Sie führen ein Unternehmen, das auf Vorprodukte angewiesen ist, und spüren längst, dass Lieferketten kein Selbstläufer mehr sind. Hinter jedem Elektromotor, jeder Leiterplatte, jedem Stahlträger steckt ein Rohstoff, dessen Herkunft kaum jemand kennt. Die Europäische Union hat 34 solcher Stoffe als kritisch eingestuft. Dieser Artikel vergibt jedem eine Schulnote, ehrlich und nachvollziehbar.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenSerien-Einordnung: Sie lesen die Reihe „Stoffgeschichten“ auf Dr. Web, in der wir Rohstoffe von der Quelle bis zu ihren gesellschaftlichen Folgen verfolgen. Verwandte Folgen behandeln die Seltenen Erden, Lithium und Silizium.
Das Wichtigste in Kürze
- Die EU stuft 34 Rohstoffe als kritisch ein, davon 17 als strategisch. Bei den meisten reicht die heimische Substanz weder bei der Förderung noch bei der Veredelung.
- China führt bei der Mehrheit der kritischen Rohstoffe die Lieferantenliste der EU an, bei schweren Seltenen Erden sogar als alleiniger Lieferant. Die Türkei deckt 99 Prozent des Bors.
- Das eigentliche Nadelöhr sitzt nicht im Bergbau, sondern in der Veredelung. Wo Erze außerhalb Chinas im Boden liegen, wandern sie zur Raffination oft trotzdem dorthin.
- Die Industriestrompreise verschärfen die Lage, denn Strom für die energieintensive Industrie kostet in der EU rund das Zweieinhalbfache des US-Niveaus.
1 Wie viele Rohstoffe stuft die EU als kritisch ein? Aufklappen ↓
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2 Bei welchem Rohstoff liefert China 100 Prozent des EU-Bedarfs? Aufklappen ↓
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3 Welches Land deckt 99 Prozent des europäischen Borbedarfs? Aufklappen ↓
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4 Wo sitzt laut Artikel das eigentliche Nadelöhr der Rohstoffmacht? Aufklappen ↓
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5 Welcher Rohstoff erhält mit Hafnium die beste Note im Feld? Aufklappen ↓
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6 Warum erhält Hafnium die gute Note Zwei? Aufklappen ↓
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7 Wie hoch war der EU-Industriestrompreis 2024 je Kilowattstunde? Aufklappen ↓
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8 Welches Land gilt im Artikel als Europas einziger relevanter Öl- und Gasförderer? Aufklappen ↓
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9 Auf welchen Wert will die EU die Selten-Erd-Abhängigkeit bis 2030 senken? Aufklappen ↓
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10 Welche Gesamtnote vergibt der Artikel für Europa? Aufklappen ↓
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Wie liest sich dieses Zeugnis?

Das Lineal hinter der Note
Eine Note braucht ein Lineal, sonst bleibt sie Willkür. Das Lineal in diesem Artikel hat zwei Markierungen: Wie stark hängt Europa an einem einzigen Lieferland, und besitzt der Kontinent selbst einen Hebel, also nennenswerte eigene Förderung oder Veredelung?
Daraus ergibt sich eine Skala von zwei bis sechs. Die glatte Eins bleibt unvergeben, weil kein einziger der 34 Stoffe in Europa lückenlos gefördert, veredelt und weiterverarbeitet wird. Selbst die Musterschüler hängen an mindestens einer ausländischen Stufe der Wertschöpfungskette.
Wichtig bleibt die Unterscheidung zwischen Fördern und Veredeln. Ein Land kann Erz aus dem Boden holen und trotzdem zur Raffination ins Ausland schicken. Genau hier sitzt Chinas eigentliche Macht. Australien fördert Lithium, die Volksrepublik veredelt es. Der Kongo fördert Kobalt, dieselben chinesischen Raffinerien verarbeiten es. Wer die Veredelung kontrolliert, kontrolliert den Stoff.
Die Schulnoten-Übersicht
Vor den 34 Einzelporträts der schnelle Überblick. Die Tabelle zeigt den Hauptlieferanten der EU, dessen Anteil und die vergebene Note. „EU-Hebel“ meint nennenswerte eigene Förderung oder Veredelung innerhalb der Union.
| Rohstoff | Hauptlieferant (EU) | Anteil | EU-Hebel | Note |
|---|---|---|---|---|
| Schwere Seltene Erden | China | 100 % | nein | 6 |
| Leichte Seltene Erden | China | ~85 % | nein | 6 |
| Bor | Türkei | 99 % | nein | 6 |
| Magnesium | China | 97 % | nein | 6 |
| Gallium | China | 71 % | gering | 5 |
| Skandium | China | 67 % | nein | 5 |
| Wolfram | China | hoch | gering (AT, PT) | 5 |
| Vanadium | China | hoch | nein | 5 |
| Naturgraphit | China | hoch | nein | 5 |
| Bismut | China | hoch | nein | 5 |
| Germanium | China | 45 % | gering | 4 |
| Niob | Brasilien | 82 % | nein | 4 |
| Kobalt | DR Kongo | hoch | Veredelung (FI, BE) | 4 |
| Antimon | Türkei | 62 % | nein | 4 |
| Tantal | DR Kongo | 35 % | nein | 4 |
| Platingruppe | Südafrika | 71 % | Recycling | 4 |
| Phosphor | Kasachstan | 65 % | nein | 4 |
| Phosphatgestein | Marokko | 27 % | gering | 4 |
| Lithium | Chile | hoch | Aufbau läuft | 4 |
| Helium | Katar / USA | hoch | nein | 4 |
| Titan (Metall) | Kasachstan | hoch | gering | 4 |
| Mangan | Südafrika u. a. | mittel | gering | 4 |
| Beryllium | USA | hoch | nein | 4 |
| Feldspat | Türkei | 51 % | ja (IT, ES) | 3 |
| Fluorit | Mexiko | 33 % | ja | 3 |
| Baryt | China | 38 % | ja (DE) | 3 |
| Aluminium / Bauxit | Guinea | 64 % | Veredelung ja | 3 |
| Arsen | Belgien (EU) | hoch | ja | 3 |
| Nickel | Finnland (EU) | hoch | ja | 3 |
| Kupfer | Polen (EU) | 19 % | ja | 3 |
| Silizium (Metall) | Norwegen | 33 % | ja (EWR) | 3 |
| Kokskohle | Polen (EU) | 26 % | ja | 3 |
| Strontium | Spanien (EU) | 99 % | ja | 2 |
| Hafnium | Frankreich (EU) | 76 % | ja | 2 |
Zwei Stoffe stechen positiv heraus, vier stehen auf der glatten Sechs. Der Rest verteilt sich auf das große Mittelfeld der Vierer und Fünfer, und dieses Mittelfeld trügt am meisten: Vier Lieferländer klingen nach Sicherheit, führen aber häufig zur selben Veredelungsadresse in China.
Block A: Die Metalle für Akku und Magnet

Lithium: Das weiße Gold mit Veredelungsfalle
Lithium kommt reichlich vor, die Lagerstätten verteilen sich über Südamerika und Australien, der größte EU-Anteil stammt aus Chile. Der wunde Punkt sitzt eine Stufe weiter, denn rund 94 Prozent des australischen Lithiums wandern zur Veredelung nach China. Europa baut mit Projekten in Deutschland, Portugal und Serbien eigene Förderung auf, während die Raffination hinterherhinkt. Unterm Strich reicht das für eine Vier, mit Luft nach oben.
Kobalt: Der Kongo fördert, China veredelt
Drei Viertel des weltweiten Kobalts stammen aus der Demokratischen Republik Kongo, die fast die gesamte Menge nach China exportiert. Europa hält einen kleinen Trumpf, weil Finnland und Belgien Kobalt veredeln und gemeinsam einen erheblichen Teil der EU-Versorgung an raffiniertem Material decken. Die Mine bleibt afrikanisch, die Raffinerie sitzt teilweise in Europa. Diese Mischung hebt Kobalt auf eine Vier.
Nickel: Finnlands stiller Beitrag
Nickel schafft es nur deshalb auf die Liste, weil die EU das Metall als strategisch einstuft, nicht wegen einer Überschreitung der Kritikalitätsschwellen. Finnland fördert und veredelt Nickel innerhalb der Union und verschafft Europa damit einen echten Hebel. Die Abhängigkeit ist real, aber breit gestreut, weshalb eine Drei gerechtfertigt bleibt.
Mangan: Unverzichtbar für jeden Stahl
Mangan steckt in praktisch jedem Stahl und zunehmend in Batterien. Die Förderung verteilt sich auf Südafrika, Gabun und Australien, doch China importiert zwei Drittel des Weltangebots an Manganerz und exportiert 70 Prozent des raffinierten Mangans. Das vertraute Muster wiederholt sich, europäische Veredelung existiert nur in Spuren. Mangan landet damit auf einer Vier.
Naturgraphit: Der Anodenstoff fest in chinesischer Hand
Graphit bildet die Anode jeder Lithium-Ionen-Zelle. China dominiert Förderung und Veredelung gleichermaßen, bei batteriefähigem Graphit liegt der Veredelungsanteil über 95 Prozent. Europa hat keine nennenswerte eigene Produktion und steht beim Hochlauf der Batteriezellfertigung damit an einer empfindlichen Stelle. Für Naturgraphit fällt deshalb die Fünf.
Schwere Seltene Erden: Die glatte Sechs
Bei diesem Stoff hört die Beschönigung auf. China liefert 100 Prozent der schweren Seltenen Erden, die Europa benötigt, und kontrolliert bei der Veredelung 99 Prozent. Dysprosium und Terbium aus dieser Gruppe machen Permanentmagnete hitzefest, ohne die kein E-Auto-Motor und kein Kampfjet auskommt. Einen europäischen Hebel gibt es nicht, die Versorgung hängt an einem einzigen Land. Schlechter steht kein anderer Rohstoff da, weshalb hier die Sechs fällt.
Leichte Seltene Erden: Magnetstoff ohne europäische Antwort
Neodym und Praseodym treiben die stärksten Permanentmagnete an. China deckt rund 85 Prozent der EU-Versorgung und kontrolliert etwa 90 Prozent der globalen Veredelung. Recyclingprojekte wie HyProMag im sächsischen Bitterfeld starten 2026, bleiben zunächst aber ein Tropfen auf den heißen Stein. Der erste deutsche Recyclingstandort ist ein zaghafter Anfang, mehr nicht, und so kassieren auch die leichten Seltenen Erden die Sechs.
Block B: Die Stoffe für Chip und Hochtechnologie

Gallium: Chinas Exportstopp als Warnschuss
Gallium ist unverzichtbar für Halbleiter und Verteidigungselektronik. China liefert 71 Prozent und hat 2023 Exportlizenzen eingeführt, was Preise und Lieferungen sofort erschüttert hat. Immerhin rechnet die EU damit, die Abhängigkeit durch Strategische Projekte bis 2030 von 71 auf 17 Prozent zu senken. Heute aber bleibt es bei einer Fünf.
Germanium: Glasfaser und Nachtsicht
Germanium steckt in Glasfaserkabeln, Infrarotoptik und Solarzellen. China liefert 45 Prozent, also weniger als bei Gallium, doch dasselbe Exportkontroll-Regime trifft beide Stoffe. Die EU hält hier eine bessere Ausgangslage und könnte bis 2030 sogar Versorgungsunabhängigkeit erreichen. Diese Aussicht hebt Germanium auf eine Vier.
Silizium (Metall): Norwegen als Rückgrat
Siliziummetall bildet die Grundlage von Chips und Solarzellen. Norwegen liefert mit 33 Prozent den größten Anteil und produziert innerhalb des Europäischen Wirtschaftsraums. Das verschafft Europa eine vergleichsweise komfortable Lage, auch wenn China den Weltmarkt dominiert. Siliziummetall verdient sich damit eine Drei.
Bor: Die Türkei hält 99 Prozent
Bor härtet Permanentmagnete und steckt in Glasfaser und Dünger. Die Türkei deckt 99 Prozent der EU-Versorgung, ein Klumpenrisiko an einem einzigen Land. Das Verhältnis zur Türkei ist politisch weniger konfrontativ als zu China, am strukturellen Risiko ändert das nichts. Ohne nennenswerten EU-Hebel bleibt nur die Sechs.
Tantal: Kondensatoren aus dem Konfliktgebiet
Tantal steckt in den Kondensatoren nahezu jedes Smartphones. Die Demokratische Republik Kongo liefert 35 Prozent, der Stoff gilt als klassisches Konfliktmineral. Die Lieferung ist breiter gestreut als bei anderen Stoffen, die Herkunft aber heikel. Tantal landet auf einer Vier.
Niob: Brasiliens Quasi-Monopol
Niob macht Stahl fester und leichter. Ein einziges Land dominiert, denn Brasilien liefert 82 Prozent der EU-Menge. Das Klumpenrisiko fällt enorm aus, allerdings gilt Brasilien als verlässlicher Partner. Ohne europäischen Hebel bleibt es bei einer Vier.
Beryllium: Das Leichtmetall aus den USA
Beryllium ist steif, leicht und unverzichtbar in Luftfahrt und Verteidigung. Die USA dominieren die Produktion weltweit und liefern den Hauptanteil der EU. Die Abhängigkeit ist hoch, der Partner aber ein Verbündeter. Beryllium kommt damit auf eine Vier.
Hafnium: Frankreichs Musterstück
Hafnium ist die positive Überraschung. Frankreich raffiniert 49 Prozent des globalen Hafniums und liefert 76 Prozent der EU-Versorgung aus eigener Produktion. Der Stoff steckt in Superlegierungen für Triebwerke und in Halbleitern. Selten liegt ein kritischer Rohstoff so fest in europäischer Hand, weshalb Hafnium die Bestnote im Feld erhält, eine Zwei.
Skandium: Leichtbau mit chinesischem Flaschenhals
Skandium veredelt Aluminiumlegierungen und Brennstoffzellen. China liefert 67 Prozent. Projekte in Australien und Kanada bauen Alternativen auf, doch heute bleibt die Abhängigkeit hoch und der europäische Hebel fehlt. Skandium steht deshalb bei einer Fünf.
Block C: Die Stoffe für Stahl, Industrie und Verkehr

Aluminium und Bauxit: Veredelt, aber importiert
Bauxit ist das Erz, aus dem über die Tonerde das Aluminium entsteht. Guinea liefert 64 Prozent des EU-Bauxits. Europa veredelt einen erheblichen Teil selbst, was den Hebel verbessert, bleibt beim Rohstoff aber importabhängig. Aluminium soll bis 2050 zur tragenden Säule der Energiewende werden, mit einem Nachfrageplus von über 500 Prozent. Die eigene Veredelung rettet hier eine Drei.
Kupfer: Polens solider Beitrag
Kupfer ist das Metall der Elektrifizierung. Polen fördert und liefert mit 19 Prozent den größten EU-Anteil aus eigener Produktion. Kupfer überschreitet die Kritikalitätsschwellen eigentlich nicht, steht aber wegen seiner strategischen Bedeutung auf der Liste. Der solide europäische Hebel sichert eine Drei.
Wolfram: Das härteste Metall, fast nur aus China
Wolfram härtet Werkzeuge, panzerbrechende Munition und Bohrköpfe. China kontrolliert rund 80 Prozent der Weltproduktion. Europa fördert kleine Mengen in Österreich, Portugal und Spanien, etwa drei Prozent des Weltangebots. Der Hebel ist real, aber klein gegen die chinesische Dominanz, sodass Wolfram auf einer Fünf landet.
Titan (Metall): Luftfahrt und Implantate
Titanmetall trägt Flugzeugzellen, Triebwerke und medizinische Implantate. Kasachstan ist zentraler Lieferant, die Veredelung anspruchsvoll und konzentriert. Europa hält nur geringe eigene Kapazitäten, was für eine Vier reicht.
Vanadium: Stahlveredler und Speichermetall
Vanadium macht Stahl zäh und treibt Flüssigbatterien für die Netzspeicherung an. China dominiert die Produktion, ein europäischer Hebel fehlt weitgehend. Vanadium steht damit bei einer Fünf.
Antimon: Flammschutz mit türkischem Flaschenhals
Antimon wirkt als Flammschutzmittel und in Bleibatterien. Die Türkei liefert 62 Prozent der EU-Erze, bei verarbeitetem Antimon dominiert China. Das doppelte Nadelöhr macht den Stoff verwundbar und drückt die Note auf eine Vier.
Bismut: Das Nebenprodukt aus China
Bismut fällt meist als Nebenprodukt der Bleiverhüttung an und ersetzt zunehmend giftiges Blei. China führt die Lieferantenliste an und hat Bismut in die Exportkontrollen aufgenommen. Ohne EU-Hebel bleibt eine Fünf.
Platingruppenmetalle: Südafrikas Schatz
Die sechs Platingruppenmetalle treiben Katalysatoren, Brennstoffzellen und Elektrolyseure an. Südafrika liefert 71 Prozent des EU-Platins, beim Palladium führt Russland. Europa setzt stark auf Recycling, eigene Förderung gibt es kaum. Die Platingruppe erhält damit eine Vier.
Kokskohle: Polens Beitrag zur Stahlerzeugung
Kokskohle ist unverzichtbar für die Hochofen-Stahlerzeugung. Polen liefert mit 26 Prozent den größten EU-Anteil aus eigener Förderung. Der Hebel ist solide, die Bezugsquellen sind gestreut. Mit dem Umstieg auf Wasserstoff-Stahl könnte die Bedeutung langfristig sinken, heute steht Kokskohle bei einer Drei.
Block D: Die mineralischen und sonstigen Stoffe

Magnesium: 97 Prozent aus einem Land
Magnesium macht Leichtbaulegierungen für Auto und Luftfahrt. China deckt 97 Prozent der EU-Versorgung, ein Wert, der die Verwundbarkeit auf eine einzige Adresse konzentriert. 2022 sind die Preise zeitweise auf das Doppelte geklettert. Einen europäischen Hebel hat der Kontinent hier nicht, weshalb auch Magnesium die Sechs kassiert.
Fluorit: Mexikos Mittelweg
Fluorit liefert Fluor für Kältemittel, Aluminium und Stahl. Mexiko ist mit 33 Prozent größter Lieferant, die Bezugsquellen sind breiter gestreut als bei den Problemfällen. Europa fördert eigene Mengen, was Fluorit eine Drei einbringt.
Feldspat: Glas und Keramik aus der Nachbarschaft
Feldspat steckt in Glas und Keramik. Die Türkei liefert 51 Prozent, doch Italien, Spanien, Frankreich, Tschechien und Deutschland fördern gemeinsam rund 14 Prozent des Weltangebots. Dieser echte europäische Hebel sichert eine Drei.
Baryt: Bohrschlamm und Strahlenschutz
Baryt beschwert Bohrschlämme und schirmt Röntgenstrahlung ab. China liefert 38 Prozent, Marokko 28 Prozent, Deutschland trägt mit eigener Förderung bei. Gestreute Quellen und ein vorhandener Hebel ergeben eine Drei.
Strontium: Spaniens Vorzeigemineral
Strontium ist das zweite Musterstück. Spanien fördert 34 Prozent des Weltangebots und liefert 99 Prozent der EU-Menge aus eigener Produktion. Der Stoff steckt in Spezialgläsern, Magneten und Pyrotechnik. Selten zeigt sich Europa so unabhängig, was Strontium die Bestnote von einer Zwei einbringt.
Phosphor und Phosphatgestein: Die Nahrungssicherung
Phosphor ist die Grundlage jedes Düngers, ohne ihn keine Welternährung. Phosphatgestein stammt zu 27 Prozent aus Marokko, elementarer Phosphor zu 65 Prozent aus Kasachstan. Europa hat kaum eigene Vorkommen und ist hier strukturell verwundbar. Beide Stoffe landen auf einer Vier.
Arsen: Das Nebenprodukt aus Belgien
Arsen fällt bei der Kupfer- und Bleiverhüttung an und steckt in Halbleitern und Holzschutz. Belgien führt die Lieferantenliste innerhalb der EU an. Der Hebel ist vorhanden, die Mengen sind klein, was Arsen auf eine Drei bringt.
Helium: Das flüchtige Kühlmittel
Helium kühlt MRT-Magnete und die Halbleiterfertigung. Katar und die USA produzieren zusammen über 75 Prozent des Weltangebots, Europa hat keine eigene Förderung. Die Schließung der Straße von Hormus hat 2026 gezeigt, wie fragil die Lieferkette ausfällt. Helium steht damit bei einer Vier.
Und die Energie? Das zweite teure Bein

Rohstoffe sind nur die eine Hälfte. Wer Erze veredeln und Metalle schmelzen will, braucht billigen Strom, und genau diese Partie verliert Europa ebenfalls. 2024 erreichten die Industriestrompreise in der EU 0,199 Euro pro Kilowattstunde, gegenüber 0,082 Euro in China und 0,075 Euro in den USA.
Der Abstand verfestigt sich. Die EU-Strompreise für energieintensive Industrien lagen 2025 erneut über dem Doppelten des US-Niveaus und fast 50 Prozent über dem chinesischen. Noch bitterer wirkt der Zeitvergleich, denn 2019 betrug der Vorsprung gegenüber den USA nur rund 50 Prozent und gegenüber China 20 Prozent. Aus einem Nachteil ist eine Kluft geworden.
Die Folgen lassen sich messen. Die deutsche Chemieproduktion liegt 15 Prozent unter dem Niveau vor der Pandemie, in Italien ist die Autoproduktion seit Anfang 2024 um 22,6 Prozent eingebrochen.
Bei den fossilen Energieträgern fällt das Bild kaum besser aus. Eigene Öl- und Gasvorkommen besitzt Europa kaum, der einzige relevante Förderer heißt Norwegen, und dessen Felder reichen historisch bis in die schottische Nordsee. Jenseits davon endet die europäische Substanz.
Norwegen gilt als das vielzitierte Gegenbeispiel, weil das Land seine Rohstoffeinnahmen klug in einen Staatsfonds gelenkt hat, bleibt aber ein Sonderfall am Rand des Kontinents. Und falls Sie sich fragen, warum ausgerechnet das kleine Norwegen diszipliniert blieb, wo größere Förderländer ihre Einnahmen verfrühstückt haben: An der Fördermenge lag es nicht.
Lässt sich das in einem Jahrzehnt drehen?
Die nüchterne Antwort lautet: teilweise, und langsam. Der Verdacht, dass Genehmigung und Aufbau einer Mine gefühlt ein Jahrzehnt dauern, hat einen harten Beleg. Selbst die EU rechnet bei ihren Strategischen Projekten damit, die Abhängigkeit bei Seltenen Erden bis 2030 lediglich von 95 auf 42 Prozent zu senken, nicht auf null.
Der Europäische Rechnungshof hat die Strategie im Sonderbericht 04/2026 unter dem Titel „Keine solide Strategie vorhanden“ zerlegt. Wie eng die Magnetlieferketten an China hängen und wie mühsam der Aufbau heimischer Kapazitäten verläuft, zeigt schon der Blick auf die Seltenen Erden.
Die EU-Ziele für 2030 klingen ambitioniert, denn bis dahin sollen 10 Prozent der strategischen Rohstoffe in der Union gefördert, 40 Prozent verarbeitet und 25 Prozent recycelt werden. Der Rechnungshof hält die Ziele für unzureichend begründet und die Datenbasis für wacklig.
Langwierige Genehmigungsverfahren bremsen, die Finanzierung läuft erst an. Ein realistischer Befund lautet deshalb: Das Zeitfenster steht offen, schließt sich aber, während China und die USA ihre Vorsprünge halten.
Europa hat die Diagnose gestellt, aber kein Rezept verschrieben. Ein Kontinent, der Erze importiert und keinen bezahlbaren Strom hat, um sie zu veredeln, verwaltet seine Abhängigkeit, statt sie abzubauen. Die zwei Musterschüler unter 34 Stoffen taugen nicht als Strategie, denn sie verdanken sich der Geologie, nicht der Industriepolitik.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Das Gesamtzeugnis
Versetzung gefährdet, durchgefallen aber nicht. Europa hat zwei Stoffe fest im Griff, ein großes Mittelfeld an handhabbarer Abhängigkeit und eine Handvoll Sechser, die echte Klumpenrisiken bilden. Die strukturelle Schwäche liegt nicht im Boden, sondern in der fehlenden Veredelungskapazität und im zu teuren Strom. Beide Baustellen lassen sich mit Kapital, Zeit und politischem Willen bearbeiten, nur eben nicht über Nacht. Die Note für den Gesamtkontinent fällt auf eine wohlwollende Vier minus, mit dem Vermerk, dass die Nachprüfung 2030 ansteht.
Quellen
- Europäische Kommission | Study on the Critical Raw Materials for the EU 2023 | https://op.europa.eu/en/publication-detail/-/publication/57318397-fdd4-11ed-a05c-01aa75ed71a1 | besucht am 29.06.2026
- Rat der Europäischen Union | Critical Raw Materials Act (Infografik) | https://www.consilium.europa.eu/en/infographics/critical-raw-materials/ | besucht am 29.06.2026
- Europäischer Rechnungshof | Sonderbericht 04/2026 | https://www.eca.europa.eu/de/publications | besucht am 29.06.2026
- International Energy Agency | Electricity 2026, Prices | https://www.iea.org/reports/electricity-2026/prices | besucht am 29.06.2026
- BusinessEurope | High cost of energy | https://www.businesseurope.eu/media-room/data-hub/high-cost-of-energy/ | besucht am 29.06.2026
- U.S. Geological Survey | Mineral Commodity Summaries 2026, Helium | https://pubs.usgs.gov/periodicals/mcs2025/mcs2025-helium.pdf | besucht am 29.06.2026