Salzgitter übernimmt die Hüttenwerke Krupp Mannesmann (HKM) vollständig und wird damit Alleineigentümer eines der ältesten Stahlstandorte Deutschlands. Der Konzern will die Duisburger Hochöfen durch einen Elektrolichtbogenofen ersetzen. Der grüne Umbau kostet zwei von drei Arbeitsplätzen.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDie HKM-Übernahme durch Salzgitter ist seit dem 8. Juli 2026 besiegelt: An diesem Tag hat der Konzern die Verträge unterschrieben und den Kauf noch am selben Tag abgeschlossen. Aus einem Gemeinschaftswerk dreier Konzerne wird so ein Tochterbetrieb mit klarer Ansage, nämlich weniger Stahl und Personal bei deutlich niedrigerem CO2-Ausstoß. Hinter dem Deal steht ein Muster, das die gesamte europäische Stahlindustrie erfasst hat.
Das Wichtigste in Kürze
- Salzgitter stockt seine bisherigen 30 Prozent an HKM auf 100 Prozent auf und übernimmt die Anteile von thyssenkrupp Steel (50 Prozent) und Vallourec (20 Prozent).
- Die beiden Hochöfen sollen einem Elektrolichtbogenofen weichen, der den CO2-Ausstoß langfristig um bis zu 90 Prozent senkt.
- Die Rohstahlkapazität sinkt von rund fünf auf etwa zwei Millionen Tonnen pro Jahr.
- Bis Ende 2028 schrumpft die Belegschaft von rund 3.000 auf etwa 1.000 Stellen.
Was übernimmt Salzgitter da genau?

HKM betreibt im Duisburger Süden zwei Hochöfen, ein Stahlwerk und Stranggießanlagen und liefert Vorprodukte wie Brammen. Bis dahin gehörte das Werk thyssenkrupp Steel, Salzgitter und dem französischen Röhrenhersteller Vallourec gemeinsam. Nach dem Rückzug beider Partner führt Salzgitter den Standort allein weiter.[1]
„Mit dem Erwerb der Anteile unserer bisherigen Mitgesellschafter stehen wir nun in voller Verantwortung an einem geschichtsträchtigen Standort der Stahlindustrie“, sagt Gunnar Groebler, Vorstandsvorsitzender der Salzgitter AG. Den Ergebniseffekt für 2026 beziffert der Konzern erst mit den Halbjahreszahlen am 11. August.
Warum der Lichtbogenofen den Ausschlag gibt
Im Kern steht ein Technologiewechsel. Ein Hochofen schmilzt Eisenerz mit Koks und stößt dabei große Mengen CO2 aus. Ein Elektrolichtbogenofen schmilzt stattdessen Schrott mit Strom und kommt so auf bis zu 90 Prozent weniger Emissionen.
Genau hier liegt der wunde Punkt. Die Rechnung eines Lichtbogenofens hängt am Strompreis, und der ist in Deutschland hoch. Wie teuer die Veredelung energieintensiver Grundstoffe hierzulande bleibt, führt die Debatte um den Industriestrompreis vor.
Salzgitter kennt das Kalkül aus dem eigenen Haus. Am Stammsitz treibt der Konzern mit dem Projekt SALCOS bereits eine wasserstoffbasierte Anlage voran, ähnlich wie K+S seine Düngemittelproduktion umbaut. Der Schrottweg in Duisburg ist die günstigere und schnellere Variante desselben Ziels.
Die Zahlen zum Umbau
Der Fahrplan
Grüner Stahl entsteht in Duisburg nicht durch Wasserstoff, sondern durch Strompreis und Schrott. Solange beide unsicher bleiben, ist jede Umbaurechnung eine Wette auf die Energiepolitik.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was der Umbau für die Industrie bedeutet
Der Fall HKM ist kein Einzelfall. thyssenkrupp Steel steckt in einer Restrukturierung, die rund 11.000 Stellen kostet, und hat HKM deshalb abgestoßen; die Lieferverträge nach Duisburg laufen bis Ende 2028 aus.[2]
Dass der Strompreis über grünen Stahl entscheidet, hat 2025 ArcelorMittal vorgeführt. Der Konzern hat zwei deutsche Wasserstoffprojekte zurückgegeben und auf 1,3 Milliarden Euro Förderung verzichtet, weil sich die Anlagen nicht gerechnet haben. Dass die grüne Transformation dabei eher Stellen kostet als schafft, zieht sich durch die ganze Branche.
Für Zulieferer verschiebt sich damit die Planungsgrundlage. Betriebe, die Brammen aus Duisburg beziehen, sollten die halbierte Kapazität und das Vertragsende 2028 fest einkalkulieren. Immerhin schützt der CO2-Grenzausgleich CBAM den europäischen Stahl seit 2026 vor Billigimporten und macht die teure Umstellung überhaupt kalkulierbar, ähnlich wie Aurubis mit neuen Recyclinganlagen gegen Überkapazitäten aus China setzt.
Die HKM-Übernahme rettet den Standort, aber nur als kleinere, elektrifizierte Version seiner selbst. Für die deutsche Industrie ist das die realistische Blaupause, nämlich konsolidieren, elektrifizieren und schrumpfen. Ob daraus ein Erfolgsmodell wird, entscheidet sich weniger im Werk als an der Steckdose.
Quellen
[1] Salzgitter AG: „Salzgitter AG acquiring 100 percent of HKM“ ↩
[2] thyssenkrupp Steel: „Key issues paper on new shareholder structure agreed“ ↩