Die ETS-Reform der EU verspricht der Industrie Milliarden an Gratiszertifikaten, und die Wacker-Aktie sprang prompt zweistellig. Für einen Stromgroßverbraucher wie Wacker Chemie fällt die Entlastung aber kleiner aus, als der Kurs signalisierte. Der Grund steckt im Strompreis.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDie ETS-Reform sollte die europäische Industrie entlasten, und der Aktienmarkt feierte sie als gute Nachricht. Wacker Chemie legte am 17. Juli, dem Tag des Vorschlags, um über elf Prozent zu. Für einen Stromgroßverbraucher bleibt davon wenig übrig.
Das Wichtigste in Kürze
- Die EU-Kommission hat am 17. Juli 2026 eine Reform des Emissionshandels vorgeschlagen und der Industrie zusätzliche Gratiszertifikate im Wert von sechs Milliarden Euro für 2026 bis 2030 in Aussicht gestellt.
- Für Sektoren unter dem CO2-Grenzausgleich CBAM streckt Brüssel den Ausstieg aus der Gratiszuteilung bis 2038.
- Die Wacker-Aktie sprang am Tag des Vorschlags um über elf Prozent, weil Anleger auf sinkende CO2-Kosten setzten.
- Gratiszertifikate senken vor allem die direkten Emissionskosten. Wackers größte Last steckt im Strompreis, und den rührt die Reform kaum an.
Was ändert die EU beim Emissionshandel?

Brüssel verteilt mehr Gratiszertifikate und streckt den Ausstieg, statt den CO2-Preis grundsätzlich zu senken. Die EU-Kommission bremst den Rückgang der verfügbaren Zertifikate und knüpft die kostenlose Zuteilung künftig an nachweisbare Fortschritte bei der Dekarbonisierung.
Für die energieintensive Industrie kommen bis 2030 zusätzliche Gratiszertifikate im Wert von sechs Milliarden Euro hinzu.[1] Für Stahl, Aluminium und Chemie, die unter den CO2-Grenzausgleich CBAM fallen, verlängert Brüssel den Ausstieg aus der Gratiszuteilung bis 2038. Dazu kommen eine neue Industrial Decarbonisation Bank und ein Investment Booster.[1]
Warum bei Wacker davon wenig ankommt
Die größte CO2-Rechnung zahlt Wacker über den Strom, nicht über eigene Schornsteine. Wacker Chemie stellt Polysilizium und Silicone her, beides verschlingt enorme Mengen Strom. Der Löwenanteil der CO2-Kosten entsteht deshalb indirekt, über den CO2-Anteil im Strompreis, den die Kraftwerke an ihre Kunden weiterreichen.[2]
Genau hier greifen Gratiszertifikate nicht. Solche Zertifikate mindern die direkten Emissionen einer Anlage, aber nicht den Strompreis. Für einen Konzern, dessen Fußabdruck am Netz hängt, bleibt der teuerste Hebel unberührt.
Andere energieintensive Betriebe kennen das Muster. Salzgitter baut den Hochofen zum Lichtbogen um, BASF spart in Ludwigshafen 2,3 Milliarden Euro, weil hohe Energiekosten den Standort drücken. Ein paar Gratiszertifikate ändern an dieser Rechnung wenig.
Der Haken: Gratiszertifikate senken nur die direkten Emissionskosten. Der CO2-Anteil im Strompreis, Wackers größte Last, bleibt unberührt.
Der Markt bejubelt die Schlagzeile, die Stromrechnung bleibt. Solange der CO2-Anteil in der Kilowattstunde steckt, ist ein Gratiszertifikat für Wacker nur das halbe Geschenk.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was die Reform für die energieintensive Industrie bedeutet
Ohne billigeren Strom bleibt die Verlagerung ins Ausland eine reale Option. Der Verband der Chemischen Industrie warnt vor den indirekten CO2-Kosten, und BASF-Chef Markus Kamieth beschrieb die Lage der Branche zuletzt als äußerst angespannt. Die Sorge trägt einen Namen: Carbon Leakage, also die Abwanderung der Produktion in Länder mit laxeren Klimaregeln.
Für Entscheider zählt daher weniger die Zahl der Gratiszertifikate als der Strompreis. Wie stark er am CO2-Markt hängt, entscheidet über die Kosten, die keine Gratiszuteilung abfängt.
Die Reform kauft der Industrie Zeit. Den größten Kostenblock aber, den Strom, senkt der Vorschlag nicht.
Quellen
[1] Europäische Kommission: „Commission proposes targeted revision of the EU Emissions Trading System“ (IP/26/1596, 17. Juli 2026)
[2] Verband der Chemischen Industrie (VCI): „Indirekte Kosten der CO2-Bepreisung“
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