Evonik-Chef Christian Kullmann hält den Kohleausstieg 2030 für nicht haltbar. Sein Einwand trifft einen wunden Punkt der Energiewende: Die Gaskraftwerke, die die Kohle ersetzen sollen, gehen frühestens 2031 ans Netz. Für energieintensive Betriebe entscheidet diese Lücke über Kosten und Standort.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügen„Den Kohleausstieg 2030 sehe ich nicht“, sagte Kullmann der Rheinischen Post. Dahinter steckt kein Klimastreit, sondern eine Terminfrage: Deutschland nimmt gesicherte Leistung vom Netz, bevor der Ersatz steht.
Das Wichtigste in Kürze
- Kullmann fordert, den für 2030 geplanten Braunkohleausstieg im Rheinischen Revier zu verschieben.
- Die Kraftwerksstrategie schreibt 12 Gigawatt steuerbare Leistung aus, doch die Anlagen laufen erst bis 2031 an.
- Der Evonik-Chef rechnet mit Kohlebedarf mindestens bis 2033 und will das Klimaneutralitätsziel von 2045 auf 2050 verschieben.
- Für die Chemie geht es um Versorgungssicherheit und Strompreise, nicht um Symbolpolitik.
Woran der Zeitplan wirklich hakt

Das Kohleverstromungsbeendigungsgesetz hat den Ausstieg im Rheinischen Revier von 2038 auf 2030 vorgezogen, wirksam seit Dezember 2022.[2] RWE fährt dafür seine Braunkohleblöcke bis zum Ende des Jahrzehnts herunter und baut das Revier zum Seenland um.
Der Ersatz kommt aus der Kraftwerksstrategie: 12 Gigawatt steuerbare Kapazität sind ausgeschrieben, davon 10 Gigawatt als langfristige Leistung, die spätestens 2031 ans Netz soll.[1] Der umfassende Kapazitätsmarkt greift sogar erst ab 2032. Damit klafft zwischen Kohle-Aus und Gas-Start eine Lücke von mindestens einem Jahr, in der gesicherte Leistung fehlt.
Warum ausgerechnet die Chemie laut wird
Die Chemie ist Deutschlands größter industrieller Energieverbraucher und braucht rund um die Uhr planbaren Strom und Prozessdampf. Diese Grundlast liefern heute Kohleblöcke und Erdgas, nicht der volatile Wind- und Solarstrom.
Kullmann steht mit dem Einwand nicht allein: BASF hat sein Stammwerk Ludwigshafen zusammengestrichen, und der KI-Boom treibt den Strombedarf zusätzlich, wie der Engpass bei Schaltanlagen zeigt. Die industrielle Dekarbonisierung scheitert seltener am Willen als an bezahlbarer, sicherer Leistung. Das ist das eigentliche Muster hinter dem Streit.
Die Energiewende scheitert nicht an den Zielen, sondern an der Reihenfolge. Solange der Ersatz später kommt als die Abschaltung, trägt die Industrie die Kosten der Lücke.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was das für deutsche Entscheider bedeutet
Über den Ersatz entscheiden zwei Ausschreibungsrunden 2026, im September und im Dezember. Erst wenn dort genug wasserstofffähige Gaskraftwerke bezuschlagt werden, die später am Wasserstoff-Kernnetz hängen, wird der Fahrplan realistisch. Diese Stichtage sind wichtiger als jede Klimazielrhetorik.
Energieintensive Mittelständler sollten die Lücke einpreisen: langfristige Stromverträge sichern und Eigenerzeugung wie Netzanschluss früh in die Standortwahl einrechnen. Auf sinkende Preise nach 2030 zu setzen heißt, gegen den Kalender zu planen.
Quellen
[1] Bundesministerium für Wirtschaft und Energie: „Grundsatzeinigung mit der Europäischen Kommission über Eckpunkte der Kraftwerksstrategie“ ↩
[2] Bundesregierung: „Braunkohleausstieg in NRW kommt früher“ ↩
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