Der zweitgrößte deutsche Autozulieferer ZF will an einer jahrzehntealten Zulage sparen und trifft damit die eigene Stammbelegschaft. In Friedrichshafen ist der Streit eskaliert, die Betriebsversammlung platzte. Der Fall zeigt Entscheidern, wie schnell freiwillige Leistungen in der Krise zum Kostenpuffer werden.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenZF hat sich am Dienstag ein minutenlanges Pfeifkonzert gegen die Personalchefin eingehandelt: Auf der Betriebsversammlung in Friedrichshafen ist der Frust der Belegschaft offen ausgebrochen. Der Zulieferer will übertarifliche Leistungen streichen, allen voran die traditionsreiche Zeppelin-Zulage.[2] Rund 7.500 Beschäftigten drohen dadurch spürbare Einbußen.
Das Wichtigste in Kürze
- ZF will am Standort Friedrichshafen die übertariflichen Leistungen kürzen oder umwandeln, im Zentrum steht die Zeppelin-Zulage.
- Die Zulage macht je nach Fall rund 7 bis 13 Prozent des Bruttolohns aus. Betroffene rechnen mit 300 bis 500 Euro weniger im Monat.
- Über 4.500 Beschäftigte sind zur Betriebsversammlung gekommen, die nach dem Eklat unterbrochen wurde. Ein Fortsetzungstermin steht nicht fest.
- Hintergrund ist die Konzernkrise: 2025 hat ZF rund 2,1 Milliarden Euro Verlust eingefahren, bis 2028 sollen in Deutschland bis zu 14.000 Stellen wegfallen.
Warum kürzt ZF ausgerechnet eine freiwillige Zulage?

Weil die Zeppelin-Zulage übertariflich ist und sich ohne langwierige Tarifrunde kürzen lässt, anders als das Tarifentgelt. Genau das macht sie in der Krise zum schnellsten Hebel, um die Personalkosten am teuren Standort Friedrichshafen zu senken.
Der eigentliche Mechanismus steckt im Arbeitsrecht. Übertarifliche Zulagen werden oft mit Widerrufsvorbehalt gewährt und lassen sich schneller anfassen als tariflich gesicherte Bestandteile. Weil die Zeppelin-Zulage zwischen 7 und 13 Prozent des Bruttolohns ausmacht, hängt für viele ein dreistelliger Monatsbetrag daran.
ZF begründet den Schritt mit dem Wettbewerb. Angesichts der herausfordernden Lage der Industrie müsse der Konzern die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts verbessern, um Perspektiven für die Zukunft zu schaffen, so ein Unternehmenssprecher. Der Betriebsrat kontert, die Gespräche seien am Montagabend einseitig abgebrochen worden.
Ist der Zulagen-Streit ein Einzelfall oder das Muster der Branche?
Ein Muster. Quer durch die deutsche Autozulieferung sinken die Standortkosten, weil Elektroantrieb, schwache China-Nachfrage und Preisdruck die alten Margen wegbrechen lassen. ZF ist der bislang schärfste, aber längst nicht der einzige Fall.
Der Verlust von 2,1 Milliarden Euro im Jahr 2025 hat sich gegenüber dem Vorjahr verdoppelt. Die milliardenschwere Verschuldung stammt aus teuren Zukäufen der vergangenen Jahre, während der Umstieg auf E-Antriebe das klassische Getriebegeschäft entwertet und bis zu 14.000 deutsche Stellen zur Disposition stellt.[1] Die Frage, wer die deutsche Autoindustrie unter Druck setzt, zieht sich durch die ganze Branche, und Prognosen erwarten, dass die Zahl der Jobs bis 2035 weiter sinkt.
Das Muster ähnelt sich überall: Kostensenkungen gehen zu Lasten der Belegschaft. Mercedes will seinen Fünf-Milliarden-Sparkurs den Mitarbeitern auferlegen, Festo zieht die Spritzgussfertigung in die Türkei um. ZF setzt beim übertariflichen Entgelt an, weil dort die Umsetzung am einfachsten ist.
Warum der zweitgrößte deutsche Autozulieferer bei der eigenen Stammbelegschaft ansetzt.
Über 4.500 Beschäftigte waren bei der Betriebsversammlung. Nach minutenlangen Pfiffen gegen die Personalchefin wurde sie unterbrochen, ein Fortsetzungstermin steht nicht fest.
Die Zeppelin-Zulage ist der Lackmustest der Transformation: Fallen selbst freiwillige Extras, hat die Krise die Substanz erreicht. Spart ein Konzern nur an der Zulage, verschiebt er das Problem, statt es zu lösen.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was Entscheider aus dem Zulagen-Streit mitnehmen
Übertarifliche Leistungen sind ein Kostenpuffer, kein Besitzstand. Ein sauber dokumentierter Widerrufsvorbehalt entscheidet, ob sich eine Zulage rechtssicher streichen lässt, ohne dass das Vertrauen der Belegschaft zusammenbricht.
Arbeitsrechtlich zählt die Grundlage der Zahlung. Eine jahrelang vorbehaltlos gezahlte Zulage kann zur betrieblichen Übung werden und lässt sich dann nicht mehr einfach kassieren. Genau um diese Auslegung wird in Friedrichshafen gerungen.
Für Personalverantwortliche folgt daraus ein doppelter Auftrag: freiwillige Leistungen von Beginn an schriftlich unter Vorbehalt stellen und den Betriebsrat früh einbinden, statt ihn vor vollendete Tatsachen zu setzen. Ob die Zeppelin-Zulage am Ende fällt, ist offen. Der Konflikt taugt aber schon jetzt zur Blaupause dafür, wie deutsche Industriestandorte ihre Kosten neu verteilen.
Quellen
[1] Handelsblatt: „Autozulieferer: ZF streicht bis zu 14.000 Stellen in Deutschland“ ↩
[2] Maschinenmarkt (Vogel): „ZF Friedrichshafen: Betriebsversammlung nach Streit unterbrochen“ ↩
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