Weintrauben reifen in diesem Sommer schneller, als die Winzer Platz im Keller schaffen können. Die deutsche Lese startete in der zweiten Augustwoche, rund eine Woche früher als im Schnitt der vergangenen fünf Jahre. In Rheinhessen und Württemberg zahlt die EU zugleich 43 Cent je Liter dafür, dass Rotwein zu Industriealkohol gebrannt wird.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenFür Weinbaubetriebe entscheidet sich in diesen Wochen mehr als die Qualität eines Jahrgangs. Ein Keller ohne freies Fass nimmt keinen neuen Most auf. Der Fasswein des Vorjahrs bringt vielerorts weniger ein, als der Anbau kostet. Die Rechnung dahinter reicht weit über die Mosel hinaus.
Das Wichtigste in Kürze
- Lese eine Woche früher: Die Ernte der Weintrauben für den Jahrgang 2026 begann in der zweiten Augustwoche, nach Angaben des Deutschen Weininstituts rund sieben Tage vor dem Fünfjahresmittel. Die Beeren blieben klein und konzentriert.
- 24 Millionen Liter in die Brennerei: Rheinhessen und Württemberg dürfen überschüssigen Rot- und Roséwein destillieren, gefördert mit 43 Cent je Liter aus 14,16 Millionen Euro EU-Agrarreserve.
- 1.330 Hektar weniger Rebfläche: Deutschlands Anbaufläche für Weintrauben sank 2025 auf 101.965 Hektar, die Weinerzeugung auf 7,55 Millionen Hektoliter und damit zehn Prozent unter das Sechsjahresmittel.
- Fünf Kilogramm Tafeltrauben je Kopf: 421.000 Tonnen Weintrauben verzehrt Deutschland jährlich als Frischobst, angebaut werden davon rund 400 Hektar im eigenen Land.
Bluff oder Wissen? Der Weintrauben-Check
1 Wann wurden Weintrauben zur Kulturpflanze? Aufklappen ↓
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2 Wie viel zahlt die EU je Liter Rotwein, der zu Industriealkohol gebrannt wird? Aufklappen ↓
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3 Wie hoch ist die deutsche Verbrauchsteuer auf stillen Wein? Aufklappen ↓
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4 Welches Land presste 2025 die meisten Weintrauben zu Wein? Aufklappen ↓
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5 Welcher Schädling vernichtete ab 1863 große Teile der europäischen Weintrauben-Bestände? Aufklappen ↓
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Was sind Weintrauben und wie entsteht die Beere am Rebstock?
Weintrauben wachsen an der Kulturrebe Vitis vinifera, einer verholzenden Kletterpflanze. Zwischen Reifebeginn und Lese lagert die Beere ihren gesamten Zucker in wenigen Wochen ein. Ein Rebstock liefert ab dem dritten Standjahr Ertrag und bleibt danach rund drei Jahrzehnte im Bestand.
Die Rebe gehört zu den wenigen Kulturpflanzen, deren Ertrag an einem einzigen Zeitfenster hängt. Bis zum Reifebeginn, in der Fachsprache Véraison, bleiben die Weintrauben hart, grün und sauer. Danach wechselt die Frucht binnen weniger Tage die Farbe, wird weich und lagert Zucker ein.
Gemessen wird dieser Zucker in Grad Öchsle, direkt im Weinberg mit einem Refraktometer. Der sonnige Sommer 2026 hat die Werte nach oben getrieben. Die ersten in der Pfalz und in Baden gelesenen Weintrauben für den Federweißen waren nach Auskunft des Deutschen Weininstituts außergewöhnlich süß, weil den Beeren schlicht Wasser fehlte.
Nicht alle Weintrauben taugen für jeden Zweck. Keltersorten bringen kleine, dickschalige Beeren mit viel Zucker und Säure, und in der Schale sitzen Aroma sowie Gerbstoffe. Tafelsorten wiegen etwa das Doppelte, hängen lockerer am Stiel und kommen häufig kernlos in den Handel, enthalten dafür weniger Zucker und weniger Fruchtsäure. Ein Wein aus Tafelsorten schmeckte entsprechend flach.
Weltweit wachsen Weintrauben auf rund sieben Millionen Hektar, verteilt über beide Halbkugeln zwischen dem 30. und dem 50. Breitengrad. Deutschlands Rebfläche lag 2025 bei 101.965 Hektar und damit 1.330 Hektar unter dem Vorjahreswert. Weißweinsorten belegen davon 70.884 Hektar, Rotweinsorten 31.081 Hektar.
Eine Neuanlage rechnet sich erst über Jahrzehnte. Drei Jahre vergehen, bis ein Stock die ersten verwertbaren Weintrauben liefert, danach bleibt er 25 bis 30 Jahre im Ertrag. Diese Trägheit erklärt, warum der Weinbau auf Marktschwankungen so langsam reagiert. Eine Rebzeile lässt sich nicht wie ein Getreidefeld in einer Saison umwidmen. In der Steillage bleibt zusätzlich die Handarbeit, während in der Flachlage ein Vollernter die Lese in Stunden erledigt.
Weintrauben brauchen zwischen Reifebeginn und Lese wenige Wochen, ein Rebstock bis zur ersten Ernte drei Jahre und eine Region bis zur angepassten Fläche ein Vierteljahrhundert. Diese drei Zeitskalen erklären den heutigen Überhang besser als jede Konsumstatistik.
Wer domestizierte die Weintraube und wie begann der Rausch?

Zwei Domestikationen vor rund 11.000 Jahren in Westasien und im Kaukasus machten aus der Wildrebe die Pflanze, die heute Weintrauben liefert. Eine Genomanalyse von 2.448 Rebproben wies 2023 nach, dass Tafel- und Keltersorten aus diesem doppelten Ursprung hervorgingen.
Die Studie erschien im Fachjournal Science und stützte sich auf Proben von 23 Standorten aus 16 Ländern. Vor dieser Auswertung galt der Südkaukasus als alleiniges Ursprungsgebiet der Weintrauben, datiert auf ungefähr 8.000 Jahre. Die Genomdaten verschoben den Beginn um drei Jahrtausende nach hinten und fanden ein zweites Zentrum im Nahen Osten.
Von dort aus wanderten die Weintrauben mit den frühen Ackerbauern nach Westen und kreuzten sich unterwegs mit europäischen Wildpopulationen. Aus diesem Austausch entstanden bis zum späten Neolithikum die Muskat-Linien und die Vorfahren der westeuropäischen Sorten. Griechen und Phönizier verbreiteten den Anbau anschließend über das gesamte Mittelmeer.
An Mosel und Rhein begann der Weinbau mit den Römern. Trier wurde zum Zentrum. Weintrauben folgten den Legionen bis an die kühle Nordgrenze des Reichs. Im Mittelalter übernahmen Klöster die Systematik: Zisterzienser vermaßen Lagen, dokumentierten Erträge und legten damit die Grundlage für das, was heute Terroir heißt.
Der Absturz der europäischen Weintrauben begann 1863. Mit Rebstöcken von der amerikanischen Ostküste gelangte über London ein winziges Insekt nach Südfrankreich, die Reblaus. Innerhalb von zwei Jahrzehnten befiel der Schädling mehr als 70 Prozent der europäischen Rebfläche, darunter praktisch alle Spitzenlagen in Bordeaux und im Burgund.
Die Rettung kam ausgerechnet aus derselben Richtung wie die Katastrophe. Amerikanische Wildreben halten der Laus an der Wurzel stand. Ab den 1880er-Jahren pfropften Winzer die europäischen Sorten mit den besseren Weintrauben auf amerikanische Unterlagen. Praktisch jeder Rebstock in Europa wächst seither auf einer solchen Pfropfrebe, was einen ganzen Wirtschaftszweig hervorbrachte: die Rebschule.
Weintrauben sind als Kulturpflanze rund 11.000 Jahre alt, der europäische Weinbau in seiner heutigen Form dagegen keine 150. Was seit 1863 in den Weinbergen steht, ist eine Hybridkonstruktion aus europäischer Edelsorte und amerikanischer Wurzel.
Wie haben Weintrauben die Weltkarte verändert?

Weintrauben reisten mit Legionen, Missionaren und Kolonialgesellschaften um die Welt und legten dabei die Rebkarte fest, die bis heute gilt. Die EU steuert die Fläche seit Jahrzehnten über Pflanzgenehmigungen und entscheidet damit, wo überhaupt neu gepflanzt werden darf.
Der erste Export war militärisch. Rom brachte die Weintrauben an Rhein, Donau und Themse, weil eine Legion ohne Wein als schlecht versorgt galt. Nach dem Zusammenbruch des Reichs hielten Klöster die Kultur am Leben. Mit den Seefahrernationen begann die zweite Welle: 1655 pflanzte die Niederländische Ostindien-Kompanie am Kap die ersten Reben, 1788 folgte die Erste Flotte nach Australien.
Spanische Missionen brachten die Weintrauben nach Mexiko, Peru, Chile und schließlich nach Kalifornien. Die dabei verwendete Listán Prieto, in Amerika als Misión oder País bekannt, prägte den südamerikanischen Weinbau über Jahrhunderte. Aus dieser Missionsarbeit wuchs eine Exportindustrie, die Europa heute Konkurrenz macht.
| Jahr | Ereignis | Wirkung auf die Rebkarte |
|---|---|---|
| um 11.000 v. Chr. | Doppelte Domestikation in Westasien und im Kaukasus | Weintrauben trennen sich in Tafel- und Kelterlinien |
| 1. Jahrhundert | Römischer Weinbau an Mosel und Rhein | Nordgrenze des europäischen Anbaus entsteht |
| 1655 | Erste Reben am Kap der Guten Hoffnung | Weinbau erreicht die Südhalbkugel |
| 1863 bis 1885 | Reblausbefall in Europa | Umstellung auf Pfropfreben, Aufstieg Algeriens als Lieferant |
| 1976 | Anbaustopp der Europäischen Gemeinschaft | Fläche wird zum politisch verteilten Gut |
| 2016 | Genehmigungssystem statt Pflanzrechte | Zuwachs auf ein Prozent der Fläche je Jahr begrenzt |
| 2026 | Weinpaket der EU tritt in Kraft | Rodung wird zum geförderten Instrument |
Die Reblaus wirkte dabei als geopolitischer Beschleuniger. Während französische Weinberge starben, deckte Frankreich seinen Bedarf an Weintrauben aus der Kolonie Algerien, und das nordafrikanische Land stieg bis zur Unabhängigkeit 1962 zum größten Weinexporteur der Welt auf. Nach dem Rückzug der Siedler brach dieser Zweig binnen weniger Jahre zusammen, ein Muster, das der Mittelmeerraum auch beim Olivenöl kennt. Rohstoffgeografie überlebt selten den Regimewechsel.
Heute liegt die Steuerung in Brüssel. Seit 1976 begrenzt die Gemeinschaft die Rebfläche, seit 2016 über ein Genehmigungssystem mit einem Zuwachsdeckel von einem Prozent jährlich. Jede neue Zeile Weintrauben in der EU braucht eine Pflanzgenehmigung. Ohne dieses Papier bleibt die Anlage verboten.
Die jüngste Verschiebung kam am 18. März 2026, als die Verordnung (EU) 2026/471 in Kraft trat. Das sogenannte Weinpaket macht die Rodung produzierender Rebflächen erstmals zum ausdrücklichen Instrument gegen strukturelle Überproduktion. Betriebe, die eine Rodungsförderung annehmen, verlieren für zehn Weinwirtschaftsjahre den Anspruch auf neue Genehmigungen. Bestehende Genehmigungen können die Behörden zusätzlich widerrufen.
Parallel dazu wirkt die Handelspolitik. Auf europäische Weinimporte in die Vereinigten Staaten fielen seit dem Frühjahr 2025 zunächst 20 Prozent Zoll an, seit August 15 Prozent. Die deutsche Ausfuhrmenge in die USA sank daraufhin um elf Prozent auf 118.000 Hektoliter, der Umsatz brach um 19 Prozent auf 51 Millionen Euro ein. Besonders hart trifft das die Mosel, aus der fast die Hälfte aller deutschen USA-Exporte stammt.
Erzeugung 2025 nach Ländern
Woher der Wein im deutschen Regal stammt
Warum hängt an sieben Millionen Hektar so viel Wirtschaft?

Auf rund sieben Millionen Hektar wachsen die Weintrauben, aus denen 2025 etwa 232 Millionen Hektoliter Wein entstanden. Getrunken wurden davon nur 208 Millionen Hektoliter. Diese Lücke von 24 Millionen Hektoliter bestimmt derzeit jeden Preis in der Kette.
Die Internationale Organisation für Rebe und Wein registrierte 2025 den sechsten Flächenrückgang in Folge, auf sieben Millionen Hektar und damit 0,8 Prozent unter dem Vorjahr. Die Erzeugung lag mit geschätzten 232 Millionen Hektoliter zwar drei Prozent über der historisch schwachen Ernte 2024, blieb aber sieben Prozent unter dem Fünfjahresschnitt. An der Spitze steht Italien mit 47,3 Millionen Hektoliter, gefolgt von Frankreich mit 35,9 und Spanien mit 29,4 Millionen Hektoliter. Der Verbrauch sank im selben Jahr um 2,7 Prozent. Diese Schere öffnet sich seit Jahren.
Deutschland folgt weit dahinter. Die Weinbaubetriebe pressten 2025 laut Statistischem Bundesamt aus ihren Weintrauben 7,55 Millionen Hektoliter Wein und Most, 2,6 Prozent weniger als im Vorjahr und zehn Prozent unter dem Sechsjahresmittel. Rheinhessen und die Pfalz stellten mit 2,10 und 1,53 Millionen Hektoliter zusammen 48,1 Prozent der Erzeugung, verloren aber 13,8 beziehungsweise 14,3 Prozent. Gegen den Trend legte die Mosel um zwölf Prozent auf 1,27 Millionen Hektoliter zu, weil dort ansässige Handelskellereien auch Weintrauben aus anderen Gebieten in größeren Mengen verarbeiten.
Auf dem Heimatmarkt konkurrieren deutsche Weine mit Importen aus dem gesamten Mittelmeerraum. Der Marktanteil heimischer Erzeugnisse liegt bei 42,6 Prozent, gefolgt von Italien mit 17, Spanien mit 13 und Frankreich mit neun Prozent. Ein Anteil von 0,2 Prozentpunkten kam 2025 zurück, was in einem schrumpfenden Markt bereits als Erfolg gilt.
Der zweite, oft übersehene Strang sind Weintrauben als Frischobst. Deutschland verbraucht 421.000 Tonnen Tafeltrauben pro Jahr, etwa fünf Kilogramm je Kopf. Gedeckt wird davon fast nichts im eigenen Land. Rund 550 Betriebe bewirtschafteten 2024 lediglich 400 Hektar, gegenüber 100.900 Hektar Keltertrauben bei 13.810 Betrieben. Von Juni bis November kommt die Ware aus Italien, Spanien, Ägypten, Griechenland und der Türkei, von Dezember bis Juni aus Südafrika, Indien, Chile, Peru und Brasilien.
Eine Börse für Weintrauben existiert nicht. Was wäre ein Fassweinpreis wert, den jeden Morgen ein Kurszettel ausweist? Diese Frage stellt in der Branche kaum jemand, dabei liegt darin der Unterschied zu Weizen oder Kupfer. Ohne Referenzkurs fehlt der schwächeren Seite jedes Argument. Schwächer ist in dieser Kette fast immer der Betrieb mit dem Weinberg.
Weltweit standen 2025 rund 232 Millionen Hektoliter Erzeugung 208 Millionen Hektoliter Verbrauch gegenüber. In Deutschland kommt eine zweite Abhängigkeit dazu: 421.000 Tonnen Weintrauben als Frischobst jährlich, gedeckt aus 400 Hektar heimischer Fläche.
In welchen Produkten stecken Weintrauben und was fällt ohne sie weg?

Weintrauben stecken in Wein und Obstschale, ebenso in Balsamessig, Backpulver, Sekt, Weinbrand und Traubenkernöl. Ausfallen würde bei einem Lieferstopp vor allem die Weinsäure E334, weil die Industrie diesen Zusatzstoff aus dem Weinstein der Kellereien gewinnt.
Der offensichtliche Teil der Verwertung von Weintrauben liegt im Glas und in der Obstschale. Rund 42,6 Prozent des in Deutschland gekauften Weins stammt aus heimischer Erzeugung, das Frischobst dagegen fast vollständig aus dem Ausland. Dazu kommen Traubensaft, Traubenmost und der Federweiße, der jedes Jahr als erstes Erzeugnis des neuen Jahrgangs in den Handel geht.
Deutlich unauffälliger arbeitet die Trockenfruchtschiene. Rosinen und Sultaninen entstehen aus getrockneten Weintrauben, die Vereinigten Staaten und die Türkei liefern zusammen den Großteil der Weltmenge mit rund 350.000 beziehungsweise 250.000 Tonnen jährlich. In Müsli, Stollen und Fertigbackmischung landet damit ein Rohstoff, dessen Herkunft am Regal niemand nachfragt.
| Produkt | Was aus den Weintrauben kommt | Ersatz möglich? |
|---|---|---|
| Tafeltrauben | die frische Beere selbst | ja, anderes Frischobst |
| Rosinen und Sultaninen | getrocknete Beere | ja, andere Trockenfrüchte |
| Traubensaft und Federweißer | Most aus Keltertrauben | eingeschränkt, geschmacklich nicht gleichwertig |
| Balsamessig | eingekochter Traubenmost | nein bei geschützter Ursprungsbezeichnung |
| Weinsäure E334 | Weinstein aus Fass und Tank | nein in der heutigen Gewinnung |
| Sekt und Weinbrand | Grundwein aus Keltertrauben | nein, rechtlich an Wein gebunden |
| Tresterbrand und Grappa | Pressrückstand der Kelterung | nein, per Definition |
| Traubenkernöl und Kernextrakt | Kerne aus dem Trester | ja, andere Pflanzenöle |
Der spannendste Posten steht in der Mitte dieser Tabelle. Weinstein, chemisch Kaliumhydrogentartrat, setzt sich während der Lagerung im Fass ab und gilt im Glas als optischer Makel. Für die chemische Industrie beginnt genau dort die Wertschöpfung: Über Calciumtartrat und Schwefelsäure entsteht daraus Weinsäure, in der EU als E334 zugelassen.
Dieser Zusatzstoff sitzt in Backpulver, Brausepulver, Marmelade, Limonade und Wein selbst, außerdem in Textilveredelung und Galvanik. Zugelassen ist E334 allgemein für Lebensmittel, eine Höchstmengenbeschränkung besteht nicht. Wichtiger als die Menge bleibt die Herkunft: Der industrielle Weg führt über den Weinstein und damit zwingend über eine Kellerei.
Damit steht die Kipp-Logik dieses Rohstoffs fest. Fallen Weintrauben als Frischobst aus, greifen Verbraucher zu Äpfeln, Birnen oder Beeren, und im Müsli ersetzen Cranberrys die Sultanine. Fällt dagegen die Kelterung aus, verschwinden Sekt, Weinbrand, Grappa und Balsamessig ersatzlos, weil das Lebensmittelrecht diese Erzeugnisse über die Traube definiert.
Für Einkäufer in der Lebensmittelindustrie folgt daraus eine unbequeme Abhängigkeit zweiter Ordnung. Ein schrumpfender Weinmarkt liefert weniger Weinstein, weniger Trester und weniger Kerne aus Weintrauben. Sinkende Weinerzeugung verteuert also mittelbar auch das Backpulver, ohne dass ein einziger Verbraucher den Zusammenhang bemerkt.
Wie setzt sich der Preis einer Flasche Wein zusammen?

Von 5 Euro für eine Flasche Wein aus dem Supermarkt gehen 80 Cent als Mehrwertsteuer an den Staat. Eine Verbrauchsteuer auf stillen Wein erhebt Deutschland nicht. Die Weintrauben selbst schlugen zum Fassweinpreis des Vorjahrs mit rund 45 Cent zu Buche.
Die Steuerseite lässt sich exakt beziffern. Auf jede Flasche fallen 19 Prozent Mehrwertsteuer an, bei einem Ladenpreis von 5 Euro also 80 Cent. Eine Verbrauchsteuer auf Wein kennt das deutsche Recht dagegen nicht, der Satz liegt bei null. Sekt trägt ab sechs Volumenprozent 136 Euro je Hektoliter Schaumweinsteuer, umgerechnet 1,02 Euro je 0,75-Liter-Flasche.
Die Weintrauben sind der kleinste Posten der ganzen Rechnung. Der durchschnittliche Literpreis für Fasswein lag im Herbst 2025 bei 60 Cent, für eine 0,75-Liter-Flasche also bei 45 Cent. Die Produktionskosten beziffert der Präsident des Deutschen Weinbauverbands, Klaus Schneider, auf rund 1,20 Euro je Liter. Zwischen Erlös und Aufwand klafft damit im Fassweingeschäft ein Minus von 60 Cent je Liter.
Ein Rechenbeispiel macht den Rest greifbar. Angenommen, eine Flasche deutschen Literweins kostet 5 Euro im Regal und der Wein wurde zum Fassweinpreis eingekauft. Dann blieben nach Steuer 4,20 Euro, von denen 45 Cent auf die Weintrauben entfielen. Der Löwenanteil ginge an Glas, Verschluss, Etikett, Abfüllung, Logistik sowie an die Margen von Kellerei und Handel.
Bemerkenswert an dieser Aufteilung bleibt die Richtungsabhängigkeit. Der Erzeugerpreis für Fasswein ist innerhalb weniger Jahre deutlich gefallen, im Regal blieben die Preise weitgehend stehen. Nach unten bewegt sich der Ladenpreis kaum, nach oben schnell. Die Differenz landet nicht beim Weinberg.
Über den Export wirkt zusätzlich die Zollpolitik. Die 15 Prozent auf europäische Weine schlagen nicht voll auf den amerikanischen Regalpreis durch, weil deutsche Erzeuger Preisnachlässe gewährt haben, damit ihre Flaschen dort konkurrenzfähig blieben. Die Ausfuhrmenge sank trotzdem um elf Prozent, der Umsatz um 19 Prozent. Dieses Verhältnis zeigt, wer den Zoll tatsächlich bezahlt.
Wer verdient an Weintrauben und wer zahlt drauf?

Am Weinregal verdienen Handel und Kellerei, während der Erzeugerpreis für Fasswein unter den Produktionskosten liegt. Die 43 Cent je Liter aus der Krisendestillation decken gut ein Drittel dessen, was der Liter im Anbau kostet.
Auf der Gewinnerseite stehen die Stufen mit Verhandlungsmacht. Lebensmitteleinzelhandel und Discounter setzen Einkaufspreise gegen viele kleine Anbieter durch, Handelskellereien kaufen Fasswein aus mehreren Gebieten und mischen ihn zu Marken, Importeure profitieren vom weltweiten Überangebot. Für diese Stufen bedeutet ein Überschuss an Weintrauben günstige Beschaffung.
Auf der Verliererseite stehen die Betriebe mit der höchsten Handarbeitsquote. Der Bauern- und Winzerverband Rheinland-Pfalz nennt die arbeitsintensive Steillagen-Weinkulturlandschaft ausdrücklich als besonders gefährdet. Ein Steilhang lässt keinen Vollernter zu, die Lese der Weintrauben bleibt Handarbeit. Gegen einen Fassweinpreis von 60 Cent je Liter rechnet sich dieser Aufwand nicht.
| Stufe | Position im Überangebot | Konkreter Effekt 2026 |
|---|---|---|
| Lebensmitteleinzelhandel | Gewinner | günstiger Einkauf bei stabilen Regalpreisen |
| Handelskellereien | Gewinner | Zukauf von Weintrauben aus mehreren Gebieten, Mosel legt um zwölf Prozent zu |
| Importeure | Gewinner | 57,4 Prozent Marktanteil ausländischer Weine in Deutschland |
| Flachlagen-Betriebe | gemischt | Maschinenlese senkt Kosten, Fassweinpreis bleibt unter Deckung |
| Steillagen-Betriebe | Verlierer | Handlese gegen 60 Cent je Liter, Aufgabe von Flächen |
| Exportorientierte Weingüter | Verlierer | US-Umsatz minus 19 Prozent auf 51 Millionen Euro |
| Saisonarbeitskräfte | Verlierer | weniger Handlese, weil Flächen wegfallen |
Diese Verteilung folgt einem Muster, das andere Agrarrohstoffe längst durchlaufen haben. Wenige Abnehmer stehen vielen Erzeugern gegenüber. Der Preisverfall trifft zuerst die Stufe ohne Lagerhaltung und ohne Alternative. Wie hart das ausgeht, zeigt der Blick auf den Preissturz bei Vanille und seine Folgen für Madagaskars Bauern. Der Mechanismus ist derselbe, nur die Frucht ist eine andere.
Der Ressourcenfluch der Weinregionen heißt Monokultur. Wo eine Landschaft über Generationen auf Weintrauben ausgerichtet wurde, fehlt beim Nachfrageeinbruch jede zweite Einnahmequelle. Der Deutsche Weinbauverband beschreibt genau diese Kette: Verschwindet der Weinbau aus einer Region, verlieren Tourismus, Gastronomie und Hotellerie ihre Grundlage gleich mit.
Deutschland zahlt 43 Cent dafür, dass Rotwein zu Industriealkohol wird, und lässt zugleich jede Flasche stillen Wein steuerfrei durch die Kasse laufen. Diese Kombination erklärt die deutsche Weinpolitik besser als jedes Forderungspapier des Berufsstands.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Bemerkenswert bleibt, wie ungleich die Krise verteilt ist. Rheinhessen und Württemberg beantragten die Destillation, andere Gebiete lehnten ab, teils aus Stolz. Klaus Schneider vom Weinbauverband beschreibt die Scheu vieler Betriebe, den eigenen Wein öffentlich als unverkäuflich auszuweisen.
60 Cent je Liter Fasswein stehen Produktionskosten von rund 1,20 Euro gegenüber. Diese Differenz trägt nicht der Handel, sondern der Betrieb mit den Weintrauben am Hang. Dort entscheidet der Fehlbetrag über die Aufgabe der Fläche.
Wie mächtig ist die Lobby hinter den Weintrauben?

Der Deutsche Weinbauverband vertritt rund 13.800 Weinbaubetriebe und setzte 2025 die Rückkehr des Agrardiesels, eine gesenkte Gastronomie-Umsatzsteuer sowie 90 Tage sozialversicherungsfreie Saisonarbeit durch. Auf stillen Wein liegt weiterhin keine Verbrauchsteuer.
Die Erfolgsbilanz des Verbands für 2025 steht in seinem eigenen Forderungspapier. Neben Agrardiesel und Gastronomiesteuer finden sich dort die Ausweitung der sozialversicherungsfreien Beschäftigung auf 90 Tage, eine angepasste Ökoregelung, der Erhalt des Herbstbuchs sowie eine Million Euro Bundesmittel für die zweckgebundene Absatzförderung im Deutschen Weininstitut. Für eine Branche mit 7,55 Millionen Hektoliter Jahreserzeugung ist diese Trefferquote beachtlich.
Das größte Privileg steht allerdings gar nicht auf der Forderungsliste, weil längst erreicht. Bier, Spirituosen und Schaumwein tragen in Deutschland eine Verbrauchsteuer, stiller Wein aus Weintrauben nicht. Das EU-Recht erlaubt den Mitgliedstaaten einen Nullsatz, und Deutschland nutzt diese Möglichkeit seit jeher. Ein Liter mit zwölf Volumenprozent bleibt damit steuerlich unbehelligt, während dieselbe Menge Alkohol in anderer Form belastet wird.
Wie zäh solche Regelungen sind, zeigt das Gegenstück. Die Schaumweinsteuer kam 1902 zur Finanzierung der kaiserlichen Kriegsflotte. Die Flotte existiert seit über hundert Jahren nicht mehr, die Steuer schon. Zum 1. Januar 2027 soll der Satz nach dem Regierungsentwurf von 136 auf 163 Euro je Hektoliter steigen.
Das Framing der Branche arbeitet nicht mit dem Produkt, sondern mit der Landschaft. Der Weinbauverband argumentiert über Kulturlandschaft, ländliche Räume, Tourismus und Gastronomie, und dieses Argument sticht, weil Steillagen ohne Bewirtschaftung tatsächlich verbuschen. Kritischer betrachtet verschiebt die Erzählung die Debatte weg von der Alkoholfrage, die europäische Gesundheitspolitik zunehmend stellt.
Genau an dieser Stelle wird die Interessenlage unübersichtlich. Das Deutsche Weininstitut betreibt Absatzförderung für Weintrauben und deren Erzeugnisse und liefert zugleich die Statistik, auf die sich Presse und Politik stützen. Beide Rollen sind legitim, aber jede Zahl aus dieser Quelle gehört daneben gelesen mit den Erhebungen des Statistischen Bundesamts, die keinen Absatzauftrag kennen.
Der Weinbau hat 2025 Agrardiesel, Gastronomiesteuer und 90 Tage Saisonarbeit durchgesetzt, dazu eine Million Euro für die Absatzförderung. Das eigentliche Privileg bleibt unerwähnt: Auf stillen Wein aus Weintrauben erhebt Deutschland keinen Cent Verbrauchsteuer.
Wie kommt der Markt von zu vielen Weintrauben los?

Vier Hebel stehen zur Verfügung: geförderte Rodung, Rotationsbrache, ein nationaler Anbaustopp und entalkoholisierte Weine. Die EU hat alle vier mit dem Weinpaket vom März 2026 ermöglicht, vollständig umgesetzt ist in Deutschland bislang keiner davon.
Die Rodung wirkt am schnellsten und am härtesten. Die Verordnung (EU) 2026/471 macht das Herausnehmen produzierender Rebflächen erstmals ausdrücklich zum Instrument gegen strukturelle Überproduktion. Der Preis dafür ist hoch: Zehn Weinwirtschaftsjahre lang darf ein Betrieb nach Annahme der Förderung keine neue Pflanzgenehmigung beantragen, bestehende Genehmigungen können widerrufen werden.
Die Rotationsbrache klingt sanfter und wirkt auch so. Klaus Schneider vom Deutschen Weinbauverband beschreibt das Modell so, dass ein Weinberg bis zu acht Jahre aus der Erzeugung genommen und etwa begrünt wird, ohne dass das Pflanzrecht verfällt. Das Verfahren senkt die Menge künftiger Weintrauben und hält gleichzeitig die Option offen, später zurückzukehren.
Der dritte Hebel ist ordnungspolitisch. Bund und Länder stehen nach Angaben des Weinbauverbands kurz vor der Klärung eines verordneten Anbaustopps, bei dem außer einem kleinen Spielraum für einzelne Bundesländer keine neuen Rebflächen mehr hinzukämen. Eine ähnliche Bremse hat die Hopfenbranche vorexerziert, wo deutsche Betriebe 1.100 Hektar gerodet haben, um Angebot und Nachfrage wieder zusammenzubringen. Fläche herauszunehmen bleibt für jede Sonderkultur das schmerzhafteste Instrument.
Auf der Nachfrageseite setzt die Branche auf entalkoholisierte Weine. Das EU-Weinpaket regelt seit 2026 auch die Bezeichnung: Bis 0,05 Volumenprozent darf ein Erzeugnis als alkoholfrei und zugleich als 0,0 Prozent ausgelobt werden, ein um mindestens 30 Prozent abgesenktes Produkt gilt als alkoholreduziert. Der Marktanteil bleibt klein, das Wachstum nicht.
Parallel läuft die züchterische Anpassung. Dort stehen die Weintrauben selbst im Mittelpunkt. Pilzwiderstandsfähige Rebsorten stehen inzwischen auf rund 4.000 Hektar, gut vier Prozent der deutschen Rebfläche. Der Zuwachs betrug 2025 zehn Prozent. Souvignier Gris wuchs um 170 auf 766 Hektar, Cabernet Blanc kommt auf 356 Hektar. Diese Sorten brauchen deutlich weniger Pflanzenschutz, passen damit in die Kostenrechnung und zugleich in die Ökoregelung. Der Zeithorizont bleibt trotzdem unbequem, denn Anpassung an Klima und Markt vollzieht sich nach Schneiders Einschätzung über Jahrzehnte. Wärmere Winter verlängern zusätzlich die Vermehrungsphase der Reblaus, von der in Rheinland-Pfalz kein Regierungsbezirk mehr frei ist.
Rodung, Rotationsbrache, Anbaustopp und alkoholfreie Linien liegen als Werkzeuge bereit, seit die Verordnung (EU) 2026/471 am 18. März 2026 in Kraft trat. Umgesetzt hat Deutschland bislang keines davon vollständig. Jedes wirkt frühestens im nächsten Jahrzehnt.
Was bedeutet die Krisendestillation für Deutschland?

Rheinhessen und Württemberg dürfen überschüssigen Rot- und Roséwein zu Industriealkohol brennen, gefördert mit 43 Cent je Liter plus 16 Cent für Logistik und Brennkosten. Die gesicherten 14,16 Millionen Euro aus der EU-Agrarreserve reichen für rund 24 Millionen Liter.
Der Zeitpunkt könnte kaum sinnfälliger sein. Während die Erntemaschinen seit der zweiten Augustwoche Weintrauben von den Hängen holen, stehen in denselben Betrieben noch Tanks mit unverkauftem Wein des Vorjahrs. Vor allem Fasswein und darunter Rotwein wie Dornfelder belegt die Kapazität. Ohne freies Volumen findet der neue Most keinen Platz.
Die Konditionen der Maßnahme sind eng gesteckt. Zugelassen sind Weine mit geschützter Ursprungsbezeichnung des Jahrgangs 2025 und älter, gebrannt wird zu Industriealkohol für Desinfektionsmittel, Reinigungsmittel oder Energiegewinnung. Das rheinland-pfälzische Landwirtschaftsministerium rechnet mit dem Start gegen Ende 2026, Staatssekretär Michael Mätzig hat die Arbeit am rechtlichen Rahmenwerk Ende Juli bestätigt.
Frankreich fährt dieselbe Notbremse in größerem Maßstab. In der zweiten Antragsrunde meldeten mehr als 2.000 Betriebe rund 77 Millionen Liter Rotwein an, freigegeben hat die EU dafür 40 Millionen Euro aus der Krisenreserve. Erzeuger erhalten 30 Euro je Hektoliter, Destillateure 3 Euro. Rund 40 Prozent der Anträge kamen aus Aquitanien.
Für Verbraucher in Deutschland ändert sich kurzfristig wenig am Preis, dafür einiges am Angebot. Der Federweiße steht früher im Regal, die Moste fallen konzentrierter und aromatischer aus, die Menge dürfte kleiner bleiben. Wer regionale Weine direkt beim Weingut kauft, stützt genau die Stufe, auf die der Preisverfall zuerst durchschlägt.
Für Unternehmen mit Weinbezug lohnt ein Blick auf die Vertragsseite. Gastronomie, Handel und Eventausrichter verhandeln 2026 aus einer ungewöhnlich starken Position, weil das Angebot drückt. Sinnvoll bleibt trotzdem die längerfristige Bindung an regionale Erzeuger, denn ein weiterer Schwund an Steillagenbetrieben verknappt genau die Sortimente, die ein Weinprogramm unterscheidbar machen.
| Szenario für die kommenden Monate | Auslöser | Folge für Betriebe und Handel |
|---|---|---|
| Günstig | Destillation plus kleiner Jahrgang 2026 räumen die Keller | Fassweinpreise zögen im Frühjahr 2027 an, Steillagen blieben in Bewirtschaftung |
| Wahrscheinlich | 24 Millionen Liter treffen auf einen jahrelang gewachsenen Überhang | Der Druck verschöbe sich um ein Jahr, weitere Flächen fielen aus der Erzeugung |
| Ungünstig | Schwache Nachfrage trifft auf einen weiteren Zollschritt aus Washington | Die Mosel mit ihrer hohen USA-Quote geriete zuerst unter Druck |
Die eigentliche Entscheidung fällt daher nicht in der Brennerei. Solange der Verbrauch schneller sinkt als die Fläche mit Weintrauben, bleibt jede Destillation eine Einmalzahlung gegen ein Dauerproblem. Klaus Schneider nennt die Maßnahme selbst eine einmalige Sache zur Entsorgung, und diese Ehrlichkeit ist mehr wert als jede Beschwichtigung.
14,16 Millionen Euro und rund 24 Millionen Liter stehen einem Überhang gegenüber, der über Jahre gewachsen ist. Die Krisendestillation schafft Tankraum für die Weintrauben des Jahrgangs 2026, das Verhältnis von Fläche und Nachfrage rührt sie nicht an.
Glossar: 17 wichtige Fachbegriffe rund um Weintrauben

Anbaustopp
Ein Anbaustopp untersagt die Ausgabe neuer Pflanzgenehmigungen und friert die Fläche für Weintrauben ein. Der Deutsche Weinbauverband verhandelt derzeit mit Bund und Ländern über eine solche Regelung. Ausgenommen bliebe lediglich ein kleiner Spielraum für die einzelnen Bundesländer.
Entalkoholisierter Wein
Entalkoholisierter Wein entsteht, indem einem fertigen Wein aus Weintrauben der Alkohol wieder entzogen wird. Seit dem EU-Weinpaket darf ein Erzeugnis bis 0,05 Volumenprozent als alkoholfrei und zugleich als 0,0 Prozent bezeichnet werden, ein um mindestens 30 Prozent abgesenktes Produkt gilt als alkoholreduziert.
Fasswein
Fasswein ist unabgefüllter Wein, den ein Weingut an Kellereien und Abfüller verkauft. Der Preis entsteht bilateral und nicht an einer Börse. Im Herbst 2025 lag der Durchschnitt bei 60 Cent je Liter und damit deutlich unter den Bewirtschaftungskosten der Weinberge.
Federweißer
Federweißer bezeichnet gärenden Most aus frisch gelesenen Weintrauben, der bereits Alkohol enthält und noch Restsüße sowie Kohlensäure führt. Für den Handel bedeutet der Federweiße den Auftakt der Saison, weil er als erstes Erzeugnis eines neuen Jahrgangs in den Verkauf geht.
Grüne Lese
Bei der grünen Lese entfernen Betriebe unreife Weintrauben vor der eigentlichen Ernte und verzichten damit bewusst auf Ertrag. Die Maßnahme senkt kurzfristig das Angebot. Das EU-Weinpaket erlaubt den Mitgliedstaaten seit 2026, eine freiwillige grüne Lese national zu bezuschussen.
Keltertrauben
Keltertrauben sind jene Weintrauben, aus denen Wein und Traubensaft entstehen. Ihre Beeren fallen kleiner, dickschaliger und zuckerreicher aus als die von Tafelsorten. Die Schale liefert Aroma sowie Gerbstoffe. In Deutschland wachsen sie auf rund 101.965 Hektar.
Krisendestillation
Die Krisendestillation brennt überschüssigen Wein zu Industriealkohol, der etwa in Desinfektionsmittel oder in die Energiegewinnung geht. Als außergewöhnliche Marktintervention muss die EU jeden Antrag einzeln genehmigen. Für Rheinhessen und Württemberg liegt die Zustimmung seit Juli 2026 vor.
Mostgewicht
Das Mostgewicht misst den Zuckergehalt im Saft der Weintrauben und entscheidet über die Qualitätsstufe eines Weins. Gemessen wird in Deutschland in Grad Öchsle, direkt im Weinberg mit einem Refraktometer. Trockene Sommer treiben den Wert nach oben, weil den Beeren Wasser fehlt.
Pflanzgenehmigung
Eine Pflanzgenehmigung berechtigt einen Betrieb, eine bestimmte Fläche mit Reben zu bestocken. Ohne dieses Papier bleibt jede Neuanlage in der EU verboten. Ein Betrieb, der die Rodungsförderung annimmt, darf zehn Weinwirtschaftsjahre lang keine neue Genehmigung beantragen.
Pfropfrebe
Eine Pfropfrebe verbindet eine europäische Edelsorte mit der Wurzel einer amerikanischen Unterlagsrebe. Diese Kombination entstand als Antwort auf die Reblaus, weil amerikanische Wurzeln dem Schädling standhalten. Praktisch alle Weintrauben Europas wachsen heute auf einer solchen Unterlage.
PIWI
PIWI steht für pilzwiderstandsfähige Rebsorten, deren Weintrauben deutlich weniger Pflanzenschutz benötigen. In Deutschland stehen sie auf rund 4.000 Hektar und damit auf etwa vier Prozent der Rebfläche. Souvignier Gris führt das Feld mit 766 Hektar an, gefolgt von Cabernet Blanc mit 356 Hektar.
Reblaus
Die Reblaus ist ein aus Nordamerika eingeschlepptes Insekt, das an Blättern und Wurzeln der Rebe saugt und den Stock absterben lässt. Ab 1863 vernichtete der Schädling große Teile des europäischen Weinbaus. Wärmere Winter verlängern heute die Vermehrungsphase und lassen den Befall wieder steigen.
Rotationsbrache
Die Rotationsbrache nimmt einen Weinberg zeitweise aus der Erzeugung, etwa durch Begrünung der Fläche. Der Betrieb behält dabei bis zu acht Jahre lang sein Pflanzrecht. Das Modell senkt die Menge künftiger Weintrauben, ohne die Kulturlandschaft dauerhaft zu verändern.
Tafeltrauben
Tafeltrauben sind jene Weintrauben, die als frisches Obst in den Handel gelangen. Ihre Beeren wiegen etwa doppelt so viel wie die von Keltersorten, kommen oft kernlos daher und hängen lockerer am Stiel. Der deutsche Anbau umfasst nur rund 400 Hektar, verteilt auf etwa 550 Betriebe.
Véraison
Die Véraison bezeichnet den Reifebeginn, an dem Weintrauben weich werden, ihre Farbe wechseln und Zucker einlagern. Ab diesem Zeitpunkt zählt jeder warme Tag doppelt. Der heiße Sommer 2026 hat die Véraison so weit vorgezogen, dass die Lese in der zweiten Augustwoche begann.
Weinsäure
Weinsäure trägt in der Lebensmittelindustrie die Nummer E334 und wirkt als Säuerungsmittel, Säureregulator, Komplexbildner und Backtriebmittel. Gewonnen wird der Stoff aus Weinstein und damit als Nebenprodukt der Verarbeitung von Weintrauben. Eine Höchstmengenbeschränkung besteht in der EU nicht.
Weinstein
Weinstein ist der Trivialname für Kaliumhydrogentartrat, das sich während der Lagerung in Fass und Flasche absetzt. Für Trinkende bedeutet das Kristall nur einen optischen Makel, für die chemische Industrie den Ausgangsstoff der Weinsäure. Über Calciumtartrat und Schwefelsäure entsteht daraus das Endprodukt.
FAQ: Weintrauben reifen früh, die Weinkeller bleiben voll

Wann beginnt die Weinlese in Deutschland?
Die Lese der Weintrauben startete 2026 in der zweiten Augustwoche und damit rund eine Woche früher als im Schnitt der letzten fünf Jahre. Den Anfang machten Trauben für Federweißer in der Pfalz und in Baden, gefolgt von der Lese für Sektgrundweine. Übliche Haupterntezeit für die meisten Sorten bleibt der September.
Worin unterscheiden sich Tafeltrauben und Keltertrauben?
Tafeltrauben kommen als frisches Obst in den Handel, Keltertrauben gehen in Saft und Wein. Die Beeren der Tafelsorten wiegen etwa doppelt so viel, kommen oft kernlos daher und haben eine dünnere Schale. Keltersorten enthalten mehr Zucker und Säure sowie in der dickeren Schale die Aroma- und Gerbstoffe.
Warum zahlt man in Deutschland keine Steuer auf Wein, aber auf Sekt?
Stiller Wein aus Weintrauben unterliegt in Deutschland keiner Verbrauchsteuer, Schaumwein dagegen kostet ab sechs Volumenprozent 136 Euro je Hektoliter. Der Grund liegt in der Geschichte: Die Schaumweinsteuer kam 1902 zur Finanzierung der kaiserlichen Kriegsflotte und überlebte deren Ende um mehr als hundert Jahre.
Wie viel Wein liefert ein Hektar Weinberg in Deutschland?
Im Jahrgang 2025 kamen die deutschen Betriebe auf rund 76 Hektoliter je Hektar, gerechnet aus 7,55 Millionen Hektoliter Erzeugung und knapp 100.000 Hektar Ertragsrebfläche. Das entspricht gut 10.000 Flaschen zu 0,75 Liter. Steillagen und Spitzenlagen liegen deutlich darunter, weil dort bewusst weniger geerntet wird.
Warum werden in Deutschland kaum Tafeltrauben angebaut?
Rund 550 Betriebe bauten 2024 auf lediglich 400 Hektar Weintrauben für den Frischverzehr an, gegenüber 100.900 Hektar Keltertrauben. Erst die EU-Weinmarktreform von 2000 erlaubte Obstbaubetrieben den Anbau außerhalb registrierter Rebflächen. Hinzu kommen hohe Anforderungen an Optik, Bewässerung und Handernte.
Was passiert mit dem Wein aus der Krisendestillation?
Der überschüssige Rot- und Roséwein wird zu Industriealkohol gebrannt und geht anschließend etwa in Desinfektionsmittel, Reinigungsmittel oder in die Energiegewinnung. Zugelassen sind Weine des Jahrgangs 2025 und älter aus Rheinhessen und Württemberg. Die Destillation soll noch 2026 stattfinden.
Quellen
Deutsches Weininstitut | Früher Weinlesestart mit hochreifen Trauben | https://www.deutscheweine.de/news-medien/meldungen/meldung/1767/fr%C3%BChweinlesestart-mit-hochreifen-trauben | besucht am 15.08.2026
ZDFheute | Krisendestillation zum Erntestart: Warum Winzer vielerorts ihren Wein entsorgen müssen | https://www.zdfheute.de/wirtschaft/wein-lese-ernte-winzer-krisendestillation-deutschland-100.html | besucht am 15.08.2026
Der Winzer | Deutschland und Frankreich destillieren Überschüsse | https://www.der-winzer.at/news/2026/08/deutschland-und-frankreich-destillieren-ueberschuesse.html | besucht am 15.08.2026
Statistisches Bundesamt | Weinerzeugung 2025: Rückgang um 2,6 Prozent auf 7,55 Millionen Hektoliter | https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/03/PD26_105_412.html | besucht am 15.08.2026
Statistisches Bundesamt | Abnahme der Rebfläche 2025 um 1300 Hektar gegenüber Vorjahr | https://www.destatis.de/DE/Themen/Branchen-Unternehmen/Landwirtschaft-Forstwirtschaft-Fischerei/Wein/aktuell-rebflaechenerhebung.html | besucht am 15.08.2026
Bauern- und Winzerverband Rheinland-Pfalz | Ernte 2026 | https://www.bwv-rlp.de/ernte-2026/ | besucht am 15.08.2026
Deutscher Weinbauverband | Forderungspapier 2026: Maßnahmen für die Zukunft der Weinbranche | https://deutscher-weinbauverband.de/forderungspapier-2026-massnahmen-fuer-die-zukunft-der-weinbranche/ | besucht am 15.08.2026
Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union | Verordnung (EU) 2026/471 des Europäischen Parlaments und des Rates | https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=OJ%3AL_202600471 | besucht am 15.08.2026
Europäisches Parlament | Neue Maßnahmen zum Schutz und zur Förderung des EU-Weinsektors | https://www.europarl.europa.eu/news/de/press-room/20260205IPR33615/neue-massnahmen-zum-schutz-und-zur-forderung-des-eu-weinsektors | besucht am 15.08.2026
Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung | Tafeltrauben: Worin unterscheiden sie sich von Keltertrauben? | https://www.landwirtschaft.de/tier-und-pflanze/pflanze/obst/tafeltrauben-worin-unterscheiden-sie-sich-von-keltertrauben | besucht am 15.08.2026
wein.plus | OIV: Weinkonsum sinkt 2025 weiter, weltweite Rebfläche schrumpft auf sieben Millionen Hektar | https://magazine.wein.plus/news/oiv-wine-consumption-continues-to-decline-in-2025-global-vineyard-area-decreases-to-7-million-hectares | besucht am 15.08.2026
Meininger Verlag | Erste OIV-Schätzungen zur weltweiten Weinproduktion 2025 | https://www.meininger.de/en/meiningers-international/news/first-oiv-estimates-global-wine-production-2025 | besucht am 15.08.2026
Science | Dual domestications and origin of traits in grapevine evolution | https://www.science.org/doi/10.1126/science.add8655 | besucht am 15.08.2026
Mainz& | Krise im Weinbau: Deutsche kaufen weniger Wein, US-Zölle lassen Exporte einbrechen | https://mainzund.de/krise-im-weinbau-deutsche-kaufen-weniger-wein-einkaeufe-um-sieben-prozent-gesunken-us-zoelle-lassen-exporte-einbrechen/ | besucht am 15.08.2026
Lebensmittelpraxis | Weinexport USA: Deutsche Winzer verlieren ein Fünftel ihres US-Umsatzes | https://lebensmittelpraxis.de/lp-international/189-lpinternational-nachrichten/48003-weinexport-usa-deutsche-winzer-verlieren-ein-fuenftel-ihres-us-umsatzes.html | besucht am 15.08.2026
vinum | PIWI-Rebsorten: Jetzt 4000 Hektar in Deutschland | https://www.vinum.eu/de/news/weinwirtschaft/2026/jetzt-4000-hektar-in-deutschland/ | besucht am 15.08.2026
ZDFheute | Reblaus breitet sich aus: Winzer in Sorge um Weinberge | https://www.zdfheute.de/wissen/reblaus-winzer-weinberg-klimawandel-100.html | besucht am 15.08.2026
Deutsches Weininstitut | Weinkonsum sinkt um eine Flasche pro Jahr | https://www.deutscheweine.de/news-medien/meldungen/meldung/1613/weinkonsum-sinkt-um-eine-flasche-pro-jahr | besucht am 15.08.2026