Die US-Handelsbehörde FTC hat einen jahrelangen Streit mit Deere & Company beigelegt. Der Landmaschinen-Riese muss Landwirten und freien Werkstätten zehn Jahre lang dieselbe Reparatur-Software bereitstellen wie seinen Vertragshändlern. Für europäische Betriebe hat die Einigung eine unbequeme Kehrseite.

drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügen

Zehn Jahre verbindlicher Zugang zur Diagnose-Software: Das ist der Kern des Right to Repair, den die FTC dem Traktorhersteller John Deere abgerungen hat. Über Jahre konnten Landwirte einen selbst getauschten Sensor nicht in Betrieb nehmen, weil erst die Software des Vertragshändlers das Bauteil freischaltet. Genau diese Sperre fällt jetzt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die FTC und fünf US-Bundesstaaten zwingen John Deere, zehn Jahre lang Reparatur-Software, Fehlercode-Werkzeuge und Handbücher auch an freie Werkstätten herauszugeben.
  • Deere zahlt rund 870.000 Euro an die klagenden Bundesstaaten und darf Kunden nicht mehr für Eigenreparaturen benachteiligen.
  • Die eigentliche Sperre war nie das Werkzeug, sondern die Software, die getauschte Bauteile freischaltet.
  • Die EU-Reparaturrichtlinie klammert Fahrzeuge und Traktoren aus, deshalb greift der Fortschritt für deutsche Höfe nicht.

Was steht im FTC-Vergleich?

Offenes Vorhängeschloss mit Schlüssel und Anhänger mit der Aufschrift „10 JAHRE“ und Aufkleber
Deere verpflichtet sich zur Bereitstellung von Reparatur-Ressourcen für Landwirte und unabhängige Werkstätten für zehn Jahre

Bindender Zugang ist der Kern der Einigung vom 8. Juli 2026. Deere muss Landwirten und unabhängigen Werkstätten zehn Jahre lang dieselben Reparatur-Ressourcen bereitstellen, die bisher nur Vertragshändler bekommen, inklusive der nötigen Software.[1]

Konkrete Werkzeuge benennt die Behörde ausdrücklich: Fehlercodes auslesen und zurücksetzen, elektronische Komponenten neu programmieren, Maschinen nach einer emissionsbedingten Abschaltung wieder starten und in die technischen Handbücher schauen.

Keine Vergeltung ist der zweite Hebel. Händler dürfen Kunden nicht länger benachteiligen, wenn diese selbst schrauben statt zu zahlen. Zusätzlich überweist Deere rund 870.000 Euro (eine Million US-Dollar) an die fünf klagenden Bundesstaaten Arizona, Illinois, Michigan, Minnesota und Wisconsin.

Warum war die Software die eigentliche Sperre?

Software statt Schraube trennt diesen Fall von klassischen Reparatur-Debatten. Ein moderner Mähdrescher ist längst ein rollender Computer, wie der Umbau von CLAAS zur Datenplattform zeigt. Ein neues Ersatzteil bleibt totes Metall, bis die herstellereigene Software es erkennt und den passenden Fehlercode löscht.

Faktisches Monopol ist genau an dieser Stelle entstanden. Weil nur Vertragshändler die Freischalt-Software besaßen, mussten Landwirte selbst bei Kleinigkeiten in die Werkstatt, oft mitten in der Ernte. Die FTC hat Deere vorgeworfen, so die Reparaturkosten aufgebläht und die Ausfallzeiten verlängert zu haben.

Freiwilligkeit gescheitert: Schon im Januar 2023 hatte Deere mit dem Verband American Farm Bureau eine freiwillige Absichtserklärung unterschrieben. Die Interessenvertretung National Farmers Union hat sie als löchrig kritisiert, weil Deere Gebühren verlangen und mit 30 Tagen Frist aussteigen durfte. Erst die Klage vom Januar 2025 hat den verbindlichen Zugang erzwungen.

Ein Traktor, den nur der Hersteller reparieren darf, gehört dem Käufer nur auf dem Papier. Der Deere-Vergleich verschiebt die Machtfrage vom Werkzeug zur Software, und diese Frage stellt sich bei jeder vernetzten Maschine im deutschen Mittelstand.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Der John-Deere-Vergleich in Zahlen
Was die FTC dem Landmaschinenhersteller abgerungen hat
10 Jahre
verbindlicher Zugang zu Diagnose-Software, Fehlercodes und Handbüchern, unter Aufsicht der FTC
5 Staaten
Arizona, Illinois, Michigan, Minnesota und Wisconsin klagten gemeinsam mit der FTC
870.000 €
Zahlung an die klagenden Bundesstaaten für die Kosten der Kartellrechts-Durchsetzung

USA gegen EU: zwei ungleiche Reparaturrechte

USA

Kartellrecht erzwingt zehn Jahre lang den Zugang zur Reparatur-Software von John Deere, auch für freie Werkstätten.

EU

Die Reparaturrichtlinie 2024/1799 nimmt Fahrzeuge und damit Traktoren ausdrücklich aus. Ein vergleichbares Recht fehlt.

Was bedeutet das für Betriebe in der DACH-Region?

EU lässt Traktoren aus ist die unbequeme Antwort. Die EU-Reparaturrichtlinie 2024/1799 ist am 10. Juli 2024 in Kraft getreten, Deutschland setzt sie bis zum 31. Juli 2026 in nationales Recht um.[2] Fahrzeuge und damit auch Landmaschinen fallen jedoch ausdrücklich nicht darunter.

Rechtslücke heißt das im Klartext: Ein US-Landwirt bekommt per Kartellrecht ein Reparaturrecht, das seinem deutschen Kollegen fehlt. Für den Fendt oder John Deere auf dem heimischen Acker bleibt der Zugang zur Software eine Frage des Herstellerwillens.

Über den Acker hinaus reicht das Muster. Dieselbe Software-Sperre steckt in Gabelstaplern, wie sie Jungheinrich zunehmend autonom fahren lässt, in Baumaschinen und Medizingeräten. Der Streit um offene gegenüber geschlossenen Plattformen zieht sich quer durch die Industrie, wie der Kurswechsel von SEW-Eurodrive hin zu fremden Plattformen zeigt.

Vertraglich absichern ist deshalb die Konsequenz für Entscheider. Der Zugang zu Diagnose-Software, Fehlercodes und Ersatzteilen gehört in den Kaufvertrag, bevor die Maschine geliefert wird. Beim Maschinenkauf lohnt zusätzlich der Blick auf die EU-Maschinenverordnung 2027, denn auf ein europäisches Reparaturrecht für vernetzte Nutzfahrzeuge können sich Betriebe derzeit nicht verlassen.

Quellen

[1] US Federal Trade Commission: „FTC, States Secure Settlement with Deere & Company, Advancing Farmers’ Right to Repair“

[2] Amtsblatt der Europäischen Union: „Richtlinie (EU) 2024/1799 zur Förderung der Reparatur von Waren“

Mehr Newshunger?

4,5 14 Bewertungen

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?