Granada, nicht China oder der Iran, entscheidet über Europas Strontium-Versorgung. Als im März 2026 der Konflikt zwischen den USA und dem Iran eskalierte, sprang der Weltmarktpreis für Strontiumcarbonat binnen weniger Tage um rund 30 Prozent.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenZwei spanische Minen bei Granada blieben von der Krise völlig unberührt. Sie liefern weiterhin praktisch den gesamten europäischen Bedarf, ohne eine einzige Tonne aus dem Nahen Osten zu benötigen.
Was ist Strontium und wie entsteht es?

Strontium trägt die Ordnungszahl 38 und zählt zu den Erdalkalimetallen. Es steht direkt zwischen Calcium und Barium im Periodensystem.
Das weiche Metall reagiert an der Luft so heftig, dass sich reines Strontium binnen Minuten mit einer gelblichen Oxidschicht überzieht. In der Natur kommt es deshalb ausschließlich gebunden vor.
Die beiden wichtigsten Minerale heißen Coelestin (Strontiumsulfat) und Strontianit (Strontiumcarbonat). Coelestin dominiert die industrielle Gewinnung heute fast vollständig, weil sich das Sulfat leichter aufbereiten lässt als das Carbonat.
Der Anteil an der Erdkruste liegt bei rund 370 ppm. Das macht Strontium zu einem vergleichsweise häufigen Element, deutlich häufiger als etwa Hafnium mit nur 4,9 ppm.
Die US-Geologiebehörde USGS schätzt die weltweiten Ressourcen auf über eine Milliarde Tonnen. Das Problem liegt nicht in der absoluten Menge, sondern in der Konzentration abbauwürdiger Lagerstätten.
Nur wenige Regionen weltweit bündeln genug hochreines Coelestin für eine wirtschaftliche Förderung. Iran, Spanien, China und Mexiko teilen sich fast die gesamte globale Produktion.
Die Industrie unterscheidet zwei Qualitätsstufen. Industrial-Grade-Material mit Verunreinigungen bis zu einem halben Prozent Calcium reicht für Keramik, Glas und Pyrotechnik.
Electronic-Grade-Material mit einer Reinheit über 99,7 Prozent und einem Eisenanteil unter 0,02 Prozent geht dagegen in Kondensatoren, Displays und hochwertige Ferrite. Genau diese zweite Kategorie wird zunehmend knapper, während die Nachfrage aus der Elektronikindustrie wächst.
Wer entdeckte Strontium und wie begann der Rausch?

Die Geschichte beginnt 1787 in einer Bleimine im schottischen Dorf Strontian. Bergleute stoßen dort auf ein Mineral, das sich von bekannten Carbonaten unterscheidet.
Der irische Arzt Adair Crawford und der Chemiker William Cruickshank untersuchen die Probe 1790. Sie erkennen eine bisher unbekannte Erde, die weder zu Baryt noch zu Kalk passt.
Crawford und Cruickshank benennen den neuen Stoff nach dem Fundort Strontianit. Der schottische Chemiker Thomas Charles Hope bestätigt die Entdeckung 1792 unabhängig.
Bis zur Isolierung des reinen Metalls vergehen fast zwei Jahrzehnte. Humphry Davy gelingt 1808 die Elektrolyse von Strontiumchlorid mit Quecksilberoxid, wodurch ein verunreinigtes Amalgam entsteht.
Robert Bunsen verbessert das Verfahren 1855 und stellt erstmals reines Strontiummetall her. Er bestimmt dabei auch grundlegende physikalische Eigenschaften wie die Dichte des Metalls.
Zum Massenrohstoff wird Strontium jedoch nicht durch die frühen Chemiker, sondern durch die Bildröhre. Kathodenstrahlröhren in Fernsehern benötigen bis weit in die 2000er-Jahre erhebliche Mengen Strontiumcarbonat, weil das Element Röntgenstrahlung im Bildschirmglas absorbiert.
Mit dem Siegeszug von Flachbildschirmen bricht dieser Markt fast vollständig weg. Die gesamte Branche muss sich innerhalb weniger Jahre komplett neu erfinden, hin zu Ferritmagneten und Pyrotechnik als neue Hauptabnehmer.
Wie hat Strontium die Weltkarte verändert?

Rohstoffe sind selten nur Chemie, sie sind fast immer auch Politik. Bei Strontium zeigt sich das auf drei völlig unterschiedlichen Ebenen.
- Andalusien: Zwei Minen bei Granada liefern praktisch die gesamte EU-Versorgung.
- Kalter Krieg: Radioaktives Strontium-90 aus Atomtests beeinflusst einen internationalen Nuklearvertrag.
- Gegenwart: Der Iran-Konflikt 2025/2026 legt Chinas Versorgungskette lahm, Spanien bleibt verschont.
Die erste Ebene liegt in der Provinz Granada, an den Gemeindegrenzen von Las Gabias, La Malahá und Alhendín. Dort liegt Montevive, die größte bekannte Coelestin-Reserve Europas.
Bergleute förderten dort bereits zwischen 1954 und 1973 in Handarbeit, lange bevor irgendjemand von kritischen Rohstoffen sprach. Nach Jahren des Stillstands hat der Betreiber Canteras Industriales die Mine reaktiviert.
Die Reaktivierung erfolgt ohne Sprengstoff und unter Nutzung alter Abraumhalden. Das reduziert sowohl Kosten als auch Umweltbelastung gegenüber einem klassischen Neuaufschluss.
Wenige Kilometer entfernt, in Escúzar, betreibt das deutsche Unternehmen Kandelium seit den frühen 2000er-Jahren die zweite Lagerstätte. Zugleich unterhält Kandelium dort die weltweit größte Coelestin-Raffinerie.
Zusammen liefern beide Standorte praktisch die gesamte europäische Versorgung. Kein anderes EU-Land verfügt über vergleichbare Vorkommen, weshalb Granada eine echte Monopolstellung innerhalb der Union einnimmt.
Die zweite Ebene führt weg von Andalusien, hinein in den Kalten Krieg. Nicht das stabile Strontium der Bildröhren sorgte damals für Schlagzeilen, sondern sein radioaktives Isotop Strontium-90, ein Nebenprodukt oberirdischer Atomtests.
Weil der menschliche Körper Strontium ähnlich wie Calcium einlagert, reicherte sich das Isotop in den Knochen von Kindern an, die kontaminierte Milch tranken. Die St.-Louis-Baby-Tooth-Survey sammelte ab 1958 Zehntausende Milchzähne für eine systematische Auswertung.
Die Studie wies nach, dass der Strontium-90-Gehalt bei 1963 geborenen Kindern etwa fünfzigmal höher lag als bei Kindern von 1950. Diese Ergebnisse trugen maßgeblich zur politischen Entscheidung bei.
US-Präsident John F. Kennedy unterzeichnete noch im selben Jahr den Partial Test Ban Treaty. Der Vertrag beendete oberirdische Atomtests weltweit und bleibt bis heute einer der wenigen Fälle, in denen ein Rohstoff-Nebenprodukt direkt einen Nuklearvertrag beeinflusst hat.
Die dritte, aktuellste Ebene spielt sich gerade jetzt ab. Der Iran kontrolliert nach Branchenschätzungen rund 85 Prozent der hochgradigen Coelestin-Reserven weltweit.
China importierte 2025 rund 99.000 Tonnen Coelestin, davon 60 bis 70 Prozent aus dem Iran. Diese Abhängigkeit machte die chinesische Ferritmagnet-Industrie extrem verwundbar gegenüber jeder Störung der iranischen Exportlogistik.
Als im März 2026 der Konflikt zwischen den USA und dem Iran eskalierte, wurde der Hafen von Bandar Abbas tagelang blockiert. Über diesen Hafen läuft normalerweise mehr als die Hälfte der iranischen nicht-öl-basierten Exporte.
Chinesische Strontiumcarbonat-Hersteller standen binnen Tagen vor einer Rohstofflücke ohne Ersatz. Selbst der geplante Ausbau einer neuen Fabrik in Chongqing mit 60.000 Tonnen Jahreskapazität konnte den akuten Engpass nicht auffangen.
Genau in diesem Moment zeigte sich der Wert der spanischen Sonderstellung. Während chinesische Hersteller verzweifelt nach Ersatzquellen suchten, blieb die europäische Lieferkette aus Granada makellos intakt.
Wie unsere eigene Analyse zur europäischen Rohstoffabhängigkeit zeigt, teilen sich Strontium und Hafnium deshalb die Bestnote im gesamten Feld der 34 kritischen Rohstoffe der EU, eine Zwei. Zum Vergleich: Schwere Seltene Erden und Magnesium kassieren die Note Sechs, weil China dort 97 bis 100 Prozent der Versorgung kontrolliert.
Wer die spiegelbildliche Konstellation bei einem anderen Übergangsmetall nachlesen möchte, findet sie in unserer Stoffgeschichte zu Hafnium. Dort übernimmt statt Spanien Frankreich die Rolle des europäischen Ankers.
Warum ist Strontium für die Weltwirtschaft wichtig?

Die globale Förderung verteilt sich auf wenige Länder. Auf den Iran entfallen nach Auswertungen auf Basis von USGS-Daten etwa 38 Prozent der Weltproduktion.
Spanien folgt mit rund 34 Prozent, China mit etwa 16 Prozent und Mexiko mit ungefähr 11 Prozent. Diese vier Länder bestimmen praktisch allein das globale Angebot.
| Land | Anteil Weltförderung | Rolle für die EU |
|---|---|---|
| Iran | ca. 38 % | kein EU-Lieferant, versorgt vor allem China |
| Spanien | ca. 34 % | einziger EU-Produzent, deckt 99 % des EU-Bedarfs |
| China | ca. 16 % | dominiert die Weiterverarbeitung zu Ferritmagneten |
| Mexiko | ca. 11 % | wichtiger Lieferant für die USA, 2025 durch Werksbrand geschwächt |
Die EU verbrauchte zwischen 2016 und 2020 im Schnitt rund 48.000 Tonnen Strontium pro Jahr, wie die EU-Rohstoffallianz dokumentiert. Dieser Wert blieb über die Jahre bemerkenswert stabil.
Auf Weltebene entfallen laut Marktanalysen etwa 40 Prozent der Nachfrage auf Ferritmagnete. Rund ein Viertel geht in Glas und Keramik, der Rest verteilt sich auf Pyrotechnik, Bohrspülung und Spezialanwendungen.
In den USA, wo seit 2006 keine eigene Förderung mehr stattfindet, dominiert dagegen die Bohrspülung mit 65 Prozent. Die heimische Öl- und Gasindustrie benötigt den Rohstoff als Zusatzmittel für Bohrflüssigkeiten.
Bemerkenswert: Die USA führen Strontium bislang nicht auf ihrer eigenen Kritische-Mineralien-Liste, während die EU es 2020 offiziell als kritischen Rohstoff einstufte. Beide Länder bewerten dasselbe Element also grundverschieden.
Was steckt alles in Strontium außer dem Offensichtlichen?

- Rote Feuerwerksflamme, weil sich Ersatzstoffe bislang nicht annähernd so brillant verbrennen lassen.
- Ferritmagnete in Elektromotoren, Lautsprechern und Sensoren.
- Bohrspülung der Öl- und Gasindustrie als Zusatzmittel.
- Spezialglas mit erhöhter Röntgenabsorption, etwa für Strahlenschutzfenster.
- Strontiumranelat als Arzneistoff gegen Osteoporose.
- Strontium-89 in der Palliativtherapie bei Knochenmetastasen.
Die Feuerwerksbranche verdankt Strontiumsalzen ihre charakteristische rote Flammenfarbe. Deutlich größere Mengen fließen jedoch in Ferritmagnete, die aus einer Sinterung von Strontiumcarbonat mit Eisenoxid entstehen.
Diese Magnete punkten gegenüber teureren Seltenerd-Magneten durch niedrige Kosten und hohe Temperaturbeständigkeit. Genau deshalb bleiben sie trotz der aktuellen Preisspitzen kaum ersetzbar.
In der Medizin hat Strontiumranelat als Wirkstoff gegen Osteoporose Karriere gemacht. Nebenwirkungen haben die Zulassung allerdings in mehreren Ländern eingeschränkt.
Das radioaktive Isotop Strontium-89 kommt palliativ bei schmerzhaften Knochenmetastasen zum Einsatz. Es lagert sich gezielt in Knochengewebe ein, ähnlich wie sein gefährlicherer Verwandter Strontium-90.
Weniger bekannt ist die Rolle von Coelestin in der Bohrspülung sowie als Flussmittel bei der Zinkelektrolyse. Auch Spezialglas mit erhöhter Röntgenabsorption greift bis heute auf Strontiumverbindungen zurück, ein später Nachhall der einstigen Bildröhrentechnik.
Wie setzt sich der Preis einer Tonne Strontiumcarbonat zusammen?

Der Preis eines Rohstoffs erzählt fast immer eine eigene Geschichte. Bei Strontiumcarbonat liest sie sich seit 2025 besonders dramatisch.
Vor der Eskalation lagen die Preise in China stabil bei umgerechnet rund 960 Euro je Tonne. Nach der Blockade von Bandar Abbas kletterten sie laut Branchenmedien innerhalb eines einzigen Handelstags um fast 30 Prozent.
Im weiteren Verlauf des Frühjahrs 2026 erreichten die Preise Spitzenwerte von umgerechnet rund 1.140 bis 1.320 Euro je Tonne. In Europa lagen CFR-Preise phasenweise sogar über 2.100 Euro, umgerechnet zum EZB-Referenzkurs vom 7. Juli 2026 von 1 Euro zu 1,14 US-Dollar.
Zur Einordnung: Selbst dieses Niveau blieb laut Branchenbeobachtern unter dem bisherigen Rekordhoch aus dem Jahr 2021. Die Volatilität der letzten Jahre zeigt trotzdem, wie eng der Markt kalkuliert ist.
| Kostenbestandteil | Anteil am Endpreis (Richtwert) |
|---|---|
| Coelestin-Rohstoff (Abbau, Aufbereitung) | ca. 35–45 % |
| Chemische Umwandlung zu Carbonat | ca. 25–30 % |
| Logistik und Fracht | ca. 10–15 % |
| Handelsmarge und Lagerhaltung | ca. 10–15 % |
Diese Aufschlüsselung erklärt, weshalb Lieferkettenschocks so schnell durchschlagen. Fällt eine einzige Förderregion aus, gerät sofort der größte Kostenblock ins Wanken.
Die spanische Lieferkette verliert dabei kaum Verhandlungsmasse, weil schlicht keine Alternativquelle innerhalb der EU existiert. Kandelium und Canteras Industriales konnten ihre Preise deshalb bemerkenswert stabil halten, während der Weltmarkt um sie herum schwankte.
Wer verdient an Strontium und wer bleibt auf der Strecke?

Zu den klaren Gewinnern zählt das deutsche Unternehmen Kandelium. Es verdient über seinen Standort in Escúzar sowohl an der Rohstoffgewinnung als auch an der Weiterverarbeitung.
Auch Canteras Industriales als Betreiber von Montevive profitiert von einer Nachfrage, die praktisch garantiert absetzbar ist. In ganz Europa existiert schlicht keine Alternative.
China dagegen gerät zunehmend unter Druck. Das Land verarbeitet den Löwenanteil des weltweiten Ferritmagnet-Bedarfs, bezieht sein Coelestin aber mehrheitlich aus dem Iran.
Genau diese Abhängigkeit wurde China im März 2026 zum Verhängnis. Die Blockade in Bandar Abbas traf die chinesische Produktionskette unvorbereitet, weil kaum Lagerreserven aufgebaut waren.
Der Iran selbst gehört trotz seiner Rohstoffmacht kaum zu den Gewinnern. Politische Isolation, Sanktionen und die jüngste Eskalation haben die eigene Export-Infrastruktur beschädigt.
Verbraucher in der Elektronik- und Automobilindustrie tragen die höheren Kosten am Ende über teurere Bauteile. Ihnen bleibt kaum eine Möglichkeit, sich der weltweiten Preisentwicklung zu entziehen.
„Während China um jede Tonne iranisches Coelestin bangt, füllt Kandelium seine Lager aus einer andalusischen Provinz, die kaum jemand auf der Landkarte findet. Genau das macht deutsche Unauffälligkeit manchmal zur besten Rohstoffstrategie.“
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Wie mächtig ist die Lobby hinter dem unauffälligen Mineral?

Anders als bei Öl oder Lithium existiert für Strontium kein mächtiger Lobbyapparat. Der Markt ist dafür schlicht zu klein.
Der spanische Bergbauverband Primigea vertritt die Interessen der Branche gegenüber der Regierung in Madrid. Er drängt seit Jahren auf ein modernisiertes Bergbaugesetz.
Die spanische Regierung reagierte mit dem „Plan de Acción de las Materias Primas Minerales 2025 bis 2029“. Das Programm umfasst neue Explorationsprojekte und ein Recycling-Förderpaket im Umfang von rund 414 Millionen Euro.
Auf EU-Ebene wirkt der Critical Raw Materials Act indirekt als Verstärker. Er erklärt die Versorgungssicherheit strategischer Rohstoffe zur politischen Priorität.
Ein eigenständiges Strontium-Lobbybüro in Brüssel sucht man dagegen vergeblich. Das Thema läuft über die allgemeine Rohstoffpolitik mit, ohne eigene Interessenvertretung.
Wie sichert Europa seinen seltenen Vorsprung bei Strontium?

Die Recyclingquote von Strontium liegt europaweit unter einem Prozent. Das Element lässt sich aus den meisten Endprodukten kaum wirtschaftlich zurückgewinnen.
Substitution bietet nur begrenzt Ausweg. Barium kann Strontium in Ferritmagneten ersetzen, senkt aber die maximale Betriebstemperatur der fertigen Magnete spürbar.
In der Pyrotechnik fehlt bislang ein Ersatzstoff, der dieselbe Brillanz der roten Flammenfarbe erreicht. Auch bei Bohrspülung bleibt Barit zwar oft die erste Wahl, doch bei hohen Barit-Preisen weicht die Industrie auf Coelestin aus.
Die EU setzt deshalb auf den Ausbau der eigenen Förderkapazität. Das Pilotprojekt ROTATE testet über vier Jahre neue Konzentrationsverfahren für Coelestin.
Von rund 26.000 Steinbrüchen und Kiesgruben in der gesamten EU wurden für dieses Pilotprogramm nur fünf ausgewählt. Montevive gehört zu diesen fünf Standorten, ein deutliches Zeichen für die strategische Bedeutung der Lagerstätte.
Gelingt die Verbesserung der Ausbeute, sinken sowohl Förderkosten als auch Umweltbelastung durch neue Abraumhalden. Ein seltener Fall, in dem wirtschaftliche und ökologische Interessen tatsächlich zusammenfallen.
Was bedeutet die Strontium-Frage für deutsche Unternehmen?

Kandelium blickt auf über 130 Jahre Firmengeschichte zurück. Sie begann 1893 mit der Chemischen Fabrik Walther Feld im rheinland-pfälzischen Bad Hönningen.
Das Unternehmen nutzt bis heute natürliche Thermalquellen vor Ort als Kohlendioxidquelle für die Carbonat-Produktion. Diese Konstellation kann kein Wettbewerber einfach kopieren.
Mit Standorten in Deutschland, Spanien und Mexiko deckt Kandelium heute einen erheblichen Teil des globalen Barium- und Strontiumcarbonat-Bedarfs ab. Der mexikanische Standort in Monterrey gilt dabei als das wettbewerbsfähigste Strontiumcarbonatwerk weltweit, direkt neben der größten Coelestin-Lagerstätte Mexikos gelegen.
Ein Werksbrand traf genau diese mexikanische Anlage im Jahr 2025. Die Folge verschob globale Handelsströme spürbar zugunsten des deutschen Standorts.
US-Importstatistiken zeigen, dass der deutsche Anteil an amerikanischen Strontiumcarbonat-Importen zwischen Januar und Oktober 2025 auf 93,7 Prozent stieg. Mexikos Anteil brach im selben Zeitraum um über 22 Prozentpunkte ein.
Für deutsche Abnehmer aus Elektronik-, Glas- und Keramikindustrie bedeutet das kurzfristig stabile Bezugsquellen. Mittelfristig wächst aber auch die Abhängigkeit von einem einzigen inländischen Anbieter.
Drei Szenarien zeichnen sich für die kommenden Jahre ab. Im optimistischen Fall entspannt sich der Iran-Konflikt, chinesische Hersteller diversifizieren ihre Bezugsquellen, und die Preise pendeln sich auf moderat erhöhtem Niveau ein.
Im realistischen Szenario bleibt die Lage angespannt. Kandelium und Canteras Industriales bauen ihre spanischen Kapazitäten weiter aus, Deutschland festigt seine Rolle als europäischer Verarbeitungsstandort.
Im pessimistischen Fall eskaliert der Nahost-Konflikt weiter. Zusätzliche Lieferausfälle treiben die Preise auf neue Höchststände, und deutsche Abnehmer geraten trotz stabiler Rohstoffquelle unter Druck.
Checkliste: Was deutsche Unternehmen mit Strontiumbedarf jetzt prüfen sollten
- Langfristige Lieferverträge mit Kandelium oder direkt mit spanischen Förderern statt reiner Spotmarkt-Beschaffung anstreben.
- Eigene Lagerbestände an Electronic-Grade-Material aufstocken, solange die Preisspitze anhält.
- Bei Ferritmagnet-Zulieferern gezielt nach dem Ursprung des Coelestins fragen, iranische Herkunft erhöht das Ausfallrisiko.
- Substitutionsoptionen mit Barium für weniger temperaturkritische Anwendungen technisch prüfen lassen.
- Entwicklungen bei unserer Stoffgeschichte zu den Seltenen Erden parallel beobachten, da beide Rohstoffgruppen zunehmend um dieselben Magnetanwendungen konkurrieren.
Glossar: 13 wichtige Fachbegriffe zu Strontium
Baby Tooth Survey
Die St.-Louis-Baby-Tooth-Survey war eine Studie ab 1958, die Strontium-90 in Milchzähnen amerikanischer Kinder maß und einen dramatischen Anstieg durch oberirdische Atomtests nachwies.
CFR-Preis
CFR (Cost and Freight) bezeichnet einen Handelspreis, der Warenwert und Fracht bis zum Zielhafen einschließt, jedoch keine Versicherung.
Coelestin
Coelestin ist die Bezeichnung für Strontiumsulfat (SrSO4), das wichtigste Mineral zur industriellen Strontiumgewinnung.
Critical Raw Materials Act
Der Critical Raw Materials Act ist eine EU-Verordnung von 2024, die kritische und strategische Rohstoffe definiert und Diversifizierungsziele festlegt.
EOL-RIR
Die End-of-Life Recycling Input Rate gibt an, welcher Anteil des Rohstoffbedarfs durch Recycling gedeckt wird. Bei Strontium liegt sie unter einem Prozent.
Ferritmagnet
Ein Ferritmagnet entsteht durch Sintern von Strontium- oder Bariumcarbonat mit Eisenoxid und findet sich in Motoren, Lautsprechern und Sensoren.
Industrial Grade
Industrial Grade bezeichnet die günstigere Reinheitsstufe von Strontiumcarbonat für Glas, Keramik und Pyrotechnik.
Partial Test Ban Treaty
Der Partial Test Ban Treaty von 1963 beendete oberirdische Atomtests und wurde maßgeblich durch Erkenntnisse über Strontium-90-Belastung befördert.
Proyecto ROTATE
ROTATE ist ein vierjähriges EU-Pilotprojekt zur Verbesserung von Konzentrationsverfahren für Coelestin, an dem die Mine Montevive teilnimmt.
Strontianit
Strontianit bezeichnet das Mineral Strontiumcarbonat (SrCO3), namensgebend für den Fundort Strontian in Schottland.
Strontium-89
Strontium-89 ist ein radioaktives Isotop, das in der Palliativmedizin bei schmerzhaften Knochenmetastasen eingesetzt wird.
Strontium-90
Strontium-90 ist ein radioaktives Isotop aus Kernwaffentests und Reaktoren, das sich im Knochengewebe anreichert und gesundheitsschädlich wirkt.
Strontiumranelat
Strontiumranelat ist ein Arzneistoff gegen Osteoporose, dessen Einsatz wegen möglicher Nebenwirkungen in mehreren Ländern eingeschränkt wurde.
FAQ: Strontiun
Wofür wird Strontium hauptsächlich verwendet?
Der größte Teil des weltweit geförderten Strontiums fließt in Ferritmagnete für Motoren und Lautsprecher. Weitere wichtige Anwendungen sind Glas, Keramik, Pyrotechnik und Bohrspülung.
Warum ist Spanien der einzige EU-Produzent von Strontium?
Die Provinz Granada verfügt mit Montevive und Escúzar über die einzigen wirtschaftlich abbauwürdigen Coelestin-Lagerstätten der gesamten Europäischen Union.
Ist Strontium gefährlich oder radioaktiv?
Das natürlich vorkommende, stabile Strontium ist ungiftig. Gefährlich wird nur das künstlich erzeugte Isotop Strontium-90 aus Kernwaffentests und Reaktoren.
Wie wirkt sich der Iran-Konflikt auf den Strontiumpreis aus?
Der Iran kontrolliert einen Großteil der hochgradigen Coelestin-Reserven weltweit. Die Blockade des Hafens Bandar Abbas im März 2026 ließ die Weltmarktpreise zeitweise um bis zu 100 Prozent steigen.
Welches deutsche Unternehmen produziert Strontiumcarbonat?
Kandelium mit Sitz in Bad Hönningen zählt zu den weltweit größten Herstellern von Barium- und Strontiumcarbonat und betreibt zugleich eine eigene Mine im spanischen Escúzar.
Kann Strontium recycelt werden?
Die Recyclingquote liegt europaweit unter einem Prozent, weil sich Strontium aus den meisten Endprodukten technisch kaum wirtschaftlich zurückgewinnen lässt.
Quellen
U.S. Geological Survey | Mineral Commodity Summaries 2026, Strontium | https://pubs.usgs.gov/periodicals/mcs2026/mcs2026-strontium.pdf | besucht am 08.07.2026
CRM Alliance | Strontium | https://www.crmalliance.eu/strontium | besucht am 08.07.2026
Europäische Kommission (JRC/RMIS) | Raw Materials Study on the EU’s list of Critical Raw Materials 2023 | https://cepi.eoi.es/sites/default/files/documents/Study%202023%20CRM%20Assessment.pdf | besucht am 08.07.2026
El Independiente de Granada | Montevive, la desconocida y estratégica mina de celestina | https://www.elindependientedegranada.es/economia/montevive-desconocida-estrategica-mina-celestina-cuenca-granada | besucht am 08.07.2026
Moncloa.com | Granada atesora el 100% de la celestina europea | https://www.moncloa.com/2026/07/05/minerales-criticos-granada-celestina-europea-3395079 | besucht am 08.07.2026
Kandelium GmbH | Unternehmensgeschichte und Standorte | https://www.kandelium.com/de/unser-unternehmen/ueber-uns | besucht am 08.07.2026
SDM Magnetics | Iran Conflict: Strontium Carbonate Shock Hits Ferrite Markets | https://sdmmagnets.com/iran-conflict-strontium-carbonate/ | besucht am 08.07.2026
GTAIC | 2026 USA Strontium Carbonate Imports Market Report | https://gtaic.ai/market-reports/strontium-carbonate-market-usa-report-in-2026 | besucht am 08.07.2026
Bulletin of the Atomic Scientists | Bombs, science, and baby teeth | https://thebulletin.org/premium/2021-11/bombs-science-and-baby-teeth/ | besucht am 08.07.2026
Dr. Web | Rohstoffabhängigkeit Europa: Wie schlecht steht es? | https://www.drweb.de/europas-rohstoffabhaengigkeit/ | besucht am 08.07.2026