factsheet | https://www.umweltbundesamt.de/system/files/medien/376/dokumente/factsheet_kalkindustrie.pdf | besucht am 25.07.2026
Fraunhofer-Gesellschaft | Green Lime, CO2-Emissionen in der Baustoffindustrie senken | https://www.fraunhofer.de/en/press/research-news/2026/july-2026/green-lime-reducing-carbon-emissions-in-the-construction-materials-industry.html | besucht am 25.07.2026
DEHSt | CBAM verstehen, CO2-Grenzausgleich ab 2026 | https://www.dehst.de/DE/Themen/CBAM/CBAM-verstehen/cbam-verstehen_node.html | besucht am 25.07.2026
BV Kalk (Bundesverband der Deutschen Kalkindustrie) | Rohstoff und Anwendungsgebiete | https://www.kalk.de/rohstoff/anwendungsgebiete/chemische-industrie | besucht am 25.07.2026
Statista | Wichtigste Länder für die Produktion von Zement weltweit | https://de.statista.com/infografik/12772/wichtigste-laender-fuer-die-produktion-von-zement-weltweit/ | besucht am 25.07.2026
LGRB Baden-Württemberg | Hochreine Kalksteine für Weiß- und Branntkalke der Schwäbischen Alb | https://lgrbwissen.lgrb-bw.de/rohstoffgeologie/rohstoffe-des-landes/hochreine-kalksteine-weiss-branntkalke | besucht am 25.07.2026