EnBW sichert sich 300 Megawatt Batteriekapazität in Norditalien, ohne den Speicher selbst zu bauen. Der Abschluss gilt als größter physischer Tolling-Vertrag, der bisher in Kontinentaleuropa zustande gekommen ist. Für Entscheider im DACH-Raum ist vor allem eine Frage interessant: warum diese Batterie nicht in Deutschland steht.

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Ein Batteriespeicher in der Provinz Ferrara wird ab 2028 rund 500 Megawatt leisten. EnBW hat sich davon 300 Megawatt gesichert und dafür keinen einzigen Spatenstich getan. Zum Vergleich: Genau diese 300 Megawatt hat auch Deutschlands größtes Speicherprojekt insgesamt.

Das Wichtigste in Kürze

  • EnBW nimmt 300 Megawatt und über 1,2 Gigawattstunden aus einem Vier-Stunden-Speicher in der Provinz Ferrara ab.
  • Der Vertrag gilt als größter physischer Tolling-Abschluss Kontinentaleuropas.
  • Der Schweizer Versorger BKW hatte zuvor die ersten beiden Blöcke desselben Projekts abgesichert.
  • Der Bau soll 2027 beginnen, der Betrieb 2028.

Was EnBW in Ferrara tatsächlich abnimmt

Verteilerkasten auf Asphalt vor weißem Hintergrund mit mehreren Aufklebern
Zelestra baut und betreibt die Anlage gegen feste Gebühren von EnBW. Der Versorger trägt das Marktrisiko, Zelestra erhält planbare Einnahmen über die gesamte Vertragslaufzeit

Der Kern des Geschäfts ist ein Tolling-Vertrag. Der Entwickler Zelestra baut und betreibt die Anlage, EnBW zahlt eine feste Gebühr für die Verfügbarkeit der Kapazität. Das Marktrisiko und die Handelsmarge bleiben damit beim Versorger.

Der eigentliche Hebel liegt auf der Gegenseite. Zelestra bekommt einen planbaren Erlös über die gesamte Vertragslaufzeit, und erst das macht ein Projekt dieser Größe für Banken finanzierbar. Ohne diesen Vertrag gäbe es keinen Bauantrag, sondern eine Machbarkeitsstudie.

Entscheidend ist, wie der Vertrag gebaut ist. Physisches Tolling gibt EnBW echte Dispositionsrechte, der Versorger fährt die Batterie also selbst im italienischen Markt und erzielt die Erlöse aus Intraday-Handel und Regelenergie. Finanzielles Tolling gleicht dagegen nur rechnerisch gegen einen Index aus, ohne Zugriff auf die Anlage.

Warum zwei Versorger dieselbe Batterie tragen

Bemerkenswert ist die Struktur dahinter. BKW aus der Schweiz hatte die ersten beiden Blöcke bereits im Vorjahr finanziell abgesichert, EnBW übernimmt nun die verbleibenden drei. Damit ist das Projekt mit rund zwei Gigawattstunden vollständig kontrahiert, bevor gebaut wird.

Daraus wird ein Muster: Versorger aus dem DACH-Raum kaufen italienische Flexibilität ein, weil sie sich dort langfristig vertraglich binden lässt. Olivia Barnes, bei EnBW für den Bereich Energiewende zuständig, ordnet den Schritt so ein: „Batteriespeicher werden zu einer zentralen Komponente moderner Stromsysteme.“ Eliano Russo, Italien-Chef von Zelestra, nennt den Grund auf seiner Seite: „Italien braucht flexible Kapazität im großen Maßstab, um die wachsende Erzeugung aus erneuerbaren Quellen aufzunehmen.“[1]

Nicht die Batterie ist hier die Innovation, sondern der Vertrag davor. Deutschland baut Speicher, Italien verkauft Planbarkeit, und genau die entscheidet, wo das Kapital landet.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Italiens größter Batteriespeicher und seine Abnehmer

Das Projekt in der Provinz Ferrara ist vollständig unter Vertrag, bevor der erste Spatenstich erfolgt ist. Zwei Versorger aus dem DACH-Raum teilen sich die fünf Blöcke.

500 MW
Gesamtleistung des Speicherprojekts in Ferrara
300 MW
Anteil, den EnBW langfristig abnimmt
1,2 GWh
Energiemenge im EnBW-Anteil
4 Stunden
Speicherdauer bei voller Leistung

Aufteilung der fünf Blöcke

Blöcke 1 und 2
BKW, finanzielles Tolling

Der Schweizer Versorger hat den ersten Teil des Projekts bereits im Vorjahr abgesichert. Der Ausgleich läuft rechnerisch, ohne eigenen Zugriff auf die Anlage.

Blöcke 3 bis 5
EnBW, physisches Tolling

EnBW erhält Dispositionsrechte und fährt die Batterie im italienischen Markt. Der Vertrag gilt als größter physischer Tolling-Abschluss Kontinentaleuropas.

Zeitplan

2027

Baubeginn in der Provinz Ferrara, Emilia-Romagna

2028

Geplante Inbetriebnahme des vollständigen Speichers

Warum steht diese Batterie nicht in Deutschland?

Italien vergibt über zentrale Auktionen langfristige Verträge für Speicherkapazität und schafft damit kalkulierbare Erlöse. In Deutschland fehlt ein vergleichbares Instrument, deshalb hängen Großspeicher hier an schwankenden Handelserlösen und an ungeklärten Netzentgelt-Fragen.

Der Kontrast zum Heimatmarkt fällt in diesen Wochen besonders auf. EnBW hat gerade erst das Neukundengeschäft von Senec gestoppt und beim Schnellladen bewusst Marktanteil abgegeben. Auch das Ökostromgeschäft in Skandinavien steht zum Verkauf.

Zusammen ergibt das eine klare Linie. EnBW zieht sich aus Geschäften zurück, in denen der Konzern Anlagen besitzen und Endkunden betreuen muss, und kauft stattdessen dort Flexibilität ein, wo sie vertraglich abgesichert ist. Wie schwer sich Speicher im deutschen Regelwerk tun, zeigt auch der Streit um Speicher am Balkonkraftwerk.

Für Unternehmen im DACH-Raum steckt darin eine konkrete Lehre. Vor der Frage nach der Anlage steht die Frage nach dem Erlösmodell, und Vertragsmodelle wie Tolling gehören dabei genauso auf den Prüfstand wie der Kauf. Ob sich ein eigener Speicher überhaupt rechnet, klärt vorab unser Beitrag dazu, wann sich ein Gewerbespeicher wirklich lohnt.

Quellen

[1] Zelestra: „Zelestra and BKW sign innovative long-term tolling agreement enabling the delivery of a major 2 GWh battery storage project in Italy“

[2] EnBW: Pressebereich der EnBW Energie Baden-Württemberg AG

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