Gouverneurin Kathy Hochul hat den Neubau großer Rechenzentren per Verfügung gestoppt, für bis zu ein Jahr und als erster US-Bundesstaat überhaupt. Die eigentliche Nachricht steckt in dem, was Hochul nicht unterschrieben hat.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenEin Rechenzentren-Moratorium klingt nach einer Absage an die KI-Industrie, und genau so ist es durch die Schlagzeilen gelaufen. Die Verfügung vom 14. Juli 2026 fällt allerdings schmaler aus als das Gesetz, das ihr das Parlament in Albany vorgelegt hat.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Verfügung pausiert Umweltgenehmigungen ab 50 Megawatt, höchstens ein Jahr lang.
- Das Gesetz des Parlaments hätte ab 20 Megawatt gegriffen. Unterschrieben hat Hochul es nicht.
- Irland und Amsterdam zeigen das Muster: Ein Baustopp endet mit einem Preis, nicht mit einem Verbot.
- In Deutschland verknappen längst Netzanschluss und Energieeffizienzgesetz.
Was hat Kathy Hochul tatsächlich unterschrieben?

Die Verfügung stoppt keine Bauprojekte, sondern friert die Ermessens-Genehmigungen der Umweltbehörde DEC ein, solange der Bundesstaat eine übergreifende Umweltprüfung erarbeitet. Betroffen sind Vorhaben ab 50 Megawatt, begrenzt auf ein Jahr.
Verwaltungsrecht statt Industriepolitik: Anträge, welche die Behörde bereits als vollständig anerkannt hat, laufen weiter.[1] Schärfer wäre der Weg des Parlaments gewesen. Der Responsible Data Center Development Act hat den Senat mit 44 zu 16 Stimmen passiert und hätte jede Genehmigung für Anlagen ab 20 Megawatt ausgesetzt, dazu bis 2030 eine eigene Netzentgelt-Klasse erzwungen.[2]
Die Lücke zwischen 20 und 50 Megawatt trägt genau den regionalen Colocation-Markt. Die Verfügung trifft die Hyperscaler und lässt den Mittelbau unberührt. Der Druck kommt von unten: Rechenzentren sind in den USA zum Wahlkampfthema geworden, in einem Landkreis mit 37 Anlagen sollten sogar die Schulen Strom sparen.
Warum endet kein Moratorium mit einem Verbot?
Weil ein Baustopp kein Ziel ist, sondern ein Verhandlungsinstrument. Irland, Amsterdam und Singapur haben ihre Moratorien wieder aufgehoben, aber erst, nachdem die Betreiber einen Preis akzeptiert hatten.
Irland ist der Präzedenzfall. Der Netzbetreiber hat neue Anschlüsse im Großraum Dublin ab 2022 faktisch eingefroren, weil die Rechenzentren nach Zahlen des Central Statistics Office 2024 bereits 22 Prozent des gemessenen Stromverbrauchs auf sich vereint haben.[3]
Aufgehoben hat Irland die Sperre im Dezember 2025, allerdings zu einer Bedingung: Neue Rechenzentren müssen eigene Erzeugung oder Speicher in Höhe ihres vollen Bedarfs mitbringen. Amsterdam hat den Zubau bei 670 MVA gedeckelt.
Selbstversorgung ist die absehbare Antwort der Branche. Chevron baut Microsoft ein Gaskraftwerk ohne Netzanschluss, Metas Rechenzentrum in Louisiana braucht zehn eigene Gaskraftwerke.
Ein Moratorium ist kein Nein zur KI, sondern eine Neuverhandlung darüber, wer das Netz bezahlt. Am Ende steht keine Absage, sondern eine Rechnung.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Die Verfügung der Gouverneurin greift schwächer als das Gesetz, das im Parlament liegt. Und international endet kein Moratorium mit einem Verbot.
New York: zwei Instrumente, zwei Härtegrade
Verfügung der Gouverneurin
- Gilt ab 50 Megawatt Anschlussleistung
- Pausiert nur die Ermessens-Genehmigungen der Umweltbehörde DEC
- Laufzeit höchstens 1 Jahr, bis die Umweltprüfung vorliegt
- Vollständige Anträge laufen weiter
Gesetz S10642 des Parlaments
- Gilt schon ab 20 Megawatt
- Setzt jede Form der Genehmigung aus
- Erzwingt bis 2030 eine eigene Netzentgelt-Klasse für Großverbraucher
- Im Senat mit 44 zu 16 Stimmen beschlossen
Was Betreiber anderswo am Ende bezahlt haben
Irland: Anteil der Rechenzentren am gemessenen Stromverbrauch 2024. Der Anschluss-Stopp endete erst gegen eigene Erzeugung.
Amsterdam: gedeckelter Zubau bis 2030. Singapur vergibt seine Kapazität seither im Wettbewerb.
Deutschland: Pflicht für Neubauten seit Juli 2026, dazu 10 % Abwärme-Nutzung und ab 2027 voller Grünstrom.
Das Muster: Kein Moratorium endete bislang mit einem Verbot. Jedes endete mit einer Rechnung, ob als eigene Erzeugung oder als gedeckelter Netzanschluss.
Was heißt das für Rechenzentren in Deutschland?
Ein Moratorium braucht Deutschland nicht, weil die Verknappung über zwei andere Hebel läuft: die Warteschlange am Netzanschluss und das Energieeffizienzgesetz, das Neubauten seit Juli 2026 harte Effizienz- und Abwärmepflichten auferlegt.
Im Gesetzblatt steht hierzulande schon der Preis, den Irland und New York erst aushandeln. Rechenzentren, die seit dem 1. Juli 2026 in Betrieb gehen, müssen binnen zwei Jahren eine Energieverbrauchseffektivität von 1,2 erreichen, zehn Prozent ihrer Energie als Abwärme wiederverwenden und ihren Strom ab 2027 vollständig aus erneuerbaren Quellen decken.[4]
Der härtere Engpass bleibt der Netzanschluss. Über den Termin eines Projekts entscheidet nicht die Baugenehmigung, sondern die freie Kapazität im Hochspannungsnetz. Genau darüber streitet die Branche mit RWE, dessen Chef die Rechenzentren am Netzausbau beteiligen will, während der stockende Ausbau Milliarden blockiert.
Sorgfaltsprüfung heißt damit etwas anderes als früher: Ein Standort ohne Wärmenetz in Reichweite wird strukturell teurer, was die Landkarte der größten deutschen Rechenzentren verschieben dürfte.
New York liefert damit keinen Präzedenzfall für ein Verbot, sondern eine Vorlage für die Preisverhandlung. Lassen Sie sich bei Ausschreibungen die Netzanschlusszusage schriftlich vorlegen und klären Sie, welche Vertragsklausel steigende Netzentgelte an Sie durchreicht.
Quellen
[1] Governor Kathy Hochul: „First Statewide Moratorium on New Hyperscale Data Centers Launched by Governor Kathy Hochul“ ↩
[2] New York State Senate: Senate Bill S10642, Responsible Data Center Development Act ↩
[3] Central Statistics Office Ireland: „Data Centres Metered Electricity Consumption 2024, Key Findings“ ↩
[4] Bundesministerium der Justiz: § 11 Energieeffizienzgesetz (EnEfG), Anforderungen an Rechenzentren ↩
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