Oracle verkauft inzwischen mehr Rechenzeit als Datenbanklizenzen. Die Cloud-Sparte des Konzerns wuchs im ersten Geschäftsquartal 2027 um 121 Prozent, das Auftragsbuch schwoll auf umgerechnet 578 Milliarden Euro an. Hinter dieser Zahl steckt ein Wandel, der auch europäische Cloud-Kunden trifft.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenAm Abend des 10. September 2026 sprang die Oracle-Aktie nachbörslich um rund sieben Prozent, kaum dass die Quartalszahlen vorlagen. Angetrieben hat den Sprung nicht das klassische Datenbankgeschäft, sondern die Nachfrage nach roher KI-Rechenleistung. Genau dort verdient der Konzern jetzt das große Geld.
Das Wichtigste in Kürze
- Oracle steigerte den Cloud-Umsatz im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2027 um 62 Prozent auf umgerechnet rund 10,1 Milliarden Euro. Die reine Infrastruktur-Sparte (IaaS) legte um 121 Prozent zu.
- Der Auftragsbestand (RPO) kletterte um rund 182 Milliarden auf 578 Milliarden Euro. Ein Großteil hängt an wenigen KI-Kunden.
- Allein in diesem Quartal buchte Oracle neue KI-Cloud-Verträge über mehr als 26 Milliarden Euro und lieferte über 300.000 Nvidia-Grafikprozessoren aus.
- Den Ausbau finanziert der Konzern mit rund 24,8 Milliarden Euro Investitionen pro Quartal, bei einer bereits gesenkten Bonität.
Wie wurde Oracle zum Vermieter der KI-Cloud?

Der Aufstieg beruht auf einer schlichten Rolle: Oracle vermietet reine Rechenleistung, ohne selbst ein konkurrierendes KI-Modell zu betreiben. Für Labore wie OpenAI zählt genau dieser Unterschied. Ein Anbieter, der bei Microsoft, Google oder Amazon Kapazität bucht, füttert zugleich einen Rivalen im eigenen Markt. Oracle liefert die Nvidia-Chips ohne diesen Beigeschmack. Diese neutrale Vermieterrolle hat der Konzern gezielt aufgebaut, wie sich am Geschäftsmodell des Datenbankriesen ablesen lässt.
Das eigentliche Signal steckt im Auftragsbestand. Die Remaining Performance Obligations, also fest verbuchte, aber noch nicht erbrachte Leistungen, erreichten 578 Milliarden Euro.[1] Umgerechnet entspricht das mehr als dem Dreißigfachen eines Quartalsumsatzes. Oracle hat damit Cloud-Kapazität für Jahre im Voraus verkauft, einen großen Teil davon an OpenAI und dessen Stargate-Programm.
Warum ist der Auftragsbestand riskant?
So gewaltig die 578 Milliarden Euro wirken, an ihnen hängt ein Klumpenrisiko. Ein Großteil des Auftragsbestands entfällt auf eine Handvoll KI-Labore, allen voran OpenAI. Fällt ein einziger Großkunde aus oder verschiebt seinen Ausbau, wackelt ein zweistelliger Prozentanteil des Buchwerts. Die Ratingagentur S&P sah dieses Muster früh und stufte Oracle bereits im Juli 2026 auf BBB minus herab, nur eine Stufe über Ramschniveau.
Teuer erkauft ist das Wachstum ohnehin. Allein im ersten Quartal investierte Oracle rund 24,8 Milliarden Euro in Rechenzentren und Chips, mehr als der gesamte Quartalsumsatz einbrachte. Diesen Ausbau finanziert der Konzern über neue Schulden. Schon der ins Stocken geratene Rechenzentrumsbau in Wisconsin zeigte, wie schnell die Kapitalkosten zum Bremsklotz werden. Vergleichbare Wetten gehen derzeit auch andere ein, etwa Meta mit dem Rechenzentrum Hyperion.
Oracle verkauft keine Datenbanken mehr, sondern Jahre an KI-Rechenzeit im Voraus. Ein spektakuläres Auftragsbuch entsteht so, doch ein einziger abspringender Großkunde reißt ein Loch, das kein Datenbankvertrag je füllt.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Was bedeutet Oracles Cloud-Boom für Europa?
Für europäische Entscheider hat der Boom zwei Seiten. Die weltweite Nachfrage nach KI-Rechenzeit übersteigt das Angebot. Oracles pralles Auftragsbuch bindet Kapazität für Jahre. Deutsche Unternehmen, die eigene KI-Modelle trainieren wollen, konkurrieren also mit finanzstarken US-Laboren um dieselben Nvidia-Chips. Ob der Mittelstand dafür überhaupt ein eigenes Rechenzentrum braucht, bleibt eine offene Rechnung.
Zugleich verschärft der Aufstieg die Abhängigkeit von amerikanischer Infrastruktur. Genau deshalb setzen europäische Anbieter auf eigene Kapazitäten, etwa Schwarz Digits mit dem Rechenzentrum bei Rostock oder SAP, das seine KI an ein Cloud-Bekenntnis knüpft. Unternehmen mit sensiblen Daten sollten Verträge mit US-Cloudanbietern früh auf Kündigungsfristen, Datenstandort und Preisgleitklauseln prüfen, bevor der Kapazitätsengpass die Verhandlungsmacht verschiebt.
Quelle
[1] Oracle: „Oracle Announces Q1 Results Driven by Triple Digit Growth in Cloud Infrastructure Revenues“
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