Der Ausbau der Rechenzentren scheitert immer seltener am Chip und immer öfter an der Stromverteilung. Siemens steckt deshalb 300 Millionen Euro in zwei hessische Werke und schafft 700 Stellen. Die Investition zeigt, wo der nächste Flaschenhals der künstlichen Intelligenz liegt.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenEin einziges KI-Rechenzentrum zieht heute so viel Strom wie eine Kleinstadt, und ausgerechnet die Schaltanlage, die diesen Strom verteilt, wird knapp. Genau hier setzt Siemens mit einer neuen Investition in Frankfurt und Offenbach an. Der Konzern baut Fertigungskapazität für Energieverteilung auf, während andere Standorte in Deutschland gerade schrumpfen.
Das Wichtigste in Kürze
- 300 Millionen Euro fließen in zwei Frankfurter Werke und ein neues Zulieferwerk in Offenbach.
- Bis 2030 entstehen 700 Stellen in Fertigung, Logistik und Verwaltung.
- Treiber ist die Leistungsdichte moderner KI-Racks, die klassische Stromverteilung sprengt.
- Ab Januar 2026 verbietet die EU das Klimagas SF6 in neuen Mittelspannungs-Schaltanlagen und erzwingt neue Technik.
Warum bremst der KI-Boom ausgerechnet die Schaltanlage?

Moderne KI-Racks ziehen bis zu 200 Kilowatt Leistung statt der früher üblichen 5 bis 10 und brauchen Mittelspannung direkt am Rechnerschrank. Die passenden Schaltanlagen und Transformatoren haben Lieferzeiten von mehreren Jahren und sind zum eigentlichen Engpass des Rechenzentrumsbaus geworden.
Die Leistungsdichte ist der Kern des Problems. Große Transformatoren haben inzwischen Lieferzeiten von drei bis fünf Jahren, Mittelspannungs-Schaltanlagen sind laut Branchenanalysen vielerorts bis 2028 ausverkauft. Den Hunger der Anlagen zeigen die größten Rechenzentren Deutschlands und Extremfälle wie Metas Standort in Louisiana.
Nicht nur Bauteile fehlen. Netzanschluss und Genehmigung ziehen den Bau zusätzlich in die Länge, wie das am Bebauungsplan gestoppte Milliardenprojekt zeigt und das Rechenzentrums-Moratorium in New York.
Was Siemens in Frankfurt und Offenbach baut
Der Konzern erweitert zwei bestehende Werke in Frankfurt und errichtet bis Oktober 2027 eine neue Halle. In Offenbach entsteht sechs Kilometer entfernt ein neues Zulieferwerk, der Bau hat im Juli 2026 begonnen, die Produktion soll im Frühjahr 2027 anlaufen.[1]
Gefertigt werden hocheffiziente Energieverteilungssysteme, darunter gasisolierte Schaltanlagen und F-Gas-freie Lösungen mit sauberer Luft statt Klimagas. Bis 2030 sollen 700 Stellen in Fertigung, Logistik und Verwaltung entstehen. „Die nächste Generation von Rechenzentren entsteht gerade, und dafür brauchen wir Schaltanlagen der nächsten Generation“, sagt Peter Körte, CEO Smart Infrastructure bei Siemens.
Ab Januar 2026 verbietet die EU das Klimagas SF6 in neuen Mittelspannungs-Schaltanlagen bis 24 kV. Rechenzentren brauchen deshalb F-Gas-freie Technik.
Die KI-Revolution wird nicht allein im Silicon Valley entschieden, sondern in Werkshallen wie in Offenbach. Den Takt des Booms gibt vor, wer die Stromverteilung liefert.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was heißt das für deutsche Entscheider?
Die Wertschöpfung des KI-Zeitalters verschiebt sich von der Software zur physischen Energieinfrastruktur. Für die deutsche Industrie ist das eine Chance, weil Elektrotechnik eine ihrer Kernkompetenzen ist und Siemens bewusst im Inland fertigt statt zu verlagern.
Auch Schneider Electric und Eaton bauen ihre Kapazität für F-Gas-freie Mittelspannungstechnik aus und binden sich über Jahre an einzelne Großkunden. Bemerkenswert ist der Standort: Während Festo Fertigung in die Türkei verlagert und andere Zulieferer Stellen streichen, wächst Siemens in Hessen. Denselben Trend zeigt die Zusammenarbeit von Infineon und Siemens beim Schutz der KI-Rechenzentren.
Für Entscheider heißt das konkret: Schaltanlagen früh bestellen, F-Gas-freie Technik einplanen und den Strom als knappste Ressource behandeln. Die EU verbietet das Klimagas SF6 in neuen Mittelspannungs-Schaltanlagen bis 24 Kilovolt bereits ab Januar 2026.[2] Der eigentliche Wettlauf läuft nicht um Rechenleistung, sondern um den Strom und die Bauteile, die ihn verteilen, ähnlich wie beim stillen Flaschenhals Kupfer.
Quellen
[1] Siemens: „Siemens investiert 300 Millionen Euro in Deutschland und schafft 700 Arbeitsplätze“ ↩
[2] Amtsblatt der EU: Verordnung (EU) 2024/573 über fluorierte Treibhausgase ↩
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