S&P Global Ratings hat Oracle auf BBB- herabgestuft, die unterste Stufe im Investment Grade. Ein einziger weiterer Schritt macht aus einem der größten Schuldner der Tech-Branche einen Ramsch-Emittenten. Ausgelöst hat den Downgrade der schuldenfinanzierte Ausbau der KI-Rechenzentren.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDer Oracle-Konzern hat für sein Geschäftsjahr 2026 einen Auftragsbestand von 638 Milliarden Dollar gemeldet, umgerechnet rund 555 Milliarden Euro. Etwa die Hälfte davon entfällt nach Einschätzung der Ratingagentur auf einen einzigen Kunden: OpenAI. Genau diese Abhängigkeit hat S&P am 9. Juli zum zentralen Kreditrisiko erklärt.[1]
Das Wichtigste in Kürze
- S&P senkt Oracles Emittentenrating von BBB auf BBB-, die letzte Stufe vor dem Ramschniveau.
- Für 2027 erwartet die Agentur ein Defizit im freien Cashflow von rund 36,5 Milliarden Euro.
- Rund die Hälfte des Auftragsbestands von 555 Milliarden Euro hängt an OpenAI.
- Für Bestandskunden zählt weniger der Aktienkurs als die künftige Preisgestaltung bei Lizenzen und Support.
Warum wiegt eine Rating-Stufe schwerer als der Kurssturz?

BBB- ist eine Schwelle, keine Note. Unterhalb dieser Marke endet für große Teile des Kapitalmarkts die Anlagefähigkeit eines Papiers. Pensionskassen, Versorgungswerke und Versicherer dürfen laut ihren Anlagerichtlinien überwiegend nur Investment-Grade-Anleihen halten.
Rutscht ein Emittent darunter, wird er zum Fallen Angel. Seine Anleihen fliegen aus den großen Investment-Grade-Indizes, und passive Fonds müssen sie verkaufen, unabhängig vom Preis. Unter Solvency II steigen zusätzlich die Eigenkapitalanforderungen für europäische Versicherer, sobald ein Papier unter die Grenze fällt.
Genau deshalb ist der aktuelle Schritt noch kein Bruch, sondern eine Vorwarnung. Die Indexanbieter stellen auf die Bewertungen mehrerer Agenturen ab, ein einzelnes Downgrade reicht für den Ausschluss nicht. Erst wenn eine zweite Agentur nachzieht, setzt der Verkaufsautomatismus ein, und Oracle refinanziert seine Milliarden dann zu Hochzins-Konditionen.
Wie groß ist Oracles Finanzierungslücke wirklich?
Im Geschäftsjahr 2026 hat Oracle 55,7 Milliarden Dollar investiert, etwa 48,5 Milliarden Euro, und dabei einen negativen freien Cashflow von 23,7 Milliarden Dollar produziert.[2] Finanziert wurde die Lücke mit 43 Milliarden Dollar an neuen Schulden und 5 Milliarden Dollar frischem Eigenkapital.
Der eigentliche Sprengsatz steckt aber in der Prognose. S&P hat seine Erwartung für die Investitionen des Geschäftsjahres 2027 von 60 auf 90 bis 95 Milliarden Dollar angehoben, also auf 78 bis 83 Milliarden Euro. Das Defizit im freien Cashflow schätzt die Agentur nun auf rund 42 Milliarden Dollar, fast doppelt so viel wie zuvor angenommen.
Was der Downgrade auf BBB- in Zahlen bedeutet
Wie S&P seine Prognose für 2027 korrigiert hat
Prognose vorher
- ◆ Investitionen 2027: rund 52 Mrd. €
- ◆ Cashflow-Defizit: rund 21 Mrd. €
- ◆ Rating: BBB
Prognose jetzt
- ◆ Investitionen 2027: 78 bis 83 Mrd. €
- ◆ Cashflow-Defizit: rund 36,5 Mrd. €
- ◆ Rating: BBB-, Ausblick stabil
- ◆ OpenAI gilt als zentrales Kreditrisiko
Das Muster reicht über Oracle hinaus. Amazon hat seinen KI-Ausbau zuletzt ebenso am Anleihemarkt refinanziert wie Meta seine Rechenzentren, und die zirkulären Finanzierungen zwischen Nvidia, CoreWeave und Nebius folgen derselben Logik. Der Kapitalbedarf der KI-Infrastruktur hat den operativen Cashflow der Anbieter längst überholt.
Oracle finanziert die KI-Zukunft mit Anleihen und verpfändet dafür seine Bonität. Für Kunden zählt dabei nicht der Aktienkurs, sondern die Frage, wie teuer Lizenzen und Support in drei Jahren werden.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was heißt das für Oracle-Kunden im DACH-Raum?
Ein schlechteres Rating bleibt nicht in der Bilanz, sondern wandert in die Preisliste. Höhere Zinsen auf 78 Milliarden Euro Investitionen muss ein Konzern irgendwo verdienen, und die margenstärkste Quelle sind Datenbank-Lizenzen und Wartungsverträge im Bestand. Deutsche Anwender kennen das Muster aus dem ERP-Markt, wo die EU-Kommission SAP gerade erst zur Öffnung des Wartungsmarkts gezwungen hat.
Auf den Prüfstand gehören deshalb jetzt die eigenen Verträge:
- Laufende Lizenz- und Wartungsverträge auf Preisanpassungsklauseln und Kündigungsfristen abklopfen.
- Langfristige Vorauszahlungen für Cloud-Kapazität nur mit belastbarer Ausstiegsregel unterschreiben.
- Bei neuen KI-Workloads die Abhängigkeit von einem einzelnen Anbieter aktiv begrenzen.
- Den Termin der nächsten Rating-Überprüfung im Einkauf hinterlegen.
Der Kontext dazu wird gerade in ganz anderen Bereichen sichtbar: New York hat ein Moratorium für neue Hyperscale-Rechenzentren verhängt, und der Markt straft Fehltritte hart ab, wie der Kurssturz bei IBM gezeigt hat. Auch die Skepsis gegenüber der KI-Euphorie wächst, während die Modelle selbst nützlich bleiben. Wie sich Modelle und Anbieter im Unternehmenseinsatz unterscheiden, zeigt unser Ratgeber zu Large Language Models.
Oracle bleibt vorerst investierbar, der Ausblick ist stabil. Entscheider sollten die nächste Rating-Runde trotzdem im Kalender haben, denn sie entscheidet darüber, ob aus einem teuren Kredit ein Zwang zum Sparen am Kunden wird.
Quellen
[1] S&P Global Ratings: „Oracle Corp. Downgraded To ‚BBB-/A-3’“ ↩
[2] Oracle: „Oracle Announces Record Q4 and FY 2026 Results Driven by Cloud Infrastructure & Cloud Applications“ ↩
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