Die Deindustrialisierung in Deutschland steht nicht mehr in Prognosen, sondern in der amtlichen Statistik. Energieintensive Werke fahren seit Jahren herunter, doch über die Ursache wird falsch gestritten. Eine Spur führt nicht zu den Strompreisen allein, sondern zu der Frage, wer Industriepolitik macht und wer sie am Ende bezahlt.

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Die Deindustrialisierung in Deutschland kostet inzwischen ganze Branchen ihre Substanz, und die Zahlen dahinter stammen nicht von Stimmungsmachern, sondern vom Statistischen Bundesamt. Für Entscheider in mittelständischen Betrieben ist die Lage damit keine Meinungsfrage mehr, sondern eine Kalkulationsgrundlage. Schwieriger als der Befund bleibt die Diagnose, denn die gängige Schuldzuweisung greift zu kurz.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Produktion der energieintensiven Industrie ist laut Statistischem Bundesamt von Februar 2022 bis März 2026 um 15,2 Prozent gefallen, fast doppelt so stark wie die Gesamtindustrie.
  • Den Hauptschub gab nicht der Atomausstieg, sondern der Gaspreisschock ab 2022, der über die Merit-Order den Börsenpreis bestimmt.
  • Der vollzogene Atomausstieg war eine Entscheidung der Regierung Merkel nach Fukushima, getragen von einer breiten Mehrheit über alle Fraktionen.
  • Über die Energiepolitik entscheidet ein Milieu, das im Staatssektor überrepräsentiert ist und vom industriellen Alltag strukturell weit entfernt liegt.
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Fünf Fragen aus dem Artikel. Wählen Sie Ihre Antwort, dann decken Sie die Lösung auf.
1Um wie viel ist die Produktion der energieintensiven Industrie von Februar 2022 bis März 2026 gesunken?Aufklappen ↓
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Richtig: A. Das Statistische Bundesamt weist für die energieintensiven Zweige ein Minus von 15,2 Prozent aus, fast doppelt so viel wie die Gesamtindustrie mit 9,5 Prozent. Mehr dazu im Kapitel zur Datenlage.
2Was hat den Industriestrompreis 2022 vor allem nach oben getrieben?Aufklappen ↓
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Richtig: B. Über die Merit-Order setzt das teuerste benötigte Kraftwerk den Preis, und in Spitzenstunden läuft meist ein Gaskraftwerk. Der Sprung auf 35,70 Cent folgte dem Gaspreis, nicht dem Ökostrom.
3Wer hat den vollzogenen Atomausstieg 2011 beschlossen?Aufklappen ↓
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Richtig: C. Den ersten Ausstieg verhandelte Rot-Grün im Jahr 2000, doch die Kehrtwende von 2011 traf die Regierung Merkel, getragen von einer breiten Mehrheit. Details im Kapitel zur Energiewende.
4Wie hoch lag die deutsche Staatsquote 2025?Aufklappen ↓
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Richtig: A. Laut Statistischem Bundesamt lag die Staatsquote 2025 bei 50,3 Prozent. Dieser Anteil ist ohne eine kräftige Steuerbasis nicht zu halten, wie das Kapitel zur Finanzierung zeigt.
5Welche Berufsgruppe wählte 2021 überdurchschnittlich oft die Grünen?Aufklappen ↓
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Richtig: B. In der Forsa-Befragung des Beamtenbundes lagen die Grünen unter Beamten mit 32 Prozent vorn. Das Kapitel zur Repräsentationslücke ordnet diese Distanz ein.

Wie weit ist die Deindustrialisierung in Deutschland?

3D-Modell einer verrosteten Industrie-Destillationskolonne mit Schaltschrank vor weißem Hintergrund
Produktion energieintensiver Industriezweige von Feb. 2022 bis März 2026 um 15,2% gesunken, Gesamtindustrie um 9,5%

Den nüchternsten Blick liefert das Statistische Bundesamt. Von Februar 2022 bis März 2026 ist die Produktion der energieintensiven Industriezweige um 15,2 Prozent gesunken, während die gesamte Industrie um 9,5 Prozent nachgab. Die Schere zwischen beiden Werten zeigt, wo der Druck am härtesten wirkt: dort, wo Strom und Gas den größten Kostenblock bilden.

Innerhalb dieser Branchen fällt der Rückgang sehr unterschiedlich aus. Glas, Keramik sowie die Verarbeitung von Steinen und Erden brachen um 25 Prozent ein, bei Beton und Zement sogar um 29,3 Prozent. Die Papierindustrie verlor 18,5 Prozent, die Chemie 18,1 Prozent, die Metallerzeugung 12,9 Prozent. Ein Strukturbruch dieser Größe verschwindet nicht von selbst.

Hinter den Prozenten stehen Stellen. Allein in den energieintensiven Zweigen ist die Beschäftigung im selben Zeitraum um rund 53.000 Personen geschrumpft, von 847.700 auf 794.400. Das Institut der deutschen Wirtschaft meldet zudem, dass 44 Prozent der Industriebetriebe für das laufende Jahr Stellenabbau planen. Eine Trendwende ist in diesen Zahlen nicht zu erkennen.

Der Preisabstand zum Ausland erklärt, warum Konzerne ihre Investitionen verlagern. Beim Strom zahlt die deutsche Industrie ein Vielfaches der Standorte, gegen die sie konkurriert.

StandortIndustriestrompreis (ct/kWh, gerundet)
Deutschland~18
EU-Durchschnitt~15
China~8
USA~7,5

Werte gerundet nach Eurostat (erste Jahreshälfte 2025) und Branchenkompilationen, die Vergleichsgruppen sind methodisch nicht identisch.

Wie eng der Standort am Strompreis hängt, hat die Redaktion am Beispiel einer einzelnen Schraube durchgerechnet. Das prominenteste Beispiel trägt einen Namen: BASF baut sein neues Werk im US-Bundesstaat Louisiana, nicht in Ludwigshafen.

Ist die Energiewende schuld, oder doch der Gaspreis?

Industrie-Gasventil mit Flamme und Preisschild € 74,50 vor weißem Hintergrund
Der Industriestrompreis ohne Vergünstigung sprang 2022 auf 35,70 Cent, getrieben vom Gaspreis, nicht vom Ökostrom.

Die populärste Erklärung lautet, die Energiewende habe den Strom verteuert und damit die Industrie vertrieben. Diese Lesart hält der Prüfung nur halb stand. Den eigentlichen Sprung hat der Gaspreis nach dem russischen Angriff auf die Ukraine ausgelöst.

Die Zahlen der Bundesnetzagentur belegen das. Auf der Plattform SMARD lag der modellierte Industriestrompreis ohne Vergünstigungen 2021 bei 21,77 Cent je Kilowattstunde, schoss 2022 auf 35,70 Cent und fiel 2023 wieder auf 19,63 Cent. Ein solcher Ausschlag folgt keinem Förderprogramm für Wind und Sonne, sondern dem Weltmarktpreis für Erdgas.

Den Mechanismus dahinter kennt die Branche als Merit-Order. Das teuerste noch benötigte Kraftwerk setzt den Preis für alle, und in den Spitzenstunden läuft meist ein Gaskraftwerk. Erneuerbare drücken den Großhandelspreis sogar, doch der Gasaufschlag überlagert diesen Effekt, solange Erdgas die Börse taktet. 2025 stammten bereits 55,9 Prozent der Nettostromerzeugung aus erneuerbaren Quellen, ohne dass der Standortnachteil verschwunden wäre.

Wie tief der Einbruch reicht

Produktionsrückgang der deutschen Industrie seit Februar 2022, nach Statistischem Bundesamt.

−15,2%
energieintensive Industrie, Feb. 2022 bis März 2026
Rückgang nach Branche
Beton und Zement−29,3%
Glas, Keramik, Steine und Erden−25,0%
Papierindustrie−18,5%
Chemische Industrie−18,1%
Metallerzeugung−12,9%
Gesamtindustrie−9,5%
Industriestrompreis im Vergleich (ct/kWh, gerundet)
~18
Deutschland
~15
EU-Schnitt
~8
China
~7,5
USA
Die energieintensive Industrie schrumpft fast doppelt so schnell wie die Gesamtindustrie. Der Strompreis erklärt den Abstand: In Deutschland kostet er rund das Doppelte des EU-Schnitts und mehr als das Doppelte der USA.

Quelle: Statistisches Bundesamt (Produktionsindex, Mai 2026); Eurostat und Branchenkompilation (Strompreise, 2025), Vergleichsgruppen methodisch nicht identisch.

© 2026 Dr. Web – Das Fachportal für Entscheider | Infografik von Dr. Web

Der Atomausstieg taugt aus einem zweiten Grund nicht als Hauptschuldiger. Die Kernkraft lieferte vor der Abschaltung nur noch rund sechs Prozent des deutschen Stroms. Ein Block dieser Größe verschiebt Preise am Rand, nicht im Kern.

Auch die Urheberschaft passt nicht ins gängige Bild. Den ersten Ausstiegsbeschluss hat im Jahr 2000 die rot-grüne Koalition gefasst, mit einem Enddatum um 2020. Die Regierung Merkel hat diesen Pfad 2010 zunächst verlängert und 2011 nach der Katastrophe von Fukushima abrupt umgekehrt. Den vollzogenen Ausstieg hat also eine schwarz-gelbe Regierung beschlossen, getragen von einer breiten Mehrheit über alle Fraktionen hinweg.

Hier liegt ein Widerspruch, den die Empörung gern überspringt. Das Abschalten CO2-armer Kernkraft hat die Dekarbonisierung nicht erleichtert, sondern verteuert, weil in der Übergangsphase mehr Kohle einsprang. Klimaschutz und Atomausstieg im selben Atemzug zu bejahen verknüpft zwei Ziele, die einander zeitweise blockiert haben. Unsere Position dazu ist deutlich: Die Strompreise sind ein reales Standortproblem, doch die Schuld bei einer einzelnen Partei zu suchen verfehlt die Mechanik des Marktes.

Welches Milieu macht eigentlich die Energiepolitik?

Wer den Staat trägt

Der sichere Staatsjob finanziert sich nicht selbst. Eine Kette in drei Stufen.

50,3%
Staatsquote 2025 (Destatis)
🏭
Industrie
erwirtschaftet Wertschöpfung, Löhne und Gewinne
💰
Steuern & Abgaben
Lohnsteuer, Sozialbeiträge, Unternehmenssteuern
🏛
Staat
Beamtengehälter, Renten und Sozialleistungen
Das Paradox: Ausgerechnet das Milieu mit der höchsten Jobsicherheit trägt eine Politik, die die Steuerquelle dieser Sicherheit schwächt. Schrumpft die Industrie, schrumpft die Basis, aus der der sichere Staatsjob bezahlt wird.

Quelle: Statistisches Bundesamt, Staatsquote 2025 (50,3 Prozent der Wirtschaftsleistung).

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Sobald die Schuldfrage vom Strompreis zur Politik wandert, lohnt ein Blick auf die Leute, die diese Politik tragen. Energiepolitik in Deutschland trägt seit Jahren eine grüne Handschrift, und die Wählerbasis dieser Partei hat ein auffälliges Profil.

Der Deutsche Beamtenbund hat 2021 von Forsa erheben lassen, wie seine Klientel wählt. Unter Beamtinnen und Beamten lagen die Grünen mit 32 Prozent vorn, vor der Union mit 28 und der SPD mit 16 Prozent. Im Bevölkerungsschnitt rangierte die Partei zur selben Zeit nur auf Rang drei. Die Lücke zwischen beiden Werten ist kein Zufall.

Schon die Themenpräferenz passt ins Bild. In derselben Befragung des Beamtenbundes stand Umwelt- und Klimaschutz mit 51 Prozent unangefochten oben auf der Wunschliste an die nächste Regierung. Ein Sektor mit gesicherter Beschäftigung, hohem Akademikeranteil und planbarem Einkommen entwickelt andere Prioritäten als ein Betrieb, der jede Kilowattstunde gegen die Marge rechnet. Diese Distanz ist strukturell, nicht böswillig.

Genau die Distanz ist der Kern, nicht eine unterstellte Verachtung. Ein Referatsleiter im Ministerium liest die Stromrechnung als Position in einem Haushaltsplan. Ein Galvaniseur am Freiburger Stadtrand liest dieselbe Zahl als Entscheidung darüber, ob die Spätschicht noch anläuft. Beide handeln vernünftig, doch nur einer spürt den Preis am eigenen Auftragsbuch.

Blinde Politik braucht keine böse Absicht, um zu schaden. Ein Apparat, der die Folgen seiner Regeln nie am eigenen Konto erfährt, korrigiert zu spät. Genau deshalb ist die Repräsentationslücke kein moralischer Vorwurf, sondern ein Konstruktionsfehler.

Wer bezahlt eigentlich den sicheren Staatsjob?

Bürostuhl auf einem großen, rostigen Zahnrad, freigestellt vor weißem Hintergrund
Die Staatsquote lag 2025 bei 50,3 Prozent, finanziert aus einer Steuerbasis, die maßgeblich die Industrie trägt.

Die unbequemste Frage kommt zuletzt, und sie zielt auf das Fundament. Ein Beamtengehalt fließt nicht aus einer eigenen Quelle, sondern aus Steuern und Abgaben. Den größten Teil dieser Einnahmen erwirtschaftet die produktive Wirtschaft, allen voran die Industrie mit ihren Wertschöpfungsketten, Zulieferern und gut bezahlten Facharbeitern.

Hier schließt sich der Kreis zur Deindustrialisierung. Jede Fabrik, die schließt oder abwandert, nimmt Lohnsteuer, Sozialbeiträge und Unternehmenssteuern mit. Der Haushalt, der den sicheren Staatsjob finanziert, verliert mit jeder verlorenen Schicht ein Stück seiner Substanz. Die Sicherheit des öffentlichen Dienstes ruht damit auf genau der Basis, die eine fehlgeleitete Energiepolitik gerade aushöhlt.

Die Größenordnung macht das greifbar. Die Staatsquote, also der Anteil der Staatsausgaben an der Wirtschaftsleistung, lag 2025 laut Statistischem Bundesamt bei 50,3 Prozent. Ein halber Volkswirtschaftskuchen läuft über staatliche Hände, und dieser Anteil ist ohne eine kräftige Steuerbasis schlicht nicht zu halten.

Das Paradox liegt offen. Ausgerechnet das Milieu mit der höchsten Jobsicherheit treibt eine Politik voran, die die Steuerquelle dieser Sicherheit schwächt. Niemand sägt hier bewusst am eigenen Ast, doch der Effekt bleibt derselbe. Eine Volkswirtschaft, die ihre Industrie verliert, verliert über kurz oder lang auch die Mittel für einen großzügig ausgestatteten Staatssektor.

Ein Staat, der seine Industrie um 15 Prozent schrumpfen lässt, kürzt am Ende die eigene Gehaltsquelle. Die sicherste Stelle nützt wenig, sobald die Steuerbasis darunter wegbricht.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Was würde echte Industriepolitik anders machen?

Stromzähler mit geborstenem Glas, überklebt mit orangefarbenem Heftpflaster
Der subventionierte Industriestrompreis von rund fünf Cent gilt nur befristet bis 2028.

Die Bundesregierung hat das Problem erkannt und gegengesteuert. Seit Januar 2026 läuft ein subventionierter Industriestrompreis, der energieintensive Betriebe in 91 Wirtschaftsbereichen auf rund fünf Cent je Kilowattstunde entlasten soll, befristet bis 2028. Dazu kommen ein Zuschuss zu den Netzentgelten und eine gesenkte Stromsteuer.

Solche Hilfen lindern, doch sie kurieren nur das Symptom. Eine Subvention senkt den Preis auf dem Papier, ändert aber nichts an den Ursachen: zu wenig planbare Erzeugung, hohe Netzkosten, ein Abgabensystem über dem europäischen Schnitt. Sobald die Förderung 2028 ausläuft, steht dieselbe Rechnung wieder auf dem Tisch.

Wie teuer die Abkürzung über Fördergeld werden kann, zeigt der Fall Northvolt. In Heide versank eine halbe Milliarde Euro Steuergeld im Boden, bevor der schwedische Mutterkonzern insolvent ging. Geld allein baut keine wettbewerbsfähige Industrie, solange die Grundkosten nicht stimmen. Den umgekehrten Weg geht ein Freiburger Mittelständler, der die energieintensivste Stufe der Solarfertigung neu denkt, statt sie zu subventionieren.

Echte Industriepolitik müsste an zwei Hebeln zugleich ansetzen. Der erste betrifft eine verlässliche, bezahlbare Stromversorgung, die nicht jedes Quartal am Gaspreis hängt. Der zweite betrifft die Repräsentationslücke selbst, indem die Stimmen aus der produzierenden Wirtschaft im politischen Betrieb wieder Gewicht bekommen. Ohne den zweiten Hebel bleibt jede Entlastung ein Strohfeuer.

Was spricht gegen diese Lesart?

Waage mit Zahnrad links und Roboterarm rechts im Gleichgewicht vor weißem Hintergrund
Die deutsche Industrieproduktion sinkt bereits seit 2018, also vor der Ampelkoalition.

Ehrlich bleibt die Analyse nur mit den Gegenargumenten. Die Deindustrialisierung hat auch Ursachen, die mit grüner Politik nichts zu tun haben. Automatisierung verschiebt Arbeit aus der Fertigung, China drängt mit subventionierten Preisen auf den Weltmarkt, und die deutsche Industrieproduktion sinkt laut Statistik bereits seit 2018, also lange vor der Ampelkoalition. Die Energiewende allein für den Niedergang verantwortlich zu machen blendet diese Faktoren aus.

Auch die Milieu-These hat Grenzen. Beamte sind keine geschlossene Gruppe, und eine Wahlpräferenz ist noch keine Industriepolitik. Manche Ökonomen lesen den Rückgang als geordneten Strukturwandel hin zu höherwertigen Dienstleistungen, nicht als Absturz. Diese Deutung unterschätzt aus unserer Sicht das Tempo, mit dem Substanz verloren geht, doch sie gehört auf den Tisch.

Und der pauschale Vorwurf an die Grünen verkürzt die Geschichte, wie das Kapitel zum Atomausstieg gezeigt hat. Die Verantwortung für hohe Energiekosten verteilt sich über mehrere Regierungen, Parteien und einen Krieg, den niemand in Berlin geplant hat. Ehrliche Kritik nennt die Repräsentationslücke beim Namen, ohne daraus eine Verschwörung zu bauen.

Auf den Punkt
Automatisierung, China und Strukturwandel zählen mit. Die Repräsentationslücke zu benennen heißt nicht, eine Verschwörung zu behaupten.

Glossar: 12 wichtige Fachbegriffe zur Deindustrialisierung

Eine gesalzene Brezel mit einem kleinen Stoppschild darin vor weißem Hintergrund
Steuern und Sozialbeiträge als Anteil der Wirtschaftsleistung in Deutschland unter den höchsten der OECD. Energieintensive Betriebe leiden besonders unter zusätzlichen Abgaben

Abgabenquote

Abgabenquote bezeichnet den Anteil von Steuern und Sozialbeiträgen an der Wirtschaftsleistung. In Deutschland zählt diese Quote zu den höchsten in der OECD. Für energieintensive Betriebe verschärft jede zusätzliche Abgabe den Standortnachteil, weil sie direkt auf den Preis jeder produzierten Einheit durchschlägt.

Atomkonsens

Atomkonsens nennt sich die Vereinbarung der rot-grünen Bundesregierung mit den Kraftwerksbetreibern aus dem Jahr 2000, die deutschen Kernkraftwerke schrittweise abzuschalten. Der Kompromiss legte Reststrommengen fest und plante das Ende der Kernkraft um 2020, lange vor der späteren Kehrtwende nach Fukushima.

Bandlastkunde

Bandlastkunde heißt ein Industriebetrieb mit hohem und gleichmäßigem Stromverbrauch rund um die Uhr. Diese Abnehmer erfüllen häufig die Voraussetzungen für Vergünstigungen bei Netzentgelten und Umlagen und zahlen deshalb niedrigere Strompreise als kleinere Verbraucher mit schwankendem Bedarf.

Dekarbonisierung

Dekarbonisierung meint den Umbau von Wirtschaft und Energieversorgung weg von fossilen Brennstoffen hin zu klimaneutralen Quellen. Das Abschalten der Kernkraft stand zu diesem Ziel zeitweise quer, weil in der Übergangsphase verstärkt Kohle zum Einsatz kam, die mehr CO2 ausstößt.

Deindustrialisierung

Deindustrialisierung beschreibt den dauerhaften Rückgang des industriellen Sektors an Produktion und Beschäftigung. In Deutschland zeigt sich der Prozess vor allem in energieintensiven Branchen, deren Werke wegen hoher Strom- und Gaskosten Produktion drosseln oder ins Ausland verlagern.

Energieintensive Industrie

Energieintensive Industrie umfasst Branchen, deren Herstellung besonders viel Energie verbraucht, darunter Chemie, Metallerzeugung, Glas, Keramik, Papier und Mineralölverarbeitung. Auf diese Zweige entfiel 2024 rund drei Viertel des industriellen Energieverbrauchs, weshalb hohe Preise sie zuerst treffen.

Energiewende

Energiewende bezeichnet den politischen Umbau der Stromversorgung hin zu Wind, Sonne und anderen erneuerbaren Quellen. Befürworter sehen darin den Weg zu Klimaneutralität und langfristig günstigem Strom, Kritiker verweisen auf hohe Übergangskosten und die fehlende planbare Grundlast.

Industriestrompreis

Industriestrompreis meint den Preis, den ein Industriebetrieb tatsächlich je Kilowattstunde zahlt, zusammengesetzt aus Beschaffung, Netzentgelten, Steuern und Umlagen. Seit Januar 2026 fördert der Staat einen abgesenkten Industriestrompreis von rund fünf Cent für energieintensive Branchen, befristet bis 2028.

Merit-Order

Merit-Order ist die Einsatzreihenfolge der Kraftwerke an der Strombörse, sortiert nach Kosten. Das teuerste noch benötigte Kraftwerk bestimmt den Preis für alle. Da in Spitzenstunden meist Gaskraftwerke einspringen, koppelt dieser Mechanismus den Strompreis an den Erdgaspreis.

Netzentgelte

Netzentgelte sind die Gebühren für die Nutzung der Strom- und Gasnetze und ein fester Bestandteil jeder Stromrechnung. In Deutschland machen diese Kosten einen erheblichen Anteil am Endpreis aus, weshalb der Bund sie 2026 mit einem Zuschuss teilweise abfedert.

Staatsquote

Staatsquote bezeichnet das Verhältnis der gesamten Staatsausgaben zur Wirtschaftsleistung. 2025 lag dieser Wert in Deutschland bei 50,3 Prozent. Eine hohe Staatsquote setzt eine starke Steuerbasis voraus, die wiederum stark von einer leistungsfähigen Industrie getragen wird.

Wertschöpfung

Wertschöpfung misst den Wert, den ein Betrieb über die eingekauften Vorleistungen hinaus schafft. Industrielle Wertschöpfung speist Löhne, Gewinne und damit Steuereinnahmen. Sinkt diese Wertschöpfung durch Werksschließungen, schrumpft zugleich die Grundlage, aus der öffentliche Gehälter und Sozialleistungen finanziert werden.

Häufige Fragen zur Deindustrialisierung in Deutschland

Rotkehlchen auf Betonmast mit Leiter, Rissen, Unkraut und Sprechblase „Hallo? Noch jemand da?“
Hohe Abgaben, Bürokratie, Fachkräftemangel und Konkurrenz aus China belasten deutsche Unternehmen. Energiepreise wirken als stärkster Hebel

Was sind die Ursachen der Deindustrialisierung in Deutschland?

Die Deindustrialisierung in Deutschland hat mehrere Ursachen, die zusammenwirken. Im Vordergrund stehen hohe Energiekosten nach dem Gaspreisschock von 2022, dazu kommen eine hohe Abgabenlast, viel Bürokratie, der Fachkräftemangel und scharfe Konkurrenz aus China. Die Energiepreise wirken dabei als stärkster Hebel, weil sie energieintensive Branchen unmittelbar treffen.

Hat die Deindustrialisierung in Deutschland bereits begonnen?

Ja, die Entwicklung ist statistisch belegt. Laut Statistischem Bundesamt ist die Produktion der energieintensiven Industrie von Februar 2022 bis März 2026 um 15,2 Prozent gesunken, die Industrieproduktion insgesamt schrumpft sogar seit 2018. Von einem bloßen Risiko lässt sich daher nicht mehr sprechen.

Ist die Energiewende schuld an der Deindustrialisierung?

Nur zum Teil. Den größten Preisschub hat der Gaspreis nach dem russischen Angriff auf die Ukraine verursacht, nicht der Ausbau von Wind und Sonne. Über die Merit-Order koppelt Erdgas den Börsenpreis. Die Erneuerbaren dämpfen den Großhandelspreis sogar, werden vom Gasaufschlag aber überlagert.

Welche Branchen trifft die Deindustrialisierung am stärksten?

Am härtesten trifft der Rückgang die energieintensiven Zweige. Glas, Keramik und die Verarbeitung von Steinen und Erden verloren 25 Prozent, Beton und Zement sogar 29,3 Prozent. Auch Papier mit 18,5 Prozent und Chemie mit 18,1 Prozent verzeichnen deutliche Einbußen seit Februar 2022.

Wie hoch sind die Industriestrompreise im internationalen Vergleich?

Die deutsche Industrie zahlt mit rund 18 Cent je Kilowattstunde ein Vielfaches der wichtigsten Wettbewerber. In China liegt der Preis bei etwa acht Cent, in den USA bei rund 7,5 Cent. Selbst innerhalb der EU gehört Deutschland zu den teureren Standorten.

Hilft der subventionierte Industriestrompreis gegen die Abwanderung?

Der seit 2026 geförderte Industriestrompreis senkt die Kosten für energieintensive Betriebe spürbar, bleibt aber befristet bis 2028. Eine Subvention kuriert das Symptom, nicht die Ursache. Ohne dauerhaft planbare und bezahlbare Stromversorgung kehrt der Standortnachteil nach dem Auslaufen zurück.

Quellen

  • Statistisches Bundesamt | Energieintensive Industriezweige mit Produktionsrückgang um 15,2 % von Februar 2022 bis März 2026 | https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/05/PD26_N032_42.html | besucht am 30.06.2026
  • Statistisches Bundesamt | Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2025 um 0,2 % gewachsen (Staatsquote 50,3 %) | https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/01/PD26_017_811.html | besucht am 30.06.2026
  • Bundesnetzagentur (SMARD) | Entwicklung der Industriestrompreise | https://www.smard.de/page/home/topic-article/444/215830/entwicklung-der-industriestrompreise | besucht am 30.06.2026
  • Eurostat / Statista | Strompreise für Industriekunden in der EU im 2. Halbjahr 2025 | https://de.statista.com/statistik/daten/studie/151260/umfrage/strompreise-fuer-industriekunden-in-europa/ | besucht am 30.06.2026
  • Deutscher Beamtenbund (dbb) / Forsa | Öffentlicher Dienst: Die Grünen liegen vorn | https://www.dbb.de/artikel/oeffentlicher-dienst-die-gruenen-liegen-vorn.html | besucht am 30.06.2026
  • Sparkasse / Bundesregierung | Industriestrompreis 2026 | https://www.sparkasse.de/aktuelles/industriestrompreis.html | besucht am 30.06.2026
  • Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg | Die Energiewende, Ausstieg aus der Atomkraft | https://www.lpb-bw.de/energiewende | besucht am 30.06.2026

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