Der Standort Deutschland verliert in der Metall- und Elektroindustrie seit 2018 rund 270.000 Arbeitsplätze, jeden Monat kommen fast 10.000 dazu. Die Arbeitgeber sprechen von vier Plagen. Die Zahlen dahinter sind drastischer als jede Sonntagsrede.

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Energie zu teuer, Steuern zu hoch, Bürokratie zu dicht, Fachkräfte zu knapp. Über kaum einen Befund herrscht in deutschen Chefetagen so viel Einigkeit wie über den Abstieg des eigenen Standorts. Doch zwischen Verbandsalarm und tatsächlicher Datenlage klafft eine Lücke, die sich lohnt genauer anzusehen. Wer investieren, einstellen oder verlagern muss, braucht Fakten statt Stimmung.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Metall- und Elektroindustrie hat seit 2018 rund 270.000 Stellen verloren, der Arbeitgeberverband Gesamtmetall spricht von „vier Plagen“: Steuern, Sozialabgaben, Bürokratie und Energiekosten.
  • Strom für die Industrie kostet hierzulande ein Vielfaches der außereuropäischen Konkurrenz, in Frankreich teils nur die Hälfte des deutschen Niveaus.
  • Mit gut 30 Prozent tariflicher Belastung für Kapitalgesellschaften zählt Deutschland zu den drei teuersten OECD-Ländern, die Arbeitskosten liegen 29 Prozent über dem EU-Schnitt.
  • Der KPMG-Standortindex fiel 2026 auf +0,2 Punkte, den tiefsten Wert seit Beginn der Erhebung. Trotzdem nutzen 60 Prozent internationaler Konzerne Deutschland weiter als Europazentrale.
Die vier Plagen des Standorts

Was die Metallarbeitgeber als größte Lasten für den Industriestandort Deutschland benennen.

4 Plagen
1Steuern

Kapitalgesellschaften tragen gut 30 Prozent tarifliche Belastung. Das ist OECD-Platz drei, der Durchschnitt liegt bei knapp 24 Prozent.

2Sozialabgaben

Die Beiträge könnten ohne Reform bis 2035 auf bis zu 53,7 Prozent steigen. Der Abgabenkeil liegt heute schon bei 47,9 Prozent.

3Bürokratie

Der amtliche Erfüllungsaufwand beträgt 62,5 Milliarden Euro pro Jahr, verteilt auf 12.364 Informationspflichten.

4Energiekosten

Industriestrom ist hierzulande stellenweise fünfmal teurer als an konkurrierenden Standorten, in Frankreich teils nur halb so teuer.

Wie schlecht steht der Standort Deutschland wirklich da?

Rettungsring mit Halteseil vor weißer Wand; zwei Metallschilder mit der Aufschrift „STANDORT“
Deutsche Industrie auf Tiefstand: 36,6 Prozent der Unternehmen sehen ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber nicht-europäischen Konkurrenten als schlechter an

Die Stimmung in der deutschen Industrie hat einen Tiefpunkt erreicht, der sich beziffern lässt. Das Münchner ifo-Institut befragt regelmäßig Industriebetriebe zu ihrer Wettbewerbsfähigkeit. Nach der jüngsten Erhebung bewerten 36,6 Prozent der Unternehmen ihre Position gegenüber Konkurrenten außerhalb der EU als schlechter, der schlechteste Wert seit Beginn dieser Befragung.

Noch deutlicher wird der Befund beim Standortindex der Beratungsgesellschaft KPMG. Auf einer Skala von plus zehn für den EU-Spitzenreiter bis minus zehn für das Schlusslicht rutschte Deutschland von plus 3,1 Punkten im Jahr 2017 auf nunmehr plus 0,2 Punkte. Die Bundesrepublik liegt damit nur noch hauchdünn über dem Durchschnitt aller 27 Mitgliedsländer. Der Wert ist kein Ausreißer, sondern das Ergebnis eines kontinuierlichen Abstiegs über fast ein Jahrzehnt.

Hinter dem Index stehen über zwanzig Einzelfaktoren, von Steuern über Regulierung bis zur Einwanderungspolitik. Bei der Regulierung sehen 70 Prozent der befragten internationalen Finanzchefs Deutschland unter den fünf schwächsten EU-Ländern, beim Thema Steuern ordnen 47 Prozent das Land der teuersten Gruppe zu. Die Münchner Ökonomen und die KPMG-Befragung zeichnen unabhängig voneinander dasselbe Bild: Die strukturellen Probleme sind keine gefühlte Wahrnehmung mehr, sondern messbar.

Was meinen die Metallarbeitgeber mit den „vier Plagen“?

Karton mit vier roten Stempelabdrücken und einem Holzstempel
Vier orangefarbene Stempel auf einem Aktendeckel verdichten, was Gesamtmetall als Dauerlast benennt: Steuern, Abgaben, Bürokratie, Energie.

Den schärfsten Ton schlägt der Arbeitgeberverband Gesamtmetall an. Hauptgeschäftsführer Oliver Zander hat im Frühjahr 2026 eine Bilanz vorgelegt, die in der Branche für Aufsehen sorgte. Seit 2018 sind in der Metall- und Elektroindustrie rund 270.000 Arbeitsplätze verschwunden, die Beschäftigtenzahl fiel unter 3,8 Millionen, ein Niveau wie zuletzt 2015.

Zander prägte den Begriff der vier Plagen. Gemeint sind zu hohe Steuern, explodierende Sozialabgaben, eine erstickende Bürokratie und international nicht wettbewerbsfähige Energiekosten. Der Verband setzte der Bundesregierung unter Friedrich Merz eine Frist bis zum Sommer 2026 für greifbare Reformen. Die Kapazitätsauslastung der Branche lag zu Jahresbeginn bei mageren 78 Prozent, weit entfernt von den 85 Prozent gesunder Zeiten.

Die Metall- und Elektroindustrie ist mit über 25.000 Unternehmen und rund 3,9 Millionen Beschäftigten die industrielle Schlüsselbranche des Landes. Sobald ausgerechnet dieser Sektor jeden Monat fast 10.000 Stellen abbaut und die Beschäftigung seit 21 Monaten ununterbrochen sinkt, taugt der Befund als Frühwarnsystem für die gesamte Volkswirtschaft. Die vier Plagen ziehen sich deshalb als roter Faden durch die folgenden Kapitel.

Warum sind die Energiekosten der schärfste Nachteil?

Schutzkontaktstecker mit orangem Kabel und Preisschild € 14,99 auf weißem Hintergrund
Ein einzelner Stecker, dessen Kabel im Preisschild endet, steht für Strompreise auf Rekordniveau.

Unter den vier Plagen sticht eine besonders hervor. Nach Daten der europäischen Statistikbehörde Eurostat verharrten die effektiven Strompreise für deutsche Unternehmen im zweiten Halbjahr 2025 auf sehr hohem Niveau. In Frankreich sanken die Preise dagegen weiter und liegen in energieintensiven Bereichen teils nur noch halb so hoch wie hierzulande. Selbst im europäischen Vergleich hat sich der Nachteil also verschärft, gegenüber den USA und China fällt der Abstand noch größer aus.

Die Industrie- und Handelskammer dokumentiert die Folgen. Strom ist für deutsche Unternehmen stellenweise fünfmal teurer als an konkurrierenden Standorten. Vier von zehn Betrieben ziehen laut einer IHK-Umfrage in Erwägung, Teile ihrer Fertigung ins Ausland zu verlagern, um günstigere Energie zu nutzen. In der Grundstoffindustrie brach die Stromnachfrage zuletzt zweistellig ein, weil Firmen ihre Produktion drosselten.

Die Politik reagiert mit einem befristeten Instrument. Seit Januar 2026 deckelt ein subventionierter Industriestrompreis die Energiebeschaffung für rund 2.000 energieintensive Unternehmen auf einen Zielwert von fünf Cent je Kilowattstunde, allerdings nur für bis zu die Hälfte des Verbrauchs. Anspruch haben ausschließlich Betriebe aus 91 Branchen der sogenannten KUEBLL-Liste, darunter Chemie, Metall, Glas und Papier. Netzentgelte, Umlagen und Steuern kommen weiterhin obendrauf.

Dieser Deckel läuft planmäßig Ende 2028 aus. Ökonomen werten die Maßnahme als kurzen Aufschub, nicht als Lösung. Wie sich teure Energie auf ganze Regionen auswirkt, sobald ein Werk schließt, zeigt der Blick auf den Beschäftigungsmultiplikator nach einer Werksschließung. Eine langfristige Perspektive mit dauerhaft wettbewerbsfähigen Preisen fehlt bislang.

Ist Deutschland ein Hochsteuerland?

Siegerpodest aus Holz, davor Schild mit Aufschrift
Ein Podest mit der Drei zeigt, wo Deutschland bei der Unternehmensteuer in der OECD steht.

Bei der Unternehmensbesteuerung fällt das Urteil eindeutig aus. Das Institut der deutschen Wirtschaft hat im März 2026 die Steuerlast im internationalen Vergleich untersucht. Mit einer tariflichen Gesamtbelastung von gut 30 Prozent für Kapitalgesellschaften liegt Deutschland an dritter Stelle der OECD, nur Kolumbien und Portugal kassieren mehr. Der OECD-Durchschnitt beträgt knapp 24 Prozent.

Hochsteuerland Deutschland

Tariflicher Steuersatz für Kapitalgesellschaften im internationalen Vergleich.

Platz 3 in der OECD
Deutschland30,1 %
Frankreichca. 26 %
USAca. 26 %
Niederlandeca. 26 %
OECD-Durchschnitt23,9 %
Österreich23,0 %
Schweiz19,6 %

Nur Kolumbien und Portugal belasten Kapitalgesellschaften noch höher. Der Abstand zum OECD-Schnitt beträgt mehr als sechs Prozentpunkte.

Wichtige Wettbewerber liegen deutlich darunter. Die Schweiz belastet Kapitalgesellschaften mit 19,6 Prozent, Österreich mit 23 Prozent, die USA, die Niederlande und Frankreich mit jeweils knapp 26 Prozent. Während viele Industrieländer ihre Sätze seit 2008 gesenkt haben, stieg das deutsche Niveau über höhere Gewerbesteuerhebesätze sogar leicht an. Auch der effektive Steuersatz fällt mit knapp 27 Prozent überdurchschnittlich aus.

Noch schwerer wiegt die Gesamtlast aus Steuern und Sozialbeiträgen. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt erreichte diese Quote 2025 mit knapp 42 Prozent einen Rekordwert in der Geschichte der Bundesrepublik. Verantwortlich dafür sind vor allem die gestiegenen Sozialbeiträge. Für einen alleinstehenden Durchschnittsverdiener ohne Kinder liegt der Steuer- und Abgabenkeil bei 47,9 Prozent, höher ist die Belastung in der gesamten OECD nur in Belgien.

LandTariflicher Steuersatz Kapitalgesellschaften
Deutschland30,1 %
Frankreichca. 26 %
USAca. 26 %
Niederlandeca. 26 %
Österreich23,0 %
Schweiz19,6 %
OECD-Durchschnitt23,9 %

Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft, 2026

Eine Senkung der Körperschaftsteuer ist erst ab 2028 geplant. Die Berliner Forscher des IW werten diesen Schritt eher als überfällige Korrektur denn als ambitionierte Reform. Besonders belastend wirkt die Lage für Familienunternehmen, bei denen zusätzlich die Erbschaftsteuer greift, deren Freibeträge seit über 15 Jahren unverändert blieben.

Was kostet die Bürokratie?

Stapel Aktenordner, beschriftet mit „BERLIN“, „AKTE“, „FINANZEN“, mit einem Preisschild „62,5 Mrd. €“ oben
Ein Aktenturm mit Preisschild macht die 62,5 Milliarden Euro Erfüllungsaufwand greifbar.

Die dritte Plage lässt sich überraschend genau beziffern. Das Statistische Bundesamt schätzt den jährlichen Erfüllungsaufwand aus gesetzlichen Berichtspflichten auf 62,5 Milliarden Euro. Im Jahr zuvor lagen die Kosten noch bei 66,6 Milliarden Euro, ein leichter Rückgang also, der die Belastung aber kaum mildert. Die Zahl der einzelnen Informationspflichten sank nur minimal von 12.390 auf 12.364.

Diese amtliche Schätzung erfasst allerdings nur die direkten Kosten aus bundesrechtlichen Informationspflichten und bildet damit eine Untergrenze. Der Sachverständigenrat kommt bei proportionaler Hochrechnung auf bis zu 193 Milliarden Euro an direkten Bürokratiekosten, sobald Vorgaben aus EU, Ländern und Kommunen hinzukommen. Die wahrgenommene Belastung wächst zudem schneller als die amtliche Statistik. Nach einer IW-Umfrage vom März 2026 verzeichnen 80 Prozent der Unternehmen in den letzten drei Jahren mehr Bürokratieaufwand.

Besonders hart trifft der Papierkram kleine Betriebe und Selbstständige. Wer keine eigene Verwaltungsabteilung unterhält, bearbeitet Meldungen, Nachweise und Dokumentationen selbst. Die Bundesregierung hat sich mit dem Vierten Bürokratieentlastungsgesetz ein Abbauziel von 16 Milliarden Euro gesetzt. Von 442 Vorschlägen aus der Wirtschaft werden allerdings nur 28 vollständig umgesetzt, 159 Ideen gar nicht weiterverfolgt.

Wie teuer ist Arbeit hierzulande?

Eine Vintage-Stempeluhr auf weißem Hintergrund mit einem Preisschild von 45,00 €
Die Stechuhr mit orangefarbenem Zeiger steht für 45 Euro je Arbeitsstunde, 29 Prozent über dem EU-Schnitt.

Auch beim Faktor Arbeit liegt Deutschland im oberen Bereich. Eine geleistete Arbeitsstunde kostete Unternehmen 2025 durchschnittlich 45,00 Euro, wie das Statistische Bundesamt berechnet hat. Der EU-Durchschnitt lag bei 34,90 Euro, deutsche Arbeitgeber zahlten also rund 29 Prozent mehr. Im verarbeitenden Gewerbe fällt der Abstand mit 41 Prozent über dem EU-Schnitt noch deutlicher aus.

Verglichen mit 2020 verteuerte sich die Arbeitsstunde um 22,3 Prozent. Der relative Abstand zum EU-Durchschnitt blieb dabei nahezu konstant, weil auch andere Länder zulegten. Höher als hierzulande liegen die Arbeitskosten nur in Luxemburg, Dänemark, den Niederlanden und wenigen weiteren Staaten. Ungarn, Rumänien und Bulgarien bilden mit Werten um 12 bis 15 Euro das Gegenstück.

Die Sozialabgaben verschärfen die Lage zusätzlich, und der Ausblick ist alarmierend. Zander warnte vor einer Abgaben-Explosion: Ohne Gegensteuern könnten die Gesamtsozialversicherungsbeiträge bis 2035 auf rund 50 Prozent steigen, im schlimmsten Fall sogar auf 53,7 Prozent. Eine Senkung der Lohnzusatzkosten zählt deshalb zu den zentralen Forderungen nicht nur der Metallarbeitgeber, sondern auch des Handwerks. Wie schnell ein einzelner Betrieb zum Politikum wird, sobald die Standortkosten kippen, zeigt der Streit um den Tunnelbauer Herrenknecht und seine Gewerbesteuer.

Wer soll die Arbeit machen?

Wer soll die Arbeit machen?

Die demografische Lücke am Standort Deutschland bis zum Jahr 2036.

⚖️
16,5 Mio.
Menschen erreichen bis 2036 das Rentenalter
12,5 Mio.
junge Menschen rücken im selben Zeitraum nach
− 4 Mio.
Lücke zwischen Abgängen und Nachwuchs – das Beschäftigungswachstum sinkt um mehr als 280.000 Personen pro Jahr.
173 Tage
bleibt eine Fachkraftstelle im Schnitt unbesetzt
123.000
offene Stellen allein im Maschinenbau 2025

Neben den vier Plagen wirkt ein fünfter Nachteil, der sich nicht über Nacht beheben lässt. Der Fachkräftemangel bremst schon heute die Wertschöpfung. Nach dem DIHK-Fachkräftereport 2025/2026 kann mehr als jedes dritte Unternehmen offene Stellen nicht besetzen, konkret 36 Prozent von rund 22.000 befragten Betrieben. Eine offene Fachkraftstelle bleibt im Schnitt 173 Tage unbesetzt, fast ein halbes Jahr.

Die Ursache liegt in der Demografie und lässt sich kaum kurzfristig auflösen. Nach Berechnungen des IW Köln erreichen bis 2036 rund 16,5 Millionen Menschen das Rentenalter, während nur etwa 12,5 Millionen junge Menschen nachrücken. Der demografische Wandel vermindert das mögliche Beschäftigungswachstum um mehr als 280.000 Personen pro Jahr. Besonders betroffen sind technische Berufe, Pflege, Bau und IT. Allein im Maschinenbau waren 2025 nach Angaben des Branchenverbands VDMA rund 123.000 Stellen unbesetzt.

Zuwanderung federt den Effekt teilweise ab. Die Erwerbsmigration hat sich seit 2020 mehr als verdoppelt, im Juni 2025 hatten 420.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte eine Aufenthaltserlaubnis aufgrund von Erwerbstätigkeit. Im OECD-Attraktivitätsranking für Fachkräfte liegt Deutschland allerdings nur auf Platz 15, ein Hinweis darauf, dass der Wettbewerb um Talente längst international läuft.

Bröckelt auch die Infrastruktur?

Gebrochene Minibrücke aus Beton mit einem Pflaster über dem Riss und einer Leitbake
Eine rissige Miniaturbrücke mit Pflaster steht für den Sanierungsstau und das 500-Milliarden-Sondervermögen.

Zum Standort gehört das Fundament, auf dem Produktion und Logistik laufen. Über Jahre wurde an Brücken, Schienen und Straßen gespart, der Sanierungsstau ist heute überall sichtbar. Marode Autobahnbrücken müssen gesperrt oder abgerissen werden, das Schienennetz gilt als überlastet, beim Breitband- und Mobilfunkausbau klaffen weiße Flecken.

Die Bundesregierung hat darauf mit einem 500 Milliarden Euro schweren Sondervermögen für Infrastruktur reagiert. Die Mittel sollen über Jahre in Verkehr, Netze und Digitalisierung fließen. Kritiker verweisen auf die Kehrseite: Die Schulden belasten kommende Generationen mit Zinszahlungen, und ein Sondervermögen ersetzt keine strukturelle Reform der laufenden Haushalte.

Bei der digitalen Verwaltung holt Deutschland langsam auf. Eine KI-Plattform zur Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren wurde Anfang 2026 international ausgezeichnet, Vorreiterländer wie Bayern und Hessen sollen ihre Ansätze auf andere Bundesländer übertragen. Gemessen am Rückstand bleibt jedoch viel zu tun, bevor Genehmigungen so schnell laufen wie bei den europäischen Spitzenreitern.

Was müsste sich ändern, und was stimmt am Alarm nicht?

Maulschlüssel mit Aufkleber „REFORM“ neben einem roten Alarmknopf auf weißem Hintergrund
Werkzeug statt Alarmknopf: Der orangefarbene Schraubenschlüssel steht für Reformen, die jetzt anstehen.

Die Reformliste ist lang und in den Verbänden weitgehend einig. Gefordert werden eine vorgezogene Unternehmenssteuerreform, stabile Sozialbeiträge, ein konsequenter Bürokratieabbau und ein dauerhaft wettbewerbsfähiger Industriestrompreis. BDI-Präsident Peter Leibinger nennt wirtschaftspolitische Reformen überlebenswichtig, das Handwerk dringt auf niedrigere Lohnzusatzkosten.

Doch der Alarm verdient eine Gegenprobe. Energiekosten machen bei den meisten Unternehmen nur sechs bis acht Prozent der Gesamtkosten aus, wie der Energiedienstleister EHA vorrechnet. Existenzbedrohend sind hohe Strompreise damit selten, sie verschlechtern den Standort und schmälern den Investitionsspielraum, ohne ihn allein zu ruinieren. Die eigentlichen Hebel liegen nach dieser Lesart bei Steuern, Abgaben und Bürokratie.

Auch das Gesamtbild ist differenzierter, als die Untergangsrhetorik nahelegt. Trotz des Absturzes im Standortindex nutzen weiterhin 60 Prozent der internationalen Unternehmen Deutschland als Europazentrale. Bei öffentlicher Sicherheit und politischer Stabilität zählen zwei Drittel der befragten Finanzchefs das Land zu den fünf besten der EU. Wie teuer ein abrupter Bruch mit dem Binnenmarkt tatsächlich wird, lässt sich an der Brexit-Bilanz Großbritanniens ablesen, wo der Schaden je nach Studie vier bis acht Prozent der Wirtschaftsleistung beträgt.

Die ehrliche Antwort auf die Titelfrage lautet daher: Zu retten ist viel, verloren ist wenig, solange die Reformen kommen. Die Substanz aus Industrie, Mittelstand und qualifizierten Beschäftigten trägt noch. Ob das Fenster offen bleibt, entscheidet sich nicht an einer einzelnen Plage, sondern daran, ob die Politik mehrere Baustellen gleichzeitig angeht.

Wer über den Standort Deutschland redet, sollte nicht nur die Energiekosten beklagen, sondern den Mut zur Steuer- und Bürokratiereform aufbringen, an der bei Dr. Web seit Jahren kein Wirtschaftsthema vorbeikommt. Die Substanz ist da, am Tempo hapert es.

— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web

Häufige Fragen zum Standort Deutschland

Schwarzer Gummistiefel mit oranger Deutschlandkarte und Aufschrift „Standort Deutschland noch zu retten?“
Gesamtmetall nennt vier Standortprobleme: hohe Steuern, steigende Sozialabgaben, Bürokratie und teure Energie

Was sind die „vier Plagen“ des Standorts Deutschland?
Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall fasst unter dem Begriff vier Belastungen zusammen: zu hohe Steuern, explodierende Sozialabgaben, überbordende Bürokratie und international nicht wettbewerbsfähige Energiekosten. Hauptgeschäftsführer Oliver Zander prägte die Formel im Frühjahr 2026 anlässlich des Stellenabbaus in der Metall- und Elektroindustrie.

Wie teuer ist Strom für die deutsche Industrie im Vergleich?
Nach Eurostat-Daten zahlen deutsche Unternehmen sehr hohe Strompreise, in Frankreich liegt das Niveau in energieintensiven Bereichen teils nur halb so hoch. Die Industrie- und Handelskammer beziffert den Abstand zu einzelnen Konkurrenzstandorten auf das Fünffache. Gegenüber den USA und China fällt der Nachteil noch größer aus.

Ist Deutschland wirklich ein Hochsteuerland?
Für Kapitalgesellschaften ja. Mit gut 30 Prozent tariflicher Belastung liegt Deutschland an dritter Stelle der OECD, der Durchschnitt beträgt knapp 24 Prozent. Auch die Gesamtquote aus Steuern und Sozialbeiträgen erreichte 2025 mit knapp 42 Prozent des Bruttoinlandsprodukts einen Rekordwert.

Wie hoch sind die Arbeitskosten in Deutschland?
Eine geleistete Arbeitsstunde kostete 2025 durchschnittlich 45,00 Euro, rund 29 Prozent über dem EU-Durchschnitt von 34,90 Euro. Im verarbeitenden Gewerbe liegt der Abstand bei 41 Prozent. Innerhalb der EU sind die Arbeitskosten nur in wenigen Ländern wie Luxemburg und Dänemark höher.

Wie stark wirkt der Fachkräftemangel?
Mehr als jedes dritte Unternehmen kann offene Stellen nicht besetzen, eine Fachkraftstelle bleibt im Schnitt 173 Tage unbesetzt. Hauptursache ist die Demografie: Bis 2036 erreichen rund 16,5 Millionen Menschen das Rentenalter, nur etwa 12,5 Millionen rücken nach. Zuwanderung federt den Effekt nur teilweise ab.

Ist der Standort Deutschland noch zu retten?
Die Substanz aus Industrie, Mittelstand und qualifizierten Beschäftigten trägt weiterhin, 60 Prozent internationaler Konzerne nutzen Deutschland als Europazentrale. Entscheidend ist das Reformtempo bei Steuern, Abgaben und Bürokratie. Energiekosten allein sind selten existenzbedrohend, da sie bei den meisten Unternehmen nur sechs bis acht Prozent der Gesamtkosten ausmachen.

Quellen

  • ifo-Institut | Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie auf Tiefpunkt | https://www.alleaktien.com/news/deutsche-industrie-in-der-krise-standortnachteile-belasten-wettbewerbsfahigkeit | besucht am 29.06.2026
  • KPMG | Business Destination Germany 2026 | https://kpmg.com/de/de/themen/geopolitics/business-destination-germany-2026.html | besucht am 29.06.2026
  • Gesamtmetall | Die Industrie leidet unter vier Plagen | https://www.gesamtmetall.de/die-industrie-leidet-unter-vier-plagen/ | besucht am 29.06.2026
  • Gesamtmetall | M+E-Arbeitslosigkeit im März 2026 auf höchstem Niveau seit 2014 | https://www.gesamtmetall.de/me-arbeitslosigkeit-im-maerz-2026-auf-hoechstem-niveau-seit-2014/ | besucht am 29.06.2026
  • Levonova | Industriestrompreis 2026 in Deutschland | https://levonova.energy/industriestrompreis/ | besucht am 29.06.2026
  • EHA | Strompreise für Industrie | https://www.eha.net/blog/details/strompreise-unternehmen.html | besucht am 29.06.2026
  • Institut der deutschen Wirtschaft | Die Steuerbelastung der Unternehmen im internationalen und zeitlichen Vergleich | https://www.iwkoeln.de/studien/tobias-hentze-bjoern-kauder-die-steuerbelastung-der-unternehmen-im-internationalen-und-zeitlichen-vergleich.html | besucht am 29.06.2026
  • Bundesfinanzministerium | Die wichtigsten Steuern im internationalen Vergleich | https://www.bundesfinanzministerium.de/Monatsberichte/Ausgabe/2025/08/Inhalte/Kapitel-3-Analysen/3-3-steuern-im-internationalen-vergleich-2024.html | besucht am 29.06.2026
  • Statistisches Bundesamt | Bürokratiekosten / Erfüllungsaufwand | https://www.destatis.de/DE/Themen/Staat/Buerokratiekosten/Erfuellungsaufwand/buerokratiekostenindex.html | besucht am 29.06.2026
  • Statistisches Bundesamt | Eine Arbeitsstunde kostete im Jahr 2025 durchschnittlich 45,00 Euro | https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/04/PD26_148_624.html | besucht am 29.06.2026
  • DIHK | Fachkräftereport 2025/2026 | https://skill-sprinters.de/blog/ki-digitalisierung/fachkraeftemangel-deutschland-2026/ | besucht am 29.06.2026
  • IW Köln | Demografie und Fachkräftelücke | https://wirtschaftsradar.com/fachkraeftemangel-in-deutschland/ | besucht am 29.06.2026
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