Die Brexit-Bilanz fällt zehn Jahre nach dem Referendum nüchterner aus, als beide Lager 2016 versprachen. Kein Wirtschaftskollaps, kein Paradies. Stattdessen ein langsamer Aderlass, den die Briten inzwischen an der Supermarktkasse spüren.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenAm 23. Juni 2016 stimmten 52 Prozent der Britinnen und Briten für den Austritt aus der Europäischen Union. Zehn Jahre später lässt sich die Rechnung erstmals seriös aufmachen. Die Frage lautet nicht mehr, ob der Brexit Folgen hatte, sondern wie hoch der Preis für die wiedergewonnene Souveränität ausfällt.
Das Wichtigste in Kürze
- Der wissenschaftliche Konsens beziffert den Brexit-Schaden auf rund 4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, neuere Studien nennen 6 bis 8 Prozent
- Die eigenen Handelsabkommen außerhalb Europas bringen zusammen etwa 0,5 Prozent BIP, ein Bruchteil der Austrittskosten
- Britische Haushalte zahlten allein durch Brexit-Handelsbarrieren rund 290 Euro mehr für Lebensmittel
- 57 Prozent der Briten halten den Austritt für falsch, der höchste je gemessene Wert
Wie viel BIP hat der Brexit wirklich gekostet?

Die ehrlichste Antwort der Brexit-Bilanz lautet: irgendwo zwischen viel und sehr viel. Das britische Office for Budget Responsibility, die unabhängige Finanzaufsicht der Regierung, rechnet seit Jahren mit einem Produktivitätsverlust von 4 Prozent gegenüber einem Verbleib in der EU. Diese Zahl ist der Durchschnitt aus dreizehn seriösen Studien und gilt als konservative Untergrenze.
Neuere Forschung zeichnet ein düstereres Bild. Das US-Wirtschaftsinstitut National Bureau of Economic Research kam Ende 2025 zu dem Schluss, dass die britische Wirtschaft 6 bis 8 Prozent kleiner war, als sie ohne den Austritt gewesen wäre. Goldman Sachs nannte 2024 sogar 8 Prozent. Die Bandbreite klingt nach Unsicherheit, hat aber einen klaren unteren Boden: Keine ernstzunehmende Studie kommt auf null. Wie sehr solche Prozentpunkte am Ende die Staatskasse treffen, zeigt auch der deutsche Blick auf die oft missverstandene Grenze der Staatsschulden.
Wie kommt der Schaden zustande? Der Ökonom Jonathan Portes vom King’s College London beschreibt die Mechanik nüchtern. Brexit habe, wie vorhergesagt, erheblichen wirtschaftlichen Schaden angerichtet, sagt der Londoner Volkswirt. Eine Katastrophe sei der Austritt nicht gewesen, eher ein langsam schwelender Bremsklotz für die Wirtschaft.
Genau dieser schleichende Charakter erklärt, warum der große Knall ausblieb. Die Federal Reserve hielt in einer Analyse vom Januar 2026 fest, dass der Brexit keinen scharfen, kurzen Einbruch verursachte. Der Schaden sickerte langsam ein: über schwächere Investitionen, geringeres Produktivitätswachstum und mühsam umgebaute Handelsbeziehungen.
Eine Forschungsgruppe am King’s College London hat die Treiber 2025 quantifiziert. Die Unternehmensinvestitionen lagen 12 bis 18 Prozent niedriger als in einem Szenario ohne Brexit. Produktivität und Beschäftigung jeweils 3 bis 4 Prozent. Der Grund war oft banal: Management-Zeit floss in Risikoanalysen und Zollvorbereitung statt in neue Produkte.
| Quelle | Geschätzter BIP-Verlust | Stand |
|---|---|---|
| Office for Budget Responsibility | 4 Prozent (langfristig) | laufend |
| NIESR | 5 bis 6 Prozent | 2023 |
| Goldman Sachs | rund 8 Prozent | 2024 |
| National Bureau of Economic Research | 6 bis 8 Prozent | 2025 |
Der Handel zeigt den Effekt am deutlichsten. Einem Bericht der Aston University in Birmingham zufolge sank der Wert der britischen Warenexporte in die EU zwischen 2021 und 2023 um 27 Prozent, die Importe um 32 Prozent. Die Autoindustrie, einst Aushängeschild der britischen Exportwirtschaft, schrumpfte besonders stark, weil ihre Lieferketten quer durch Europa verlaufen.
Wo verbucht Großbritannien echte Brexit-Gewinne?

Der ehrliche Blick auf die Brexit-Bilanz verlangt, auch die Habenseite zu prüfen. Denn Befürworter führen durchaus konkrete Erfolge an, und einige davon halten der Überprüfung stand.
Der sichtbarste Gewinn liegt in der eigenständigen Handelspolitik. Großbritannien trat dem transpazifischen Handelspakt CPTPP bei, zu dem Japan, Australien und Kanada gehören, und schloss bilaterale Abkommen mit etlichen Staaten. Auf dem Papier ist das genau die „Global Britain“-Strategie, die 2016 versprochen wurde.
Das Problem zeigt sich beim Rechnen. Beim Beitritt zum CPTPP hatte das Land mit neun der elf Mitglieder bereits Handelsabkommen, geerbt aus EU-Zeiten. Der gesamte Wert aller neuen Freihandelsabkommen außerhalb Europas summiert sich nach Berechnungen der London School of Economics auf etwa 0,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Dem stehen Austrittskosten von rund 4 Prozent gegenüber. Das Centre for Economic Performance der LSE nannte „Global Britain als Handelsstrategie“ deshalb eine Fantasie.
Ein zweiter Punkt hält besser stand: die Finanzindustrie. Die Londoner City hat den Brexit deutlich besser überstanden, als 2016 in Frankfurt und Paris gehofft wurde. Der große Exodus der Banken blieb aus, London verteidigte seine Stellung als europäisches Finanzzentrum weitgehend.
Auch bei der Forschung erfolgte eine Korrektur in die richtige Richtung. Nach Jahren der Abkopplung vom EU-Programm Horizon Europe kehrte Großbritannien 2024 zurück. Und Sir John Curtice von der Universität Strathclyde verweist auf einen Punkt, der selten als Brexit-Erfolg verbucht wird. Für alle, denen eine multikulturelle, multiethnische Gesellschaft am Herzen liege, sei der Brexit ein riesiger Vorteil gewesen, sagt der Politikwissenschaftler, denn das Land sei ethnisch und kulturell deutlich vielfältiger geworden.
Die Pointe steckt im Detail. Genau diese gestiegene Zuwanderung war das Gegenteil dessen, was viele Austrittsbefürworter sich erhofft hatten. Nach dem Brexit nahm die Einwanderung nach Großbritannien massiv zu, weil das neue Punktesystem Fachkräfte aus aller Welt anzog, statt die Zuwanderung zu senken. Ein Erfolg, den kaum jemand bestellt hatte.
Bleibt die Souveränität selbst. Hier wird die Rechnung philosophisch. Donald Trump verlangt von London inzwischen die Rücknahme von Gesetzen, die US-Tech-Konzerne einschränken. Die Briten verhandelten vorher in Brüssel mit, sitzen nun aber einzeln am Tisch mit Washington. Ob das mehr Kontrolle bedeutet oder weniger, beantwortet jeder nach politischem Geschmack.
Die Brexit-Bilanz von Dr. Web zeigt das eigentliche Dilemma: Großbritannien hat 4 Prozent BIP gegen ein halbes Prozent aus eigenen Handelsdeals getauscht. Eine so teuer bezahlte Souveränität sollte wenigstens klar benennen, was sie konkret eingebracht hat.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was merkt ein britischer Haushalt im Alltag?

Volkswirtschaftliche Prozente bleiben abstrakt. Im Alltag wird die Brexit-Bilanz erst greifbar, und zwar zuerst beim Einkaufen.
Die London School of Economics hat den Effekt sauber isoliert. Allein die Brexit-Handelsbarrieren verteuerten den Lebensmittelkorb eines durchschnittlichen Haushalts um rund 290 Euro über gut drei Jahre. Insgesamt legten Brexit-bedingte Kosten knapp 8 Milliarden Euro auf die britischen Lebensmittelrechnungen. Etwa ein Drittel der gesamten Lebensmittelinflation seit 2019 ging laut LSE auf das Konto des Austritts.
Besonders bitter: Ärmere Haushalte trifft das härter, weil bei ihnen ein größerer Anteil des Einkommens auf Essen entfällt. Der pro-europäische Aktivist Femi Oluwole benannte die soziale Schieflage drastisch, als die Hälfte einkommensschwacher Familien zeitweise Mahlzeiten ausließ, um die Kinder zu versorgen. Was als Frage der nationalen Selbstbestimmung begann, landete in der Brotdose.
Der zweite spürbare Bereich ist das Reisen. Seit dem Ende der Personenfreizügigkeit am 31. Dezember 2020 stehen Briten beim Flug ins sonnige Spanien in der Schlange für Drittstaatsangehörige. Bald kommt eine elektronische Einreisegenehmigung hinzu. Aus der Selbstverständlichkeit des freien Reisens wurde ein Verwaltungsvorgang.
Am tiefsten greift der dritte Punkt: der Fachkräftemangel. Mit der Freizügigkeit endete auch der unkomplizierte Zustrom von Arbeitskräften aus der EU. Eine Untersuchung des Migration Observatory der Universität Oxford zeigt, dass Gastgewerbe, Einzelhandel und Gesundheitswesen stark unter dem Wegfall litten. Der Deutsche Botschafter in London, Miguel Berger, benennt die Verlierer noch klarer: Die größten Verlierer des Brexit seien die jungen Leute.
Großbritannien nimmt nicht mehr am Erasmus-Programm teil. Der Studentenaustausch brach um 60 Prozent ein, der Schüleraustausch um etwa 75 Prozent. Eine ganze Generation verlor den selbstverständlichen Zugang zum Kontinent, ohne je darüber abgestimmt zu haben.
Für kleine und mittlere Unternehmen kam ein eigener Effekt hinzu. Die LSE fand heraus, dass große Konzerne den Brexit besser wegsteckten als kleine Firmen. Thomas Sampson von der LSE erklärt den Grund: Große Firmen können sich Zollspezialisten leisten und Lager in der EU eröffnen, um ihr Handelsvolumen zu halten. Der Mittelstand kann das nicht und trägt die Bürokratie voll.
Warum ist die Zustimmungsrate der ehrlichste Brexit-Indikator?

Ökonomen streiten über Prozentpunkte, weil sich Brexit-Effekte schwer von Pandemie und Energiekrise trennen lassen. Ein Indikator umgeht dieses Problem elegant: die Frage, ob die Briten ihre eigene Entscheidung heute noch richtig finden. Diese Bewertung kennt keine methodischen Ausreden.
Die Antwort fällt eindeutig aus. Im Juni 2026, pünktlich zum zehnten Jahrestag, hielten 57 Prozent der Briten den Austritt für falsch, der höchste je gemessene Wert. Nur noch 30 bis 32 Prozent stehen zur damaligen Entscheidung. Das Meinungsforschungsinstitut YouGov hat sogar einen eigenen Begriff für das Phänomen geprägt: „Bregret“, aus Brexit und Regret.
Noch deutlicher wird das Bild bei der Erfolgsbewertung. 63 Prozent der Briten halten den Brexit für einen Misserfolg, nur 12 Prozent für einen Erfolg. Selbst unter den damaligen Austrittswählern überwiegt inzwischen die Ernüchterung. Sieben von zehn Briten finden, die Regierung habe den Brexit schlecht gemanagt.
Am aussagekräftigsten ist der Blick auf die Jüngsten. Drei Viertel der 18- bis 24-Jährigen halten den Austritt für falsch, nur jeder Zehnte für richtig. Diese Altersgruppe konnte 2016 größtenteils nicht abstimmen und erbt nun eine Entscheidung, die sie mehrheitlich ablehnt. Sechs von zehn der Generation Z wünschen sich laut der Denkfabrik More in Common ein neues Referendum.
Hier liegt das eigentliche Paradox der Brexit-Bilanz. Eine klare Mehrheit bereut den Austritt, eine Rückkehr steht trotzdem nicht auf der Tagesordnung. Nigel Farage, einer der Architekten des Austritts und heute Chef der Reform-UK-Partei, nannte den Brexit zwar selbst einen Misserfolg, hält den Schritt aber weiter für richtig. Seine Partei feiert bei Lokalwahlen Erfolge. Kein größerer Politiker traut sich an ein zweites Referendum, weil die Wunde noch zu frisch ist.
Haben Sie sich schon gefragt, warum eine Mehrheit den Austritt bereut und trotzdem niemand den Schritt rückgängig machen will? Die Antwort liegt in der Erschöpfung. Nach Jahren des Streits will kaum jemand die Schlacht von 2016 noch einmal schlagen. Reue heißt nicht automatisch Tatkraft.
Harakiri oder goldene Gans: Was bleibt von der Brexit-Bilanz?

Ziehen wir die Summe. Weder die Weltuntergangsprognosen der Austrittsgegner noch die Wohlstandsversprechen der Befürworter haben sich erfüllt. Beide Lager lagen daneben.
Die Wahrheit liegt in der Mitte, neigt sich aber klar zur Sollseite. Großbritannien hat keinen wirtschaftlichen Selbstmord begangen. Ein Verlust von 4 bis 8 Prozent BIP ist kein Kollaps, sondern ein dauerhafter Bremsklotz. Die goldene Gans wurde der Austritt allerdings auch nicht. Die eigenen Handelsabkommen bringen einen Bruchteil dessen ein, was der Verlust des Binnenmarkts kostet.
Interessant ist, dass sich die Wachstumsraten zuletzt angeglichen haben. 2026 wächst die britische Wirtschaft mit etwa 0,8 Prozent, ungefähr auf deutschem Niveau und nur knapp unter dem EU-Durchschnitt. Das liegt aber weniger an britischer Stärke als an europäischer Schwäche, weil Deutschland und Frankreich aus eigenen Gründen schwächeln. Wie fragil die deutsche Konjunktur derzeit ist, zeigt die halbierte EU-Wachstumsprognose für Deutschland. Ein schwacher Trost.
Für Entscheider lautet die Lehre nicht „Austritt ja oder nein“, sondern grundsätzlicher: Große souveränitätspolitische Weichenstellungen entfalten ihre Kosten langsam und an unerwarteter Stelle. Nicht im großen Knall, sondern im Lebensmittelkorb, im Fachkräftemangel, in der fehlallokierten Management-Aufmerksamkeit. Wer strategische Entscheidungen nur am Tag eins bewertet, übersieht die eigentliche Rechnung. Wie anders politische Systeme mit langfristiger Steuerung umgehen, beleuchtet der Blick auf Chinas Langfrist-Denken gegenüber der kurzatmigen Demokratie.
Die Briten haben für ihre Souveränität bezahlt. Ob der Preis fair war, bleibt eine politische Frage. Dass er hoch war, ist nach allem, was die Brexit-Bilanz zeigt, inzwischen eine ökonomische Tatsache.
Glossar: 13 wichtige Begriffe zur Brexit-Bilanz
Aston University
Aston University ist eine Forschungsuniversität in Birmingham. Ihre Studien zum britischen Außenhandel lieferten zentrale Belege für den Einbruch der Warenexporte in die EU nach dem Brexit und gelten als wichtige Quelle für die Handelsbilanz des Austritts.
Bregret
Bregret ist ein Kofferwort aus „Brexit“ und dem englischen „Regret“ für Reue. Das Meinungsforschungsinstitut YouGov prägte den Begriff für das wachsende Bedauern der Briten über den EU-Austritt. Seit Mitte 2022 hält eine Mehrheit den Brexit konstant für die falsche Entscheidung.
CPTPP
CPTPP steht für das transpazifische Handelsabkommen Comprehensive and Progressive Agreement for Trans-Pacific Partnership. Großbritannien trat dem Pakt nach dem Brexit bei, hatte mit den meisten Mitgliedern aber bereits aus EU-Zeiten Handelsabkommen. Der wirtschaftliche Zusatznutzen fällt entsprechend gering aus.
EU-Binnenmarkt
Der EU-Binnenmarkt garantiert den freien Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Kapital und Personen zwischen den Mitgliedstaaten. Mit dem Austritt verlor Großbritannien diesen Zugang, was höhere Handelsbarrieren, Zollkontrollen und Bürokratie zur Folge hatte.
Federal Reserve
Die Federal Reserve ist die Zentralbank der USA. Ihre Analysten untersuchten die Brexit-Folgen und stellten fest, dass der Austritt keinen scharfen Einbruch verursachte, sondern einen langsamen, über Jahre wirkenden Rückgang von Investitionen und Produktivität.
Freizügigkeit
Die Freizügigkeit erlaubt EU-Bürgern, in jedem Mitgliedstaat ohne Visum zu leben und zu arbeiten. Großbritannien beendete diese Regelung Ende 2020. Der Wegfall führte in mehreren Branchen zu spürbarem Fachkräftemangel, besonders im Gastgewerbe und Gesundheitswesen.
Horizon Europe
Horizon Europe ist das Forschungs- und Innovationsförderprogramm der EU. Großbritannien war nach dem Brexit jahrelang abgekoppelt und kehrte erst 2024 zurück. Die Unterbrechung hinterließ Spuren in der britischen Forschungslandschaft.
London School of Economics (LSE)
Die London School of Economics ist eine der führenden wirtschaftswissenschaftlichen Hochschulen weltweit. Ihr Centre for Economic Performance lieferte zentrale Studien zu den Brexit-Kosten, etwa zur Verteuerung von Lebensmitteln und zum geringen Nutzen der neuen Handelsabkommen.
NBER
Das National Bureau of Economic Research ist ein US-amerikanisches Wirtschaftsforschungsinstitut. Seine Studie von 2025 schätzte den Brexit-bedingten BIP-Verlust auf 6 bis 8 Prozent und gehört damit zu den Untersuchungen mit den höchsten Schadenswerten.
Nicht-tarifäre Handelsbarrieren
Nicht-tarifäre Handelsbarrieren sind Handelshemmnisse jenseits klassischer Zölle, etwa Grenzkontrollen, Dokumentationspflichten oder veterinärmedizinische Prüfungen. Diese Barrieren gelten als Hauptursache für die gestiegenen Lebensmittelpreise und den Rückgang des britischen EU-Handels.
Office for Budget Responsibility (OBR)
Das Office for Budget Responsibility ist die unabhängige Finanzaufsicht der britischen Regierung. Seine Schätzung eines langfristigen Produktivitätsverlusts von 4 Prozent gilt als konservativer Konsenswert und bildet die Grundlage vieler Brexit-Bilanzen.
Produktivität
Die Produktivität misst die wirtschaftliche Leistung pro Arbeitsstunde oder Erwerbstätigem. Der Brexit drückte diesen Wert laut mehreren Studien um 3 bis 4 Prozent, vor allem durch geringere Investitionen und erschwerten Handel mit dem wichtigsten Absatzmarkt.
Trade and Cooperation Agreement (TCA)
Das Trade and Cooperation Agreement ist das Handels- und Kooperationsabkommen zwischen Großbritannien und der EU, das seit 2021 die Beziehungen regelt. Das Abkommen verhindert Zölle, schafft aber den freien Marktzugang nicht zurück und ließ erhebliche Handelsbarrieren bestehen.
FAQ: Brexit-Bilanz: Souveränität teuer erkauft
Wie viel BIP hat der Brexit Großbritannien gekostet?
Der wissenschaftliche Konsens liegt bei rund 4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, basierend auf der Schätzung des Office for Budget Responsibility. Neuere Studien des NBER und von Goldman Sachs kommen auf 6 bis 8 Prozent. In Euro entspricht das je nach Rechnung einem dauerhaften jährlichen Verlust im dreistelligen Milliardenbereich.
Warum sind die Lebensmittelpreise nach dem Brexit so stark gestiegen?
Hauptursache sind nicht-tarifäre Handelsbarrieren wie Grenzkontrollen, Zusatzdokumente und veterinärmedizinische Prüfungen. Die London School of Economics berechnete, dass allein diese Brexit-Barrieren den durchschnittlichen Haushalt rund 290 Euro mehr kosteten und etwa ein Drittel der gesamten Lebensmittelinflation seit 2019 ausmachten.
Bereuen die Briten den Brexit?
Ja, mehrheitlich. Im Juni 2026 hielten 57 Prozent der Briten den Austritt für falsch, der höchste je gemessene Wert. 63 Prozent bewerten den Brexit als Misserfolg. Besonders deutlich ist die Ablehnung bei den 18- bis 24-Jährigen, von denen drei Viertel die Entscheidung für falsch halten.
Hat der Brexit Großbritannien auch wirtschaftliche Vorteile gebracht?
Einige, allerdings kleine. Die eigenen Handelsabkommen außerhalb Europas bringen zusammen etwa 0,5 Prozent BIP. Die Londoner Finanzindustrie überstand den Austritt besser als befürchtet, und das Land kehrte 2024 ins EU-Forschungsprogramm zurück. Diese Gewinne wiegen die Austrittskosten von 4 bis 8 Prozent BIP jedoch nicht auf.
Warum bleibt ein neues Referendum trotz mehrheitlicher Reue aus?
Nach Jahren erbitterten Streits ist die politische Erschöpfung groß. Kein größerer Politiker will die Auseinandersetzung von 2016 erneut führen. Hinzu kommt, dass eine Rückkehr in die EU andere Bedingungen hätte als der frühere Mitgliedsstatus, was die Debatte zusätzlich erschwert.
Wie steht die britische Wirtschaft heute im Vergleich zur EU da?
2026 wächst die britische Wirtschaft mit rund 0,8 Prozent, etwa auf deutschem Niveau und knapp unter dem EU-Durchschnitt von 1,3 Prozent. Diese Angleichung liegt allerdings weniger an britischer Stärke als an der konjunkturellen Schwäche von Deutschland und Frankreich.
Quellen
- Office for Budget Responsibility | Brexit analysis | https://obr.uk/forecasts-in-depth/the-economy-forecast/brexit-analysis/ | besucht am 25.06.2026
- National Bureau of Economic Research | The Economic Impact of Brexit | https://www.nber.org/system/files/working_papers/w34459/w34459.pdf | besucht am 25.06.2026
- Bundeszentrale für politische Bildung | Folgen des Brexits | https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/579078/folgen-des-brexits/ | besucht am 25.06.2026
- London School of Economics, Centre for Economic Performance | Brexit and consumer food prices: 2023 update | https://cep.lse.ac.uk/pubs/download/brexit18.pdf | besucht am 25.06.2026
- YouGov | Nine years after the EU referendum, where does public opinion stand on Brexit? | https://yougov.co.uk/politics/articles/52410 | besucht am 25.06.2026
- Federal Reserve | Lessons from Brexit on the Effects of Trade Disintegration | https://www.federalreserve.gov/econres/notes/feds-notes/lessons-from-brexit-on-the-effects-of-trade-disintegration-20260116.html | besucht am 25.06.2026
- RTÉ | How Brexit drag took British economy off course | https://www.rte.ie/news/2026/0623/1579917-brexit-analysis/ | besucht am 25.06.2026
- ZDF | Wie der Brexit Großbritannien bis heute bremst | https://www.zdf.de/nachrichten/politik/ausland/brexit-grossbritannien-fuenf-jahre-100.html | besucht am 25.06.2026
- Statista / YouGov | Brexit opinion poll | https://www.statista.com/statistics/987347/brexit-opinion-poll/ | besucht am 25.06.2026