Siemens hat mit dem Eigen Engineering Agent eine KI kommerziell verfügbar gemacht, die Automatisierungsprojekte eigenständig plant, programmiert und prüft. Für Entscheider im Maschinenbau stellt sich damit eine neue Haftungsfrage, sobald autonom geschriebener Code eine reale Produktionsanlage steuert.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenEin KI-Agent, der die Steuerungssoftware für Fabriken selbst schreibt, klingt nach Zukunftsmusik. Bei Siemens läuft ein solcher Agent bereits in Pilotprojekten von mehr als 100 Unternehmen in 19 Ländern. Der Sprung vom Vorschlag zur Ausführung markiert den eigentlichen Bruch mit dem, was Ingenieure bislang von KI-Assistenten kannten.
Das Wichtigste in Kürze
- Siemens hat den Eigen Engineering Agent im April 2026 kommerziell freigegeben und im Juni um zwei Funktionen erweitert.
- Der Agent erzeugt und validiert SPS-Code direkt im TIA Portal, das rund 600.000 Ingenieure nutzen.
- Nach Angaben von Siemens läuft das Engineering 2- bis 5-mal schneller als in Handarbeit, bei bis zu 50 % mehr Effizienz.
- Autonom erzeugter Code in der Anlagensteuerung wirft neue Fragen zu Sicherheit, Haftung und EU-Regulatorik auf.
Was macht den Eigen Engineering Agent besonders?

Klassische KI-Assistenten schlagen Codezeilen vor, die ein Mensch prüft und übernimmt. Der Eigen Engineering Agent arbeitet einen Schritt weiter: Das Werkzeug versteht ein Projekt, schreibt die Steuerungssoftware, konfiguriert das System und bessert selbstständig nach, bis das Ergebnis die vorgegebene Leistungsvorgabe erfüllt.[1]
Seit Juni 2026 liest der Agent zusätzlich elektrische Konstruktionsdateien im AutomationML-Format ein. Aus der tatsächlichen Hardware-Topologie leitet die Software die passenden Funktionsbausteine ab und schließt so die alte Lücke zwischen Elektrokonstruktion und Programmierung. Eine Maschinenbeschreibung in natürlicher Sprache genügt, und am Ende steht ein normkonformes TIA-Portal-Projekt.[2]
Warum ist autonomer Code in der Fabrik heikler als im Editor?
Softwareentwickler kennen den Trend längst. Coding-Agenten wie OpenAIs Codex steuern inzwischen eigene Subagenten, und eine kontrollierte Studie hat gerade beziffert, wie stark saubere Codebasen die Trefferquote solcher Agenten beeinflussen. In der Fabrik wiegt ein Fehler jedoch schwerer als im Texteditor.
Fehlerhafter SPS-Code bewegt reale Maschinen. Ein falscher Parameter kann eine Produktionslinie zum Stillstand bringen oder Menschen gefährden. Die Freigabe bleibt deshalb beim Betreiber, auch wenn die erste Fassung aus der agentischen KI stammt. Genau dieser Kontrollpunkt entscheidet, ob agentische Automatisierung im Alltag trägt.
Ein KI-Agent, der Automatisierungscode schreibt, spart Ingenieuren echte Wochen. Die Freigabe im sicherheitskritischen Betrieb bleibt trotzdem Menschenarbeit, und daran ändert auch das beste Modell nichts.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Nach Angaben von Siemens plant, schreibt und prüft der KI-Agent Automatisierungsprojekte im TIA Portal eigenständig. Die Werte stammen aus der Pilotphase.
Was bedeutet das für den deutschen Mittelstand?
Das TIA Portal ist in vielen deutschen Fabriken der Standard für die Steuerungsprogrammierung. Bei über 600.000 Nutzern trifft ein agentischer Assistent damit genau die Werkbank, an der der Fachkräftemangel besonders drückt. Siemens verspricht, die Einarbeitung neuer Ingenieure von Wochen auf Tage zu verkürzen. Auch Bosch Mobility setzt beim digitalen Engineering inzwischen auf skalierbare Cloud-Werkzeuge.
Regulatorisch rückt damit die neue EU-Maschinenverordnung in den Blick, die ab dem 20. Januar 2027 gilt und sicherheitsrelevante Steuerungssoftware ausdrücklich erfasst. Sobald eine KI zur Sicherheitskomponente einer Maschine wird, greift zusätzlich der EU AI Act mit seinen Vorgaben zu menschlicher Aufsicht. Die Haftung für den fertigen Automatisierungscode bleibt beim Hersteller der Anlage.
Für Fertiger im DACH-Raum lohnt sich deshalb ein nüchterner Doppelblick. Prüfen Sie, wo ein Agent repetitive Programmierarbeit wirklich abnimmt, und legen Sie zugleich klare Freigabe- und Prüfschritte fest, bevor autonom erzeugter Code eine Linie steuert. So bleibt der Produktivitätsgewinn planbar, ohne dass die Sicherheitsverantwortung verschwimmt.
Quellen
[1] Siemens: „Siemens launches the Eigen Engineering Agent, bringing purpose-built AI to industrial automation engineering“ (20. April 2026) ↩
[2] Siemens: „Siemens takes AI for the physical world to the next level with two new Eigen Engineering Agent capabilities“ (Juni 2026) ↩
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