Rund 100 Tage nach der Eröffnung verbucht BASFs neuer Milliardenstandort im chinesischen Zhanjiang bereits fast zwei profitable Monate. Zur gleichen Zeit kürzt das Stammwerk Ludwigshafen 2,3 Milliarden Euro und baut Tausende Stellen ab. Der Kontrast zeigt, wohin sich die deutsche Basisindustrie bewegt.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenBASF hat in China in Wochen geschafft, wofür Ludwigshafen gerade kämpft: schwarze Zahlen. Der 8,7 Milliarden Euro teure Verbundstandort Zhanjiang[1] läuft schneller und günstiger an als geplant, während die Heimat spart. Hinter dem Doppel steckt weniger eine China-Wette als eine nüchterne Kostenrechnung.
Das Wichtigste in Kürze
- Zhanjiang, BASFs drittgrößter Verbundstandort, kam unter Budget und verbuchte nach 100 Tagen fast zwei profitable Monate.
- Ludwigshafen soll bis Ende 2026 jährlich 2,3 Milliarden Euro sparen, rund 1,9 Milliarden sind erreicht.
- IT, Finanzen und Personal wandern teils ins indische Hyderabad, die Belegschaft schrumpfte auf rund 30.000 Vollzeitstellen.
- Der Hebel heißt nicht China, sondern Energiepreis und Digitalisierung.
Warum verdient China Geld, wo Ludwigshafen spart?

Energie als Nadelöhr: Das Verbund-Prinzip, bei dem Abwärme und Nebenprodukte einer Anlage die nächste speisen, rechnet sich nur bei günstiger Energie. Genau die fehlt in Ludwigshafen seit dem Gaspreis-Schock von 2022. In Zhanjiang bezieht BASF 100 Prozent erneuerbaren Strom und produziert direkt neben dem größten Chemiemarkt der Welt.
Belegter Trend: Die amtliche Statistik stützt den Befund. In den energieintensiven Branchen brach die Produktion seit 2022 zweistellig ein, wie unsere Analyse zur Deindustrialisierung in Deutschland zeigt. Dass sich Fertigung selbst bei einfachen Teilen nach China verlagert, hat Dr. Web am Beispiel der Schraube „Made in Germany“ beschrieben.
Ludwigshafens Rettungsplan heißt Digitalisierung
Rettung per Software: Der Konzern stemmt sich mit dem Werkzeug gegen die Kostenlücke, das auch dem Mittelstand bleibt: Standardisierung, Automatisierung und Digitalisierung. Teile von IT, Finanzen und Personal verlagert BASF ins indische Hyderabad, die Belegschaft am Stammwerk sank von 33.370 Ende 2024 auf rund 30.000 Vollzeitstellen.
Langer Weg: „Es ist ein längerer Weg wieder in die schwarzen Zahlen“, sagte BASF-Finanzvorstand Dirk Elvermann Anfang Juli zur Lage in Ludwigshafen. Von den geplanten 2,3 Milliarden Euro Jahreseinsparung sind rund 1,9 Milliarden erreicht.
Dieselbe Logik: Die Industrie insgesamt zieht nach. Siemens lässt inzwischen einen KI-Agenten die Automatisierung selbst programmieren, Thyssenkrupp sichert sich langfristig seinen Grünstrom-Preis. Digitalisierung ersetzt die fehlende Energiekostensenkung nicht, doch sie kauft Zeit.
Zhanjiang ist kein China-Sieg, sondern ein Weckruf: BASF baut auf der grünen Wiese digital, was Ludwigshafen mühsam nachrüsten muss. Genau diese Lücke entscheidet über den Standort.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Ludwigshafen: Sparkurs
- ◆Belegschaft von 33.370 (Ende 2024) auf rund 30.000 Vollzeitstellen.
- ◆IT, Finanzen und Personal teils nach Hyderabad, Indien.
- ◆Hebel: Standardisierung, Automatisierung, Digitalisierung.
Zhanjiang: Hochlauf
- ◆18 Anlagen, 32 Produktionslinien, über 70 Produkte.
- ◆Drittgrößter Verbundstandort nach Ludwigshafen und Antwerpen.
- ◆Über 2.000 Beschäftigte, 100 Prozent erneuerbarer Strom.
Was Entscheider aus dem BASF-Doppel lernen
Kein Einzelfall: BASF baut sein nächstes großes Werk in Louisiana, nicht in Deutschland; der Werkstoffkonzern Covestro ging an einen Investor aus Abu Dhabi. Ob der Standort Deutschland noch zu retten ist, entscheidet sich an Energiepreis und Tempo.
Drei Stellhebel bleiben Entscheidern im Mittelstand:
- langfristige Grünstrom-Verträge gegen Preisschwankungen absichern
- Prozesse konsequent automatisieren, statt Pilotprojekte anzuhäufen, die nie in den Regelbetrieb kommen
- ehrlich prüfen, welche Funktionen wirklich standortgebunden sind und welche nicht
Voraussetzung, kein Extra: Die Lehre aus Ludwigshafen lautet, dass Digitalisierung kein Kür-Projekt mehr ist, sondern die Bedingung, um an einem teuren Standort überhaupt zu bleiben.
Quelle
[1] BASF: „A flagship for chemical production: BASF inaugurates world-scale Verbund site in China“ ↩
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