Am Anfang steht ein Drahtring, kaltgezogener Stahl, aufgewickelt wie Garn. Eine Presse staucht den Draht in Sekundenbruchteilen zum Kopf, ein Walzbacken drückt das Gewinde hinein, kein Span fällt dabei ab. So entsteht die meistverbaute Maschinenkomponente der Welt, in Stückzahlen, die niemand mehr einzeln zählt. Folge 2 der Serie „Made in Germany seziert“ nimmt das unscheinbarste Bauteil der Industrie auseinander und prüft am Standort Freiburg, woran die heimische Fertigung tatsächlich hängt.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDas Wichtigste in Kürze
- Die deutsche Schraubenindustrie umfasst rund 50 Hersteller mit etwa 8.000 Beschäftigten und erreichte 2022 einen Rekordumsatz von 4,1 Milliarden Euro. Von einem Niedergang kann keine Rede sein.
- Der Lohnanteil bleibt bei Massenware gering, weil die Kaltumformung hochautomatisiert läuft. Den Ausschlag geben Stahlpreis und Energie, nicht der Tariflohn.
- Industriestrom kostet in Deutschland rund das Doppelte des chinesischen Niveaus. Genau hier sitzt der eigentliche Standortnachteil.
- Die EU verhängte 2025 Antidumpingzölle von bis zu 72,3 Prozent auf Schrauben ohne Kopf aus China, während der Schrauben-Großhandel vor Versorgungslücken warnt.
Was steckt wirklich in einer Schraube?

Eine handelsübliche Sechskantschraube nach DIN besteht fast vollständig aus einem einzigen Rohstoff: Vergütungsstahl oder nichtrostender Stahl, gezogen zu Walzdraht. Dieser Draht macht den größten Brocken der Herstellkosten aus. Die Zerlegung der Schraube ergibt vor allem eine Stahlrechnung, ergänzt um Energie, Oberflächenbeschichtung, Verpackung und Transport. Der reine Fertigungslohn spielt eine kleinere Rolle, als die öffentliche Debatte über den teuren Standort vermuten lässt.
Der Grund liegt im Verfahren. Massenschrauben entstehen durch Kaltumformung, ein spanloses Formen bei Raumtemperatur. Der Draht wird in mehreren Stufen gestaucht, danach walzen zwei Backen das Gewinde hinein, statt zu schneiden. Eine moderne Mehrstufenpresse fertigt mehrere hundert Teile pro Minute, vollautomatisch, rund um die Uhr. Bei dieser Taktung verteilt sich die menschliche Arbeitszeit auf so viele Stück, dass der Lohnkostenanteil je Schraube in den Bereich von Bruchteilen eines Cents sinkt.
Den eigentlichen Druck erzeugt die Energie. Der Industrieverband Massivumformung beziffert den Energiekostenanteil seiner Mitglieder im Normalfall auf vier bis sieben Prozent. In der Hochpreisphase nach 2021 kletterte dieser Anteil auf acht bis vierzehn Prozent. Bei durchschnittlichen Gewinnmargen von gerade einmal anderthalb Prozent, so der Verband, kippt ein Auftrag dadurch schnell ins Defizit. Energie ist für die Schraube kein Nebenposten, sondern der Hebel zwischen Gewinn und Verlust.
Ein Rechenbeispiel macht die Verhältnisse greifbar. Angenommen, eine einfache Schraube kostete im Einkauf zehn Cent. Entfielen davon grob die Hälfte auf Stahl und Vormaterial, ein gutes Zehntel auf Energie und nur ein kleiner Bruchteil auf den direkten Fertigungslohn, dann verschöbe eine Verdopplung des Strompreises die Kalkulation spürbarer als ein um zehn Prozent höherer Tariflohn. Die Zahlen wären ein Modell und keine Werksbilanz, doch die Hebelwirkung zeigt sich auch in jeder echten Kostenrechnung der Branche. Am Lohn anzusetzen dreht am kleinen Rad. Die Energie dagegen ist das große Rad.
Hinzu kommt der Stahl selbst. Walzdraht ist warmgewalztes Vormaterial in Ringform und koppelt die Schraubenkosten direkt an den Stahlmarkt. Schwankt der Drahtpreis, schwankt die gesamte Kalkulation. Die Großhandelspreise für Verbindungselemente stiegen ab dem zweiten Quartal 2021 um zehn Prozent, mit Beginn des Ukraine-Kriegs zeitweise um bis zu 24 Prozent. Dazu wirken der steigende CO2-Preis und der CO2-Grenzausgleich CBAM, der die Emissionen importierten Stahls bepreist. In die Kalkulation einer Schraube fließt heute eine ganze Kette von Klimakosten ein.
Wie wird aus Draht eine fertige Schraube?

Der Weg vom Ring zum fertigen Verbindungselement führt über wenige, präzise getaktete Stufen. Zuerst trennt eine Schere den Draht auf die nötige Länge ab, dann staucht eine Presse den Rohling im sogenannten Stauchen zum Kopf. Ein Stempel formt den Sechskant oder Innenantrieb, ein Walzwerkzeug drückt das Gewinde in den Schaft. Erst wenn besondere Geometrien gefragt sind, kommen spanende Schritte hinzu, etwa um eine Bohrung oder eine Spezialkuppe anzubringen. Bei der Massenschraube bleibt dieser teure Umweg die Ausnahme.
Nach dem Formen folgt die Wärmebehandlung. Vergütungsstahl wird gehärtet und angelassen, damit die Schraube ihre Festigkeitsklasse erreicht, ablesbar an Kennzahlen wie 8.8 oder 10.9. Die erste Zahl steht für die Zugfestigkeit, die zweite für das Verhältnis von Streckgrenze zu Zugfestigkeit. Den Abschluss bildet die Oberfläche: Verzinken, Beschichten oder Passivieren schützt vor Korrosion. Nichtrostende Sorten wie A2 und A4 sparen diesen Schritt, kosten dafür im Werkstoff mehr und verbrauchen in der Herstellung deutlich mehr Energie.
Jede dieser Stufen frisst Strom, die Härteöfen besonders. Genau deshalb verschiebt der Energiepreis die Wettbewerbsfähigkeit so stark. Ein Werk in einer Niedrigstrom-Region fährt dieselben Maschinen, dieselben Werkzeuge und dieselbe Taktung wie ein deutscher Betrieb, zahlt aber für jede gehärtete Charge die Hälfte. Der Unterschied steckt nicht im Können der Ingenieure, sondern in der Stromrechnung am Monatsende.
Die Kette beginnt zudem nicht erst beim Schraubenhersteller. Vor ihm steht der Drahtzieher, der den warmgewalzten Stahl auf den exakten Durchmesser bringt, und vor diesem das Stahlwerk. Über 60 vorwiegend familiengeführte Drahtbetriebe in Deutschland beschäftigen mehr als 4.600 Menschen und zählen zu den wichtigsten Kunden der Stahlindustrie. Diese enge Verzahnung erklärt, warum ein Schraubenwerk nicht beliebig irgendwo entsteht. Eine Linie braucht die Nachbarschaft von Stahl, Draht und Beschichtung, sonst frisst der Transport die Cent-Marge auf. Eine isolierte Linie in Freiburg müsste diese Kette über Hunderte Kilometer organisieren.
Kann Freiburg überhaupt Schrauben?

Freiburg liegt am südwestlichen Rand der Republik, weit entfernt von den klassischen Schraubenrevieren. Die deutsche Verbindungstechnik konzentriert sich historisch in Hohenlohe, im Sauerland und im Bergischen Land, also dort, wo Drahtzieher, Härtereien und Oberflächenbeschichter eng beieinander sitzen. Ein Werk im Breisgau müsste sich diese Zulieferkette erst aufbauen oder den Walzdraht über weite Strecken heranfahren. Standortnähe zum Material ist in einem Geschäft mit Cent-Margen kein Komfort, sondern Kalkulationsgrundlage.
Rechnen wir das Szenario durch. Angenommen, ein mittelständischer Hersteller errichtete in Freiburg eine Linie für Standardschrauben und zahlte nach dem Flächentarif der Metall- und Elektroindustrie Baden-Württemberg. Die IG Metall setzte für diese Branche eine Erhöhung der Entgelte um 2,0 Prozent ab April 2025 und weitere 3,1 Prozent ab April 2026 durch, dazu ein aufgestocktes tarifliches Zusatzgeld. Ein Tarifstandort wäre damit verlässlich teurer in der Arbeitsstunde als ein Werk in Shenzhen oder Taiwan. Bei einer hochautomatisierten Linie fiele dieser Unterschied jedoch weniger ins Gewicht als die Stromrechnung der Presse und der Härteöfen.
Genau dort wird das Szenario unbequem. Industriekunden zahlten in Deutschland 2024 im Mittel rund 14 Cent je Kilowattstunde, nach anderen Erhebungen je nach Abnahmemenge zwischen 16 und 18 Cent. Industriebetriebe in China und den USA kamen laut der Forschungsstelle für Energiewirtschaft auf etwa die Hälfte. Ein Freiburger Werk konkurrierte also nicht gegen niedrigere Löhne allein, sondern gegen einen strukturell günstigeren Energiepreis. Diese Zahlen bilden ein Modell und keine standortscharfe Kalkulation, denn Freiburg-spezifische Stückkostendaten existieren nicht. Die Richtung der Rechnung bleibt davon unberührt.
Ab 2026 soll ein staatlich gestützter Industriestrompreis von rund fünf Cent je Kilowattstunde energieintensive Betriebe entlasten. Der Haken für unser Freiburger Szenario: Kleinere und mittlere Hersteller fallen oft durchs Raster, weil ihnen die nötige Energieintensität fehlt. Ausgerechnet der Mittelständler, der eine Schraubenlinie betreibt, profitiert von der Fünf-Cent-Regelung am wenigsten. Für ihn zählen die allgemeine Stromsteuersenkung und der Zuschuss zu den Netzentgelten mehr als der große Industriestrompreis, über den die Schlagzeilen berichten.
Das Grundproblem bleibt struktureller Natur. Industriekunden in Deutschland tragen vergleichsweise hohe nationale Preisbestandteile, also Netzentgelte, Steuern und Umlagen. Die befristete Hilfe bis 2028 dämpft diese Last, beseitigt sie aber nicht. Solange Strom hierzulande strukturell teurer bleibt als an den großen Schrauben-Standorten Asiens, verschiebt sich die einfache Massenfertigung weiter dorthin, wo die Kilowattstunde billiger ist. Große Verbraucher sichern sich gegen diese Volatilität inzwischen über langfristige Stromverträge ab, wie das Festpreis-PPA von Thyssenkrupp Steel zeigt, doch ein kleiner Schraubenbetrieb hat diese Marktmacht nicht. Ein Freiburger Werk könnte gegen diesen Sog nur mit der teuren Schraube antreten, nicht mit der billigen.
Wie groß ist die deutsche Schraubenindustrie wirklich?

Der Blick auf die Zahlen korrigiert das Bild einer untergehenden Branche. Der Deutsche Schraubenverband zählt rund 50 Hersteller mit etwa 8.000 Beschäftigten. Die Verbandsfirmen erwirtschaften ein jährliches Umsatzvolumen von ungefähr 1,8 Milliarden Euro und produzieren Verbindungselemente aus Stahl mit einer Tonnage von rund 500.000 Tonnen. Rechnet man die gesamte amtlich erfasste Herstellung von Schrauben und Nieten hinzu, lag der Branchenumsatz 2022 bei 4,1 Milliarden Euro, dem bisherigen Höchststand.
Auffällig ist die mittelständische Struktur. Die Hälfte der Firmen beschäftigt weniger als 100 Menschen, nur etwa zehn Prozent kommen über 500 Beschäftigte hinaus. Das sind keine anonymen Großkonzerne, sondern familiengeführte Spezialisten, viele davon an der Spitze des Weltmarkts in ihrer Nische. Diese Struktur erklärt zugleich die politische Schwäche der Branche bei der Energiefrage: Ein einzelner Hundert-Mann-Betrieb hat wenig Gewicht, wenn Brüssel und Berlin über Strompreishilfen für die ganz großen Verbraucher verhandeln.
Die deutsche Spezialisierung ist gewachsen, nicht zufällig. Rund 60 Prozent der Verbandsproduktion gehen als Sonderteile in die Automobilindustrie, der Rest verteilt sich auf Maschinenbau, Elektroindustrie und Bau. Ein Betrieb, der einmal die anspruchsvolle, dokumentationspflichtige Schraube fertigt, baut keine Linie mehr für die simple Baumarktware. Diese Entscheidung fiel über Jahrzehnte und lässt sich nicht in einer Zollperiode rückgängig machen.
Warum schützt die EU eine Industrie, die der Handel nicht haben will?

Im Oktober 2025 zog die Europäische Kommission eine klare Linie. Mit der Durchführungsverordnung 2025/2153 verhängte Brüssel einen endgültigen Antidumpingzoll auf Schrauben ohne Kopf aus China, gestaffelt zwischen 54,7 und 72,3 Prozent, rückwirkend ab März 2025. Den Antrag hatte das European Industrial Fasteners Institute gestellt, der europäische Dachverband der Hersteller. Die Kommission stellte Dumpingspannen von bis zu 72 Prozent fest und sah die heimische Produktion durch Billigimporte bedroht. Schon seit Februar 2022 greifen parallele Zölle auf andere Verbindungselemente aus China, dort sogar bis zu 86,5 Prozent.
Die Geschichte hat einen Vorlauf, der nachdenklich macht. Von 2009 bis 2016 bestanden bereits Zölle auf chinesische Verbindungselemente. Die Welthandelsorganisation rügte das EU-Verfahren als unvereinbar mit dem Antidumpingübereinkommen, woraufhin Brüssel die Maßnahmen 2016 aufhob. Während dieser sieben Jahre brach der Importstrom aus China nahezu vollständig zusammen. Die deutschen Hersteller füllten die Lücke trotzdem nicht. Statt die Produktion von Standardteilen hochzufahren, hielten sie an hochwertigen Spezialteilen fest, und die Importeure wichen schlicht auf Taiwan, Thailand und Vietnam aus.
Der Handel sieht die neuen Zölle deshalb anders als die Produzenten. Der Fachverband des Schrauben-Großhandels warnte schon vor der Einführung, mit zusätzlichen Zöllen lasse sich die Versorgung der deutschen Wirtschaft mit Verbindungselementen nicht mehr sicherstellen. Lieferzeiten von acht bis vierzehn Monaten, verzehnfachte Containerpreise und überlastete Kapazitäten in Asien hätten die Beschaffung ohnehin erschwert. Die heimischen Werke, so der Verband, produzierten fast ausnahmslos Spezialteile und stünden als Ersatz für die einfache Massenschraube nicht bereit.
Wir halten diesen Konflikt für den eigentlichen Kern der Schrauben-Frage. Ein Zoll, der die heimische Fertigung schützt, verteuert zugleich die Massenware für jeden Maschinenbauer, der sie verbaut. Schutz und Versorgung lassen sich nicht gleichzeitig maximieren. Die Forderung, Deutschland solle seine Schraube behalten, verlangt eine Antwort darauf, wer den Aufpreis trägt. Die Erfahrung von 2009 bis 2016 legt nahe, dass ein Zoll allein keine einzige zusätzliche Standardschraube im Inland entstehen lässt.
Ein Zoll erzeugt zudem eine eigene Schattenwirtschaft. Schon bei der ersten Zollrunde leiteten Importeure chinesische Verbindungselemente über Malaysia in die EU um, deklariert als malaysische Ware. Das EU-Amt für Betrugsbekämpfung OLAF deckte die Praxis auf, deutsche Zollämter erhoben Antidumpingzoll nach, und der Streit beschäftigt die Finanzgerichte bis heute, etwa im Verfahren des niederländischen Importeurs Eurobolt vor dem Europäischen Gerichtshof. Jeder neue Zoll verschiebt die Handelsströme über Drittländer, statt sie verschwinden zu lassen. Die Lehre aus fünfzehn Jahren Zollgeschichte: Die Schraube findet ihren Weg, nur teurer und mit mehr Bürokratie.
Die deutsche Schraube scheitert nicht am Lohn, sondern an der Steckdose. Wer Arnold und Würth im Land halten will, muss beim Industriestrompreis liefern, nicht bei Sonntagsreden über Wertschöpfung.“
Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Macht Automatisierung den Lohn zur Nebensache?

Die Vorstellung, deutsche Schrauben seien zu teuer, weil deutsche Hände sie drehen, geht am Verfahren vorbei. Eine Kaltpresse braucht Einrichter, Werkzeugmacher und Qualitätssicherung, aber keine Handarbeit am einzelnen Stück. Je größer die Losgröße, desto stärker verschwindet der Lohn in der Stückzahl. Bei einer DIN-Standardschraube in Millionenserie entscheidet deshalb nicht der Tariflohn über die Wettbewerbsfähigkeit, sondern der Einkaufspreis des Drahts und der Preis der Kilowattstunde.
Anders fällt die Rechnung bei der Spezialschraube aus. Rund sechzig Prozent der Produktion deutscher Verbandshersteller gehen als Sonderteile direkt oder indirekt in die Automobilindustrie. Sicherheitsrelevante Verbindungselemente für Fahrwerk, Motor oder Batteriegehäuse verlangen geprüfte Werkstoffe, dokumentierte Festigkeitsklassen und enge Toleranzen. In diesem Segment zahlt der Kunde für Zuverlässigkeit, nicht für den niedrigsten Cent-Preis. Genau hier sitzt die deutsche Stärke, und genau hier wirken Tariflohn und Energiepreis weniger hart, weil die Marge sie verträgt. Wie sehr die Branche an diesem einen Abnehmer hängt, zeigt der Blick auf das Autoland Deutschland mit seinen 770.000 direkt Beschäftigten.
Der Wandel zum Elektroauto verschiebt die Anforderungen, ohne die Nische zu schließen. Ein Batteriegehäuse will dicht verschraubt sein, ein Hochvolt-System sicher kontaktiert, und jede dieser Verbindungen unterliegt strenger Dokumentation. Die Schraube im E-Auto ist kein Auslaufmodell, sondern ein wachsendes Geschäft mit hohen Eintrittshürden. Ein Hersteller mit Beherrschung der Prüfprozesse, der Werkstoffkunde und der Liefertreue verteidigt diesen Markt auch gegen günstigere Anbieter. Die Massenschraube dagegen kennt keine solche Hürde, und genau deshalb wandert sie ab.
Das größte deutsche Beispiel sitzt in Hohenlohe. Würth ist mit gut 20 Milliarden Euro Konzernumsatz Weltmarktführer im Handel mit Befestigungstechnik, fertigt einen erheblichen Teil aber zu. Die eigene Schraubenproduktion läuft über die Tochter Arnold Umformtechnik im Kocher-Tal, rund 1.500 Beschäftigte, etwa 300 Millionen Euro Umsatz. 2023 weihte Arnold eine neue Produktion für rund 25 Millionen Euro ein und plant weitere Gebäude. Eine sterbende Branche investiert nicht in neue Werkshallen. Firmengründer Reinhold Würth warnte im Frühjahr 2026 zwar, die goldenen Jahrzehnte Deutschlands seien vorbei, doch sein Konzern wächst weiter und kündigt für 2026 neue Marktanteile an.
An Würth lässt sich die ganze Zwickmühle der Branche ablesen. Der Konzern verkauft die heimische Spezialschraube von Arnold und zugleich Massenware, die zu großen Teilen aus Asien stammt. Ein Antidumpingzoll trifft damit beide Seiten desselben Hauses: Er stärkt die eigene Fertigung und verteuert das eigene Handelsgeschäft. Genau diese Doppelrolle erklärt, warum die Branche in der Zollfrage gespalten auftritt, statt mit einer Stimme zu sprechen. Hersteller und Händler sitzen oft im selben Unternehmen.
Die strategische Frage lautet deshalb nicht, ob Deutschland Schrauben kann. Das Land kann sie, technisch an der Weltspitze. Die Frage ist, welche Schraube sich hier noch lohnt. Die Massenware aus dem Baumarktregal wandert dorthin, wo Energie billig ist. Die Hochsicherheitsschraube für das Elektroauto bleibt, solange die heimische Industrie sie abnimmt.
Warum gewinnt am Ende die Stückzahl?

Die globale Schraube folgt einer einfachen Logik. Die Fertigung von Milliarden identischer Teile drückt die Stückkosten auf ein Niveau, das ein Standortwerk mit kleineren Serien nicht erreicht. Asiatische Großhersteller bündeln Nachfrage aus aller Welt und fahren ihre Pressen rund um die Uhr an einem einzigen Standort. Diese Skalen-Ökonomie schlägt jeden Effizienzvorteil einer einzelnen deutschen Linie, sobald das Produkt austauschbar ist und nur der Preis zählt. Das gleiche Muster prägt andere Massengüter, etwa bei der Photovoltaik mit ihrem hohen chinesischen Importanteil.
Deutschland hat auf diese Logik die einzig tragfähige Antwort gegeben: Ausweichen nach oben. Statt im Preiskampf der Normschraube mitzulaufen, besetzten die heimischen Hersteller das Segment, in dem Stückzahl wenig und Vertrauen alles bedeutet. Eine Radschraube, die bei 200 Stundenkilometern hält, kauft kein Hersteller beim billigsten Anbieter. Hier verkauft Deutschland Prüfzeugnisse, Rückverfolgbarkeit und Haftungssicherheit, nicht Kilogramm Stahl.
Genau diese Arbeitsteilung macht die Importabhängigkeit bei Standardteilen erträglich und zugleich riskant. Erträglich, weil die einfache Schraube auf dem Weltmarkt jederzeit verfügbar ist. Riskant, weil eine gestörte Lieferkette, ein blockierter Suezkanal oder ein neuer Zoll die Versorgung über Nacht verteuert. Der Schrauben-Großhandel warnt nicht aus Prinzip vor Zöllen, sondern weil er die Verletzlichkeit dieser Arbeitsteilung täglich spürt.
Die Abhängigkeit hat einen klaren Namen. China war 2025 nach Angaben des Statistischen Bundesamts wieder wichtigster Handelspartner Deutschlands, mit einem Außenhandelsumsatz von 251,8 Milliarden Euro. Bei vielen einfachen Industriegütern führt am chinesischen Angebot kein Weg vorbei, und Verbindungselemente gehören dazu. Versucht die EU, diese Abhängigkeit per Zoll zu kappen, weichen die Ströme nach Taiwan, Thailand oder Vietnam aus. Doch deren Kapazitäten sind laut Schrauben-Großhandel längst überlastet, auch weil US-Importeure dort einkaufen, seit Washington eigene Zölle gegen China verhängt. Der Engpass wandert, er verschwindet nicht.
Damit steht die deutsche Industrie vor einem Zielkonflikt, der weit über die Schraube hinausreicht. Versorgungssicherheit, faire Preise und eine starke heimische Fertigung lassen sich nicht zugleich erreichen. Jede Zollentscheidung gewichtet diese drei Ziele neu, und jede Gewichtung erzeugt Verlierer. Die Schraube ist nur das anschaulichste Beispiel für ein Dilemma, das genauso für Batteriezellen, Magnete oder Halbleiter gilt.
Was die Schraube über „Made in Germany“ lehrt

Die Schraube widerlegt zwei bequeme Erzählungen auf einmal. Der erste Befund widerlegt den Abgesang, Deutschland habe die einfache Industrie längst verloren, denn die Branche schreibt Rekordumsätze und investiert in neue Werke. Der zweite Befund widerlegt die Klage, schuld seien allein die hohen Löhne, denn bei automatisierter Massenfertigung verschwindet der Lohn in der Stückzahl.
Übrig bleibt ein präziseres Bild. Was die heimische Fertigung bedroht, ist die Kombination aus teurer Energie und globaler Skalen-Ökonomie, nicht mangelndes Können. Wo die Stückzahl gigantisch und das Produkt austauschbar ist, gewinnt der günstigste Energiestandort. Wo Qualität, Haftung und Lieferzuverlässigkeit zählen, behauptet sich Deutschland souverän. Die Politik kann diesen Befund mit einem wettbewerbsfähigen Industriestrompreis beeinflussen, der ab 2026 kommen soll, viele kleinere Hersteller aber gar nicht erreicht.
Bleibt eine unbequeme Frage, die in der Standortdebatte selten jemand laut stellt. Will Deutschland die einfache Massenschraube überhaupt zurück, mit ihrer Cent-Marge und ihrem hohen Energiehunger? Oder ist der kluge Weg, die Standardware fair gehandelt zu importieren und die eigene Kraft in die Spezialschraube zu stecken, an der die halbe Automobilwelt hängt? Die ehrliche Antwort entscheidet mehr über den Industriestandort als jeder Schutzzoll.
Für die Serie heißt das: „Made in Germany“ ist bei der Schraube kein Naturgesetz und kein verlorener Posten, sondern eine Rechnung mit wenigen, klar benennbaren Variablen. Die nächste Folge nimmt sich das nächste Alltagsprodukt vor und legt erneut offen, woran die heimische Fertigung wirklich hängt.
Glossar: 12 wichtige Fachbegriffe zur Schraubenfertigung

A2 und A4
A2 und A4 bezeichnen die gängigsten nichtrostenden Stahlsorten für Schrauben. A2 enthält rund 18 Prozent Chrom und 8 Prozent Nickel und widersteht normaler Korrosion. A4 ist zusätzlich seewasserbeständig. Beide sparen die Beschichtung, kosten dafür im Werkstoff mehr als einfacher Stahl.
Antidumpingzoll
Antidumpingzoll ist ein Aufschlag auf Importwaren, die unter ihrem normalen Marktwert verkauft werden. Die EU verhängt ihn, wenn ausländische Anbieter heimische Hersteller durch künstlich niedrige Preise schädigen. Bei Schrauben aus China liegt der Satz aktuell bei bis zu 72,3 Prozent.
CBAM
CBAM (Carbon Border Adjustment Mechanism) ist der CO2-Grenzausgleich der EU. Importeure energieintensiver Waren müssen die im Ausland verursachten Emissionen melden und künftig bepreisen lassen. Für Stahl und damit für Schrauben erhöht dieser Mechanismus die Importkosten.
DIN
DIN steht für die Normen des Deutschen Instituts für Normung. Eine DIN-Schraube folgt festgelegten Maßen für Kopf, Gewinde und Länge, was sie austauschbar und maschinenlesbar macht. Die Normung erlaubt die Massenfertigung über Herstellergrenzen hinweg.
Festigkeitsklasse
Festigkeitsklasse beschreibt die Belastbarkeit einer Schraube, etwa als Kennzahl 8.8 oder 10.9. Die erste Zahl steht für die Zugfestigkeit, die zweite für das Verhältnis von Streckgrenze zu Zugfestigkeit. Sicherheitsrelevante Anwendungen schreiben bestimmte Klassen zwingend vor.
Gewindewalzen
Gewindewalzen formt das Gewinde durch Druck zwischen zwei Walzbacken, statt es spanend zu schneiden. Das Verfahren verdichtet den Werkstoff und erhöht die Festigkeit. In der Massenfertigung ersetzt es das langsamere Schneiden fast vollständig.
Industriestrompreis
Industriestrompreis meint den Strompreis für gewerbliche Großverbraucher, der niedriger liegt als der Haushaltstarif. In Deutschland zählt er international zu den höchsten. Ein geplanter staatlich gestützter Tarif von rund fünf Cent je Kilowattstunde soll energieintensive Betriebe ab 2026 entlasten.
Kaltumformung
Kaltumformung ist das spanlose Formen von Stahl bei Raumtemperatur durch Stauchen und Pressen. Das Verfahren arbeitet schnell, materialsparend und ohne Abfall und bildet die Grundlage der industriellen Schraubenproduktion bis etwa 30 Millimeter Durchmesser.
Massivumformung
Massivumformung umfasst alle Verfahren, die metallische Werkstoffe durch Druck in ihre Form bringen, darunter Schmieden und Kaltfließpressen. Die Branche gilt als energieintensiv und steht bei steigenden Strompreisen unter besonderem Margendruck.
Mehrstufenpresse
Mehrstufenpresse ist die zentrale Maschine der Schraubenfertigung. Sie formt den Draht in mehreren aufeinanderfolgenden Stufen zum fertigen Rohling und erreicht Ausstoßraten von mehreren hundert Teilen pro Minute. Ihr Energiebedarf prägt die Stückkosten.
T-ZUG
T-ZUG (tarifliches Zusatzgeld) ist eine jährliche Sonderzahlung in der Metall- und Elektroindustrie, bemessen als Prozentsatz des Entgelts. Der Tarifabschluss 2024 hob die soziale Komponente ab 2026 von 18,5 auf 26,5 Prozent des Eckentgelts an.
Walzdraht
Walzdraht ist das warmgewalzte Vormaterial in Ringform, aus dem Schrauben gefertigt werden. Als Hauptrohstoff koppelt er die Schraubenkosten direkt an den Stahlmarkt. Schwankungen am Drahtpreis schlagen unmittelbar auf die Kalkulation durch.
FAQ: Die Schraube kann Deutschland, China liefert sie trotzdem

Wie viel kostet die Herstellung einer einzelnen Schraube?
Eine handelsübliche DIN-Schraube kostet in der Fertigung nur wenige Cent. Den größten Anteil trägt der Stahl, gefolgt von Energie und Oberflächenbeschichtung. Der reine Fertigungslohn liegt bei automatisierter Massenproduktion im Bereich von Bruchteilen eines Cents je Stück.
Produziert Deutschland überhaupt noch Schrauben?
Ja, und das in beträchtlichem Umfang. Rund 50 Hersteller mit etwa 8.000 Beschäftigten erwirtschafteten 2022 einen Rekordumsatz von 4,1 Milliarden Euro. Marktführer Würth gehört über die Tochter Arnold Umformtechnik zu den weltweit führenden Anbietern und baut Standorte sogar aus.
Warum sind Schrauben aus China so viel billiger?
Den Ausschlag geben niedrigere Energiekosten und gewaltige Skaleneffekte, nicht allein die Löhne. Industriestrom kostet in China etwa die Hälfte des deutschen Niveaus. Bei austauschbarer Massenware entscheidet dieser Kostenvorteil über den Preis.
Was bewirken die neuen EU-Zölle auf Schrauben?
Die EU verhängte 2025 Antidumpingzölle von bis zu 72,3 Prozent auf Schrauben ohne Kopf aus China. Sie sollen heimische Hersteller vor Billigimporten schützen. Der Schrauben-Großhandel warnt allerdings, dass dadurch die Versorgung von Industrie und Handwerk schwieriger und teurer wird.
Sind die hohen Löhne schuld am Standortnachteil?
Bei Massenschrauben nicht. Die Kaltumformung läuft hochautomatisiert, der Lohnanteil je Stück ist minimal. Entscheidender sind der Stahlpreis und vor allem die Energiekosten, die in Deutschland deutlich über dem internationalen Wettbewerbsniveau liegen.
Welche Schrauben lohnen sich in Deutschland noch?
Vor allem Spezial- und Sicherheitsschrauben für anspruchsvolle Branchen. Rund 60 Prozent der deutschen Verbandsproduktion gehen als Sonderteile in die Automobilindustrie. Dort zählen geprüfte Festigkeit und Liefersicherheit mehr als der niedrigste Preis, was die heimische Fertigung trägt.
Quellen
Europäische Kommission | Durchführungsverordnung (EU) 2025/2153 (Antidumpingzoll Schrauben ohne Kopf, China) | https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=OJ:L_202502153 | besucht am 24.06.2026
Deutscher Schraubenverband e.V. | Schraubenindustrie (Hersteller, Beschäftigte, Struktur) | https://www.schraubenverband.de/schraubenindustrie | besucht am 24.06.2026
Statistisches Bundesamt / Statista | Umsatz Schrauben und Nieten herstellender Betriebe 2022 | https://de.statista.com/statistik/daten/studie/678468/umfrage/umsatz-der-schrauben-und-nieten-herstellenden-betriebe-in-deutschland/ | besucht am 24.06.2026
Industrieverband Massivumformung (IMU) | Energiekosten explodieren (Energiekostenanteil, Margen) | https://umformtechnik.net/draht/Inhalte/Aus-der-Branche/Energiekosten-explodieren | besucht am 24.06.2026
IG Metall | Tarifrunde Metall- und Elektroindustrie 2024 (Baden-Wuerttemberg) | https://www.igmetall.de/tarif/tarifrunden/metall-und-elektro/tarifrunde-metall-und-elektro-2024 | besucht am 24.06.2026
vbw / Forschungsstelle fuer Energiewirtschaft (FfE) | Internationaler Energiepreisvergleich fuer die Industrie 2025 | https://www.vbw-bayern.de/vbw/PresseCenter/Pressemitteilung-zur-vbw-Studie-Internationaler-Energiepreisvergleich-fuer-die-Industrie.jsp | besucht am 24.06.2026
Adolf Wuerth GmbH & Co. KG | Unternehmensportraet (Konzernzahlen, Arnold Umformtechnik) | https://www.wuerth.de/web/de/awkg/unternehmen/portraet/portraet.php | besucht am 24.06.2026
WKO | Antidumpingverfahren Verbindungselemente (Historie 2009 bis 2022, WTO) | https://www.wko.at/aussenwirtschaft/verbindungselemente-eisen-stahl | besucht am 24.06.2026