Oracle hält mehrere Rechenzentren mit Erdgas aus Lkw-Anhängern am Laufen, bis die Pipelines fertig sind. Auf diesem Weg kostet das Gas nach Branchenschätzung rund viermal so viel wie aus der Leitung. Für das OpenAI-Projekt Jupiter in New Mexico prüft der Konzern dieselbe Notlösung.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenVierzig Minuten Strom liefert ein großer Gasanhänger, falls Oracle damit 100 Megawatt seines KI-Rechenzentrums in New Mexico versorgt. Die Rechnung stammt vom Analysehaus SemiAnalysis, zitiert in einem Bloomberg-Bericht vom 8. Oktober.
Das Wichtigste in Kürze
- Laut Bloomberg überbrückt Oracle in Utah und Texas fehlende Gasleitungen mit Erdgas aus Lkw-Anhängern.
- Erdgas per Lkw kostet nach Schätzung von East Daley Analytics viermal so viel wie am Handelsknoten.
- Für Project Jupiter hat Oracle höhere Gewalt angezeigt, um die Miete aufschieben zu können.
- Deutsche Rechenzentren müssen ab 2027 bilanziell nur Ökostrom nutzen.
Warum fährt Oracle Erdgas mit dem Lkw?

Project Jupiter ist als Inselnetz geplant: Brennstoffzellen von Bloom Energy mit bis zu 2,45 Gigawatt sollen den Campus in Doña Ana County allein versorgen.[1] Das Erdgas dafür soll die Leitung Green Chile von Energy Transfer bringen. New Mexico verweigerte zweimal die Wegerechte über Staatsland, deshalb führt die neue Trasse über Flächen des Bundes und liefert frühestens ab Februar 2027.
Bis Leitungen liegen, setzt Oracle auf Gas-Lkw. Ein Rechenzentrum am Stadtrand von Salt Lake City lief laut Bloomberg mehr als ein Jahr mit angeliefertem, komprimiertem Erdgas. Auf einem Campus für OpenAI in Shackelford County, Texas, nutzt der Konzern dieselbe Methode für die ersten Bauabschnitte.
Was kostet der Umweg über die Straße?
Inklusive Arbeit und Spezialtechnik kostet Erdgas per Lkw nach Einschätzung von East Daley Analytics rund das Vierfache des Preises am Handelsknoten. Auch die Menge begrenzt das Modell: Bei 100 Megawatt, rund 4 Prozent der geplanten Jupiter-Leistung, reicht ein Anhänger etwa 40 Minuten. Rechnerisch sind das 36 Anlieferungen am Tag, für den vollen Campus gut 880.
Am Zeitplan hängt Oracles Auftragsbuch: Zum 31. August meldete der Konzern vertraglich gebundene Erlöse von rund 578 Milliarden Euro, umgerechnet zu 0,87 Euro je US-Dollar (Stand 12. Oktober 2026).[2] Ein großer Teil davon entfällt auf OpenAI. Oracles Aktie verlor nach dem Bloomberg-Bericht rund 5,5 Prozent, die von Bloom Energy etwa 8 Prozent.
Solange das Gas im Lkw anrollt, bezahlt Oracle den KI-Boom zum vierfachen Brennstoffpreis.
Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was heißt höhere Gewalt im Rechenzentrumsvertrag?
Ende September berichteten Bloomberg und Reuters, Oracle habe dem Jupiter-Entwickler Stack Infrastructure, einer Tochter von Blue Owl Capital, höhere Gewalt angezeigt. Greift die Klausel, darf Oracle die Miete nach Mietbeginn bis zu drei Jahre aufschieben, schuldet über die Laufzeit aber den vollen Betrag. Oracle nennt solche Anzeigen üblich und hält am Zeitplan fest.
Auch andernorts ringt Oracle um Strom: In Wisconsin verlangt der Netzbetreiber vor dem Anschluss mehr als 6 Milliarden Euro Sicherheit. Andere Betreiber greifen ebenfalls zum Erdgas: xAI ließ für sein KI-Rechenzentrum 33 Gasturbinen aufstellen.
Das deutsche Recht definiert höhere Gewalt nicht im Gesetz. Der Bundesgerichtshof verlangt ein betriebsfremdes, unvorhersehbares Ereignis, das auch äußerste Sorgfalt nicht abwenden kann. Ein absehbar verspäteter Netz- oder Gasanschluss gilt deshalb in der Regel nur dann als höhere Gewalt, sofern der Vertrag ihn ausdrücklich einschließt.
Ein Erdgas-Inselnetz hätte hierzulande zusätzlich ein Gesetzesproblem: Ab dem 1. Januar 2027 müssen Betreiber den Strom ihrer Rechenzentren bilanziell vollständig aus erneuerbaren Energien decken.[3] Für Firmen, die Rechenzentrumsfläche oder Cloud-Kapazität mieten, folgen daraus drei Prüfpunkte:
- Im Colocation- oder Cloud-Vertrag prüfen, ob die Klausel zur höheren Gewalt einen verspäteten Netzanschluss abdeckt.
- Bei neuen Standorten die schriftliche Netzanschlusszusage samt Datum anfordern.
- Für einen verschobenen Start ein Sonderkündigungsrecht vereinbaren.
Quellen
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