Der niederbayerische Werkzeugbauer Einhell verdient inzwischen mehr als die Hälfte seines Umsatzes mit einem einzigen Akkusystem. Was nach Produktpflege aussieht, ist in Wahrheit ein Plattformwechsel, wie ihn sonst Tech-Konzerne vollziehen. Für Entscheider steckt darin eine Lektion über Kundenbindung, die weit über Bohrmaschinen hinausreicht.

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Einhells Akkuplattform Power X-Change ist im ersten Halbjahr 2026 auf über 58 Prozent des Konzernumsatzes gewachsen. Ein Hersteller, der lange als Discount-Marke für Heimwerker galt, baut damit an einem geschlossenen Ökosystem, das Kunden über Jahre bindet.

Das Wichtigste in Kürze

  • Power X-Change steht für über 58 Prozent des Einhell-Umsatzes (Stand: Halbjahr 2026), bis 2029 sollen es über 70 Prozent werden.
  • Das Akkusystem läuft in mehr als 350 Geräten, bis Ende 2026 sollen es rund 400 sein.
  • Weltweit sind bis Jahresende 2026 über 52 Millionen Power-X-Change-Akkus im Umlauf.
  • Die eigentliche Nachricht ist strategisch: Einhell verkauft keine Werkzeuge mehr, sondern Zugang zu einer Plattform.

Warum trägt ein einzelner Akku über die Hälfte des Umsatzes?

Grüner Akku mit angesteckten Werkzeugen und Hinweiszettel auf weißem Hintergrund
Einhell steigert Kundenwiederholungsquote bei Power-X-Change-Geräten auf 55 Prozent durch kompatible Akkus

Weil jedes neue Power-X-Change-Gerät denselben Akku nutzt, kauft ein einmal gewonnener Kunde immer wieder im selben System nach. Dieser Anteil ist im ersten Quartal 2026 auf 55 Prozent geklettert, nach 51 Prozent im Vorjahr, und liegt im Halbjahr bereits über 58 Prozent.

Einhell hat im ersten Quartal 2026 einen Umsatz von 310,9 Millionen Euro erzielt, ein Plus von 2,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr.[1] Getragen hat dieses Wachstum fast ausschließlich die Akkusparte.

In den Kernmärkten ist die Verankerung noch tiefer. „Der Power X-Change-Anteil liegt in Deutschland bereits bei 66 Prozent, in Österreich bei 85 Prozent“, sagt Andreas Kroiss, Vorstandsvorsitzender der Einhell Germany AG.

Wie entsteht der Lock-in im Akku-Ökosystem?

Der Akku ist die Plattform, nicht das Zubehör. Jedes zusätzliche kompatible Gerät erhöht den Wert des Systems und die Wechselkosten. Bei über 52 Millionen Akkus im Umlauf wird jeder Neukauf im selben Ökosystem zum wahrscheinlichsten Schritt.

Das Prinzip kennt man von Apple: Ein geschlossenes System bindet Kunden fester als jedes Einzelprodukt. Bei Einhell übernimmt der 18-Volt-Akku diese Rolle, der heute in mehr als 350 Geräten steckt, von der Bohrmaschine über den Rasenmäher bis zur Gartenpumpe.

Die Wettbewerber Bosch, Makita und DeWalt setzen zwar ebenfalls auf Systemakkus, decken damit aber meist nur Elektrowerkzeuge ab. Einhells Sortiment spannt sich bewusst breiter über Werkstatt, Garten und Haushalt, was den Wiederkauf im eigenen System wahrscheinlicher macht.

Wie tragfähig ein reines Plattformmodell sein kann, zeigt der Blick auf Abo-Ökonomien wie das Geschäftsmodell von Spotify oder den Wandel bei IBM vom Software- zum Hardwaregeschäft.

Einhell verkauft längst keine Bohrmaschinen mehr, sondern den Zugang zu einem Akku. Genau dieser Wechsel vom Produkt zur Plattform entscheidet, welcher Mittelständler das nächste Jahrzehnt übersteht.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Vom Werkzeug zur Plattform
Einhells Akkusystem Power X-Change in Zahlen (Stand: Juli 2026)
58 %
Anteil von Power X-Change am Konzernumsatz im ersten Halbjahr 2026
52 Mio.
Power-X-Change-Akkus weltweit im Umlauf bis Ende 2026
8 Mio.
geplanter Akku-Absatz allein im Jahr 2026
So wächst das Geräte-Ökosystem
Heute
350+
kompatible Geräte im Power-X-Change-System
Ende 2026
~400
geplante Geräte, ein Akku für Werkstatt, Garten und Haushalt
2027
450
angepeiltes Sortiment im selben Akkustandard
Strategisches Ziel: über 70 % des Konzernumsatzes sollen bis 2029 aus dem Akku-Ökosystem stammen. In Deutschland liegt der Anteil laut Einhell bereits bei 66 %, in Österreich bei 85 %.

Was heißt das für den deutschen Mittelstand?

Die Lektion ist übertragbar: Ein Hardware-Hersteller sichert sich Wiederkäufe, indem er ein Ökosystem baut, statt Einzelprodukte zu verkaufen. Die Kehrseite ist ein Lock-in, der Kunden an proprietäre Akkus bindet und den Preiswettbewerb schwächt.

Für den Mittelstand ist Einhell ein Lehrstück in digitaler Geschäftsmodell-Transformation. Der Konzern aus Landau an der Isar plant für 2026 rund 1,2 Milliarden Euro Umsatz und treibt parallel die Internationalisierung voran, etwa mit dem Start von Einhell PROFESSIONAL in Australien.[2]

Auch für die Nachhaltigkeit hat der Plattformgedanke zwei Seiten. Ein gemeinsames Akkusystem spart Ladegeräte und Elektroschrott, doch der geschlossene Standard verhindert, dass Kunden Akkus verschiedener Marken mischen.

Lesen Sie die Einhell-Zahlen weniger als Werkzeugnews, sondern als Beleg für die Kraft von Ökosystemen. Prüfen Sie im eigenen Geschäft, welches wiederkehrende Element Kunden an Sie bindet, und ob sich daraus eine Plattform statt einer Reihe von Einzelverkäufen bauen lässt.

Quellen

[1] Einhell Germany AG: „Einhell startet erfolgreich ins Geschäftsjahr 2026: Power X-Change erreicht neuen Höchststand“ (13.05.2026)

[2] Einhell Germany AG: Pressemitteilungen zur Hauptversammlung 2026 (08.07.2026)

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